Revolte statt Quartiersmanagement! Eine Buchvorstellung

»Trotz gegen­tei­li­ger Absicht fällt es Stadt­teil- und Erwerbs­lo­sen­in­itia­ti­ven, auto­no­men Grup­pen, Haus­pro­jek­ten oder lin­ken sozia­len Zen­tren schwer, Men­schen jen­seits sub­kul­tu­rel­ler oder aka­de­mi­scher Krei­se anzu­spre­chen« (S. 9). Mit die­ser Aus­sa­ge ist eines der Pro­ble­me gegen­wär­ti­ger lin­ker Poli­tik auf den Punkt gebracht. Sie ist ange­sichts der um sich grei­fen­den Neu­for­mie­rung der Rech­ten beson­ders bri­sant und für eman­zi­pa­to­ri­sche Poli­tik stellt sich die Fra­ge, wie sie sich orga­ni­sie­ren kann. Stadt­teil- und Nach­bar­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on ist dafür ein Ansatz. Robert Marusch­kes 2014 erschie­ne­ner Band beschäf­tigt sich mit die­ser aus einer herr­schafts­kri­ti­schen Per­spek­ti­ve.

Selbstorganisation: Neoliberale Ausgangspunkte…

Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, Com­mu­ni­ty, Orga­ni­zing oder Betei­li­gung sind Schlag­wor­te, die sowohl in lin­ken Debat­ten Ver­wen­dung fin­den, sich aber auch in regie­rungs­of­fi­zi­el­len Pla­nungs­pa­pie­ren und Ver­öf­fent­li­chun­gen pri­va­ter Think-Tanks lesen las­sen. Marusch­ke hat daher das Anlie­gen, die Spreu vom Wei­zen zu tren­nen. Ein Ziel sei­ner Arbeit ist es, zu ver­deut­li­chen, dass die in der Orga­ni­zing-Debat­te vor­herr­schen­de Bezug­nah­me auf Saul Alin­sky »stra­te­gisch […] kon­tra­pro­duk­tiv« (S. 10) und statt­des­sen eine »kri­ti­sche Distanz zu libe­ra­len Ansät­zen des Com­mu­ni­ty Orga­ni­zings« (S. 10) nötig sei. Er illus­triert das nach­voll­zieh­bar sowohl an der Geschich­te der von Alin­sky gegrün­de­ten libe­ra­len Orga­ni­sa­tio­nen in den USA (wie dem Back of the Yards Neigh­bor­hood Coun­cil oder der Wood­lawn Orga­ni­za­ti­on) als auch mit sei­ner exem­pla­ri­schen Ana­ly­se der Bür­ger­platt­form der Ber­li­ner Stadt­tei­le Wedding/Moabit. Letz­te­re betrie­ben zwar durch­aus par­ti­zi­pa­ti­ve Basis­ar­beit, räum­ten der Koope­ra­ti­on mit städ­ti­schen Behör­den und Unter­neh­men letz­ten Endes aber doch Vor­rang vor wirk­lich eman­zi­pa­to­ri­scher Poli­tik ein. Dem­entspre­chend auch Marusch­kes ver­nich­ten­des Urteil über die mit etli­chen Fir­men (unter ande­rem dem Phar­ma­kon­zern Bay­er Sche­ring) ver­knüpf­te Bür­ger­platt­form Wed­ding: Sie »ver­wei­gert den Blick auf die Ursa­chen von Armut und Ver­drän­gung« (S. 78) und kom­me »pri­mär der Mit­tel­schicht zugu­te. Ein­kom­mens­ar­me Bewohner_innen hin­ge­gen lei­den unter der poli­ti­schen Pra­xis der Bürgerplattform«(S. 79).

