Digitalisierte Migrationskontrolle: Wenn Technik über Asyl entscheidet

Sprach­ana­ly­se-Soft­ware, Fin­ger­ab­druck­ab­gleich und Han­dy­da­ten­aus­wer­tung – das sind nur eini­ge Maß­nah­men, die das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) in den letz­ten Mona­ten ein­ge­führt hat. Asyl­ver­fah­ren wer­den digi­tal, die Ent­schei­dun­gen über mensch­li­che Schick­sa­le zuneh­mend Maschi­nen über­las­sen.

Das BAMF greift immer stär­ker auf tech­ni­sche Mit­tel zurück, wenn es dar­um geht, die Iden­ti­tät und Her­kunft von Asyl­su­chen­den zu bestim­men und zu prü­fen. Laut BAMF könn­ten nur etwa 40 Pro­zent der Antrags­stel­le­rIn­nen einen Pass vor­le­gen. Ein soge­nann­tes digi­ta­les Assis­tenz­sys­tem soll dem »bes­se­ren Flücht­lings­ma­nage­ment« die­nen und hel­fen, das Pro­blem der Iden­ti­täts­fest­stel­lung zu bewäl­ti­gen. Das Sys­tem wur­de zunächst in der Auf­nah­me­ein­rich­tung des BAMF in Bam­berg getes­tet und wird nun bun­des­weit ein­ge­setzt.[1]

Einen der ers­ten Schrit­te zum effi­zi­en­te­ren »Manage­ment“ der Asyl­su­chen­den stell­te das soge­nann­te Kern­da­ten­sys­tem dar. Das Anfang 2016 in Kraft getre­te­ne Daten­aus­tausch­ver­bes­se­rungs­ge­setz führ­te dazu, dass im Aus­län­der­zen­tral­re­gis­ter wesent­lich mehr Daten gespei­chert wer­den als zuvor. Neben Anga­ben zur Per­son, ihrem Wohn­ort im Her­kunfts­staat und Infor­ma­tio­nen zu ihren Aus­weis­pa­pie­ren kam eine Viel­zahl wei­te­rer Anga­ben hin­zu: Fin­ger­ab­drü­cke, durch­ge­führ­te Gesund­heits­un­ter­su­chun­gen, Imp­fun­gen, die voll­stän­di­gen Namen von beglei­ten­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen und beruf­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen sind nur eini­ge davon. Auch die Seri­en­num­mer des neu­en, mit einem QR-Code aus­ge­stat­te­ten, Ankunfts­nach­wei­ses gehört dazu.

Mit dem zen­tra­len Sys­tem sol­len Dop­pel­re­gis­trie­run­gen durch ver­schie­de­ne Behör­den ver­mie­den wer­den, was wie­der­um dazu führt, dass eine Viel­zahl von Stel­len Zugriff auf die Daten hat. Zwar soll jede Behör­de nur Zugriff auf die für sie rele­van­ten Daten­be­stän­de haben, die­ser erfolgt dafür aber auto­ma­ti­siert, eine geson­der­te Anfra­ge ist somit über­flüs­sig. Bis zum März 2016 hat­ten 14.000 Ein­rich­tun­gen Zugriff auf das Zen­tral­re­gis­ter.[2] Dar­über hin­aus wur­de das Regis­trie­rungs­ver­fah­ren da­hingehend umge­stellt, dass eine Erfas­sung bereits beim ers­ten Kon­takt mit den deut­schen Behör­den erfolgt, bei­spiels­wei­se beim Grenz­über­tritt.

TransLitA, der Transliterationsassistent

Eines der Pro­ble­me des BAMF waren unter­schied­li­che Namens­schreib­wei­sen, beson­ders wenn Per­so­nen ohne Pass­do­ku­men­te ein­reis­ten und so ihren Namen pri­mär münd­lich mit­teil­ten. Wenn die Namen in die latei­ni­sche Schrift­wei­se über­setzt wur­den, kam es zu Feh­lern, bezie­hungs­wei­se meh­re­ren Vari­an­ten der Trans­li­te­ra­ti­on. Die betrof­fe­nen Per­so­nen sol­len nun ihre Namen selbst, bei­spiels­wei­se in ara­bi­scher Schrift, ein­ge­ben. Die­sen über­trägt dann Trans­Li­tA, kurz für Trans­li­te­ra­ti­ons­as­sis­tent, auto­ma­tisch und ein­heit­lich in latei­ni­sche Schrift. Das BAMF erhofft sich davon jedoch nicht nur weni­ger Feh­ler bei der Namens­über­tra­gung. Die Soft­ware gibt anhand der Namens­schreib­wei­se auch Hin­wei­se auf mög­li­che Her­kunfts­län­der und soll so über­prü­fen, ob die Anga­ben der Asyl­su­chen­den plau­si­bel sind.

