Datenschutzexperte bescheinigt dem geplanten neuen Niedersächsischen Polizeigesetz Verfassungswidrigkeit

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Veröffentlicht: Gutachten des Datenschutzexperten Thilo Weichert bescheinigt dem geplanten neuen Polizeigesetz Niedersachsens mehrfach die Verfassungswidrigkeit

Im August 2018 wird der Innen­aus­schuss des Nie­der­säch­si­schen Land­tags an drei Tagen in öffent­li­chen Sit­zun­gen die münd­li­chen Stel­lung­nah­men von bis zu 31 Grup­pen und Per­so­nen ent­ge­gen­neh­men.

Unter den dazu ein­ge­la­de­nen Grup­pen ist auch das Netz­werk Daten­schutz­ex­per­ti­se.

Im von uns (freiheitsfoo.de, OR) hier­mit erst­ma­lig und vor­ab ver­öf­fent­lich­ten Gut­ach­ten des Netz­werks, nament­lich ver­fasst vom ehe­ma­li­gen schles­wig-hol­stei­ni­schen Lan­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­ten Thi­lo Wei­chert wird deut­lich, wie sehr das von SPD und CDU für Nie­der­sach­sen geplan­te neue Poli­zei­ge­setz („NPOG“) die Gren­zen des ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­si­gen nicht nur aus­reizt son­dern in sehr vie­len Fäl­len über­schrei­tet.

Das Gut­ach­ten lässt den Gesetz­ent­wurf wie ein – zumin­dest in Tei­len – stüm­per­haf­tes und mög­li­cher­wei­se poli­tisch-popu­lis­tisch ange­trie­be­nes und einer Demo­kra­tie unwür­di­ges Werk aus­se­hen.

In dem Gut­ach­ten heißt es bei­spiels­wei­se:

„Es wer­den in vie­len Punk­ten die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen über­schrit­ten.“

Und wei­ter – zu einem zen­tra­len Punkt der geplan­ten mas­si­ven Aus­wei­tung der Befug­nis­se und tech­ni­schen neu­en Mög­lich­kei­ten der Poli­zei in Nie­der­sach­sen:

„Der Begriff der „drin­gen­den Gefahr“ ist äußerst unbe­stimmt und trägt die Gefahr in sich, exten­siv genutzt zu wer­den.“

Über­haupt domi­nie­ren im sach­kun­di­gen Gut­ach­ten all­ge­mein die fol­gen­den Beno­tun­gen der Gesetz­ge­bungs­ar­beit der rot-schwar­zen Gro­ko Nie­der­sach­sens:

  • Zu unbe­stimmt.
  • Unver­hält­nis­mä­ßig.
  • Ver­fas­sungs­wid­rig.
  • Unge­eig­net.

Kon­kret kri­ti­siert das Netz­werk Daten­schutz­ex­per­ti­se den Gesetz­ent­wurf des NPOG bei­spiels­wei­se wie folgt:

§12 (6): Anlaß­lo­se Kon­trol­len im öffent­li­chen Ver­kehrs­raum – Zu unbe­stimmt, ein­deu­tig unver­hält­nis­mä­ßig, ver­fas­sungs­wid­rig.

§14 (1): Kon­troll­stel­len – Zu unbe­stimmt.

§16a (1): Mel­de­auf­la­ge – Schwel­le zur Zuläs­sig­keit die­ser Auf­la­ge zu nied­rig­schwel­lig.

§16a (3): Mel­de­auf­la­ge – „Ver­fah­rens­si­chern­de“ Rege­lung der Befris­tung ist kei­ne.

§17c: Elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel – Unge­eig­ne­te Maß­nah­me, kei­ne aus­rei­chen­de ver­fah­rens­recht­li­che Begren­zung.

§20 (4): Video­über­wa­chung von Gefan­ge­nen – Feh­len­de Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung.

§21: Erhö­hung der maxi­ma­len Dau­er von Frei­heits­ent­zie­hung und -beschrän­kung: Unver­hält­nis­mä­ßig.