Die Bür­ger­platt­form wird damit zum Para­de­bei­spiel neo­li­be­ra­len Com­mu­ni­ty Orga­ni­zings, das sich – stell­ver­tre­tend auch für ande­re Bewe­gun­gen – an vier Kern­merk­ma­len fest­ma­chen lässt:

»Das Feh­len einer struk­tu­rel­len Gesell­schafts­kri­tik, die klein­tei­li­ge Pro­jekt­ar­beit, die Ent­wick­lung neo­li­be­ra­ler Kon­troll- und Aus­gren­zungs­stra­te­gi­en im Namen der All­ge­mein­heit und die Legi­ti­ma­ti­on neo­li­be­ra­ler Pro­gram­me durch neue Betei­li­gungs­for­men« (S. 77).

Statt tat­säch­lich Ver­bes­se­run­gen für alle zu brin­gen, betrei­be und legi­ti­mie­re die Bür­ger­platt­form den »urba­nen Klas­sen­kampf gegen die ein­kom­mens­schwa­che Bevöl­ke­rung Wed­dings« (S. 77). Wirk­lich eman­zi­pa­to­ri­sche Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on sieht anders aus: Anstatt sich am Sing­sang des libe­ra­len »Par­ti­zi­pa­ti­ons­zir­kus« (S. 67) zu betei­li­gen, müss­te sich eine (tat­säch­lich) kri­ti­sche poli­ti­sche Stra­te­gie an der revo­lu­tio­nä­ren bezie­hungs­wei­se trans­for­ma­ti­ven Tra­di­ti­ons­li­nie des Com­mu­ni­ty Orga­ni­zing ori­en­tie­ren.

…und revolutionäre Gegenentwürfe

dun­can c / CC BY-NC-ND 2.0

Dem­entspre­chend habe, so Marusch­ke, die poli­ti­sche Basis­ar­beit das »Herz­stück« (S. 60) trans­for­ma­ti­ven Com­mu­ni­ty Orga­ni­zings zu sein. Ziel sei es, »mög­lichst vie­le Nachbar_innen in die eige­ne Arbeit ein­zu­bin­den« (S. 60). Jedoch sol­le sich dabei nicht auf alle Nachbar_innen kon­zen­triert wer­den: Der Fokus habe auf den Men­schen zu lie­gen, »die am stärks­ten unter den Ver­hält­nis­sen lei­den, also ein­kom­mens­ar­men Men­schen, Peop­le of Color, Migrant_innen, Allein­er­zie­hen­den etc« (S. 61). Schon die Rede vom »Ein­bin­den der Nachbar_innen in die eige­ne Arbeit« macht dabei auf ein Pro­blem auf­merk­sam, das Marusch­ke umgeht, das aber zen­tral für die Fra­ge von poli­ti­scher Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on im Kon­text von Com­mu­ni­ty Orga­ni­zing ist: Denn heißt Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on nicht, dass sich die­je­ni­gen selbst orga­ni­sie­ren, die ein gemein­sa­mes Anlie­gen tei­len? Der Akzent bei Com­mu­ni­ty Orga­ni­zing aber ist ein etwas ande­rer: Eine Grup­pe hat ein Anlie­gen und will ande­re – die ver­meint­lich das­sel­be Anlie­gen haben – ein­bin­den. Ob »Ande­re« die­ses Anlie­gen auch tei­len wol­len oder ob sie zur Grup­pe gehö­ren (dür­fen, wol­len) steht nicht zu Debat­te. So wohl­tu­end es ist, dass sich Marusch­ke hier von zuwei­len über­hand­neh­men­den iden­ti­täts­po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen fern­hält, sind die­se doch gegen­wär­tig ein The­ma, um das sich auch Dis­kus­sio­nen um Com­mu­ni­ty Orga­ni­zing nicht drü­cken kön­nen. Auf der ande­ren Sei­te hat er völ­lig Recht damit, dass sich ein revo­lu­tio­nä­res Orga­ni­zing nicht an den Inter­es­sen einer wei­ßen Mit­tel­schicht ori­en­tie­ren kann.

