Demo Aufruf: An Europas Grenzen sterben Zehntausende – und mit ihnen die Menschen- und Völkerrechte [Demo abgesagt]

In den letz­ten Tagen wur­de die grie­chisch-tür­ki­sche Gren­ze zur Abwehr von schutz­su­chen­den Men­schen mili­tä­risch abge­rie­gelt. Im Nie­mands­land zwi­schen den bei­den Gren­zen sind hun­der­te Men­schen seit bald zwei Wochen fest­ge­setzt, dar­un­ter Kin­der und sogar Babys. Ver­su­chen sie nach Grie­chen­land zu flie­hen wer­den sie mit Trä­nen­gas, Blend­gra­na­ten, Was­ser­wer­fern, Gum­mi­ge­schos­sen und höchst­wahr­schein­lich schar­fer Muni­ti­on beschos­sen. Die Inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on für Migra­ti­on (IOM) mel­de­te jüngst das Errei­chen der Mar­ke von 20.000 Toten und Ver­miss­ten im Mit­tel­meer seit 2014 und weist dar­auf hin, dass in der Saha­ra auf­grund der immer gefähr­li­cher wer­den­den Rou­ten mut­maß­lich min­des­tens dop­pelt so vie­le Men­schen ster­ben. Wür­den wir für jeden die­ser Men­schen eine Schwei­ge­mi­nu­te abhal­ten, wie es ange­bracht und rich­tig wäre, wür­den wir 41 Tage schwei­gen. Die Fol­ge der Abschot­tungs- und Exter­na­li­sie­rungs­po­li­tik ist das Zusam­men­fal­len der mora­li­schen und recht­li­chen Grund­pfei­ler- nicht nur – der Euro­päi­schen Uni­on.

Nächs­tes Jahr jährt sich die Ver­ab­schie­dung der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on zum sieb­zigs­ten Mal. Die­ses »Abkom­men über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge« ist das Fun­da­ment der Rech­te von Men­schen auf der Flucht. In der Prä­am­bel steht geschrie­ben, dass »die Men­schen ohne Unter­schied die Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten genie­ßen sol­len«. Das Abkom­men hat zum Ziel, die Wah­rung der Men­schen­rech­te und der Grund­frei­hei­ten von Men­schen auf der Flucht zu garan­tie­ren.

Bit­te­re Rea­li­tät jedoch ist die mas­si­ve staat­li­che Gewalt gegen Schutz­su­chen­de. Wir erle­ben das von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on applau­dier­te Aus­set­zen des Rechts auf Asyl und die pau­scha­le Inhaf­tie­rung und kol­lek­ti­ve Abschie­bung geflüch­te­ter Men­schen. Wir erle­ben das Ster­ben der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und damit die Abkehr von der Uni­ver­sa­li­tät der Men­schen­rech­te. Wir befürch­ten, dass die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ihren 70ten Geburts­tag nicht erle­ben könn­te – das jedoch darf nie­mals gesche­hen!

Um zu ver­ste­hen, wie ein­schnei­dend und gefähr­lich die aktu­el­len, aus­drück­lich gedul­de­ten und sogar gewünsch­ten, Völ­ker­rechts­brü­che für das inter­na­tio­na­le Recht und damit das Zusam­men­le­ben aller Men­schen sind, müs­sen wir uns vor Augen füh­ren, in wel­chem Kon­text die­se völ­ker­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen und Abkom­men ent­stan­den sind. 1938 tra­fen sich bei der Kon­fe­renz von Évi­an 32 Staa­ten und 24 Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, um über die aus Nazi­deutsch­land flie­hen­den Jüd*innen zu spre­chen. Eine Eva­ku­ie­rung mög­lichst vie­ler Jüd*innen aus Deutsch­land schei­ter­te an der feh­len­den Auf­nah­me­be­reit­schaft der meis­ten Staa­ten. Zehn Jah­re spä­ter blick­te man bei der Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen in Paris auf den Holo­caust als ein mons­trö­ses Ver­bre­chen der Mensch­heits­ge­schich­te – auf Mil­lio­nen ermor­de­te und Mil­lio­nen ver­trie­be­ne Jüd*innen, Sinti*zze, Roma*nja und ande­re dem Faschis­mus zum Opfer gefal­le­nen Men­schen, auf Mil­lio­nen Zivilist*innen in und außer­halb Euro­pas, auf Mil­lio­nen im Kampf gegen den Faschis­mus gefal­le­ne Soldat*innen. Um die zukünf­ti­ge Neu­ord­nun­gen im Sin­ne von Zivi­li­sa­ti­on und Mensch­lich­keit zu unter­mau­ern, wur­de im am 10.12.1948 die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te ver­ab­schie­det. Die­se soll­te und soll den größt­mög­li­chen Schutz aller Men­schen im Hier und Jetzt gewähr­leis­ten. Drei Jah­re spä­ter dann wur­de die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ver­ab­schie­det, um die Men­schen­rech­te von Men­schen auf der Flucht unter beson­de­ren Schutz zu stel­len.

