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# 1: Sag mir wer du wirklich bist… über Antisemitismus, Privatsphäre und linke Identitäten

„und du? Du bist auch nicht so ganz deutsch? Oder?“

„Naja mein Vater ist in Isra­el gebo­ren…“

„Ah dach­te ich mir! Das sieht man an dei­ner Kopf­form“

Der fol­gen­de Text ent­hält wenig neu­es. Vie­le Argu­men­te sind schon gesagt wor­den und auch die Zah­len und Anmer­kun­gen, die ich hier dar­stel­le, fin­den sich an ande­ren Stel­len deut­lich aus­führ­li­cher. Ich habe mich den­noch dazu ent­schie­den, die­sen Text zu schrei­ben.1 [1] Haupt­säch­lich, da ich das Gefühl habe, dass in der Dis­kus­si­on um Anti­se­mi­tis­mus inner­halb der deut­schen Lin­ken ein Aspekt häu­fig unter­geht: Das Pri­vi­leg der Dis­kre­di­tier­bar­keit. Den Schutz den es dar­stellt, sel­ber ent­schei­den zu kön­nen, ob und wem ich erzäh­le, dass Tei­le mei­ner Fami­lie die Shoa über­lebt haben. Den Schutz den es dar­stellt, in der Mas­se unter­tau­chen zu kön­nen und eben nicht sel­ber im Fokus zu ste­hen. Den Schutz den es dar­stellt, im Zwei­fel nicht als Per­so­ni­fi­zie­rung des Bösen, als Jesus­mör­der, Kapi­tal raf­fen­der Jude2 [2], gehei­mer Strip­pen­zie­her oder reli­gi­ös-fana­ti­scher Sied­ler her­hal­ten zu müs­sen. Ein Pri­vi­leg, das vie­len von Dis­kri­mi­nie­rung Betrof­fe­nen ver­wehrt bleibt. Ein Pri­vi­leg das einem das Leben erleich­tern und ret­ten kann. Ein Pri­vi­leg, das ich dadurch bedroht sehe, dass aktu­ell in lin­ken Krei­sen Betrof­fe­nen-Bio­gra­phi­en teil­wei­se als rele­van­ter ein­ge­stuft wer­den, als poli­ti­sche Posi­tio­nen. Dies führt zum Einen dazu, dass nicht offen­sicht­lich Betrof­fe­ne sich outen müs­sen, um Gehör zu fin­den, und zum ande­ren dazu, dass sicht­bar Betrof­fe­ne schnell auf ihre Betrof­fen­heit redu­ziert wer­den und ihnen somit ihre Rol­le als poli­ti­sche Sub­jek­te abge­spro­chen wird.

Ein bisschen Biographie

„Papa wie­so bist du Jude? Ich dach­te du bist Athe­ist“

„Ich glau­be nicht an Gott, aber ich gehö­re zum jüdi­schen Kul­tur­kreis.“

„Aber wir fei­ern nicht die Fes­te und du sprichst kaum noch hebrä­isch.“

„Das ist alles irgend­wie kom­ple­xer…“

Ich fin­de es inter­es­sant zu betrach­ten, wie sich erst durch die Refle­xi­on mei­ner Pri­vi­le­gi­en und die theo­re­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Anti­se­mi­tis­mus wäh­rend mei­nes Stu­di­ums, mein Umgang mit die­sem Dis­kri­mi­nie­rungs­me­cha­nis­mus ver­än­dert hat. Klar haben mich eini­ge Kom­men­ta­re schon frü­her irri­tiert, aber ich konn­te es immer recht weit von mir weg­wei­sen. Ich war ja kein Jude. Mein Vater ist einer und mir war klar, dass die­se Sprü­che falsch sind. Aber ich war ja nicht gemeint. Und auch wenn ich erst spä­ter mei­ne eige­ne Ver­flech­t­un­gals von Antisemit_Innen kon­stru­ier­ter ‚jüdi­scher Misch­ling‘ in die­ser gan­zen Dyna­mik ver­stand, mach­te die immer schwe­len­de Bedro­hung doch etwas mit mir in mei­ner Sozia­li­sa­ti­on. Nur weil man nicht direkt ange­spro­chen wird, beein­flus­sen einen die teils sub­ti­len anti­se­mi­ti­schen Andeu­tun­gen über ‚die mäch­ti­ge Cli­que, die die Welt regiert‘ eben­so, wie die direk­ten Belei­di­gun­gen als ‚Scheiß Juden­sohn‘.

Als ich klein war wuss­te ich vie­les davon nicht. Das Juden­tum war für mich eine Reli­gi­on von vie­len und ich wuss­te von klein­auf schon, dass ich Athe­ist war. Mit Gott, der Kir­che oder dem Glau­ben konn­te ich nicht viel anfan­gen. Wir fei­er­ten Weih­nach­ten und such­ten zu Ostern Oster­ei­er. Wir besuch­ten sel­ten unse­re Ver­wand­ten in Isra­el. Es war für mich damals irgend­wie cool, zu sehen, dass der Vor­rats­raum mei­ner Tan­te ein Bom­ben­schutz­raum war. Sie erzähl­te, dass er sogar Vor­keh­run­gen gegen Gift­gas bereit­hielt. Cool, dach­te ich. Wie wenig die­ser Zustand mit Cool­ness zu tun hat­te, erfuhr ich dann, wenn mein Vater besorgt ver­such­te Ver­wand­te in Isra­el anzu­ru­fen. Das war nach die­sen Momen­ten, wenn in den deut­schen Nach­rich­ten davon berich­tet wur­de, dass „ein Rake­ten­ha­gel“ – fast wie eine nicht zur Ver­ant­wor­tung zieh­ba­re Natur­ge­walt – „auf Isra­el ein­ge­schla­gen war“. Kein Wort von geziel­ten Angrif­fen der Hamas oder His­bol­lah auf die israe­li­sche Zivil­be­völ­ke­rung. Kein Wort dar­über, dass es ohne die hoch­tech­ni­sier­ten Ver­tei­di­gungs­sys­te­me mas­sen­haft Men­schen gestor­ben wären. Statt­des­sen häuf­ten sich in einer fast mah­nen­den Wei­se Über­schrif­ten von in Paläs­ti­na ein­mar­schie­ren­den israe­li­schen Sol­da­ten. Und Krieg ist böse. Die Aggres­so­ren die ein­mar­schie­ren schlecht.

