Zweiter Redebeitrag Frauen*kampftag

Am 8. März 2019 führ­te anläss­lich des Inter­na­tio­na­len Frau­en­ta­ges eine Demons­tra­ti­on durch die Olden­bur­ger Innen­stadt. Die Olden­bur­ger Rund­schau ver­öf­fent­licht nun nach­ein­an­der die drei gehal­te­nen Rede­bei­trä­ge, heu­te anläss­lich des kur­di­schen Neu­jahrs­fes­tes New­roz den Bei­trag der femi­nis­ti­schen Kam­pa­gne »Gemein­sam kämp­fen!«, die sich unter ande­rem für eine Ver­net­zung zwi­schen Roja­va und Deutsch­land ein­setzt.

»Heu­te, am 8. März, kom­men wir zusam­men um unse­re Kämp­fe gegen Patri­ar­chat und Kapi­ta­lis­mus auf die Stra­ßen zu tra­gen. Gemein­sam kämp­fen wir als Frau­en und als Feminist*innen ver­schie­de­ner Geschlechts­iden­ti­tä­ten, denn wir wis­sen, dass kei­ne von uns frei ist, solan­ge wir nicht alle frei sind!

Wir sind unter­schied­lich. Das trennt uns nicht von­ein­an­der. Son­dern das ist unse­re Stär­ke. Weil wir wis­sen, dass wir gemein­sa­me Wer­te und Zie­le haben, dass wir gegen den Faschis­mus kämp­fen und etwas Neu­es von unten auf­bau­en wol­len. Weil wir wis­sen, dass es nur durch unse­re eige­ne Befrei­ung eine freie Gesell­schaft für alle geben kann. Weil wir wis­sen, dass wir bei uns selbst anfan­gen müs­sen.

Der Staat, der Kapi­ta­lis­mus und das Patri­ar­chat haben die matri­ar­cha­len Gesell­schaf­ten größ­ten­teils zer­stört. Sie tren­nen uns von­ein­an­der, von uns selbst und von der Welt, in der wir leben. Wir haben kei­ne ande­re Wahl, als die­se Ver­bin­dun­gen wie­der auf­le­ben zu las­sen. Und die Zeit dafür ist reif. Dafür müs­sen wir uns zusam­men und gegen­sei­tig bil­den, ein Bewusst­sein schaf­fen, unse­re Kräf­te ver­ei­nen und uns ver­tei­di­gen. Uns ver­tei­di­gen gegen die psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung, die uns Angst macht und uns lähmt. Gegen die Ver­ge­wal­ti­gungs­kul­tur, die die Gewalt gegen uns zum All­tag macht. Gegen den Ras­sis­mus, der unse­re Mensch­lich­keit ver­gif­tet. Gegen die mili­tä­ri­schen Dro­hun­gen und Angrif­fe der Staa­ten, die vom Impe­ria­lis­mus pro­fi­tie­ren und unse­re Schwes­tern aus­beu­ten und umbrin­gen. Gegen all das kämp­fen Frau­en jeden Tag über­all auf der Welt.

Es gibt vie­le Bei­spie­le dafür. Eines ist die kur­di­sche Frau­en­be­we­gung in Rojava/Nordsyrien. Sie baut trotz dem Kampf gegen den sog. Isla­mi­schen Staat und trotz der faschis­ti­schen Angriffs­dro­hun­gen der Tür­kei jeden Tag ein Stück mehr eine befrei­te Gesell­schaft auf der Grund­la­ge der Ide­en von Abdul­lah Öca­lan auf. Die Ent­schlos­sen­heit, Kraft und Aus­dau­er im Kampf der Frau­en­be­we­gen sehen wir auch in Ley­la Güven. Seit 121 Tagen befin­det sie sich im Hun­ger­streik und zeigt einen unver­gleich­li­chen Wider­stand für das Ende der Iso­la­ti­on von Abdul­lah Öca­lan. Sie hat damit eine neue Frie­dens­of­fen­si­ve gestar­tet. Wir sen­den ihr unse­re Lie­be und unse­re Gedan­ken sind bei ihr.

Auch die zapa­tis­ti­schen Frau­en im Süd­os­ten Mexi­kos sind Angrif­fen aus­ge­setzt. In ihrem letz­ten Kom­mu­ni­que schrie­ben sie, dass ihr Kamp­fes­wil­le auch im Ange­sicht der Angrif­fe gegen sie stark ist. Sie ste­hen neben all den indi­ge­nen Frau­en der First Nati­ons in Ame­ri­ka an vor­ders­ter Front im Kampf für den Schutz der Erde und gegen die Zer­stö­rung durch den Kapi­ta­lis­mus. Unse­re Suche nach Frei­heit bedeu­tet auch die Bezie­hung zur Natur zurück­zu­ge­win­nen. Das kann nicht nur Auf­ga­be einer Öko­lo­gie­be­we­gung sein und der grü­ne Kapi­ta­lis­mus ist auch kei­ne Lösung für die öko­lo­gi­sche Kri­se. Wir soll­ten die War­nun­gen ernst neh­men, die indi­ge­ne und matri­ar­cha­le Gesell­schaf­ten schon lan­ge in die Welt hin­aus­ru­fen. Es ist vor allem unse­re Ver­ant­wor­tung in die öko­lo­gi­sche Kri­se ein­zu­grei­fen, weil wir durch unse­re Lebens­wei­se die größ­te Zer­stö­rung ver­ur­sa­chen.