Wir wol­len die aktu­el­le Zeit nicht leicht­fer­tig mit den 30er und 40er Jah­ren ver­glei­chen. Was wir jedoch aktu­ell erle­ben ist, dass das Leben von Men­schen aus bestimm­ten Regio­nen, das Leben von Men­schen bestimm­ter (ver­meint­li­cher) Grup­pen, als prin­zi­pi­ell weni­ger schüt­zens­wert betrach­tet wird. In der kon­se­quen­ten Voll­endung die­ser Logik wird das Leben bestimm­ter Men­schen selbst als ver­zicht­bar ange­se­hen – und scheint für vie­le nicht ein­mal betrau­er­bar.

Ange­sichts einer sol­chen Situa­ti­on an den Außen­gren­zen bei gleich­zei­ti­ger immer hef­ti­ger wer­den­der ras­sis­ti­scher und rech­ter Gewalt mit töd­li­chen Fol­gen inner­halb Euro­pas, ist eine Poli­tik der klei­nen Schrit­te schwer aus­halt­bar. Ganz klar, die­se klei­nen Schrit­te sind wich­tig. Auf der ande­ren Sei­te müs­sen wir das Gan­ze im Blick behal­ten – und die­ser Blick mahnt dazu, er ver­langt es gera­de­zu, dass wir uns an jedem ein­zi­gen Tag, immer und über­all, vehe­ment und ener­gisch gegen die bereits prak­ti­zier­te Recht­lo­sig­keit, gegen struk­tu­rel­le Dimen­sio­nen von Gewalt und All­tags­ras­sis­mus und damit gegen die selek­ti­ve Anwen­dun­gen der Men­schen- und Völ­ker­rech­te, gegen das tau­send­fa­che Ster­ben von Men­schen auf der Flucht, von Men­schen auf der Suche nach einem bes­se­ren Leben, ein­set­zen.

Lau­fend gibt es über­all in Deutsch­land Pro­test­ak­tio­nen und Demons­tra­tio­nen gegen die töd­li­che Abschot­tung Euro­pas.

Infos zu wei­te­ren Ver­an­stal­tun­gen auf seebruecke.org

Anmer­kung: der Text wur­de von der »See­brü­cke Olden­burg« am 13.03. auf eine Kri­tik reagie­rend im 4. und 5. Absatz ver­än­dert.

Die Demons­tra­ti­on wur­de von den Veranstalter*innen abge­sagt. Dazu ein State­ment der Grup­pe Fri­days for Future Olden­burg:

+++Absa­ge Demo Refu­gees Wel­co­me!+++ Nach den aktu­el­len Ent­wick­lun­gen bezüg­lich des Coro­na-Virus sehen wir uns gezwun­gen, unse­re Demons­tra­ti­on […] abzu­sa­gen. Die Ent­schei­dung ist uns nicht leicht gefal­len, jedoch fol­gen wir den Emp­feh­lun­gen der Expert*innen. Uns fällt die Ent­schei­dung auch des­halb schwer, da die Coro­na-Pan­de­mie zur­zeit die unmensch­li­che Situa­ti­on an der euro­päi­schen Außen­gren­ze und alle ande­ren Kri­sen aus der öffent­li­chen Dis­kus­si­on nimmt. Aus­schlag­ge­bend ist letzt­lich jedoch, dass öffent­lich­keits­wirk­sam in ers­ter Linie über die Sinn­haf­tig­keit der Akti­on vor dem Hin­ter­grund des Coro­na-Virus dis­ku­tiert wür­de, als über die Men­schen, die an den Gren­zen ster­ben.

Wir rufen daher alle Men­schen dazu auf, das The­ma wei­ter­hin im pri­va­ten hoch­zu­hal­ten und sich bereit­zu­hal­ten, auf die Stra­ße zu gehen, wenn dies wie­der zu ver­ant­wor­ten ist. Wir hof­fen außer­dem, trotz­dem auf ande­ren Wegen Pres­se­auf­merk­sam­keit zu gene­rie­ren. Jede*r kann das Stadt­bild und damit die öffent­li­che Wahr­neh­mung, z.B. mit Schil­dern, Krei­de etc., ver­än­dern.

FFF Olden­burg