»Aus Lagern werden Gefängnisse«

Rede zum Lager Blankenburg

Grund­sätz­lich hören wir wenig über die geflüch­te­ten Men­schen, die in der ca. 6 km von der Innen­stadt ent­fern­ten Flücht­lings­un­ter­kunft Blan­ken­burg leben. Noch weni­ger von ihnen selbst. Und zur Zeit der »Coro­na-Kri­se« ist das bis­lang nicht anders gewe­sen. Nun wur­de auf der am Sams­tag von der See­brü­cke durch­ge­führ­ten Demons­tra­ti­on #Lea­veNoOne­Be­hind in einem Rede­bei­trag auf die Situa­ti­on im Lager auf­merk­sam gemacht. Die­sen Rede­bei­trag doku­men­tie­ren wir hier:

»Die Lager auf den grie­chi­schen Inseln sind ein schreck­li­ches Extrem­bei­spiel für ein viel grund­le­gen­de­res Pro­blem. Men­schen in rie­si­gen Lagern – in Mas­sen­un­ter­künf­ten – unter­zu­brin­gen ist immer unmensch­lich. Es beschnei­det die Bewohner*innen in ihren grund­le­gen­den Rech­ten und iso­liert sie von dem Rest der Gesell­schaft. Im deut­schen Asyl­sys­tem ist es jedoch gän­gi­ge Pra­xis.

In Nie­der­sach­sen exis­tie­ren vier Lager, soge­nann­te
Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen, in denen geflüch­te­te Men­schen unter­ge­bracht wer­den und von dort aus umver­teilt wer­den sol­len. Eines davon liegt direkt vor unse­rer Haus­tür in Blan­ken­burg, sechs Kilo­me­ter vom Schloss­platz ent­fernt.

Die Zustän­de in Blan­ken­burg und vie­len ande­ren Lagern sind unhalt­bar. Bewohner*innen berich­ten von unzu­läng­li­chen und stin­ken­den Sani­tär­ein­rich­tun­gen, unzu­rei­chen­der medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung und regel­mä­ßi­gen Ras­sis­muser­fah­run­gen, beson­ders gegen schwar­ze Bewoh­ne­rin­nen. Eini­ge Men­schen leben seit weit über einem Jahr dort.
Vie­len Bewohner*innen wird ledig­lich eine vor­über­ge­hen­de Dul­dung aus­ge­stellt, die immer wie­der erneu­ert wer­den muss. Die damit ver­bun­de­ne, per­ma­nen­te Angst vor Abschie­bung und die Ver­zweif­lung auf­grund feh­len­der Arbeits­er­laub­nis sind eine extre­me psy­chi­sche Belas­tung, zusätz­lich zu den häu­fig erfah­re­nen Trau­ma­ta auf der Flucht. Ein Bewoh­ner beschreibt sei­ne Lage als dop­pelt so schlimm, wie die aus der er geflo­hen ist. Auch mit Sui­zid­ge­dan­ken hät­ten er und ande­re Bewoh­ne­rin­nen zu kämp­fen.

Gera­de in Zei­ten von Covid-19 spitzt sich die Situa­ti­on in die­sen Lagern extrem zu. Über 200 Men­schen sind in Blan­ken­burg auf engs­tem Raum unter­ge­bracht. Sie woh­nen teil­wei­se in 8‑Bett Zim­mern, ste­hen dicht­ge­drängt in der Schlan­ge, um sich das Essen abzu­ho­len und inter­agie­ren mehr­mals täg­lich mit dem Per­so­nal der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung.
Uns wur­de bestä­tigt, dass das Per­so­nal weder mit Mas­ken noch Hand­schu­hen aus­ge­stat­tet wird, geschwei­ge denn dass die­se an die Bewohner*innen ver­teilt wer­den. Sie haben kei­ne Chan­ce auf Soci­al Distan­cing und die not­wen­di­gen hygie­ni­schen Mit­tel wer­den schlicht­weg nicht zur Ver­fü­gung gestellt.

In sehr vie­len Lagern in Deutsch­land sind bereits zahl­rei­che Covid-19-Fäl­le auf­ge­tre­ten. Auch in Olden­burg wur­de ein kom­plet­ter Wohn­block unter Qua­ran­tä­ne gesetzt. Sehr dras­tisch zeigt sich die Anste­ckungs­ge­fahr im Lager Ell­wan­gen in Baden-Würt­tem­berg. Dort wur­den, anders als in ande­ren Lagern, alle 580 Bewohner*innen auf Covid-19 getes­tet – 313 von ihnen posi­tiv. Mehr als jede zwei­te Per­son in die­sem Lager hat sich mit Covid-19 infi­ziert! Dass die Dun­kel­zif­fer von Coro­na-Infek­tio­nen in ande­ren Lagern daher eben­falls extrem hoch ist, liegt dabei nahe.

Es ist eine Fra­ge der Zeit, bis sich Covid-19 wie ein Flä­chen­brand in Lagern wie Blan­ken­burg aus­brei­tet – viel­leicht ist es schon längst pas­siert. Die Fol­gen für die Bewohner*innen wären ver­hee­rend. Die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in den Lagern bei einer flä­chen­de­cken­den Erkran­kung wür­de nie­mals aus­rei­chen. Bewohner*innen berich­ten, dass der Arzt in Blan­ken­burg ihre Beschwer­den nicht ernst neh­me, sie häu­fig ein­fach weg­schi­cke und die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ohne­hin nicht 24h am Tag zur Ver­fü­gung ste­he. »Peop­le are slow­ly dying here«, sagt einer der Bewohner*innen. »They would­n’t even noti­ce if some­bo­dy died.«

Blan­ken­burg und vie­le ande­re Lager sind jetzt bereits räum­lich kom­plett von der rest­li­chen Gesell­schaft iso­liert. Durch einen Aus­bruch von Covid-19 wür­de sich die Lage immens ver­schlim­mern. Vie­le Lager in Deutsch­land wur­den auf­grund von Covid-19 Infek­tio­nen bereits kom­plett unter Qua­ran­tä­ne gestellt. Aus Lagern wer­den Gefäng­nis­se.

Wir for­dern die sofor­ti­ge Schlie­ßung des Lagers in Blan­ken­burg und die dezen­tra­le Ver­tei­lung der Bewohner*innen!
Dass die­se Lager wei­ter­hin in Betrieb sind, ist mehr als ver­ant­wor­tungs­los!

Die Gesund­heit und die Rech­te die­ser Men­schen schei­nen der
nie­der­säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung jedoch kaum am Her­zen zu lie­gen.
Wir for­dern zudem einen lang­fris­ti­gen Abschie­be­stopp, auch nach Coro­na.«

#WirHabenPlatz für eine dezentrale Unterbringung!

#LeaveNoOneBehind #ShutDownBlankenburg