„Mein Onkel ist im KZ gestor­ben. Er war Auf­se­her.“

- Mit­schü­ler in der 9. Klas­se -

Was mir mit der Zeit immer deut­li­cher wur­de, ist eine gewis­se inne­re Zer­ris­sen­heit. Bei mir in der Fami­lie spie­len Natio­nal­staa­ten kei­ne son­der­lich gro­ße Rol­le. So wuchs ich ohne Deutsch­land­fah­ne auf dem Dach und ohne den Gesang von Natio­nal­hym­nen auf. Doch mit Isra­el war es irgend­wie anders. Es war nicht so, dass ich mich mit der Fah­ne oder dem Land iden­ti­fi­zier­te, jedoch gab es einen Bezug. Einen Bezug an den ich lau­fend erin­nert wur­de. Sei­en es die KZ-Wit­ze in der Schu­le, die Die Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion3 [3] zitie­ren­den Rei­se-Begeg­nun­gen, Frem­de die mal einen ‚ech­ten Juden‘ sehen wol­len oder ‚Lin­ke‘ die nicht ver­ste­hen, war­um ich ihre Abnei­gung gegen­über Zionist_Innen nicht tei­le. Es hat lan­ge gedau­ert bis ich ver­stan­den habe, war­um mein Vater es von sei­nen Gesprächspartner_Innen abhän­gig macht, wie er argu­men­tiert, wenn es um Isra­el geht. Wenn Leu­te begin­nen Isra­el zu glo­ri­fi­zie­ren, kri­ti­siert er die Außen­po­li­tik und Aspek­te der Innen­po­li­tik. Dabei geht es nicht zuletzt, um die star­ke Rol­le der Reli­gi­on oder die Außen­po­li­tik einer rech­ten Regie­rung. Wenn Leu­te begin­nen Isra­el zu dämo­ni­sie­ren oder die Ter­ror­an­schlä­ge der Hamas zu recht­fer­ti­gen (oder dafür die Schuld Isra­el oder den Juden zuzu­schie­ben), stellt er das Recht Isra­els auf Selbst­ver­tei­di­gung her­aus und die offen anti­se­mi­ti­sche Hal­tung der selbst­er­nann­ten ‚Frei­heits­kämp­fer‘.

„Sehe ich Hit­ler und Juden, dann sehe ich zwei böse Men­schen!“

Rei­se­be­geg­nung

Ich habe per­sön­lich die Erfah­rung gemacht, dass die Dis­kus­si­on über Isra­el beson­ders in Deutsch­land vie­len wich­tig zu sein scheint. Wobei ich es erstaun­lich fin­de, dass das Bedürf­nis nach der tat­säch­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma meist mini­mal ist. Wenn betrach­tet wird, wie häu­fig sich die ‚Kri­tik‘ an Isra­el an anti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen abar­bei­tet, fin­de ich den Gedan­ken nahe­lie­gend, dass Anti­se­mi­tis­mus sich in Deutsch­land auf sog. ‚Israel­kri­tik‘ ver­la­gert hat. Es ist ja nicht so, als wäre es inner­halb eines Natio­nal­staa­tes, in wel­chem eine rech­te Regie­rung an der Macht ist, nicht mög­lich, sehr vie­le Innen- und Außen­po­li­ti­sche Pro­ble­me zu dis­ku­tie­ren und­Ent­schei­dun­gen zu kri­ti­sie­ren. Jedoch pas­siert dies in den wenigs­ten Fällen…Darauf möch­te ich wei­ter unten noch genau­er ein­ge­hen.

Die Erfah­run­gen, die ich auf mei­nen Rei­sen und län­ge­ren Aus­lands­auf­ent­hal­ten gemacht habe, ist, dass außer­halb Deutsch­lands Anti­se­mi­tis­mus häu­fig offe­ner aus­ge­spro­chen wird. Sei es die gän­gi­ge Flos­kel „don‘t be so jewisch“ die Syn­onym für „sei nicht so geizig/hinterhältig“ genutzt wird oder Rei­se­be­kannt­schaf­ten ver­schie­de­ner Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten, die von der Wis­sen­schaft­lich­keit der Pro­to­kol­le von Zion über­zeugt sind. In man­chen Län­dern habe ich erlebt, wie die poli­ti­schen Struk­tu­ren es zumin­dest bei mei­nen sehr unter­schied­li­chen Gesprächspartner_Innen geschafft haben, das Juden­tum aus dem kom­plet­ten Gedächt­nis zu löschen. Zum Bei­spiel habe ich in Indo­ne­si­en einen Vor­trag über das poli­ti­sche Sys­tem und die dort herr­schen­de Reli­gi­ons­frei­heit gehört. Der Red­ner erklär­te stolz, dass solan­ge man in Indo­ne­si­en einer Reli­gio­nen ange­hör­te, man die­se auch frei aus­le­ben kön­ne. Er zeig­te eine Lis­te, auf der vie­le Reli­gio­nen mit ihren unter­schied­li­chen Strö­mun­gen auf­ge­lis­tet waren. Das Juden­tum war nicht dabei. Die Nach­fra­ge nach dem Juden­tum irri­tier­te ihn und er über­prüf­te sei­ne Quel­len noch ein­mal. Im Nach­hin­ein bestä­tig­te er mir, dass das Juden­tum nicht als Reli­gi­on für Staatsbürger_Innen zuge­las­sen sei. Er war selbst erstaunt dar­über.

