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Hungerstreik und Sternfahrt für die Freiheit von Abdullah Öcalan

Einen Frie­den kann es ohne die Frei­heit von Abdul­lah Öca­lan nicht geben

Abdul­lah Öcalan, der Repräsen­tant der kur­di­schen Bevölke­rung, sitzt seit dem 15.02.1999 im Hoch­si­cher­heits­gefängnis auf der Insel Imra­li und seit 2014 in Total­iso­la­ti­on. Total­iso­la­ti­on bedeu­tet, das nie­mand – auch nicht sei­ne Anwäl­tin­nen – ihn im Gefäng­nis besu­chen kön­nen.

Das letz­te Lebens­zei­chen von Abdul­lah Öcalan gab es am 12. Sep­tem­ber 2016, als sein Bru­der ihn besu­chen durf­te. Die­ser konn­te sich davon über­zeu­gen, dass Abdul­lah Öca­lan noch am Leben ist und es ihm gesund­heit­lich den Umstän­den ent­spre­chend gut geht. Die­ser ein­ma­li­ge und auch nur eine Vier­tel­stun­de dau­ern­de Besuch bedeu­tet aber in keins­ter Wei­se eine Auf­he­bung der Total­iso­la­ti­on; die­se wird in glei­cher men­schen­rechts­wid­rig Schär­fe wei­ter­ge­führt.

Abdul­lah Öcalan wid­me­te sein Leben dem Kampf für Demo­kra­tie, Frie­den und der Lösung der kur­di­schen Fra­ge. Er initi­ier­te zahl­rei­che ein­sei­ti­ge Waf­fen­stillstände und unter­brei­te­te kon­struk­ti­ve Lösungs­vor­schläge, um den von der türki­schen Regie­rung erschaf­fe­nen Kon­flikt zu lösen.

Er leg­te auch die theo­re­ti­schen Grund­la­gen dafür, die Kurd_innen von der Not­wen­dig­keit einer demo­kra­ti­schen, konfödera­lis­ti­schen Alter­na­ti­ve, anstatt der eines eige­nen Staa­tes zu über­zeu­gen. Er leg­te die theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Grund­la­gen für die Revo­lu­ti­on in Nord­sy­ri­en (Roja­va), für die Befrei­ung der Frau, für ein ökolo­gisch gerech­tes Leben und auch für das HDP-Pro­jekt in der Türkei. Trotz Gefängnis­mau­ern und ein­ge­schränk­ter Möglich­kei­ten inspi­rier­te er Mil­lio­nen Men­schen. In Roja­va bau­ten die Men­schen nach sei­nen Ide­en eine mul­ti­eth­ni­sche, mul­ti­re­li­giöse und demo­kra­ti­sche Gesell­schafts­al­ter­na­ti­ve auf. Sei­ne Ide­en des demo­kra­ti­schen Konfödera­lis­mus, des­sen Grund­pfei­ler die Basis­de­mo­kra­tie, die Frau­en­be­frei­ung, Geschlech­ter­be­frei­ung und ein aus­ge­prägtes ökolo­gi­sches Bewusst­sein sind, besit­zen heu­te inter­na­tio­na­len Cha­rak­ter und ver­brei­te­ten sich welt­weit. Die­ser Fak­tor ist es, der den kapi­ta­lis­ti­schen, auto­kra­ti­schen und faschis­ti­schen Regie­run­gen, ins­be­son­de­re der tür­ki­schen faschis­ti­schen AKP-Regie­rung große Sor­gen berei­tet.

Am 7.November 2018 begann die HDP-Abge­ord­ne­te Ley­la Güven, die von der tür­ki­schen Regie­rung wegen ihrer öffent­li­chen Kri­tik an der Besat­zung Afrins und der Ver­trei­bung hun­dert­tau­sen­der Men­schen ein­ge­sperrt wur­de, aus dem Gefäng­nis in Amed (Diy­bar­kir) her­aus, einen unbe­fris­te­ten Hun­ger­streik zur Auf­he­bung der Total­iso­la­ti­on und für die Frei­heit von Abdul­lah Öca­lan. Die­ser ihr Hun­ger­streik dau­ert in der Zwi­schen­zeit weit über 90 Tage und für sie zählt jede Sekun­de. Sie ist zu einer Sym­bol­fi­gur für den Wider­stand gegen die Iso­la­ti­on von Abdul­lah Öca­lan und damit für die Mög­lich­keit einer fried­li­chen Lösung des Kon­flikts mit der Tür­kei gewor­den.