Macht und Unter­drü­ckung tei­len die Welt durch Gren­zen und Mau­ern, so dass wir uns nicht errei­chen, ken­nen­ler­nen und Schul­ter an Schul­ter kämp­fen kön­nen. Inter­na­tio­na­lis­mus über­schrei­tet und durch­bricht die­se Gren­zen. Wir müs­sen unse­re Kämp­fe mit­ein­an­der ver­bin­den. Egal wo wir sind für Frei­heit und Gerech­tig­keit kämp­fen und unse­re Rol­le in die­sem Kampf ein­neh­men.
Wir müs­sen uns auch fra­gen, wel­che Rol­le wir hier in der BRD haben, im Her­zen des Kapi­ta­lis­mus, in einem Staat, der Waf­fen lie­fert, einem Staat der immer schon an Kolo­nia­lis­mus und Aus­beu­tung mit­ge­wirkt hat, einem Staat des­sen faschis­ti­sche Ver­gan­gen­heit sich bis heu­te fort­zieht. Nie wie­der Faschis­mus bedeu­tet den Faschis­mus in unse­rem Land zu bekämp­fen. Es bedeu­tet aber auch gegen den Faschis­mus in ande­ren Län­dern zu kämp­fen.

Was ist unse­re Rea­li­tät in Deutsch­land? Wir sol­len den­ken, wir wären so frei wie nie. Aber wir wer­den aus­ge­beu­tet, indem ein Groß­teil von uns jeden Tag für wenig oder gar kei­ne Bezah­lung arbei­tet. Wenn wir Frau­en zu Hau­se geschla­gen oder umge­bracht wer­den, wird es als Fami­li­en­dra­ma abge­tan. Wenn es einen Schul­di­gen dafür gibt, dann nur, wenn es kein wei­ßer deut­scher Mann gewe­sen ist. Wenn wir unge­wollt schwan­ger gewor­den sind, begeg­net uns ein Abtrei­bungs­ver­bot, bei dem man sich eigent­lich nur fra­gen kann: Wie kann das über­haupt noch ein The­ma sein?

Aber wir orga­ni­sie­ren uns! Heu­te am 8.März tre­ten vie­le von uns Frau­en, Trans*, Inter* und nicht binä­ren Geschlechts­iden­ti­tä­ten in einen Streik. Wir strei­ken, weil uns das alles nicht passt. Heu­te kom­men wir über­all zusam­men auf die Stra­ße. An die­sem his­to­ri­schen Tag strei­ken wir.
Aber kämp­fen tun wir jeden Tag. Jeden Tag kämp­fen wir, um in die­ser Rea­li­tät zu über­le­ben. Wir kämp­fen, um eine Welt auf­zu­bau­en, in der wir leben und frei sein kön­nen. Jeden ein­zel­nen Schritt den wir geschafft haben, müs­sen wir ver­tei­di­gen.

Es ist ein Kampf, der die Wün­sche und Hoff­nun­gen von unse­ren Vor­kämp­fe­rin­nen in der Geschich­te wei­terträgt. Frau­en wie She­hid Ronahi, Lege­rin oder Helin. Frau­en wie Rosa Luxem­burg, Coman­dan­ta Ramo­na, Syl­via Rive­ra oder Saki­ne Can­zis. In all ihren Namen.

Wir sind die Töch­ter der Hexen, die sie nicht ver­bannt haben!

Jin Jiyan Aza­dî!«

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Über die Kam­pa­gne Gemein­sam kämp­fen!

„Gemein­sam Kämp­fen“ ist eine femi­nis­ti­sche Kam­pa­gne, die lang­fris­tig ange­legt ist – im bes­ten Fall, bis wir das Patri­ar­chat hin­ter uns gebracht haben! Sie ist am 25. Novem­ber 2017 gestar­tet, u.a. mit Demos in Ham­burg, Ber­lin und Cel­le. Das Ziel ist es, das Wis­sen über die Revo­lu­ti­on in Roja­va, der Demo­kra­ti­schen Föde­ra­ti­on Nord­sy­ri­en, als Frau­en­re­vo­lu­ti­on zu ver­brei­ten. Expli­zit soll hier­bei das Pro­jekt des Frau­en­dorfs Jin­war bekannt gemacht wer­den.

Der Schwer­punkt liegt hier­bei auf einer inter­na­tio­na­lis­ti­schen Ver­net­zung und basiert dar­auf, dass wir uns selbst in Bezug zur Revo­lu­ti­on set­zen. Wir wol­len die Kam­pa­gne also nicht als rei­ne Soli­da­ri­täts­ak­ti­on für Roja­va begrei­fen, son­dern die Ver­bin­dung zwi­schen Roja­va und Deutsch­land (und ger­ne dar­über hin­aus) her­stel­len. Wir wol­len den Raum öff­nen, um zu über­le­gen, was wir hier tun kön­nen, wie wir hier eine brei­te inter­na­tio­na­lis­ti­sche femi­nis­ti­sche Orga­ni­sie­rung auf­bau­en kön­nen.

Wir laden alle Men­schen, die sich mit unse­rem Auf­ruf und unse­ren Ide­en iden­ti­fi­zie­ren kön­nen ein, sich an Aktio­nen und Dis­kus­sio­nen zu betei­li­gen und unter dem Slo­gan “Gemein­sam kämp­fen! Femi­nis­ti­sche Kam­pa­gne für demo­kra­ti­sche Auto­no­mie und Selbst­be­stim­mung” selbst­stän­dig Aktio­nen zu star­ten.

Für den Femi­nis­mus, für das Leben!
Jin­Ji­ya­nA­za­di – Frau­en­Le­ben­Frei­heit*