Das Sys­tem mag geeig­net sein, um ein­heit­li­che Trans­li­te­ra­tio­nen sicher­zu­stel­len, der Nut­zen bei Sicher­heits­ab­glei­chen ist jedoch zwei­fel­haft. Liegt kein Pass­do­ku­ment vor und gibt die oder der Antrag­stel­len­de vor­sätz­lich einen fal­schen Namen in einer plau­si­blen Schreib­wei­se an, ver­sagt Trans­Li­tA.

Stimmbiometrie zur Dialekterkennung

Wenn das BAMF an den Her­kunfts­an­ga­ben von Asyl­su­chen­den zwei­fel­te, for­der­te es in man­chen Fäl­len Sprach­gut­ach­ten an. Die­se Pra­xis bestand bereits seit 1998. Sprach­ana­lys­tIn­nen sol­len anhand von Inter­viewaufzeichnungen beur­tei­len, ob die Anga­ben der Befrag­ten glaub­wür­dig sind. Dafür zie­hen sie Dia­lek­te, Satz­bau und ver­wen­de­te Begrif­fe her­an. Die­se Ana­ly­sen sol­len nun an Soft­ware aus­ge­la­gert wer­den; das BAMF nennt das Stimm­bio­me­trie.

Die­se Sprach­gut­ach­ten, unab­hän­gig davon ob sie von Men­schen oder Maschi­nen stam­men, ber­gen eini­ge Pro­ble­me. Den Ana­ly­sen lie­gen Sprach­pro­ben zu Grun­de, die aus Gesprä­chen mit Dol­met­sche­rIn­nen stam­men. Befrag­te pas­sen dabei mit­un­ter ihre Sprech­wei­se der­je­ni­gen der Dol­met­sche­rIn­nen an. Zum einen liegt das an der for­ma­len Situa­ti­on. Es ist nicht schwer, an eige­ne Bei­spie­le zu den­ken, bei denen eine Per­son im Dia­log – bei­spiels­wei­se mit Behör­den­ver­tre­te­rIn­nen – ver­sucht, ihren Hei­mat­dia­lekt zu unter­drü­cken. Zudem erfolgt eine Akko­mo­da­ti­on an die Hoch­spra­che bei Gesprächs­part­ne­rIn­nen, wenn die­se einen ande­ren Dia­lekt spre­chen, gera­de bei sel­te­nen Dia­lek­ten ist das zu erwar­ten.

Dar­über hin­aus sind Inter­viewaus­schnit­te mit­un­ter zu kurz, um aus­sa­ge­kräf­ti­ge Bewer­tun­gen zu erstel­len.[3] Im Fal­le eines mensch­li­chen Gut­ach­ters lässt sich auch die Qua­li­fi­ka­ti­on der Begut­ach­ten­den nicht über­prü­fen, da das BAMF ihre Iden­ti­tät unter Ver­schluss hält.

Die Viel­falt der Spra­chen und Dia­lek­te im ara­bi­schen Raum ist groß, in Syri­en allein ver­zeich­ne­ten die Lin­gu­is­ten Gary F. Simons und Charles D. Fen­ning 18 aktiv gespro­che­ne Spra­chen und unzäh­li­ge zuge­hö­ri­ge regio­na­le Dia­lek­te.[4] Ein Mensch braucht dafür ein tie­fes Fach­wis­sen, nicht für jede Regi­on sind mut­ter­sprach­li­che Gut­ach­te­rIn­nen oder sol­che, die sich für län­ge­re Zeit in einer Regi­on auf­ge­hal­ten haben, ver­füg­bar. Ein Com­pu­ter hin­ge­gen benö­tigt eine rie­si­ge Daten­ba­sis, um die Unter­schie­de zu ler­nen, also genü­gend Bei­spie­le.

Forschung zu Dialektanalyse

Aktu­el­le Bei­spie­le aus der For­schung zu auto­ma­ti­scher Dia­lekt­ana­ly­se schei­ter­ten schon bei einer viel klei­ne­ren Men­ge an Zuord­nungs­mög­lich­kei­ten. Lin­gu­is­tIn­nen ver­such­ten, Hoch­ara­bisch und die vier ver-brei­tets­ten ara­bi­schen Dia­lek­te anhand von Bei­spie­len aus Nach­rich­ten­bei­trä­gen aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Ihre Soft­ware konn­te die Audio­auf­nah­men zuver­läs­sig in die Kate­go­ri­en »Hoch­ara­bisch« und »Dia­lekt« ein­ord­nen, bei der Zuord­nung zu einem bestimm­ten der vier Dia­lek­te wie­der­um erziel­ten sie ledig­lich eine Genau­ig­keit von 60 Pro­zent.[5] Bei den vie­len syri­schen Dia­lek­ten wird die Auf­ga­be ent­spre­chend schwe­rer.