„Es gibt ja auch nicht Israe­lis, die sich für die IDF [Isra­el Defen­se Force] ver­pflich­ten“

- Auf­for­de­rung eines in Isra­el leben­den Onkels

Die­se Beschrei­bung soll jedoch nicht bedeu­ten, dass es nicht auch sehr direk­ten Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land gibt. Vie­le all­täg­li­che Kom­men­ta­re las­sen sich für mich weg­wi­schen und igno­rie­ren. Leu­te sagen halt unbe­dach­te Sachen, aber des­we­gen sind sie noch kei­ne Antisemit_Innen. Und den­noch gibt es die­se Momen­te, wo auf You­tube Vide­os auf­tau­chen, die zei­gen, wie eine Kip­pa dazu füh­ren kann, auf offe­ner Stra­ße mit einem Gür­tel ange­grif­fen zu wer­den. Oder wie vor einem jüdi­schen Restau­rant die Betrei­ber offen bedroht wer­den. Ich weiß dann immer nicht ob mich die Bil­der oder die Über­ra­schung aller, dass Anti­se­mi­tis­mus so offen vor­kommt, mehr erschre­cken. Es hat gute Grün­de, war­um selbst ortho­do­xe Jüd_Innen in Deutsch­land häu­fig in der Öffent­lich­keit ihre Kip­pa ver­ste­cken oder sie gar nicht erst tra­gen. Irri­tie­ren tut mich bei den jüngs­ten Vor­fäl­len jedoch beson­ders, wie für eini­ge inner­halb der Lin­ken an die­sem gan­zen Zustand schein­bar die wich­tigs­te Fra­ge zu sein scheint, ob es sich bei den (pla­ka­ti­ven hape­ning-cha­rak­ter haben­den) Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen in Form von Kip­pa-Demons­tra­tio­nen um einen Akt kul­tu­rel­ler Aneig­nung han­deln wür­de. Wenn die­se Fra­ge geklärt ist, füh­len sich vie­le sicher siche­rer…4 [4]

Es gab auch noch das Jahr 2015. Da gab es die Anschlä­ge auf Char­lie Heb­do und Euro­pa­wei­te Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen. Die Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen für die Opfer des jüdi­schen Super­mark­tes und die Bericht­erstat­tung dar­über blieb ziem­lich aus. Wei­ter noch wur­de sich empört, dass sich Netan­ja­hu auf den in Paris statt­fin­den­den Trau­er­marsch selbst ein­ge­la­den hät­te. Die fran­zö­si­sche Regie­rung hat­te ihn nicht ein­ge­la­den, im Gegen­satz zu vie­len ande­ren Regie­rungs­chefs. Netan­ja­hu ist der Minis­ter­prä­si­dent des ein­zi­gen jüdi­schen Lan­des auf der Welt. Des ein­zi­gen Lan­des, wel­ches sich als Schutz­raum gegen die ewi­ge Ver­fol­gung und Ver­nich­tung der Jüd_Innen auf der Welt ver­steht. Die rechts-natio­na­le poli­ti­sche Aus­rich­tung des Minis­ter­prä­si­den­ten ist dafür ziem­lich irrele­vant. Wenn es anti­se­mi­ti­sche Anschlä­ge auf der Welt gibt und (auch) dazu groß orga­ni­sier­te Trau­er­mär­sche statt­fin­den, dann ist es sei­ne Auf­ga­be dort zu erschei­nen. Es ist so wider­sprüch­lich wie es wahr­schein­lich nur geht, dass Netan­ja­hu als rech­ter israe­li­scher Minis­ter­prä­si­dent für mich als anar­chis­ti­schen, deut­schen Anti­se­mi­tis­mus-Betrof­fe­nen eine gewis­se Schutz­funk­ti­on erfüllt – auch wenn er sie mei­ner Mei­nung nach sehr schlecht aus­führt. Dies führt nicht dazu, dass ich sei­ne Poli­tik gut fin­de oder gene­rell das natio­nal­staat­li­che Kon­strukt für sinn­voll befin­de. Aber es zeigt ein­mal mehr die Kom­ple­xi­tät die­ses The­mas auf. Es gibt da einen Schutz­raum, den es zu Ver­tei­di­gen gilt.

Wenn ich mei­nen Vater auf unter­schied­li­che anti­se­mi­ti­sche Situa­tio­nen auf­merk­sam gemacht habe und frag­te, ob es nicht klug wäre, dass die jüdi­sche Gemein­de dazu Stel­lung bezieht, ant­wor­te­te er häu­fig, dass es bes­ser sei, nicht auf­zu­fal­len. Ich glau­be es ist die Mischung aus der direk­ten kör­per­li­chen Gefahr und den sub­ti­len Andeu­tun­gen, die einen Teil der Jüd_Innen dazu ver­an­lasst, nicht öffent­lich als sol­che auf­zu­tre­ten.

Es sind aber nicht nur die direk­ten Aus­sa­gen son­dern viel mehr die all­ge­gen­wär­ti­ge Unge­wiss­heit die einen Zwei­feln las­sen, ob die Gefahr eines zwei­ten sys­te­ma­ti­schen Ver­nich­tungs­ver­such des Juden­tums und aller Juden nicht doch grö­ßer ist, als man denkt. Und es ist die so schnell auf­kom­men­de Irra­tio­na­li­tät, wenn es um irgend­ein Anti­se­mi­tis­mus anfäl­li­ges The­ma geht.

Die­se Erfah­rung habe ich bei typi­schen Ver­schwö­rungs­theo­ri­en gemacht, wenn es um Ban­ken, ‚Welt­lob­bies‘ oder ‚die-da-oben‘ geht. Aber am deut­lichs­ten wird dies, wenn soge­nann­te ‚Isra­el-Kri­tik‘ geäu­ßert wird. Und hier schlie­ße ich an den Punkt von oben an: Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass die an Isra­el geäu­ßer­te Kri­tik häu­fig durch­zo­gen ist von anti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen. Es wird hier­bei sehr schnell deut­lich, dass die wenigs­ten sich tat­säch­lich mit der Poli­tik Isra­els beschäf­tigt haben. Es sind in den sel­tens­ten Fäl­len poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen, tat­säch­lich exis­tie­ren­de Geset­ze o. ä. die in sol­chen Dis­kus­sio­nen kri­ti­siert wer­den.

