Interview mit kollektiv! aus Bremen: »Es gibt keine Abkürzung der Revolution« (Teil 1)

Ihre 11 The­sen zu links­ra­di­ka­ler Poli­tik sorg­ten ver­gan­ge­nes Jahr für Auf­se­hen. Wie die Debat­te wei­ter­ging und wie ihr revo­lu­tio­nä­rer Ansatz kon­kret aus­sieht, erklä­ren kol­lek­tiv! aus Bre­men im Gespräch.

kritisch-lesen.de Im Mai 2016 habt ihr die »11 The­sen über Kri­tik an links­ra­di­ka­ler Poli­tik, Orga­ni­sie­rung und revo­lu­tio­nä­re Pra­xis« ver­öf­fent­licht und zur Debat­te gestellt. Was hat Euch dazu moti­viert?

kol­lek­tiv! Bre­men Ende 2014 hat sich in Bre­men auf­grund der Angrif­fe des IS auf die kur­di­schen Gebie­te in Nord­sy­ri­en, wie in vie­len ande­ren Städ­ten auch, ein Soli­da­ri­täts­ko­mi­tee gegrün­det. Das Beson­de­re an die­sem Soli­ko­mi­tee war die Zusam­men­set­zung. An den Tref­fen haben sich Genoss_innen der tür­ki­schen, kur­di­schen, ira­ni­schen und deut­schen Lin­ken betei­ligt – Men­schen, die seit vie­len Jah­ren in der­sel­ben Stadt lin­ke Poli­tik machen, sich aber nicht wirk­lich ken­nen. Eini­ge Genoss_innen aus dem Soli­ko­mi­tee hat zuneh­mend die Fra­ge beschäf­tigt, wie ein »akti­ver« Inter­na­tio­na­lis­mus über die »pas­si­ve« Orga­ni­sie­rung von Soli­ak­tio­nen hin­aus aus­se­hen kann und was wir von den dor­ti­gen Ereig­nis­sen für die Ent­wick­lung einer revo­lu­tio­nä­ren Pra­xis hier ler­nen kön­nen.

Damals haben wir ange­fan­gen, uns in einem klei­ne­ren Kreis zu tref­fen und vie­le Stun­den dis­ku­tiert. Wir spra­chen über unse­re poli­ti­schen Erfah­run­gen, ana­ly­sier­ten die aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen, kri­ti­sier­ten unse­re bis­he­ri­ge Pra­xis und Per­spek­ti­ven. Nach einem Jahr kon­ti­nu­ier­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung haben wir beschlos­sen, einen Schritt wei­ter zu gehen und als gemein­sa­mer Zusam­men­hang auch eine poli­ti­sche Pra­xis zu ent­wi­ckeln.

Gleich­zei­tig war uns klar, dass die Fra­gen, die uns bewe­gen, kei­ne Fra­gen sind, die eine Grup­pe allei­ne beant­wor­ten kann und dass es für eine grund­le­gen­de Neu­aus­rich­tung der Pra­xis eine brei­te­re Dis­kus­si­on inner­halb der lin­ken Bewe­gung braucht. Wir haben des­halb ent­schie­den, unse­re Dis­kus­sio­nen in einem Text zusam­men­zu­fas­sen. Die The­sen waren für uns ein Mit­tel, um nach außen zu tre­ten und mit ande­ren Grup­pen in Kon­takt zu kom­men.

KL Ihr sprecht von der Not­wen­dig­keit einer »Neu­aus­rich­tung links­ra­di­ka­ler Poli­tik«. Was ist Eure Kri­tik an links­ra­di­ka­ler Poli­tik und was euer Anspruch an revo­lu­tio­nä­re Pra­xis?

kol­lek­tiv! Wir sehen links­ra­di­ka­le Poli­tik in einer Kri­se oder, so könn­te man es auch sagen, in einer Sack­gas­se. Das hat neben vie­len gesell­schaft­li­chen Fak­to­ren auch etwas mit der stra­te­gi­schen Schwer­punkt­set­zung zu tun. Unse­re Kri­tik bedeu­tet nicht, dass wir alles an der radi­ka­len Lin­ken oder die Bedeu­tung der gemach­ten Erfah­run­gen und des Wis­sens kom­plett ableh­nen. Aber wir den­ken, dass die bestehen­den gesell­schaft­li­chen Poten­zia­le mit der jet­zi­gen Poli­tik der radi­ka­len Lin­ken nicht aus­rei­chend genutzt wer­den.