Dazu kommt, dass Spra­che nicht sta­tisch ist, sie ent­wi­ckelt und ver­än­dert sich stän­dig – sowohl inner­halb der Regio­nen als auch im Sprach­ge­brauch des Men­schen, der sie nutzt. Jeder Kon­takt mit Per­so­nen ver­än­dert das Spre­chen. Auf ihrem Flucht­weg kom­men Asyl­su­chen­de mit einer Viel­zahl ande­rer Men­schen unter­schied­li­cher Her­kunft in Kon­takt. Bei Men­schen, die im Lau­fe ihres Lebens ihren Wohn­ort wech­sel­ten, ver­mi­schen sich Dia­lek­te. Sie über­neh­men regio­na­le Eigen­hei­ten, pas­sen ihre Wort­wahl an. Außer­dem beein­flus­sen sozia­le Fak­to­ren die akti­ve Spra­che. Bei Per­so­nen, die auf­grund ihrer Her­kunft dis­kri­mi­niert wer­den und Nach­tei­le fürch­ten müs­sen, kommt es zu Anpas­sun­gen, um nicht sofort zuge­ord­net wer­den kön­nen.

Ein wei­te­rer Fak­tor: Spra­chen hal­ten sich nicht an Lan­des­gren­zen. Der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung erklär­te die jor­da­ni­sche Lin­gu­is­tin Enam Al-Wer, in der ara­bi­schen Welt sei­en vie­le Lan­des­gren­zen mit dem Line­al gezo­gen wor­den. Das mache es unmög­lich, zwei­fels­frei fest­zu­stel­len, ob jemand nun auf der einen oder der ande­ren Sei­te einer Gren­ze gebo­ren ist.[6] Auf syri­sche Asyl­su­chen­de über­tra­gen heißt das: ob sie ihrem Her­kunfts­land Syri­en zuge­ord­net wer­den, das 2017 bis­her eine Schutz­quo­te von 94,3 Pro­zent hat, oder Nach­bar­län­dern wie Jor­da­ni­en mit deut­lich schlech­te­rer Blei­be­per­spek­ti­ve.

Das BAMF betont bei den digi­ta­len Sys­te­men immer wie­der, die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung lie­ge in der Hand des Men­schen. Die Ergeb­nis­se dien­ten nur dazu, zusätz­li­che Anhalts­punk­te zu erlan­gen. Doch je mehr die­ser Anhalts­punk­te die­se ver­meint­lich objek­ti­ven Sys­te­me lie­fern, des­to grö­ßer wird ihr Ein­fluss auf die­je­ni­gen, die sie in eine Asy­l­ent­schei­dung ein­be­zie­hen müs­sen – gera­de wenn die Zeit knapp und die Lis­te der abzu­ar­bei­ten­den Fäl­le lang ist.

Bildbiometrische Verfahren

Die Fin­ger­ab­drü­cke der Geflüch­te­ten wer­den bei ihrer Regis­trie­rung erfasst und in der Asyl-Fin­ger­ab­druck­da­tei des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes gespei­chert. Seit August 2016 – so der dama­li­ge BAMF-Chef Frank-Jür­gen Wei­se – waren alle BAMF-Stel­len mit der not­wen­di­gen Tech­nik aus­ge­stat­tet. Durch die­se Fin­ger­ab­drü­cke sol­len Mehr­fach­re­gis­trie­run­gen ver­hin­dert wer­den. Neh­men die Behör­den einen Fin­ger­ab­druck ab, erfolgt – mit­hil­fe des »Fin­ger­ab­druck-Schnell-Abgleich­sys­tems«, kurz Fast-ID – ein auto­ma­ti­scher Abgleich mit der zen­tra­len BKA-Daten­bank. Als zwei­tes Merk­mal zieht das BAMF bio­me­tri­sche Gesichts­bil­der her­an. Wie die Fin­ger­ab­drü­cke und ein­heit­lich trans­li­te­rier­ten Namen sol­len sie Dop­pel­re­gis­trie­run­gen ein­fa­cher ver­mei­den hel­fen und die­nen dem Abgleich mit Daten­ban­ken sons­ti­ger Sicher­heits­be­hör­den.