Die etwas grob­schläch­ti­ge Gegen­über­stel­lung libe­ra­len und revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­zings rela­ti­viert Marusch­ke an etli­chen Stel­len. Vor allem betont er immer wie­der das Ver­dienst Saul Alin­skys, kon­fron­ta­ti­ven For­men poli­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung zu öffent­li­cher Aner­ken­nung ver­hol­fen zu haben. Jen­seits davon aber ver­wirft er die Metho­den libe­ra­len Orga­ni­zings zuguns­ten des­sen, was er revo­lu­tio­nä­res Orga­ni­zing nennt. Die­ses lässt sich wie­der­um – spie­gel­bild­lich zum Pen­dant des neo­li­be­ra­len Orga­ni­zings – anhand von vier Kri­te­ri­en bestim­men:

»Eine kri­ti­sche Ana­ly­se und grund­sätz­li­che Oppo­si­ti­on gegen die gesell­schaft­li­chen Herr­schafts­ver­hält­nis­se; eine aus­drück­lich poli­ti­sche Basis­ar­beit; die Anwen­dung kon­fron­ta­ti­ver Poli­tik­for­men; sowie eine orga­ni­sa­ti­ons­über­grei­fen­de und gren­zen­lo­se Soli­da­ri­tät« (S. 55).

In Kapi­tel 5 stellt er die­se vier Eck­punk­te mit Bei­spie­len aus den USA aus­führ­li­cher vor. Nicht nur wegen der zahl­rei­chen his­to­ri­schen Bei­spie­le, son­dern auch wegen sei­ner dezi­diert auf poli­ti­sche Pra­xis bezo­ge­nen Aus­rich­tung lohnt es sich, die­ses Kapi­tel inten­si­ver zu lesen. So sind die US-ame­ri­ka­ni­schen Knights of Labor (Rit­ter der Arbeit) in den 1880er Jah­ren oder der Auf­stand der Arbeits­lo­sen in den 1930er Jah­ren in Deutsch­land wenig bekann­te Bei­spie­le für erfolg­rei­che radi­ka­le Bewe­gun­gen, aus deren Stra­te­gi­en und Arbeits­wei­sen auch für heu­te noch zu ler­nen ist.

Eben­so weist Marusch­ke auf die Not­wen­dig­keit kon­ti­nu­ier­li­cher poli­ti­scher Bil­dung im Orga­ni­sa­ti­ons­pro­zess hin. Nur so kön­ne »die Basis in sozia­len Kämp­fen eine rich­tungs­wei­sen­de Rol­le spie­len, ohne auf Bewegungsexpert_innen ange­wie­sen zu sein« (S. 65 Herv. i.O.). Hin­ge­gen erscheint sein bedin­gungs­lo­ses Plä­doy­er für kon­fron­ta­ti­ve Poli­tik­for­men manch­mal etwas dok­tri­när. Auch wenn es rich­tig ist, dass die­se »vor einer Ver­ein­nah­mung durch den Par­ti­zi­pa­ti­ons­zir­kus neo­li­be­ra­ler Stadt­po­li­tik« (S. 67) geschützt wer­den müs­sen, müs­sen sie nicht in jeder Situa­ti­on die ange­mes­se­nen Mit­tel sein. Dies ver­deut­licht auch eine Aus­sa­ge von Sebas­ti­an von der Grup­pe Zwangs­räu­mun­gen ver­hin­dern, die im Buch zitiert wird:

»Die Situa­ti­on ist ja für die Men­schen lebens­be­droh­lich. Alle Betrof­fe­nen sagen, sie schla­fen wochen­lang nicht rich­tig. Ganz vie­le krie­gen Depres­sio­nen. Da muss man echt auf­pas­sen, dass man nicht noch den Anspruch an sie her­an­trägt, sie sol­len sich jetzt mög­lichst krass weh­ren. So haben wir uns auch Sen­si­bi­li­tät antrai­nie­ren müs­sen« (S. 85).

Ein bedin­gungs­lo­ses Plä­doy­er für kon­fron­ta­ti­ve Poli­tik kann also unter Umstän­den an den Bedürf­nis­sen der Leu­te vor­bei gehen.

