Interview mit kollektiv! aus Bremen: »Es gibt keine Abkürzung der Revolution« (Teil 2)

KL Ihr schreibt in eurem The­sen­pa­pier von einem Ver­lust an Klas­sen­be­wusst­sein in der deut­schen radi­ka­len Lin­ken. Wel­che Fak­to­ren spie­len hier eine Rol­le? Und wie müss­te eurer Mei­nung nach eine Wie­der­be­le­bung von Klas­sen­po­li­tik aus­se­hen?

kol­lek­tiv! Die Grün­de für den Ver­lust einer Klas­sen­per­spek­ti­ve inner­halb der radi­ka­len Lin­ken lie­gen zum einen sicher­lich in der spe­zi­fi­schen his­to­ri­schen Situa­ti­on der BRD, die dazu geführt hat, dass es hier­zu­lan­de − im Ver­gleich zu den meis­ten ande­ren west­li­chen Län­dern – auch inner­halb der Arbeiter_innenklasse kaum noch ein Klas­sen­be­wusst­sein gibt. Das hat unter ande­rem mit der Zer­schla­gung von kämp­fe­ri­schen Arbei­ter_in­nen-Orga­ni­sa­tio­nen im Faschis­mus und dem sys­te­ma­ti­schen Zurück­drän­gen von kom­mu­nis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Ein­flüs­sen wäh­rend des Wie­der­auf­baus der Gewerk­schaf­ten und poli­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen durch die Sie­ger­mäch­te in West­deutsch­land nach 1945 zu tun. Aus die­sem Pro­zess ist ein Gewerk­schafts­ap­pa­rat ent­stan­den, der sich in ers­ter Linie an den Bedürf­nis­sen des Kapi­tals und Staa­tes ori­en­tiert. Mit der Sozi­al­part­ner­schaft wur­de eines der bes­ten Mit­tel geschaf­fen, um die Ent­wick­lung von Klas­sen­kämp­fen und Klas­sen­be­wusst­sein zu zer­stö­ren und Inter­es­sen­ge­gen­sät­ze zu ver­schlei­ern. Mit ande­ren Wor­ten: Der Staat trägt in der BRD wesent­lich dazu bei, dass der sozia­le Ant­ago­nis­mus ver­bor­gen und in eine neu­tra­le Form von Par­la­men­ta­ris­mus und Par­tei­po­li­tik gelenkt wird.

Das feh­len­de Klas­sen­be­wusst­sein inner­halb der Gesell­schaft spie­gelt sich natür­lich auch in der radi­ka­len Lin­ken wie­der. Aller­dings hat sich die radi­ka­le Lin­ke ab Ende der 1970er Jah­re und noch­mal ver­stärkt Anfang der 1990er Jah­re gezielt von der Arbeiter_innenklasse abge­wen­det und damit nach und nach jeg­li­chen Kon­takt zur Lebens­rea­li­tät eines Tei­les der Gesell­schaft ver­lo­ren.

Zu die­ser Abwen­dung haben die­sel­ben Ent­wick­lun­gen bei­ge­tra­gen, die wir wei­ter oben schon beschrie­ben haben: die Kri­se sozia­lis­ti­scher Bewe­gun­gen und das Bedürf­nis sich vom real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus abzu­gren­zen, der Bedeu­tungs­ver­lust (und die Kri­se) mar­xis­ti­scher Ansät­ze, die Ver­brei­tung von post­mo­der­nen und post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Theo­rie­an­sät­zen sowie der Sie­ges­zug des Kapi­ta­lis­mus und die natio­na­lis­ti­schen Mobi­li­sie­run­gen inner­halb der Arbeiter_innenklasse.

Die Wie­der­an­eig­nung mar­xis­ti­scher Theo­rie ab den 2000er Jah­ren durch lin­ke Grup­pen fand in einem (bewusst) von der Klas­se getrenn­ten Raum statt und begriff Mar­xis­mus nur noch als Theo­rie zur abs­trak­ten und öko­no­mis­ti­schen Ana­ly­se der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se. Kapi­ta­lis­mus wur­de dar­in also nicht mehr in ers­ter Linie als sozia­les Unter­drü­ckungs­ver­hält­nis zwi­schen Klas­sen betrach­tet. Das spie­gelt sich in den dar­aus fol­gen­den Poli­tik­an­sät­zen wider, die nicht den Klas­sen­kampf von unten, son­dern Ver­tre­tung, Inter­ven­ti­on und Dis­kurs­ana­ly­se ins Zen­trum setz­ten.