Eine Kri­tik ist, dass sich radi­ka­le Lin­ke meist außer­halb der Gesell­schaft ver­or­ten, die­se ableh­nen oder sich expli­zit von ihr abgren­zen. Das führt zu einem Rück­zug in Sze­ne­po­li­tik und Sub­kul­tur. Die Fol­gen sind Abwehr­kämp­fe auf der einen und der Ver­lust einer gesell­schaft­li­chen Ver­an­ke­rung auf der ande­ren Sei­te. Sze­ne­po­li­tik und Sub­kul­tur sind hilf­reich, um (»Frei-«)Räume zu schaf­fen, in denen die eige­ne Iden­ti­tät aus­ge­lebt, ver­tei­digt und poli­ti­sche Bil­dung orga­ni­siert wer­den kann. Aber sie sind kein aus­rei­chen­des Mit­tel zur Gesell­schafts­ver­än­de­rung. Denn eine eman­zi­pa­ti­ve Gesell­schafts­ver­än­de­rung kann nur denk­bar sein als ein Pro­zess, der von einer brei­ten gesell­schaft­li­chen Bewe­gung getra­gen wird. Des­halb kann revo­lu­tio­nä­re Poli­tik nur inner­halb der Gesell­schaft statt­fin­den und muss offen­siv sein.

Eine wich­ti­ge Fra­ge ist, ob »die« radi­ka­le Lin­ke über­haupt von der tat­säch­li­chen Mög­lich­keit einer grund­le­gen­den Über­win­dung die­ser Ver­hält­nis­se aus­geht. Wir den­ken, die­se Per­spek­ti­ve und Hoff­nung ist weit­ge­hend ver­lo­ren gegan­gen, was die poli­ti­schen Ansät­ze der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te deut­lich machen. Im Vor­der­grund ste­hen refor­mis­ti­sche Poli­tik­an­sät­ze, die auf abs­trak­ter Ebe­ne anset­zen und sich im Rah­men der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie bewe­gen. So gibt es Ver­su­che, in den bür­ger­li­chen Dis­kurs zu inter­ve­nie­ren und eine kri­ti­sche Zivil­ge­sell­schaft zu schaf­fen. Es gibt Mobi­li­sie­run­gen zu ein­zel­nen Events oder iden­ti­täts­po­li­ti­sche Ansät­ze, die ver­su­chen, unter­drück­te Posi­tio­nen inner­halb des Sys­tems sicht­ba­rer zu machen und zu stär­ken. Die­se poli­ti­schen Pra­xen haben sicher dazu bei­getra­gen, dass sich Dis­kur­se (und auch die kon­kre­te Situa­ti­on) in bestimm­ten Berei­chen der Gesell­schaft ver­än­dert und auch ver­bes­sert haben. Sie wer­den aber außer­halb des bür­ger­li­chen Spek­trums kaum im all­täg­li­chen Leben der­je­ni­gen sicht- und spür­bar, die von die­sen Ver­hält­nis­sen am meis­ten unter­drückt wer­den. Und sie set­zen auf eine Ver­än­de­rung der Dis­kur­se und Macht­ver­hält­nis­se von oben und nicht auf eine revo­lu­tio­nä­re Ver­än­de­rung von unten. Es gibt unse­rer Ansicht nach aber kei­ne Abkür­zung der Revo­lu­ti­on.

Eine grund­le­gen­de gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung kann nur durch kon­kre­te Ver­än­de­run­gen von Struk­tu­ren und Erfah­run­gen im All­tags­le­ben statt­fin­den. Die Ent­schei­dung für eher bür­ger­li­che Poli­tik­an­sät­ze hat sicher auch mit der Ableh­nung bezie­hungs­wei­se Angst vor der Gesell­schaft zu tun. Die­se führt dazu, dass die radi­ka­le Lin­ke etwa im Kampf gegen Faschis­mus eher mit dem Staat und der Sozi­al­de­mo­kra­tie lieb­äu­gelt und Bünd­nis­se ein­geht, als eine radi­ka­le Poli­tik von unten zu füh­ren. Die Fol­gen die­ser Abwe­sen­heit zeigt sich in ärme­ren Stadt­tei­len, wo in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aus­schließ­lich der Staat (Quar­tiers­ma­nage­ment, Sozi­al­ar­beit, Demo­kra­tie­pro­gram­me) sowie Faschist_innen (deut­sche, tür­ki­sche und ande­re) und reli­giö­se Fundamentalist_innen Basis­ar­beit gemacht haben und dar­in sehr erfolg­reich waren.