Die meis­ten Dis­kus­sio­nen die ich über den Kon­flikt erlebt habe, hin­ter­lie­ßen bei mir fol­gen­den Ein­druck: Alle Diskussionspartner_Innen bestan­den auf das Recht Isra­el kri­ti­sie­ren zu dür­fen. Sie sehen einen his­to­ri­schen Bezug zu Isra­el, der sich dar­in äußert, dass sie als Deut­sche Isra­el qua­si beur­tei­len müs­sen. Dies tun sie auf Basis von ‚Fak­ten, die man ja ken­ne‘ und meis­tens auf ‚gefühl­ten Wahr­hei­ten‘. Dies ist kein Dis­kus­si­ons­ab­lauf der bei die­sem The­ma ein­zig­ar­tig ist. Aber in die­sem Dis­kurs führt er dazu, dass statt poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen oder Hand­lungs­wei­sen zu kri­ti­sie­ren, anti­se­mi­ti­sche Ste­reo­ty­pe auf den israe­li­schen Staat über­tra­gen wer­den.

Im Fol­gen­den möch­te ich auf aus­ge­such­te Bei­spie­le ein­ge­hen, an denen sich mei­ner Mei­nung nach der anti­se­mi­ti­sche Ein­fluss auf den Dis­kurs zeigt. Dabei geht es mir weni­ger dar­um, eine his­to­ri­sche Ana­ly­se zu lie­fern und die Gescheh­nis­se vor Ort zu bewer­ten. Es geht mir eher dar­um wie – vor allem in Deutsch­land – die­ser Dis­kurs von sog. ‚Isra­el-Kri­ti­ker_In­nen‘ geführt wird. Um dies dar­zu­stel­len, kom­me ich jedoch auch um den Bezug auf eini­ge his­to­ri­sche Punk­te nicht her­um , die ger­ne von anti­se­mi­ti­schen Posi­tio­nen ver­schwie­gen wer­den.

‚Israelkritik‘ und Antisemitismus

„Aber man muss doch Isra­el kri­ti­sie­ren dür­fen“ oder „Das ist doch nicht anti­se­mi­tisch son­dern ‚Israel­kri­tik‘“ sind gän­gi­ge Äuße­run­gen die mir in Dis­kus­si­ons­run­den ent­ge­gen gehal­ten wer­den. Isra­el scheint das ein­zi­ge Land zu sein, dass eine Son­der­form der Kri­tik benö­ti­gen wür­de – hat irgend­wer schon ein­mal etwas von einer ‚Mexi­ko-Kri­tik‘, ‚Chi­na-Kri­tik‘ oder ‚Groß-Bri­ta­ni­en-Kri­tik‘ gehört? – was häu­fig auch an dop­pel­ten Moral­stan­dards liegt, die an Isra­el ver­gli­chen zu ande­ren Län­dern ange­legt wer­den. Hin­zu­kommt, dass es auf­fäl­lig ist, wie die Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter der soge­nann­ten ‚Israel­kri­tik‘ durch­zo­gen sind von anti­se­mi­ti­schen Denk­mus­tern. Es scheint Men­schen ein unglaub­li­ches Bedürf­nis zu sein Isra­el zu kri­ti­sie­ren, ohne sich dabei tat­säch­lich mit der Geschich­te, den poli­ti­schen Ver­hand­lun­gen o. ä. aus­ein­an­der gesetzt zu haben. Dabei ist es nicht die ent­schei­den­de Fra­ge, wie häu­fig die­se Dis­kus­sio­nen geführt wer­den, son­dern wie ste­tig der glei­che Dis­kus­si­ons­ver­lauf wie­der­kehrt und mit wel­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit nach wie vor vie­le Sprü­che im Raum ste­hen gelas­sen wer­den. Es ist die­se immer wäh­ren­de Bedro­hung die schwelt und ein unan­ge­neh­mes nicht-wis­sen, wer im Raum gera­de still­schwei­gend den anti­se­mi­ti­schen Andeu­tun­gen zustimmt, wer sie nicht bemerkt oder wer sie igno­riert.

Ich habe im vor­he­ri­gen Abschnitt erwähnt, dass sich mei­ner Erfah­rung nach der Anti­se­mi­tis­mus in einer gewis­sen Form der Irra­tio­na­li­tät in Bezug auf poli­ti­sche Kri­tik an Isra­el äußert. Ich ken­ne kaum ein The­ma, was so vehe­ment dis­ku­tiert wird und in dem sich Unwahr­hei­ten so sta­bil hal­ten. Die ver­kürz­te und teil­wei­se schlicht fal­sche Dar­stel­lung von Sach­la­gen, das weg­las­sen und teil­wei­se unter­bin­den von Argu­men­ten, die die Kom­ple­xi­tät ver­su­chen her­vor­zu­he­ben, führt schnell zu kla­ren Feind­bil­dern. Wenn ich kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge ver­kür­ze, sub­jek­ti­ve Lei­dens­ge­schich­ten her­vor­he­be und kei­nen Raum für die Gegen­sei­te las­se, schaf­fe ich es schnell eine Sei­te zu dämo­ni­sie­ren und ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Erklä­run­gen nahe­zu­le­gen. Dies geschieht mei­ner Ansicht nach häu­fig bezo­gen auf Isra­el und wird dabei gezielt von Anti-Israe­li­schen Grup­pen, wie nicht zuletzt dem BDS, geför­dert. Auf ein­zel­ne Aspek­te möch­te ich nun ein­ge­hen. Dies ver­folgt weni­ger das Ziel, dass die hier abge­bil­de­te Mei­nung über­nom­men wer­den soll. Statt­des­sen möch­te ich dar­um bit­ten, wenn eins sich wirk­lich für israe­li­sche Poli­tik und Zustän­de inter­es­siert, sich auch wirk­lich inhalt­lich damit aus­ein­an­der zu set­zen. Und genau­so wenig, wie die­ser Text (allein) die Auf­ga­be der kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung abneh­men kann, reicht es nicht aus als ein­zi­ge Quel­le Bio­gra­phi­en zu lesen oder per­sön­li­che Gesprä­che zu füh­ren, um eine kom­ple­xe kon­flikt­rei­che Situa­ti­on ein­ord­nen zu kön­nen. Dies sollt nicht die Bedeu­tung von Lebens­ge­schich­ten schmä­lern, denn umge­kehrt soll­te eine Ana­ly­se auch nicht die Bio­gra­phi­en von Betrof­fe­nen außen­vor­las­sen.

