Stellungnahme des Netzwerks »Europa in Bewegung« – unterzeichnen erwünscht!

Auf der heu­te in Ber­lin durch­ge­führ­ten Pres­se­kon­fe­renz des Netz­werks »Euro­pa in Bewe­gung« sowie auf sei­ner Inter­net­sei­te europainbewegung.de wur­de eine Stel­lung­nah­me ver­öf­fent­licht, die die in die­ser Woche statt­fin­den­den Akti­ons­ta­ge des Netz­werks (die OR berich­te­te) flan­kiert. Die­se Stel­lung­nah­me kann auf der Web­site des Netz­werks unter­zeich­net wer­den, wor­um die Auf­ru­fen­den sehr bit­ten. Sie wird im Fol­gen­den doku­men­tiert:

 

» Gegen Ausschluss und Kriminalisierung von EU-Bürger*innen – Existenzsichernde Leistungen für alle, die hier leben!

EU-Bürger*innen ohne deut­schen Pass wer­den in Deutsch­land immer wei­ter von sozia­len Rech­ten aus­ge­schlos­sen. In Not­la­gen haben sie oft kei­nen Anspruch auf exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen. Die Aus­gren­zung för­dert Ver­ar­mung, Obdach­lo­sig­keit und pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se. Auf wach­sen­de Armut und ver­schärf­te Aus­beu­tung reagie­ren Bund und Kom­mu­nen zuneh­mend kon­troll- statt sozi­al­po­li­tisch. Nun soll die­se Ent­wick­lung noch ver­schärft wer­den:

1) Aus­schluss von sozia­len Rech­ten
Das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um möch­te den Anspruch auf Kin­der­geld u. a. für EU-Bürger*innen, die
nicht erwerbs­tä­tig sind, mit einem neu­en Gesetz ein­schrän­ken. Dies trifft vor allem die­je­ni­gen, die
am meis­ten auf das Kin­der­geld ange­wie­sen sind, wie z. B. allein­er­zie­hen­de Frau­en, und för­dert
Kin­der­ar­mut.

2) Ver­trei­bung aus dem öffent­li­chen Raum
In vie­len Städ­ten wer­den Obdach­lo­se in letz­ter Zeit ver­mehrt aus dem öffent­li­chen Raum ver­trie­ben. Das neue Gesetz soll zudem ermög­li­chen, Men­schen, die in Grup­pen im öffent­li­chen Raum ste­hen, Platz­ver­wei­se und Buß­gel­der zu ertei­len, wenn Ihnen unter­stellt wird, ihre Arbeits­kraft für undo­ku­men­tier­te Arbeit anzu­bie­ten. Die­se Ver­trei­bungs­po­li­tik bekämpft die Mit­tel­lo­sen selbst, statt die Ursa­chen für deren Lage. Sie kann leicht von ras­sis­ti­scher Het­ze ver­ein­nahmt wer­den.

3) Gene­ral­ver­dacht
Die Bun­des­ar­beits­agen­tur stellt EU-Bür­ge­rin­nen, die Leis­tun­gen in Job­cen­tern bean­tra­gen, unter den Gene­ral­ver­dacht des Leis­tungs­miss­brauchs. Eine Arbeits­hil­fe vom April 2018 schlägt eine Son­der­be­hand­lung von EU-Bür­ge­rin­nen vor. Sie zielt dabei expli­zit ins­be­son­de­re auf Men­schen aus Bul­ga­ri­en und Rumä­ni­en und bedient anti­zi­ga­nis­ti­sche Ste­reo­ty­pe. Ver­däch­tig­te Unionsbürger*innen sol­len ihren Anspruch mit beson­ders vie­len Nach­wei­sen bele­gen – jeder Nach­weis wird aber gleich­zei­tig auch ver­däch­tig gemacht. Zudem sol­len sie beson­ders eng kon­trol­liert und für beson­ders vie­le Maß­nah­men ver­pflich­tet wer­den.