§30 (5) S.2: Ver­län­ge­rung der Nicht­be­nach­rich­ti­gungs­frist für Betrof­fe­ne bei poli­zei­li­cher Daten­er­he­bung – Unver­hält­nis­mä­ßig.

§31b: Schutz des Kern­be­reichs pri­va­ter Lebens­ge­stal­tung – Nähe­re Erläu­te­rung dazu fehlt.

§32 (1): Audio- und Video­über­wa­chung bei öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen – Ufer­los und unbe­stimmt. Kei­ne prä­ven­tiv­po­li­zei­li­che Wir­kung erkenn­bar. Feh­len­de Abwä­gungs­re­ge­lung.

§32 (2): Gehei­me („ver­deck­te“) Video­über­wa­chung öffent­li­chen Raums – Feh­len­der Rechts­schutz für Betrof­fe­ne. Die Rege­lung ist zu strei­chen.

§32 (4) und (5): Body­Cams – Feh­len­der Kon­kre­ti­sie­rung der Zuläs­sig­keit von Pre­Record­ing.

§32 (7): Video­über­wa­chung des Stra­ßen­ver­kehrs – Unnö­ti­ge Per­so­nen­be­zieh­bar­keit der Video­über­wa­chung.

§32a: Pflicht zur Her­aus­ga­be von Kame­ra­auf­zeich­nun­gen durch Pri­va­te – Feh­len­de Abwä­gung mit Schutz­in­ter­es­sen von von der Über­wa­chung Betrof­fe­ner. Unver­hält­nis­mä­ßig und ver­fas­sungs­wid­rig.

§33a (2) und (3): Nie­der­sach­sen­tro­ja­ner („Quel­len-TKÜ“) – Feh­len­der Nach­weis des Sinns die­ser Befug­nis. Kein Bedarf für Tro­ja­ner auf Lan­des­ebe­ne.

§ 33a (7): Anord­nungs­be­fug­nis zur Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung – Unver­hält­nis­mä­ßig.

§33d: Online-Durch­su­chung – Feh­len­de Not­wen­dig­keit. Ent­schei­dungs­be­fug­te sind nicht genü­gend fach­kun­dig und qua­li­fi­ziert. Unver­hält­nis­mä­ßig und offen­sicht­lich ver­fas­sungs­wid­rig.

§34 (3): Anord­nung zur län­ger­fris­ti­gen Obser­va­ti­on: Trägt einen Wider­spruch in sich.

§35a: Ver­wan­zung von Woh­nun­gen – Unge­nü­gen­de ver­fah­rens­recht­li­che Siche­run­gen.

§36 (2): Ein­satz von Poli­zei­spit­zeln – Erst­ein­satz sol­cher Spit­zel für ein Jahr ist unver­hält­nis­mä­ßig.

§37a: Unge­nü­gen­de Rege­lung zur Infor­ma­ti­on der Öffent­lich­keit über ver­deck­te Ermitt­lungs­maß­nah­men.

§38: Spei­che­rung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten in Poli­zei­da­ten­ban­ken – Ver­stoß gegen EU-Grund­rech­te­char­ta.

§39 (2): Spei­che­rung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten in Poli­zei­da­ten­ban­ken zu ande­ren Zwe­cken – Aus­höh­lung der Absicht von gere­gel­ten Daten­lö­schun­gen. Unver­hält­nis­mä­ßig.

§44 (2): Daten­über­tra­gun­gen ins Aus­land (Facebook&Co.) – Unzu­rei­chen­des Daten­schutz­ni­veau z.B. in den USA und damit Unzu­läs­sig­keit der Daten­über­tra­gung.

§48: Pro­to­kol­lie­rungs­pflicht bei Ras­ter­fahn­dun­gen – Greift zu kurz.

 

 

zuerst erschie­nen: am 14. Juli 2018 auf freiheitsfoo.de (unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE)