Der Wolf auf Oldenburgs Deichen

»Ein Wolf. Kein Schaf. Kein Deich. Kein Land. Kein Leben.« So ver­kün­de­te es bis vor kur­zem ein Pla­kat des Akti­ons­bünd­nis­ses akti­ves Wolfs­ma­nage­ment, das an einem Deich­git­ter an der Olden­bur­ger Hun­te befes­tigt war. Die­se Aus­sa­ge muss man sich ein­mal auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen. Ein ein­zel­ner Wolf erscheint in Olden­burg. Alle Scha­fe auf sämt­li­chen Dei­chen wer­den geris­sen. Bei der nächs­ten Sturm­flut bre­chen die Dei­che und das Land geht unter. Ein Leben in Olden­burg ist nicht län­ger mög­lich.

Die Sym­bo­lik vom töd­li­chen Wolf ist alt. Schon Grimms Mär­chen leh­ren uns: Wo der Wolf ist, lau­ert Gefahr. Die Angst vor dem Wolf geriet in Deutsch­land in Ver­ges­sen­heit. Auf­grund der inten­si­ven Beja­gung war das heu­ti­ge Bun­des­ge­biet bis vor weni­gen Jah­ren weit­ge­hend wolfs­frei. Um die Jahr­tau­send­wen­de sie­del­te sich das ers­te Wolfs­paar in Sach­sen an. Von dort brei­te­te sich der Wolf in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren über Bran­den­burg, Thü­rin­gen, Sach­sen-Anhalt und Meck­len­burg-Vor­pom­mern bis nach Nie­der­sach­sen aus. Nach aktu­el­ler Schät­zung leben in Deutsch­land der­zeit 73 Rudel, 30 Paa­re und eini­ge Ein­zel­tie­re, davon 14 Rudel und sie­ben Paa­re in Nie­der­sach­sen. Durch die rie­si­gen Wolfs­ge­bie­te regu­lie­ren sich die Rudel in ihrer Grö­ße selbst und ver­hin­dern damit ganz natür­lich eine Über­po­pu­la­ti­on.

Mit der Rück­kehr des Wol­fes kam auch die Angst wie­der. Geschürt wird die­se Angst durch Jäger und Land­wir­te, aber auch durch eine rei­ße­ri­sche Bericht­erstat­tung. Neben grif­fi­gen Head­lines (»Der Wolf reißt mich in den Ruin«, BILD-Online, 16.02.2019) wer­den Bil­der von geris­se­nen Wei­de­tie­ren in Groß­auf­nah­me abge­druckt. Es ist wie einst bei den Gebrü­dern Grimm: Der Wolf als töd­li­che Bedro­hung. Und so for­dert der Deut­sche Bau­ern­ver­band anläss­lich einer Tagung 2017 die Beja­gung der Wöl­fe, andern­falls sei »die Wei­de­tier­hal­tung … in Fra­ge gestellt«. Eine gene­rel­le Beja­gung ist bis­her nicht mög­lich, da der Wolf seit 1980 als eine streng geschütz­te Art ein­ge­stuft ist. Der Deut­sche Jagd­ver­band leis­tet den Bau­ern in einem Posi­ti­ons­pa­pier im April 2018 Schüt­zen­hil­fe und for­dert, ver­steckt hin­ter dem Begriff des Wolfs­ma­nage­ments, den Wolf »in den Kata­log der bejag­ba­ren Arten des Bun­des­jagd­ge­set­zes auf­zu­neh­men«. Und jetzt machen in Olden­burg auch die Deich­schä­fer Stim­mung gegen den Wolf. Zeit für ein paar Fak­ten.