4) Der Fokus ver­schiebt sich von Sozi­al- zu Ord­nungs­po­li­tik.
Sowohl die Arbeits­hil­fe wie auch das neue Gesetz for­dern dazu auf, EU-Bür­ge­rin­nen in pre­kä­ren Lebens­la­gen nicht in ers­ter Linie als Rechts­trä­ge­rin­nen, son­dern viel­mehr als Ver­däch­ti­ge zu behan­deln. So soll das neue Gesetz die Kom­pe­ten­zen von Ord­nungs­be­hör­den wie der ‚Finanz­kon­trol­le Schwarz­ar­beit‘ erwei­tern und ent­gren­zen, wäh­rend es grund­le­gen­de sozia­le Rech­te wei­ter ein­schränkt. Der Schutz der Men­schen­wür­de tritt in den Hin­ter­grund.

Die­se sozi­al- und ord­nungs­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen dro­hen noch mehr Men­schen von exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen aus­zu­schlie­ßen und in pre­kä­re Arbeits- und Lebens­ver­hält­nis­se zu drän­gen. Wir beur­tei­len sie als sozi­al­po­li­tisch fatal. Außer­dem wei­sen wir dar­auf hin, dass die Rege­lun­gen in wei­ten Tei­len auch recht­lich unzu­läs­sig sind. Wir for­dern die Rück­nah­me des Geset­zes­ent­wur­fes und der Arbeits­hil­fe sowie eine Kehrt­wen­de in der Sozi­al­po­li­tik: Alle Men­schen, die in Deutsch­land leben, sol­len hier Anspruch auf exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen haben, unab­hän­gig von Auf­ent­halts­sta­tus und Erwerbs­tä­tig­keit. Statt Auf­ga­ben von Straf­ver­fol­gungs- und Aus­län­der­be­hör­den zu über­neh­men, soll­ten Sozi­al­be­hör­den Antrags­stel­len­de bei der Inan­spruch­nah­me ihrer Rech­te unter­stüt­zen, ihre Exis­tenz­si­che­rung garan­tie­ren und sie dadurch auch vor Über­aus­beu­tung schüt­zen

Netz­werk »Euro­pa in Bewe­gung« (ALSO, BASTA Ber­lin, Initia­ti­ve Zivil­cou­ra­ge / Grup­pe workers‘ cen­ter Mün­chen, Ofi­ci­na pre­ca­ria Ber­lín)

 

Erstunterzeichnende:

ALSO – Arbeits­lo­sen­selbst­hil­fe Olden­burg e. V.
Ama­ro Foro e. V.
BASTA! Erwerbs­lo­sen­in­itia­ti­ve Ber­lin
Ber­lin Migrant Stri­kers
GGUA – Gemein­nüt­zi­ge Gesell­schaft zur Unter­stüt­zung Asyl­su­chen­der e. V.
Initia­ti­ve Zivil­cou­ra­ge / Grup­pe worker’s cen­ter – Mün­chen
Lutz Achen­bach – Rechts­an­walt
Ofi­ci­na Pre­ca­ria Ber­lín

Weitere Unterzeichner*innen:

Komi­tee für Grund­rech­te und Demo­kra­tie e.V.
För­der­ver­ein Roma e.V.
Regio­nal­ver­bund der Erwerbs­lo­sen­in­itia­ti­ven Weser-Ems e.V.
Semi­nar für ange­wand­te Unsi­cher­heit
Ste­fan Hart­mann, Ber­lin
Labour­Net Ger­ma­ny
Inge Han­ne­mann
Soli­da­ri­tät City Ber­lin
AGAB – Akti­ons­ge­mein­schaft arbeits­lo­ser Bür­ger in Bre­men e. V.
TACHELES e.V.
Frost­schutz­en­gel 2.0
TRIA – Auf­su­chen­de mehr­spra­chi­ge Bera­tung
Bochum-Pre­kär – Nor­bert Her­mann
Car­men Glink
people4people e.V.
Human Aid Collec­tive
Han­nah Schul­tes
Arbeits­kreis kri­ti­sche Sozia­le Arbeit, Frei­burg
krit­net – Netz­werk kri­ti­sche Migra­ti­ons- und Grenz­re­gi­me­for­schung

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(Stand: 1. April 2019)