Eine Wie­der­be­le­bung von Klas­sen­po­li­tik braucht zum einen eine Theo­rie, die auf his­to­ri­schen Erkennt­nis­sen zum Bei­spiel des Mar­xis­mus und Anar­chis­mus fußt, dar­über hin­aus aber eine Ana­ly­se der ver­än­der­ten aktu­el­len Situa­ti­on zum Bei­spiel in Bezug auf die Zusam­men­set­zung der Arbeiter_innenklasse umfasst. Zum ande­ren geht es dar­um, sich selbst wie­der als Teil der Gesell­schaft und Klas­se zu begrei­fen, die Sze­ne­po­li­tik und Sub­kul­tur zu ver­las­sen, selbst Kämp­fe zu füh­ren, Erfah­run­gen damit zu sam­meln und zu ver­brei­ten.

KL Initia­ti­ven wie Quar­tiers­ma­nage­ment und Bür­ger­be­tei­li­gungs­fo­ren bie­ten den neo­li­be­ra­len Gegen­ent­wurf zu radi­ka­ler Orga­ni­sie­rung von unten. Was sind aus eurer Sicht effek­ti­ve Werk­zeu­ge gegen eine Ver­ein­nah­mung »von oben«, also von staat­li­cher Sei­te?

kol­lek­tiv! Die­se (sozial-)staatlichen Orga­ne sind im Stadt­teil das, was die refor­mis­ti­schen Gewerk­schaf­ten in den Betrie­ben sind: Sie ver­ein­nah­men und kana­li­sie­ren wider­stän­di­ges Poten­zi­al in vor­ge­ge­be­ne Bah­nen und ver­hin­dern so eine Radi­ka­li­sie­rung von Pro­tes­ten oder Orga­ni­sie­rung jen­seits der offi­zi­el­len Struk­tu­ren. In der Bun­des­re­pu­blik fehlt es an Erfah­rung mit und Wis­sen über revo­lu­tio­nä­re Bewe­gun­gen − über das Poten­zi­al von Selbst­or­ga­ni­sie­rung und Kämp­fe, die außer­halb von Par­la­men­ten oder Betei­li­gungs­ver­fah­ren geführt wer­den kön­nen. Des­halb ist einer der wich­tigs­ten Auf­ga­ben einer Poli­tik von unten, das Wis­sen um die Stär­ke von direk­ten kol­lek­ti­ven Aktio­nen und Kämp­fen wie­der zu ver­brei­ten. Das ist nicht ein­fach, denn natür­lich ist Stell­ver­tre­tung auch bequem und der Grad der Ver­wal­tung des gesam­ten All­tags durch staat­li­che und zivil­ge­sell­schaft­li­che Instan­zen weit fort­ge­schrit­ten. Da ist es schwie­rig, einen Bereich zu fin­den, in dem ein Frei­raum für selbst­or­ga­ni­sier­te Pro­zes­se ent­ste­hen kann.

Ein wei­te­res wich­ti­ges Mit­tel gegen die Ver­ein­nah­mung ist, die eige­ne Pra­xis im Stadt­teil aus einer kla­ren Klas­sen­per­spek­ti­ve her­aus zu ent­wi­ckeln und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen der jewei­li­gen Akteu­re her­aus­zu­ar­bei­ten. Denn die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen ver­su­chen ihrer­seits, das Modell einer ver­meint­lich klas­sen­lo­sen Gesell­schaft ohne Inter­es­sen­ge­gen­sät­ze zu ver­mit­teln, in der Bürger_innen gleich­be­rech­tigt mit­ein­an­der und mit dem Staat ver­han­deln und Lösun­gen fin­den kön­nen. Hier ist es auch wich­tig, die vie­len nega­ti­ven Erfah­run­gen mit staat­li­chen Ver­mitt­lungs­ver­fah­ren et cete­ra von Anfang an in die poli­ti­sche Arbeit mit ein­flie­ßen zu las­sen.