Im Jahr 2018 wur­den in ganz Nie­der­sach­sen rund 240 von Wöl­fen getö­te­te oder töd­lich ver­letz­te Nutz­tie­re gemel­det. Es ist daher durch­aus rich­tig, dass die Bau­ern Ver­lus­te zu ver­zeich­nen haben. Doch im Ver­gleich: 2017 gab es auf Nie­der­sach­sens Stra­ßen über 32.000 Wild­un­fäl­le und allei­ne im ers­ten Halb­jahr 2018 wur­den bun­des­weit mehr als 582.000 Scha­fe gewerb­lich geschlach­tet. Der Tod von Tie­ren scheint dem­nach kein Pro­blem dar­zu­stel­len, ledig­lich der Tod, der nicht von Men­schen her­bei­ge­führt wird. Da passt gut ins Bild, dass vie­le Scha­fe auf­grund der mensch­li­chen Prä­senz auf den Dei­chen ster­ben. An der Hun­te ertrin­ken regel­mä­ßig Scha­fe, die von Jog­gern oder Hun­den erschreckt ins Was­ser flüch­ten. Auch der Hun­de­band­wurm ist inzwi­schen als Todes­ur­sa­che bekannt. Allein ein Bau­er in Eli­sa­be­th­gro­den ver­liert jähr­lich fünf bis sechs Tie­re an den Para­si­ten (NWZ, 28.03.2015). Hin­zu kommt, dass durch Wöl­fe her­bei­ge­führ­te Nutz­tier­schä­den staat­lich erstat­tet und Schutz­maß­nah­men finan­ziert wer­den. Ein wirt­schaft­li­cher Scha­den ent­steht Bau­ern daher nicht. Um Ris­sen vor­zu­beu­gen, müs­sen die­se Maß­nah­men aber auch ergrif­fen wer­den. Kei­nes der acht im Land­kreis Olden­burg geris­se­nen Scha­fe wur­de durch Schutz­zäu­ne oder Her­den­schutz­hun­de gesi­chert. Übri­gens: Dem Mensch wird der Wolf in aller Regel nicht gefähr­lich. In ganz Euro­pa kam es in den letz­ten 50 Jah­ren zu neun töd­li­chen Angrif­fen auf Men­schen, davon fünf durch toll­wü­ti­ge Tie­re (Deutsch­land gilt seit 2008 offi­zi­ell als frei von klas­si­scher Wild­toll­wut), die ande­ren vier durch Wöl­fe, die zuvor von Men­schen ange­füt­tert wur­den.

Bei der Stim­mungs­ma­che gegen den Wolf ist ein Popu­lis­mus á la AfD, Pegi­da und Trump Mit­tel zum Zweck. Im Popu­lis­mus ver­schwin­den die Zwi­schen­tö­ne und was bleibt, ist eine schar­fe Tren­nung in gut und böse. Auf den Sün­den­bock las­sen sich die eige­nen Ängs­te ver­schie­ben und die eige­nen gewalt­vol­len Gedan­ken und Hand­lungs­im­pul­se pro­ji­zie­ren. Wenn wir zu glau­ben wis­sen, wer oder wo das Böse ist, behal­ten wir es im Blick, mei­nen hand­lungs­fä­hig zu sein und kön­nen uns immer wie­der ver­si­chern, dass nicht wir selbst die Bösen sind. Wir ent­le­di­gen uns der Ambi­va­lenz und Kom­ple­xi­tät des Lebens, die sich manch­mal nur schwer aus­hal­ten lässt. Das bestän­dig wie­der­hol­te Nar­ra­tiv vom bösen Wolf, vom ter­ro­ris­ti­schen Mus­lim, vom kri­mi­nel­len Aus­län­der bringt Gewalt her­vor. Und haben wir das Bild oft genug vor Augen bekom­men, beginnt es sich zu bestä­ti­gen. Denn natür­lich kön­nen auch Aus­län­der kri­mi­nell sein, ver­üben auch Mus­li­me Ter­ror­an­schlä­ge und rei­ßen Wöl­fe auch Scha­fe. Aber das ist eben nur ein ganz klei­ner Teil des gro­ßen Bil­des und den meis­ten Men­schen und Tie­ren, die wir in den gro­ßen Topf des Sün­den­bocks wer­fen, tun wir damit mas­si­ves Unrecht an.

Nicht der Wolf ist das Pro­blem, son­dern der Mensch und sein Umgang mit die­sem Wild­tier. Ver­mut­lich ist dem Wolf des­we­gen ver­gan­ge­nes Wochen­en­de der Pelz­kra­gen geplatzt und er hat wenigs­tens das popu­lis­ti­sche Anti-Wolfs­pla­kat am Hun­te­weg geris­sen. Gut so.