Ein wei­te­rer Kri­tik­punkt bezieht sich auf die Spal­tun­gen und weit ver­brei­te­te Orga­ni­sie­rungs­feind­lich­keit inner­halb der radi­ka­len Lin­ken. Wenn über die Not­wen­dig­keit einer revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sie­rung gespro­chen wird, dann löst das meist Abwehr­re­fle­xe sowie den Vor­wurf des Auto­ri­ta­ris­mus aus. Das hat unse­rer Mei­nung nach unter ande­rem mit einem feh­len­den Wis­sen über anti­au­to­ri­tä­re Orga­ni­sie­rungs­an­sät­ze zu tun und mit einer Ver­brei­tung von theo­re­ti­schen Ansät­zen, die die Spon­ta­nei­tät der Mas­sen, Iden­ti­täts- oder Mikro­po­li­tik beto­nen. Für uns ist Orga­ni­siert­heit eine Grund­la­ge revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik. Das herr­schen­de Sys­tem ist in sei­ner Unter­drü­ckungs- und Herr­schafts­wei­se hoch orga­ni­siert und ver­stärkt dar­über hin­aus die Indi­vi­dua­li­sie­rung und Ent­po­li­ti­sie­rung inner­halb der Gesell­schaft. Gleich­zei­tig gibt es ande­re gesell­schaft­li­che Kräf­te wie Faschist_innen oder reli­giö­se Fundamentalist_innen, die ihrer­seits orga­ni­siert vor­ge­hen. Es ist daher wider­sprüch­lich, gegen das Sys­tem kämp­fen zu wol­len, Orga­ni­sie­rung aber abzu­leh­nen. Die Fra­ge, die wir als revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung viel­mehr in einem kol­lek­ti­ven Pro­zess klä­ren müs­sen, ist, wel­che Form der Orga­ni­sie­rung in der heu­ti­gen Zeit not­wen­dig ist und wie das Ver­hält­nis zwi­schen Orga­ni­sier­ten und (noch) Nicht-Orga­ni­sier­ten eman­zi­pa­to­risch und trans­pa­rent gestal­tet wer­den kann.

KL Wel­che Fak­to­ren haben eurer Mei­nung nach dazu bei­getra­gen, revo­lu­tio­nä­re Pra­xis in der Ver­gan­gen­heit in den Hin­ter­grund zu drän­gen?

kol­lek­tiv! His­to­risch gese­hen gibt es ver­schie­de­ne, inein­an­der ver­wo­be­ne Fak­to­ren, die zu einer Kri­se revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik bei­getra­gen haben. Etwas ver­kürzt kön­nen wir hier fol­gen­de nen­nen, die unse­rer Mei­nung nach eine wich­ti­ge Rol­le gespielt haben: Die Nie­der­la­ge der lin­ken Bewe­gun­gen welt­weit ab Ende der 1970er Jah­re hat zu einer gro­ßen Ent­täu­schung und Hoff­nungs­lo­sig­keit unter Lin­ken geführt. Dazu gehö­ren sowohl der Nie­der­gang der dama­li­gen sozia­lis­ti­schen Ver­su­che als auch die sys­te­ma­ti­sche Zer­schla­gung lin­ker Bewe­gun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen in vie­len Län­dern der Welt. Bei vie­len, die aktiv geblie­ben sind, hat dies zu einem Bruch mit orga­ni­sier­ten Kämp­fen und kom­mu­nis­ti­schen Ansät­zen bei­getra­gen – natür­lich auch als Reak­ti­on auf die (teil­wei­se gro­ßen) Feh­ler, Defi­zi­te und fal­schen Ansät­ze der dama­li­gen sozia­lis­ti­schen Pro­jek­te. Eine Fol­ge war, dass inner­halb lin­ker Ten­den­zen in West­eu­ro­pa, die­je­ni­gen mehr an Gewicht bekom­men haben, die sich inhalt­lich sowie his­to­risch von kom­mu­nis­ti­schen Ansät­zen abge­grenzt haben. In der BRD zeigt sich dies in der Ent­ste­hung und Aus­brei­tung der Spon­ti-Bewe­gung, die aus der 68er-Bewe­gung ent­stand, mit die­ser aber auch expli­zit gebro­chen hat.