In Bezug auf revo­lu­tio­nä­re Stadt­teil­ar­beit ist es zudem wich­tig, sich klar von offi­zi­el­len Akteu­ren und Struk­tu­ren abzu­gren­zen und auf eige­nen Bei­nen zu ste­hen − inhalt­lich, struk­tu­rell und finan­zi­ell.

KL Wel­che Rol­le spie­len hier­bei Orte der Bil­dung? Kön­nen Uni­ver­si­tä­ten heu­te noch als Bil­dungs­frei­räu­me gese­hen wer­den oder muss Basis­or­ga­ni­sie­rung eige­ne Bil­dungs­an­ge­bo­te jen­seits der Uni schaf­fen?

kol­lek­tiv! Für uns spielt poli­ti­sche (Selbst-)Bildung sowohl inner­halb einer revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung als auch in der poli­ti­schen Pra­xis eine zen­tra­le Rol­le. Die kon­kre­te Erfah­rung von Soli­da­ri­tät und Kol­lek­ti­vi­tät in Kämp­fen und sozia­len Bewe­gun­gen ist eines der wirk­sams­ten Mit­tel der Poli­ti­sie­rung. Unse­re Erfah­run­gen zei­gen aber, dass dies häu­fig nicht aus­rei­chend ist, wenn nicht gleich­zei­tig über einen Pro­zess der poli­ti­schen Bil­dung Mög­lich­kei­ten geschaf­fen wer­den, kri­ti­sche Denk­wei­sen und die eige­ne Sub­jek­ti­vi­tät wei­ter zu ent­wi­ckeln. Es gibt vie­le Erfah­run­gen mit wider­stän­di­gen Bil­dungs­me­tho­den von unten, vom Thea­ter der Unter­drück­ten, den Schu­len des Mov­imen­to dos Tra­bal­ha­do­res Rurais Sem Ter­ra (MST – Bewe­gung der Landarbeiter_innen ohne Boden) in Bra­si­li­en bis zu den Aka­de­mi­en in Kur­di­stan. (Selbst-)Bildung ist einer der wich­tigs­ten Bestand­tei­le für die Kon­ti­nui­tät, Wei­ter­ent­wick­lung und Aus­brei­tung revo­lu­tio­nä­ren Den­kens und Han­delns.

Uni­ver­si­tä­ten sind zuneh­mend auf die Erfor­der­nis­se des Kapi­tals zurecht gestutzt wor­den. Sie sind immer weni­ger ein Ort, an dem wider­stän­di­ges Den­ken gelehrt und gelernt wer­den kann. Lin­ke Theo­rie an Uni­ver­si­tä­ten ist häu­fig sehr aka­de­misch und von den rea­len Kämp­fen und Bewe­gun­gen ent­frem­det. Uni­ver­si­tä­re For­schung und Theo­rie­ent­wick­lung folgt einer Eigen­dy­na­mik, die mehr an die Erfor­der­nis­se des Wis­sen­schafts­be­trie­bes als an die der Bewe­gung auf der Stra­ße ange­passt ist und auf­grund finan­zi­el­ler Abhän­gig­kei­ten zuneh­mend sei­ne Unab­hän­gig­keit ver­liert. Revo­lu­tio­nä­re Theo­rie und Bil­dung kann aber nie getrennt wer­den von den Kämp­fen, aus denen die Fra­gen ent­ste­hen und in die die Ant­wor­ten zurück­flie­ßen müs­sen. Inso­fern ist es wich­tig, Räu­me für poli­ti­sche Bil­dung jen­seits offi­zi­el­ler Insti­tu­tio­nen auf­zu­bau­en.

KL Eine gro­ße Zahl der Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus spie­len sich heu­te nicht mehr auf natio­na­ler Ebe­ne, son­dern auf glo­ba­ler Ebe­ne ab. Was bedeu­tet das für lin­ke Basis­or­ga­ni­sie­rung und die Fra­ge einer inter­na­tio­na­len Soli­da­ri­tät und Ver­net­zung zwi­schen ver­schie­de­nen Orga­ni­sa­tio­nen, die sich mit ganz unter­schied­li­chen Pro­ble­men kon­fron­tiert sehen?