Von der Theorie zur Praxis

Die wie­der­hol­te Gegen­über­stel­lung libe­ra­ler und revolutionärer/transformativer Poli­tik ist ein­gän­gig und prin­zi­pi­ell nach­voll­zieh­bar. Sie bleibt jedoch sche­ma­tisch, wenn ver­sucht wird, sie auf die Ebe­ne kon­kre­ter poli­ti­scher Aktio­nen zu bezie­hen. Denn gera­de wenn es dar­um gehen soll, »poli­tisch sinn­vol­le und zwi­schen­mensch­lich ehr­li­che Ant­wor­ten« (S. 8) zu geben, stellt sich im Ein­zel­fall die Fra­ge der kon­kre­ten Pra­xis immer wie­der neu. Wesent­lich wich­ti­ger erscheint die an eini­gen Stel­len beton­te Über­le­gung, dass es trans­for­ma­ti­vem Orga­ni­zing nicht nur dar­um gehen darf, die Ver­hält­nis­se ändern zu wol­len, son­dern es »die Betei­lig­ten selbst revo­lu­tio­nie­ren [muss]« (S. 52). So ist es auch ein­gän­gig, dass Marusch­ke die­sen Pro­zess als »sozia­le Such-Bewe­gung« (S. 70) beschreibt, die in und mit Unklar­hei­ten und Wider­sprü­chen han­deln muss. Aller­dings: Die Ambi­va­len­zen, denen sich Han­deln­de dabei mit­un­ter aus­set­zen, blei­ben im Buch etwas unter­be­leuch­tet. Auch der Fra­ge von Staats- und Poli­zei­ge­walt wird wenig Gewicht bei­gemes­sen: Mit wel­chen Reak­tio­nen haben wel­che For­men des Orga­ni­zing zu rech­nen? Mit Blick auf die US-Bei­spie­le wird deut­lich, dass die dor­ti­gen Orga­ni­zing-Pro­jek­te zum Teil „massive[r] Repres­si­on« (S. 47) aus­ge­setzt waren. Wie sie dar­auf reagier­ten, wäre nicht nur span­nend, son­dern auch poli­tisch lehr­reich gewe­sen.

Alles in allem: Für einen ers­ten Feld­zu­gang ist das Buch her­vor­ra­gend geeig­net. Marusch­kes Plä­doy­er für eine Hin­wen­dung lin­ken Akti­vis­mus zur Nach­bar­schaft und sei­ne Unter­schei­dung zwi­schen libe­ra­lem und revo­lu­tio­nä­rem Orga­ni­zing ist ana­ly­tisch so nach­voll­zieh­bar wie nötig. Die prak­ti­schen Wider­sprü­che poli­ti­schen Han­delns ver­liert er jedoch etwas aus dem Blick. So bleibt die Fra­ge, wer sich war­um orga­ni­sie­ren soll jen­seits der For­mel der am stärks­ten Mar­gi­na­li­sier­ten offen. Denn die plu­ra­len und mul­ti­plen Aus­gren­zungs­me­cha­nis­men moder­ner Städ­te füh­ren nicht zwangs­läu­fig zu gemein­sa­men Bedürf­nis­sen und Bünd­nis­sen, wie dies viel­leicht noch in den Arbei­ter­be­we­gun­gen des 19. Jahr­hun­derts der Fall war. Wer sich ver­tieft mit Fra­gen von Stra­te­gi­en, For­men und Metho­den der radi­ka­len Com­mu­ni­ty-Arbeit aus­ein­an­der­set­zen will, erhält bei Marusch­ke eine ers­te grund­le­gen­de Ori­en­tie­rung, die in der kri­ti­schen Lite­ra­tur zur Gemein­we­sen­ar­beit oder in den aktu­el­len Dis­kus­sio­nen stadt­teil­po­li­ti­scher Initia­ti­ven, vor allem der Recht auf Stadt Bewe­gung, ver­tieft wer­den kann.

 

zuerst erschie­nen auf: kritisch-lesen.de


Robert Marusch­ke:
Com­mu­ni­ty Orga­ni­zing – Zwi­schen Revo­lu­ti­on und Herr­schafts­si­che­rung
112 Sei­ten, edi­ti­on assem­bla­ge, 9.80 EUR
ISBN 978–3‑942885–58‑4