Das Kolonialland Israel

Der Vor­wurf, dass Isra­el eine Kolo­ni­al­macht sei oder eine kolo­nia­le Ver­gan­gen­heit hät­te, taucht in vie­len Dis­kus­sio­nen auf. Der Vor­wurf der dabei in den Raum gestellt wird, lau­tet unge­fähr wie folgt:

Es ware­in­mal eine Zeit im Nahen-Osten, da war alles fried­lich und har­mo­nisch. Die Bri­ten waren kurz davor den Palästinenser_Innen ein Land zurück zu geben, das Paläs­ti­na hei­ßen soll­te. Alles schien gut, bis die jüdi­schen Siedler_Innen die Ruhe zer­stör­ten und sich heim­tü­ckisch und gewalt­sam das Land von den Bri­ten erschli­chen.

Das Bild über die Zeit vor der Unab­hän­gig­keit des ers­ten (und bis heu­te ein­zi­gen) jüdi­schen Staa­tes erscheint im Dis­kurs sehr har­mo­nisch und fried­lich. Von dem Ver­bot für Waf­fen für Jüd_Innen und bewaff­ne­ten ara­bi­schen Mili­zen ist dabei sel­ten die Rede. So scheint nach wie vor die soge­nann­te Nak­ba – die gewalt­sa­me Ver­trei­bung von 700.000 ara­bi­schen Palästinenser_Innen – ohne jeg­li­chen his­to­ri­schen Kon­text gesche­hen zu sein. Von vor­he­ri­gen wie­der­keh­ren­den Angrif­fen auf die Kib­bu­zim wird sel­ten gere­det (Chess­ler 2004, S. 49 ff.).

Dabei fin­de ich es wich­tig her­vor­zu­he­ben, dass es einen Natio­nal­staat Paläs­ti­na nie gege­ben hat. Es gab his­to­risch betrach­tet eine stets von ver­schie­de­nen west­li­chen und ara­bi­schen König­rei­chen und Inter­es­sen­grup­pen umkämpf­te Regi­on, die irgend­wann zum Völ­ker­bunds­man­dat Paläs­ti­na in den Hän­den des bri­ti­schen Empi­res wur­de. Die Bri­ten teil­ten das Man­dats­ge­biet in einen ara­bi­schen und einen jüdi­schen Staat auf. Der größ­te Teil wur­de zu Jor­da­ni­en. Der klei­ne Bereich, haupt­säch­lich bestehend aus Wüs­te, wur­de den jüdi­schen Siedler_Innen zuge­spro­chen. Es folg­ten vie­le Jah­re der Ver­hand­lun­gen auf unter­schied­li­chen poli­ti­schen Ebe­nen und vie­le klei­ne und gro­ße Krie­ge und Anschlä­ge in und um die jüdi­sche Regi­on (vgl. ebd. S. 49).

Am 14. Mai 1948 ver­kün­de­te David Ben Gur­i­on die Unab­hän­gig­keit Isra­els und der ers­te jüdi­sche Staat der Welt ent­stand drei Jah­re nach dem Ende der sys­te­ma­tisch ver­such­ten Aus­rot­tung alles jüdi­schem durch die Deut­schen.

Ich möch­te damit nicht sagen, dass die Grün­dung Isra­els fried­lich ver­lau­fen ist. Auch nicht, dass es kei­ne Aggres­sio­nen von Sei­ten der Siedler_Innen gege­ben hat oder dass die bri­ti­sche Man­dats­re­gie­rung vor­bild­lich diplo­ma­tisch gehan­delt hät­te. Aber eins wird häu­fig schlicht falsch dar­ge­stellt: Isra­el ist kein Kolo­ni­al­land.

Wenn eine mäch­ti­ge pri­vi­le­gier­te Nati­on in Län­der ein­fällt, um die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung wirt­schaft­lich aus­zu­beu­ten, zu ver­skla­ven oder um sie zur Land­ge­win­nung abzu­schlach­ten, lässt sich dies als eine Kolo­nia­li­sie­rung bezeich­nen. Dies setzt somit vor­aus eine Nati­on hat ein eige­nes Land und ver­sucht davon aus­ge­hend auf Basis der eige­nen Macht und Vor­machts­stel­lung das eige­ne Gebiet gewalt­sam zu erwei­tern. Dies war jedoch hier nicht der Fall. Es gab kei­nen jüdi­schen Natio­nal­staat. Die über Jahr­tau­sen­de andau­ern­den anti­se­mi­ti­schen Ver­hält­nis­se in west­li­chen Natio­nen hat­ten sich mit der Ver­nich­tungs­ma­schi­ne­rie der Deut­schen ihrem Höhe­punkt zuge­wandt und nun orga­ni­sier­ten die Über­le­ben­den es, dass der lang ersehn­te Traum eines Schutz­rau­mes für sie in Erfül­lung geht.

Eben­so wie die gan­ze Zio­nis­ti­sche Bewe­gung nicht als poli­tisch homo­gen gese­hen wer­den kann, war auch der Pro­zess der Staats­grün­dung Isra­els nicht frei von Wider­sprü­chen. Auch ist der Natio­nal­staat Isra­el nicht ohne gewalt­tä­ti­ge Kon­flik­te ent­stan­den. Dies ist jedoch kein Allein­stel­lungs­merk­mal, son­dern trifft auf jede Natio­nal­staats­grün­dung zu. Es geht nicht dar­um Kri­tik an Isra­el oder des­sen Ent­ste­hungs­ge­schich­te zu unter­bin­den. Es geht dar­um wer kri­ti­siert, aus wel­chen Grün­den, auf wel­che Art und Wei­se, was wird betont und was schlicht weg­ge­las­sen.