Die HDP plant aus die­sem Grund eine gro­ße öffent­li­che Akti­on zum 100. Tages Hun­ger­streiks, um noch ein­mal auf die pre­kä­re Lage von Ley­la Güven und auf die von ihr ver­tre­tend For­de­rung hin­zu­wei­sen. Dem­nach sol­len zum 15. Febru­ar, dem 100. Tag des Hun­ger­streiks von Ley­la Güven, Stern­fahr­ten aus 15 nord­kur­di­schen Städten nach Amed durch­geführt wer­den.

Dem am 7. Novem­ber in Diyarba­k­ir begon­ne­ne Hun­ger­streik der kur­di­schen Poli­ti­ke­rin Ley­la Güven haben sich hun­der­te Aktivist*innen aus der Türkei und Kur­di­stan, dar­un­ter vie­le poli­ti­sche Gefan­ge­ne in der Gefäng­nis­sen der Tür­kei, sowie Men­schen aus ande­ren Tei­len der Welt ange­schlos­sen. So fin­det auch in Straß­burg ein in der Zwi­schen­zeit 55 Tage andau­ern­der Hun­ger­streik von 14 Kur­din­nen und Kur­den statt. Alle die­se Hun­ger­strei­ken­den for­dern ein Ende der Iso­la­ti­ons­be­din­gun­gen gegen den kur­di­schen Repräsen­tan­ten Abdul­lah Öca­lan.

Über die­se Hun­ger­streiks wird in der deut­schen Pres­se und Öffent­lich­keit wenig berich­tet und die deut­sche Regie­rung scheint eine öffent­li­che Stel­lung­nah­me zu den For­de­run­gen der Hun­ger­strei­ken­den nicht für nötig zu hal­ten. Ihr scheint die Freund­schaft und die Unter­stüt­zung eines dik­ta­to­ri­schen Regimes wie das der Tür­kei dage­gen wich­ti­ger zu sein und die Durch­set­zung von Men­schen­rech­ten kaum von Bedeu­tung, solan­ge sie Abdul­lah Öca­lan, die PKK und weit­ge­hend alle kur­di­schen Orga­ni­sa­ti­on in Deutsch­land für ter­ro­ris­tisch ein­stuft, so wie es Erdo­gan vor­ge­ge­ben hat.

Am Ende die­ses Arti­kels soll aber noch ein­mal Ley­la Güven zu Wort kom­men! Sie wur­de am Ende eines Inter­views, dass ihre Toch­ter, eine Jour­na­lis­tin, am 4.2.19 mit ihr führ­te, von die­ser gefragt:

Während vie­le den­ken, du stündest kurz vor dem Tod, erle­be ich dich heu­te als eine Per­son, die eine gro­ße Kraft aus­strahlt und bestrebt ist zu leben. Das berührt mich sehr. Wie gelingt dir das?

Sie ant­wor­te­te:

»Natürlich möchte ich leben. Natürlich möchte ich, dass mein Pro­test erfolg­reich verläuft und ich die­sen Erfolg gemein­sam mit der Bevölke­rung fei­ern kann. Ich seh­ne den Tag her­bei, an dem die kur­di­sche Fra­ge auf demo­kra­ti­sche Art und Wei­se gelöst und Herr Öcalan genau wie Nel­son Man­de­la wie­der zu sei­nem Volk zurückkeh­ren kann. All das ist kei­ne Uto­pie. Wir sind tief davon über­zeugt, dass uns all das gelin­gen wird.

Es ist nicht so, dass ich im Gefängnis nicht trau­rig gewe­sen wäre, ange­sichts der Stil­le in der Türkei, ins­be­son­de­re bestimm­ter Krei­se. Aber ich habe von Anfang an gesagt, dass die Total­i­solati­on Abdul­lah Öcalans nicht nur ein kur­di­sches Pro­blem ist. All die­je­ni­gen, die das glau­ben, lie­gen falsch. Sel­a­hat­tin Demir­taş hat das gut auf den Punkt gebracht: Wir sit­zen alle im sel­ben Boot. Manch einer mag sich des­sen noch immer nicht bewusst sein. Ich bin davon über­zeugt, dass die­je­ni­gen, die uns heu­te allei­ne las­sen, das mor­gen bereu­en wer­den. Die­se Prüfung erfor­dert von allen, klar Posi­ti­on zu bezie­hen. Die­ser Kampf erfor­dert die Zusam­men­ar­beit aller Men­schen und Völker.«