kol­lek­tiv! Die Pro­ble­me, gegen die ver­schie­de­ne lin­ke Grup­pen in ver­schie­de­nen Län­dern kämp­fen, sind sehr unter­schied­lich. Aber bei den Ursa­chen gibt es vie­le Über­schnei­dun­gen, wie zum Bei­spiel den Kampf gegen staat­li­che Unter­drü­ckung, Kapi­tal­ver­hält­nis­se in Form von Neo­li­be­ra­lis­mus, Pro­zes­se der Indi­vi­dua­li­sie­rung und Ent­po­li­ti­sie­rung, umfas­send wir­ken­de Unter­drü­ckungs­me­cha­nis­men wie Patri­ar­chat und Ras­sis­mus et cete­ra. Bewe­gun­gen an unter­schied­li­chen Orten der Welt haben sich über die Zeit viel Wis­sen und wich­ti­ge Erfah­run­gen im eman­zi­pa­to­ri­schen Kampf und Wider­stand gegen die­se Struk­tu­ren ange­eig­net. Des­halb ist es not­wen­dig, sich über sol­che Erfah­run­gen aus­zu­tau­schen und sich gege­be­nen­falls gegen­sei­tig zu unter­stüt­zen. Das sind auch unse­re Erfah­run­gen im Aus­tausch mit Grup­pen aus ande­ren Län­dern. Wir sind erstaunt, wie ähn­lich die offe­nen Fra­gen und stra­te­gi­schen Debat­ten trotz der loka­len und natio­na­len Unter­schie­de sind. Bei der Fra­ge der Orga­ni­sie­rung geht es uns nicht um die Ent­wick­lung gemein­sa­mer Kam­pa­gnen oder Aktio­nen, die einer loka­len Pra­xis über­ge­stülpt wer­den, son­dern zu Beginn vor allem um einen ver­bind­li­chen und kol­lek­ti­ven Aus­tausch über Erfah­run­gen und Stra­te­gi­en für die (Weiter-)Entwicklung der loka­len Pra­xis. Gleich­zei­tig kann eine über­re­gio­na­le bis inter­na­tio­na­le Orga­ni­sie­rung bei loka­len Kämp­fen kon­kret hilf­reich sein, wenn es zum Bei­spiel dar­um geht, die Ver­la­ge­rung der Pro­duk­ti­on wäh­rend eines Streiks an einen ande­ren Stand­ort zu ver­hin­dern, eine über­re­gio­nal agie­ren­de Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft in einem Miet­kon­flikt über den loka­len Rah­men hin­aus unter Druck zu set­zen oder auf Angrif­fe und Unter­drü­ckung koor­di­nier­ter reagie­ren zu kön­nen.

Loka­le Basis­or­ga­ni­sie­rung ohne über­re­gio­na­le Orga­ni­sie­rung mit inter­na­tio­na­ler Per­spek­ti­ve ist zum Schei­tern ver­ur­teilt. Sie wird sich im Klein­tei­li­gen ver­lie­ren, vom Sys­tem ver­ein­nahmt wer­den oder in der Bedeu­tungs­lo­sig­keit ver­schwin­den. Des­halb beto­nen wir immer wie­der die bei­den Bei­ne unse­rer Stra­te­gie: loka­le Poli­tik von unten und über­re­gio­na­le Orga­ni­sie­rung von revo­lu­tio­nä­ren Grup­pen. Die vie­len lin­ken Aktivist_innen, die in der BRD im Exil leben, kön­nen eine wich­ti­ge Rol­le beim Auf­bau inter­na­tio­na­ler Kon­tak­te spie­len. Des­halb sind wir neben der loka­len Stadt­teil­ar­beit dabei, eine inter­na­tio­na­lis­ti­sche Platt­form auf­zu­bau­en, als Anlauf­punkt und Dis­kus­si­ons­platt­form für Lin­ke aus ande­ren Län­dern.

KL In der Vor­be­rei­tung auf die­ses Inter­view sind wir häu­fi­ger auf die Kri­tik gesto­ßen, dass ihr tat­säch­li­che prak­ti­sche Ansät­ze der Selbst- oder Basis­or­ga­ni­sie­rung nicht berück­sich­tigt habt. Tat­säch­lich lesen sich eure The­sen auch sehr abs­trakt und es fällt schwer, sich die Ide­en in der Pra­xis vor­zu­stel­len. Könnt ihr Bei­spie­le nen­nen, die euren Vor­stel­lun­gen in der Pra­xis ent­spre­chen?