Par­al­lel dazu haben sich auch neue theo­re­ti­sche Denk­wei­sen ent­wi­ckelt, wie post­mo­der­ne und post­struk­tu­ra­lis­ti­sche Ansät­ze, die sich in der links­ra­di­ka­len Bewe­gung schnell aus­ge­brei­tet haben und als dis­kur­si­ver Ersatz für kom­mu­nis­ti­sche Ansät­ze auf­ge­nom­men und ver­in­ner­licht wur­den.

Hin­zu kommt, dass der Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on und der Sie­ges­zug des Kapi­ta­lis­mus gesell­schaft­lich zu einer umfas­sen­den Ver­in­ner­li­chung kapi­ta­lis­ti­scher und neo­li­be­ra­ler Denk­wei­sen geführt hat. Das hat sowohl den Raum für revo­lu­tio­nä­re Poli­tik inner­halb der Gesell­schaft ver­rin­gert als auch natio­na­lis­ti­sche Ansät­ze gestärkt. In die­ser Situa­ti­on sind Abwehr­kämp­fe in den Mit­tel­punkt links­ra­di­ka­ler Poli­tik gerückt (zum Bei­spiel die Anti­fa-Bewe­gung) und der Kampf gegen die Gesell­schaft hat den Kampf gegen das Sys­tem ersetzt, was sich theo­re­tisch am deut­lichs­ten in den Ansät­zen der Anti­deut­schen wider­ge­spie­gelt hat. Als Reak­ti­on auf die Feh­ler von revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gun­gen und Pro­jek­ten in der Ver­gan­gen­heit und die gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen hat die radi­ka­le Lin­ke in der BRD die Ver­bin­dung zu ihren revo­lu­tio­nä­ren Wur­zeln und Tra­di­tio­nen gekappt.

KL Der Begriff der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on ist in den The­sen zen­tral. Was ver­steht ihr unter Selbst- bzw. Basis­or­ga­ni­sa­ti­on? Ihr ver­wen­det zum Bei­spiel den Begriff der »wider­stän­di­gen Infra­struk­tur«, wie kann die­se aus­se­hen?

kol­lek­tiv! Wir haben in den ver­gan­ge­nen andert­halb Jah­ren, seit wir die The­sen ver­öf­fent­licht haben, die Erfah­rung gemacht, dass der Begriff der Selbst­or­ga­ni­sie­rung sehr weit ist und sehr unter­schied­lich ver­stan­den wer­den kann. Dif­fe­ren­zen gibt es dabei nicht so sehr in den lang­fris­ti­gen Zie­len, also der Über­zeu­gung, dass eine eman­zi­pa­to­ri­sche Gesell­schaft maxi­mal dezen­tral und selbst­or­ga­ni­siert sein muss und nicht von oben regiert wer­den kann.

Die Unter­schie­de haben eher mit der Fra­ge zu tun, wer das Sub­jekt der Selbst­or­ga­ni­sie­rung ist und wel­che Rol­le revo­lu­tio­nä­re Kräf­te im Pro­zess der Gesell­schafts­ver­än­de­rung spie­len: Geht es uns bei Selbst­or­ga­ni­sie­rung im Wesent­li­chen dar­um, selbst­or­ga­ni­sier­te links­ra­di­ka­le Infra­struk­tur zu schaf­fen und zu ver­tei­di­gen (besetz­te Häu­ser, auto­no­me Zen­tren, lin­ke Kol­lek­ti­ve)? Oder geht es uns dar­um, Struk­tu­ren der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on zu schaf­fen, in denen wir uns als Betrof­fe­ne in Bezug auf unse­re jeweils eige­nen All­tags­pro­ble­me orga­ni­sie­ren (als Arbeits­lo­se, als Arbeiter_innen, in Miet­kämp­fen)? Oder geht es um den Auf­bau selbst­or­ga­ni­sier­ter Infra­struk­tur im eige­nen All­tag (soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft, alter­na­ti­ve Kli­ni­ken, Kom­mu­nen)? Oder geht es uns um die Schaf­fung von Struk­tu­ren und poli­ti­schen Pra­xen, die neben einer Orga­ni­sie­rung von uns selbst dar­auf aus­ge­rich­tet sind, für brei­te Tei­le der unter­drück­ten Gesell­schaft rele­vant zu wer­den?