Seit der Dia­spo­ra wird Jüd_Innen unter­stellt, dass sie das Ziel hät­ten, ande­re Natio­nal­staa­ten zu unter­wan­dern und zu zer­set­zen. Dabei stell­te der Jude den inne­ren Feind – im Gegen­satz zu den ‚äuße­ren Fein­den‘ – da, gegen den sich eine völ­kisch-natio­na­lis­ti­sche Iden­ti­tät kon­stru­ier­te (u. a. Rohr­ba­cher, 1999, S. 37 ff.). Sie wür­den auf ihren gehei­men Tref­fen pla­nen, wie sie die Zer­stö­rung von natio­na­ler Ein­heit und Iden­ti­tät vor­an trei­ben kön­nen. Dabei ist für das anti­se­mi­ti­sche Kon­strukt das tat­säch­li­che Ver­hal­ten von Jüd_Innen irrele­vant. Ent­we­der sie ver­wei­gern die Assi­mi­la­ti­on an die hege­mo­ni­al-natio­na­le Kul­tur, dann wird dies als Beweis für die geplan­te Zer­stö­rung gese­hen. Oder aber sie pas­sen sich der hege­mo­ni­al-natio­na­len Kul­tur an, dann wird ihnen unter­stellt, sie wol­len heim­lich den ‚Volks­kör­per‘ von innen her­aus zer­set­zen. Um dies zu Unter­bin­den wur­den Juden immer wie­der dazu gezwun­gen sich in der Öffent­lich­keit z. B. durch einen Juden­hut oder Juden­stern kennt­lich zu machen (Stie­bert 2001).

Der Vor­wurf die zio­nis­ti­sche Bewe­gung wür­de die paläs­ti­nen­si­sche Nati­on durch Kolo­nia­li­sie­rung zer­stö­ren, bedient sich somit sowohl anti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen, als ver­kürzt sie auch die kom­ple­xe Ent­ste­hungs­ge­schich­te Isra­els.

Israel verweigert die Wasserversorgung

Eine gän­gi­ge und wie­der­keh­ren­de Kri­tik an Isra­el behaup­tet, Isra­el ver­wei­ge­re den Palästinenser_Innen das Was­ser. Und wäh­rend ein Israe­li 70 Liter Was­ser pro Tag ver­brau­chen wür­de, stün­de den Palästinenser_Innen ledig­lich 17 Liter zur Ver­fü­gung. Dabei schwingt der Vor­wurf mit, dass Isra­el Was­ser ver­schwen­de und die Palästinenser_Innen müss­ten staat­lich orga­ni­siert durs­ten (Wilf 2014).

Ich möch­te an die­ser Stel­le nicht die genaue Ent­wick­lung der Was­se­rin­fra­struk­tur in den paläs­ti­nen­si­schen Gebie­ten auf­lis­ten. Dies ist an ande­ren Stel­len sehr detail­liert gesche­hen (Lizas Welt 2015).

Neh­men wir als Aus­gangs­punkt das Ende der bri­ti­schen Man­dats­zeit (Was­ser­ver­sor­gung im West­jor­dan­land 25 Mil­lio­nen Kubik­me­ter pro Jahr) oder die jor­da­ni­sche Herr­schaft über die West­bank (66 Mil­lio­nen Kubik­me­ter pro Jahr). Zu die­ser Zeit waren weni­ge Sied­lun­gen und Städ­te über­haupt mit den Was­ser­lei­tun­gen ver­bun­den. 1967 über­nahm Isra­el nach dem Sechs­ta­ge­krieg die Kon­trol­le über das West­jor­dan­land. Inner­halb der nächs­ten fünf Jah­re stieg die Was­ser­ver­sor­gung mas­siv an. Isra­el schloss die israe­li­schen Sied­lun­gen und vie­le Städ­te und Dör­fer der Palästinenser_Innen an das Was­ser­sys­tem an, so dass sich 1995 die Was­ser­ver­sor­gung auf 120 Mil­lio­nen Kubik­me­ter pro Jahr erhöh­te. 2006 stieg die Was­ser­men­ge auf ca. 178 Mil­lio­nen Kubik­me­ter.

Dies ist immer noch weni­ger, als israe­li­sche Bürger_Innen – egal wel­cher Reli­gi­on – pro Kopf zur Ver­fü­gung haben. Run­ter gerech­net wird 2014 ein Unter­schied von 230 Liter Was­ser für israe­li­sche Bürger_Innen deut­lich, wäh­rend den Palästinenser_Innen ‚nur‘ 159 Liter Was­ser zur Ver­fü­gung ste­hen. Dies ist in der Tat ein Unter­schied, jedoch kei­ner von 70 zu 17 Litern. Je nach Sta­tis­tik und Schät­zung wei­chen die kon­kre­ten Zah­len ab. Aber es wird deut­lich, dass Isra­el ste­tig, wie in den Oslo­er Abkom­men ver­ein­bart, an der Ver­bes­se­rung und Ver­sor­gung der Auto­no­mie­ge­bie­te mit Was­ser arbei­tet.

Der Vor­wurf Isra­el wür­de sys­te­ma­tisch die Was­ser­ver­sor­gung sabo­tie­ren oder kom­plett ver­wei­gern, bedient ein bekann­tes anti­se­mi­ti­sches Ste­reo­typ: Der Jude, der des Nachts die Brun­nen ver­gif­tet und damit die Was­ser­ver­sor­gung sabo­tiert (Ley 2003, S. 59).