kol­lek­tiv! Die The­sen waren – wie gesagt – eine Zusam­men­fas­sung unse­res Dis­kus­si­ons­stan­des und für uns eine Mög­lich­keit, um mit ande­ren Grup­pen in Dis­kus­si­on zu kom­men und kein fer­ti­ges Mani­fest oder so etwas. Vie­les ist noch nicht kon­kret und vie­les fehlt dar­in. Aber wir den­ken, alles ande­re muss sich in einem kol­lek­ti­ven, brei­te­ren Pro­zess ent­wi­ckeln. Prak­ti­sche Bei­spie­le gibt es vie­le. Da die meis­ten von uns nicht aus Deutsch­land und der radi­ka­len Lin­ken kom­men, sind unse­re Bezugs­punk­te vor allem Bewe­gun­gen in ande­ren Län­dern wie etwa die Selbst­ver­wal­tung von Fat­sa Ende der 1970er in der Tür­kei, Iran vor und am Anfang der Revo­lu­ti­on, Ent­wick­lun­gen in den kur­di­schen Gebie­ten aber auch Selbst­or­ga­ni­sie­rungs­an­sät­ze in Spa­ni­en und Grie­chen­land, der MST in Bra­si­li­en, die FOL in Argen­ti­ni­en. Aber auch hier­zu­lan­de gab und gibt es posi­ti­ve Bei­spie­le und sicher auch vie­le, von denen wir nichts wis­sen, die wir aber ger­ne ken­nen­ler­nen wür­den.

Wir selbst haben vor einem hal­ben Jahr in einem Stadt­teil in Bre­men mit unse­rer loka­len Pra­xis begon­nen, die wir etwas groß­spu­rig als revo­lu­tio­nä­re Stadt­teil­pra­xis bezeich­nen. Wir machen das mit einem etwas grö­ße­ren Zusam­men­hang, der sich nach der Ver­öf­fent­li­chung der The­sen gefun­den hat. Unser Ziel ist zum einen der Auf­bau einer kämp­fe­ri­schen Struk­tur inner­halb des Stadt­teils im Sin­ne einer Stadt­teil­ge­werk­schaft oder eines Soli­da­ri­ty Net­works, die auf gegen­sei­ti­ger Soli­da­ri­tät basiert und von der aus kol­lek­ti­ve Kämp­fe gegen unter­schied­li­che Angrif­fe im All­tags­le­ben geführt wer­den kön­nen – etwa nach einer Kün­di­gung von Leih­ar­beits­fir­ma, nach Leis­tungs­kür­zun­gen vom Amt, Miet­erhö­hun­gen oder ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt.

Auf der ande­ren Sei­te wol­len wir über sozia­le und kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten Räu­me schaf­fen, in denen Nachbar_innen sich tref­fen und in Dis­kus­si­on kom­men und poli­ti­sche Bil­dung statt­fin­den kann. Wir wol­len eine leben­di­ge, wider­stän­di­ge Pra­xis und zugleich eine poli­ti­sche Atmo­sphä­re schaf­fen – eine revo­lu­tio­nä­re Gegen­kul­tur gegen Indi­vi­dua­li­sie­rung, Ent­po­li­ti­sie­rung und Spal­tun­gen.

Ange­fan­gen haben wir mit regel­mä­ßi­gen Umfra­gen auf den Stra­ßen, um die Lebens­rea­li­tät, Pro­ble­me und Per­spek­ti­ven bes­ser ken­nen zu ler­nen. Auch heu­te sind wir noch viel auf den Stra­ßen unter­wegs, reden mit Leu­ten und ver­tei­len Fly­er. Außer­dem orga­ni­sie­ren wir regel­mä­ßig Film­aben­de auf öffent­li­chen Plät­zen, machen alle zwei Wochen ein offe­nes Café und ein Tref­fen, das für uns der Kern der zukünf­ti­gen Stadt­teil­ge­werk­schaft ist. Wir ver­su­chen, prä­sent zu sein und Leu­te sowohl über kon­kre­te mate­ri­el­le Bedürf­nis­se anzu­spre­chen als auch die­je­ni­gen zu fin­den, die uns poli­tisch nahe sind und ähn­li­che Ide­en tei­len.