Natür­lich müs­sen die Stra­te­gi­en nicht kom­plett gegen­ein­an­der ste­hen, son­dern kön­nen sich auch ergän­zen. Es ist also eine Fra­ge der Schwer­punkt­set­zung in den stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen und Pra­xen. Unse­re eige­ne Pra­xis ori­en­tiert sich am letz­ten Ver­ständ­nis von Selbst­or­ga­ni­sie­rung. Das heißt, wenn wir vom Auf­bau »wider­stän­di­ger Struk­tu­ren« spre­chen, dann mei­nen wir damit Struk­tu­ren, die sich an den Bedürf­nis­sen der Mehr­heit der Gesell­schaft ori­en­tie­ren, das Ent­ste­hen und Füh­ren von Kämp­fen ermög­li­chen und einen gemein­sa­men Pro­zess der Poli­ti­sie­rung. Letz­te­rer ist für uns zen­tral, um über eine klein­tei­li­ge und loka­le Pra­xis hin­aus eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Per­spek­ti­ve und ein Ver­ständ­nis über die gemein­sa­men Ursa­chen ver­schie­de­ner Kämp­fe zu ent­wi­ckeln.

KL Wer ist also das Sub­jekt der Selbst­or­ga­ni­sie­rung? Seid ihr der Mei­nung, dass Kämp­fe nur aus Betrof­fen­hei­ten in jewei­li­gen Inter­es­sens­kon­flik­ten her­aus statt­fin­den kön­nen (»die eige­ne Situa­ti­on«) oder kann es auch eine soli­da­ri­sche gemein­sa­me Pra­xis von »Betrof­fe­nen« und »Nicht-Betrof­fe­nen« geben?

kol­lek­tiv! Das Sub­jekt der Selbst­or­ga­ni­sie­rung sind für uns nicht nur radi­ka­le Lin­ke, son­dern ein Groß­teil der­je­ni­gen, die von den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen unter­drückt wer­den. Wir als radi­ka­le Lin­ke sind Teil der Gesell­schaft und wer­den von die­sem Sys­tem unter­drückt, sind also betrof­fen. Betrof­fen­heit ist jedoch etwas Viel­fäl­ti­ges, nicht alle wer­den gleich­zei­tig von allen Mecha­nis­men direkt unter­drückt. Und auch kri­ti­sche Denk­wei­sen über die gesell­schaft­li­chen Ursa­chen die­ser Mecha­nis­men sind nicht gleich ver­teilt. Wir könn­ten es so for­mu­lie­ren: Revolutionär_innen hat­ten in ihrem Leben »das Pri­vi­leg« oder irgend­wann die Chan­ce, ein poli­ti­sches Bewusst­sein und kri­ti­sche Denk­wei­sen zu ent­wi­ckeln und dadurch auch die Moti­va­ti­on die­se Ver­hält­nis­se zu ver­än­dern. Die­se Mög­lich­keit, die eige­ne Sub­jek­ti­vi­tät zu ent­wi­ckeln, ist in der aktu­el­len Gesell­schaft sehr ungleich ver­teilt. Inso­fern geht es uns bei der Ent­wick­lung unse­rer Pra­xis um die Fra­ge, wie man die­se Lücke über­brü­cken kann.