Kindermörder Israel

Eine gän­gi­ge Paro­le auf Anti-Israe­li­schen Demons­tra­tio­nen lau­tet „Kin­der­mör­der Isra­el“. Legi­ti­miert wird die­se Paro­le meist damit, dass der Kon­flikt so bes­ser dra­ma­ti­siert wer­den kön­ne. Es stim­me ja auch, dass durch das israe­li­sche Mili­tär ‚Frau­en und Kin­der‘ getö­tet wer­den wür­den. Dem ist inhalt­lich erst ein­mal wenig ent­ge­gen­zu­set­zen. Denn in mili­tä­ri­schen Kon­flik­ten ster­ben immer und über­all auf der Welt Men­schen, dar­un­ter auch vie­le Kin­der. Krieg ist schreck­lich und dass Men­schen in Krie­gen lei­den und ster­ben, ist es, was ihn so schreck­lich macht

Die Paro­le ‚Kin­der­mör­der Isra­el‘ bedient jedoch ein wei­te­res wie­der­keh­ren­des anti­se­mi­ti­sches Ste­reo­typ: Es legt nahe, dass das israe­li­sche Mili­tär gezielt (unschul­di­ge) Kin­der tötet. Aus Tak­tik und blo­ßer Bös­ar­tig­keit. Das Bild, des Kin­der ent­füh­ren­dem und sich an deren Blut erfreu­en­dem Juden ist meh­re­re hun­dert Jah­re alt. Aus die­sem Blut wür­den die Juden Brot backen und es für ritu­el­le Zere­mo­ni­en nut­zen. Die anti­se­mi­ti­sche ‚Isra­el-Kri­tik‘ über­trägt die­ses Nar­ra­tiv nun auf das israe­li­sche Mili­tär, wel­ches staat­lich orga­ni­siert, den Mord an Kin­dern durch­füh­ren wür­de (Eis­heu­er & Quen­tin o. J.).

Und weitere…

Die Lis­te der ver­kür­zen­den Argu­men­te der ‚Isra­el-Kri­tik‘ kann deut­lich wei­ter geführt wer­den. Und wenn man sich mit Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land oder Welt­weit, anti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen in der Kri­tik an Isra­el oder auch der pro­ble­ma­ti­schen Außen­po­li­tik Isra­els aus­ein­an­der­set­zen möch­te, fin­det man einen Hau­fen Lite­ra­tur, Doku­men­ta­tio­nen, Blog-Arti­kel und Bio­gra­phi­en dazu. Dabei soll­te dann jedoch auch dar­auf geach­tet wer­den, dass sie nicht unbe­dingt vom BDS, der Hamas oder denen soli­da­ri­schen Grup­pen her­aus­ge­ge­ben wor­den sind. Denn wird in ein solch kom­ple­xes The­ma ein­ge­stie­gen, ohne sich viel­fäl­tig zu infor­mie­ren, endet eine ‚Kri­tik‘ schnell in der Repro­duk­ti­on der glei­chen Bil­der, die Ausch­witz ermög­licht haben. Anti­se­mi­ti­sche Nar­ra­ti­ve leben unter ande­rem von Ver­kür­zun­gen und Ver­ein­fa­chung, die kla­re Schul­di­ge auf­zei­gen sol­len.

Zum Abschluss

Ich habe in die­sem Arti­kel ver­sucht durch eige­ne bio­gra­phi­sche Erfah­run­gen und der Dar­stel­lung von anti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen inner­halb bekann­ter Argu­men­te der sog. ‚Israel­kri­tik‘ dar­zu­stel­len, wie sich Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land nach wie vor äußert. Wo die­ser Enden kann, zeigt die deut­sche Geschich­te. Das Pri­vi­leg, das es dar­stellt als Anti­se­mi­tis­mus-Betrof­fe­ne_R in der Mas­se unter­tau­chen zu kön­nen, ist letzt­end­lich einer der weni­gen Schutz­funk­tio­nen die Jüd_Innen und gene­rell Anti­se­mi­tis­mus-Betrof­fe­nen bleibt. Dies ist beson­ders vor dem Zusam­men­hang zu sehen, dass selbst eine deut­sche (aber auch eine inter­na­tio­na­le) ‚Lin­ke‘ sich sel­ten um eine Ana­ly­se anti­se­mi­ti­scher Denk­mus­ter bemüht und sel­ten bereit ist Anti­se­mi­tis­mus als eigen­stän­di­gen Dis­ki­mi­nie­rungs­me­cha­nis­mus zu begrei­fen. Statt­des­sen wird er zu einer wei­te­ren Unter­form von Ras­sis­mus defi­niert, wodurch die spe­zi­fi­schen Funk­ti­ons­wei­sen ver­lo­ren gehen. Ich möch­te dazu auf­ru­fen zu einer Diss­kus­si­ons­kul­tur zurück­zu­keh­ren, die sowohl sub­jek­ti­ve Emp­fin­dun­gen respek­tiert, als auch Betrof­fe­nen ermög­licht als poli­ti­sche Sub­jek­te zu agie­ren.

Inner­halb der (deut­schen) Lin­ken bricht die Dis­kus­si­on um Isra­els Poli­tik, der Kri­tik dar­an und dem dar­in häu­fig mit­schwin­gen­den Anti­se­mi­tis­mus immer wie­der aus. Sel­ten gelingt es die­se Dis­kus­si­on und die dar­in ent­hal­te­nen Wider­sprü­che pro­duk­tiv zu nut­zen. Teil­wei­se scheint es fast, als wür­de es weni­ger um poli­ti­sche Inhal­te, als um die Auf­recht­erhal­tung per­sön­li­cher Iden­ti­tä­ten gehen. Dabei wirkt es so, als ob die eine Sei­te meint, nach freu­dia­ni­scher Tra­di­ti­on die anti­se­mi­ti­schen Per­sön­lich­keits­struk­tu­ren ande­rer mecha­nisch ana­ly­sie­ren zu kön­nen. Wäh­rend die ande­re Sei­te in Bezug auf anti­ras­sis­ti­sche Dis­kurs­po­si­tio­nen dar­auf behar­ren, sich die Bio­gra­phi­en von betrof­fe­nen Palästinenser_Innen als eige­ne Mei­nung aneig­nen zu müs­sen. Wäh­rend die einen sub­jek­ti­ve Lebens­rea­li­tä­ten ver­harm­lo­sen, zie­hen sich ande­re hin­ter die­se zurück und gehen so einer Aus­ein­an­der­set­zung mit anti­se­mi­ti­schen Argu­men­ta­ti­ons- und Denk­mus­tern aus dem Weg5 [5].