Aber wir sind noch total am Anfang. Wie das läuft und ob wir damit Erfolg haben, wird sich zei­gen. Aber eines ist klar: In den heu­ti­gen gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen, der Ver­ein­ze­lung, Ent­frem­dung und Ent­po­li­ti­sie­rung ist die­se Pra­xis kei­ne kurz­fris­ti­ge Ange­le­gen­heit. Wir wer­den einen lan­gen Atem brau­chen.

KL Wie ist die Debat­te um eure The­sen in den Mona­ten nach Ver­öf­fent­li­chung gelau­fen? Wel­che Kri­tik gab es, wel­che kon­struk­ti­ven Debat­ten? Wie denkt ihr eure Ide­en wei­ter?

kol­lek­tiv! Nach der Ver­öf­fent­li­chung der The­sen haben wir unglaub­lich vie­le posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen bekom­men und vie­le Dis­kus­sio­nen mit unter­schied­lichs­ten Grup­pen geführt. Das war für uns sehr wich­tig, um uns theo­re­tisch aber auch prak­tisch wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Gleich­zei­tig hat es uns gezeigt, dass wir mit unse­ren Fra­gen nicht allei­ne ste­hen, son­dern es einen brei­te­ren Such­pro­zess inner­halb der radi­ka­len Lin­ken in der BRD (und dar­über hin­aus) gibt. Das ist genau der Grund war­um die The­sen so viel Auf­merk­sam­keit bekom­men haben.

Kri­tik gab es natür­lich auch, sowohl inhalt­lich als auch an der Form. Neben der Tat­sa­che, dass die The­sen teil­wei­se für zu lang und abs­trakt gehal­ten wur­den, gab es die Kri­tik, dass die The­sen kei­ne neu­en Über­le­gun­gen ent­hal­ten und dass sie kei­ne kon­kre­ten Alter­na­ti­ven for­mu­lie­ren wür­den. Eini­ge haben in den The­sen leni­nis­ti­sche Aspek­te ver­mu­tet und kri­ti­siert, ande­re fan­den sie zu anar­chis­tisch beein­flusst. Auch wur­de uns − wie schon gesagt − vor­ge­wor­fen, dass unse­re Ansät­ze mani­pu­lie­rend und instru­men­ta­li­sie­rend sei­en, was uns mit tra­di­tio­nel­len kom­mu­nis­ti­schen Ansät­zen ver­bin­den wür­de. Teil­wei­se gab es die Reak­ti­on, dass links­ra­di­ka­le Poli­tik nicht in einer Sack­gas­se sei, die Kri­tik an Sub­kul­tur und Sze­ne­po­li­tik nicht nach­voll­zo­gen wer­den kön­ne und eine Tren­nung von der Gesell­schaft auch für not­wen­dig emp­fun­den wer­de. Eini­ge fan­den die Zusam­men­ar­beit mit Par­tei­en, Gewerk­schaf­ten und Zivil­ge­sell­schaft not­wen­dig und hilf­reich und unse­re Abgren­zung an die­sem Punkt nicht gut. Und es gab auch eini­ge Kri­tik von femi­nis­ti­scher Sei­te, weil unse­re The­sen die Rol­le des Patri­ar­chats und damit femi­nis­ti­scher Kämp­fe nicht aus­rei­chend betont haben.

Eini­ge Kri­ti­ken (aber auch eini­ge posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen) basie­ren unse­rer Ansicht nach auf einem fal­schen Ver­ständ­nis des­sen, was wir eigent­lich aus­drü­cken woll­ten. Ande­re sind sehr tref­fend und haben uns gehol­fen, Lücken oder bestimm­te Aspek­te zu hin­ter­fra­gen oder wei­ter zu ent­wi­ckeln. Was uns sehr hoff­nungs­voll stimmt ist, dass es inner­halb der links­ra­di­ka­len Sze­ne momen­tan ein gro­ßes Bedürf­nis an einer ernst­haf­ten und respekt­vol­len inhalt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung und Dis­kus­si­on um Stra­te­gi­en und Pra­xen gibt und auch eini­ge Ver­su­che der prak­ti­schen Umset­zung. Wie sich die­ser Pro­zess ent­wi­ckelt, wer­den wir sehen. Fra­gend schrei­ten wir vor­an.

 

das gesam­te Inter­view ist zuerst erschie­nen auf: kritisch-lesen.de
Teil 1 des Inter­views fin­det ihr hier auf oldenburger-rundschau.de

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