Eine der Kri­ti­ken, die wir häu­fig hören, ist, dass Basis­ar­beit und jeder Ver­such, Men­schen zu »poli­ti­sie­ren« oder zu »orga­ni­sie­ren« per se auto­ri­tär, mani­pu­lie­rend oder instru­men­ta­li­sie­rend sei. In die­ser Logik bleibt nur noch die Mög­lich­keit, sich als Betrof­fe­ne selbst zu orga­ni­sie­ren und zu hof­fen, dass sich ande­re auch irgend­wann orga­ni­sie­ren oder spon­tan eman­zi­pa­ti­ve Erhe­bun­gen auf­tau­chen. Wir tei­len die­se Auf­fas­sung nicht. Wir sind (auch wenn unter­schied­lich) betrof­fen und haben als Revolutionär_innen ein kon­kre­tes Inter­es­se dar­an, die­se Ver­hält­nis­se zu über­win­den. Das kön­nen wir nicht allei­ne. Des­halb geht es uns dar­um, Pra­xen zu ent­wi­ckeln, die mehr Men­schen die Mög­lich­keit geben, sich kri­ti­sche Denk­wei­sen und kol­lek­ti­ve wider­stän­di­ge Pra­xen anzu­eig­nen, sich aus ihrer Ohn­macht zu befrei­en und ihre Sub­jek­ti­vi­tät zu ent­wi­ckeln. Ein Bei­spiel dafür kommt von uns selbst: Genoss_innen von uns aus der Tür­kei haben sich poli­ti­siert, weil damals Revolutionär_innen in ihren Stadt­teil gekom­men sind und Jugend­ar­beit gemacht haben.

In einer Situa­ti­on, in der das herr­schen­de Sys­tem hege­mo­ni­al ist und aktiv ver­sucht, jeden Fun­ken Wider­stän­dig­keit in jedem Bereich des Lebens sys­te­ma­tisch zu bre­chen oder in ande­re Bah­nen zu len­ken und auf der ande­ren Sei­te reak­tio­nä­re Kräf­te ste­hen, die ihrer­seits die Unzu­frie­den­heit und Aus­beu­tung von Leu­ten ideo­lo­gisch für sich nut­zen, rei­chen Ansät­ze der ers­ten Per­son nicht aus. Es braucht daher eine revo­lu­tio­nä­re Orga­ni­sie­rung, die in der Lage ist, an vie­len unter­schied­li­chen Orten eine Poli­tik von unten zu ent­fal­ten, die am All­tag anknüpft und auch poli­ti­sche Bil­dung beinhal­tet. Revolutionär_innen agie­ren dar­in als Betrof­fe­ne und Initia­tiv­kräf­te zugleich. Wenn es um die Fra­ge von Instru­men­ta­li­sie­rung und Mani­pu­la­ti­on geht, dann ist unse­rer Mei­nung nach eher wich­tig, wie das Ver­hält­nis zwi­schen den­je­ni­gen gestal­tet wer­den kann, die schon jetzt die Moti­va­ti­on haben, gegen die Ver­hält­nis­se zu kämp­fen und den­je­ni­gen, die die­se Moti­va­ti­on noch nicht haben, allei­ne kämp­fen oder die Grün­de für ihre Mise­re in natio­na­lis­ti­schen bis ras­sis­ti­schen Erklä­rungs­ver­su­chen suchen. Wir den­ken, es ist mög­lich, eine Pra­xis zu ent­wi­ckeln, die auf Augen­hö­he statt­fin­det und dar­um weiß, dass es ein gegen­sei­ti­ger Lern­pro­zess ist.

Es gibt aktu­ell aber auch his­to­risch vie­le Erfah­run­gen, die zei­gen, dass ein kon­struk­ti­ver gemein­sa­mer Kampf mög­lich ist, wie zum Bei­spiel in Bra­si­li­en, Argen­ti­ni­en, Chia­pas, Kur­di­stan aber auch Orga­ni­sie­rungs-Model­le gegen­sei­ti­ger Soli­da­ri­tät auf loka­ler Ebe­ne zwi­schen Men­schen, die von unter­schied­li­chen Aspek­ten des Sys­tems unter­drückt wer­den, wie zum Bei­spiel die Soli­da­ri­ty Net­works oder Stadt­teil­ge­werk­schaf­ten.

das gesam­te Inter­view ist zuerst erschie­nen auf: kritisch-lesen.de

 

der zwei­te Teil wird in Kür­ze von uns wie­der­ver­öf­fent­licht