Egal, ob sich die Posi­ti­on aus den unter­schied­li­chen Theo­rie­rich­tun­gen, den Lebens­er­fah­run­gen oder der Iden­ti­tät der Peer Group erge­ben hat, es scheint, als wür­de es in ers­ter Linie um die Auf­recht­erhal­tung der eige­nen Iden­ti­tät gehen, anstatt die­se zu reflek­tie­ren und so eine Wei­ter­ent­wick­lung zu ermög­li­chen. Dies hat den Effekt, dass der Inner-Lin­ke Dis­kurs sich an iden­ti­tä­ren Gra­ben­kämp­fen und Dis­kur­s­ho­hei­ten in Auto­no­men Zen­tren abar­bei­tet, anstatt gemein­sa­me poli­ti­sche Posi­tio­nen zu erar­bei­ten.

Ich möch­te, dass sowohl Bio­gra­phi­en von Betrof­fe­nen Gehör fin­den, als auch das die Not­wen­dig­keit von theo­re­tisch abs­trak­ten und aka­de­mi­sier­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen gese­hen wird. Dies wür­de dazu füh­ren, dass sowohl die Lebens­rea­li­tät von Betrof­fe­nen respek­tiert wird, als auch auf eine Outing-Situa­ti­on ver­zich­tet wer­den kann. Betrof­fe­nen Per­spek­ti­ven müs­sen in poli­ti­schen Ana­ly­sen eine beson­de­re Bedeu­tung ein­neh­men, ohne dass ein­zel­ne in Dis­kus­si­ons­run­den dazu genö­tigt wer­den, den Schutz ihrer Pri­vat­sphä­re auf­zu­ge­ben. Eben­so wenig dür­fen kom­ple­xe poli­ti­sche Ana­ly­sen allein aus Ein­zel­bio­gra­phi­en bestehen und ich hal­te es für gefähr­lich als außen­ste­hen­de drit­te Per­son, sie als poli­ti­sche Mei­nung (unhin­ter­fragt) zu über­neh­men. Auch läuft die­ses Vor­ge­hen immer Gefahr, ver­schie­de­ne Betrof­fe­nen­po­si­tio­nen gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len oder die destruk­ti­ve Dis­kus­si­on über Haupt- und Neben­wi­der­sprü­che zu repro­du­zie­ren.

Statt­des­sen soll­ten die in den ver­schie­de­nen Posi­tio­nen, Lebens­er­fah­run­gen und poli­ti­schen Ana­ly­sen ent­hal­te­nen Wider­sprü­che ana­ly­siert wer­den, um (sowohl gene­rel­le als auch per­sön­li­che) poli­ti­sche Posi­tio­nen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Dies wür­de auch eine respekt­vol­le Dis­kus­si­ons­kul­tur ermög­li­chen, die auf der Basis von Betrof­fe­nen­er­fah­run­gen statt­fin­den kann, aller­dings ohne eine Outing-Situa­ti­on aus­kom­men wür­de und so die Pri­vat­sphä­re der Betrof­fe­nen schützt. Eben­so wür­de dies erlau­ben, abs­trak­te Ana­ly­sen zu berück­sich­ti­gen.

Auf die­se Wei­se wür­de es zum Bei­spiel mög­lich sein, sowohl die Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen und schlech­ten Lebens­um­stän­de von Palästinenser_Innen anzu­er­ken­nen, als auch die anti­se­mi­ti­schen und hege­mo­ni­al wir­ken­den Ein­flüs­se der Hamas auf die natio­na­le Befrei­ungs­be­we­gung zu berück­sich­ti­gen. Dies wür­de zulas­sen sowohl die von anti­mus­li­mi­schem Ras­sis­mus gepräg­te öffent­li­che Kri­tik am Islam in Deutsch­land zu sehen, als auch den fort­wäh­ren­den Anti­se­mi­tis­mus in der soge­nann­ten ‚Isra­el-Kri­tik‘ zu ent­lar­ven.

Am Ende könn­te so ein Umden­ken viel­leicht sogar dazu füh­ren, dass eine eman­zi­pa­to­ri­sche Bewe­gung wie­der zusam­men für radi­ka­le Posi­tio­nen kämp­fen und sich strei­tend, dis­ku­tie­rend aber soli­da­risch in Rich­tung Uto­pie bewe­gen kann.

 

1 [6]Ich ver­su­che eine Mischung aus einer bio­gra­fi­schen teils fik­ti­ven Erzäh­lung und einer theo­re­ti­schen Refle­xi­on.

2 [7]Durch die kur­si­ve Schrift und die bewusst nicht gegen­der­te Schreib­form von Jude möch­te ich her­vor­he­ben, dass ich mich an die­ser Stel­le auf die von Antisemit_Innen kon­stru­ier­te Figur des Juden bezie­he und eben nicht auf Jüd_Innen.

3 [8]Die Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion stel­len die wohl ver­brei­te­te und ein­fluss­reichs­te anti­se­mi­ti­sche Hetz­schrift dar. Sie ent­stan­den zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts und beschrei­ben ein Fik­ti­ves tref­fen jüdi­scher Welt­ver­schwö­rer.

4 [9]Auch wenn es vie­le unter­schied­li­che unter ande­rem nicht reli­giö­se Grün­de für Jüd_Innen gibt, eine Kip­pa zu tra­gen, tra­ge ich selbst kei­ne. Ich möch­te hier nicht die Fra­ge lächer­lich machen, ob es sich um kul­tu­rel­le Aneig­nung han­delt. Ich fin­de es nur irri­tie­rend, wer die­se Fra­ge aktu­ell ein­bringt und wie die Dis­kus­si­on so umge­lenkt wird und dadurch weg geht, von der direk­ten kör­per­li­chen Gewalt die statt­ge­fun­den hat/stattfindet.

5 [10]Dass dies teil­wei­se zu einer sehr pro­ble­ma­ti­schen Dis­kurs­po­si­ti­on führt, soll an die­ser Stel­le nicht wei­ter erläu­tert wer­den. Jedoch wirkt es teils para­dox, wie wei­ße, deut­sche sich auf Basis anti­ras­sis­ti­scher Ansät­ze einer ‚Isra­el-Kri­tik‘ bedie­nen, wel­che inner­halb einer paläs­ti­nen­si­schen Bio­gra­phie even­tu­ell nach­voll­zieh­bar erschei­nen mag, jedoch aus der Posi­ti­on eine_r weiße_n, Deut­schen höchst pro­ble­ma­tisch wird.