Massenauslesen von Smartphones

Das im Mai vom Bun­des­tag ver­ab­schie­de­te »Gesetz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht« ermög­licht dem BAMF zusätz­lich zu den genann­ten tech­ni­schen Maß­nah­men, End­ge­rä­te und Daten­trä­ger der Geflüch­te­ten zu durch­su­chen.[7] Bei­spiels­wei­se kön­nen ihre Smart­pho­nes schon bei der Regis­trie­rung als Asyl­su­chen­de aus­ge­le­sen wer­den.

Wäh­rend des Gesetz­ge­bungs­pro­zes­ses argu­men­tier­ten Befür­wor­te­rIn­nen der Rege­lung, die Aus­wer­tung der Daten sol­le das letz­te Mit­tel sein, falls die Her­kunft und Iden­ti­tät der Betrof­fe­nen nicht anders geklärt wer­den kön­ne. Das sei der Fall, wenn die Betrof­fe­nen kein Pass­do­ku­ment vor­le­gen kön­nen und ander­wei­ti­ge Infor­ma­tio­nen nicht zu einem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis füh­ren wür­den.

Der tie­fe Grund­rechts­ein­griff zog star­ke Kri­tik auf sich, der Deut­sche Anwalts­ver­ein sah gra­vie­ren­de Ver­let­zun­gen des Per­sön­lich­keits­rechts der Geflüch­te­ten, auch die Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te Andrea Voß­hoff äußer­te ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken. Bei­de bemän­gel­ten, es sei nicht aus­drück­lich defi­niert, dass die Maß­nah­me nur als letz­tes Mit­tel ange­wandt wer­den dür­fe. Die­se Beden­ken bestä­tig­ten sich. BAMF-Che­fin Jut­ta Cordt gab Ende August bekannt, nur die Aus­wer­tung der Daten sei »Ulti­ma Ratio«. Aus­le­sen will das BAMF hin­ge­gen pau­schal alle Gerä­te, schon beim Erst­kon­takt mit dem Bun­des­amt. Sie sol­len dann in einem »tech­ni­schem Safe« gespei­chert wer­den. Will das BAMF die Daten spä­ter nut­zen, müs­se eine Voll­ju­ris­tIn sie frei­ge­ben.

Wie die Bun­des­re­gie­rung im Sep­tem­ber auf eine Klei­ne Anfra­ge mit­teil­te, umfas­sen die vor­lie­gen­den Roh­da­ten »Län­der­codes der gespei­cher­ten Kon­tak­te, Län­der­codes der ange­ru­fe­nen und ange­schrie­be­nen Num­mern, Län­der­codes der ein­ge­hen­den Anru­fe und Nach­rich­ten, Loka­ti­ons­da­ten und die in den Nach­rich­ten ver­wen­de­ten Spra­chen«.[8]

Die Bun­des­re­gie­rung erwähnt hier aus­drück­lich Loka­ti­ons-, also Geo­daten als Ana­ly­se­bau­stein. Das geht über das ursprüng­lich geplan­te Maß an gesam­mel­ten Daten hin­aus. In einer Ple­nar­de­bat­te hat­te sich der par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tär Ole Schrö­der (CDU) beklagt, mit der SPD sei es nicht mach­bar gewe­sen, das Aus­le­sen die­ser Daten zu erlau­ben.[9] Nun sieht die Pra­xis anders aus: Laut Bun­des­re­gie­rung könn­ten Geo­da­ten »Rück­schlüs­se auf die Staats­an­ge­hö­rig­keit zulas­sen«, Reise­routen sol­len aber nicht erstellt wer­den.

Auch Geheimdienste profitieren

Von den zuneh­men­den Daten­men­gen, die über Geflüch­te­te anfal­len, pro­fi­tie­ren die Geheim­diens­te. Im Namen der Sicher­heit wer­den Daten an das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz, den BND, den Mili­tä­ri­schen Abschirm­dienst, das Zoll- sowie das Bun­des­kri­mi­nal­amt wei­ter­ge­lei­tet, um die Daten mit deren Erkennt­nis­sen abzu­glei­chen. Für bestimm­te Her­kunfts­län­der, die das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um und das Aus­wär­ti­ge Amt zusam­men fest­le­gen, erfolgt die­ser Abgleich auto­ma­ti­siert.

Mit wel­chen Datei­en die ent­spre­chen­den Stel­len die Daten der Geflüch­te­ten abglei­chen, hält die Bun­des­re­gie­rung geheim. Es geht jedoch min­des­tens um neun ver­schie­de­ne Daten­ban­ken, dar­un­ter die poli­zei­li­chen Infor­ma­ti­ons­sys­te­me INPOL-Fall und INPOL-Zen­tral sowie das »Nach­rich­ten­dienst­li­che Infor­ma­ti­ons­sys­tem« (NADIS-WN) des Ver­fas­sungs­schut­zes.[10] Die ange­frag­ten Behör­den glei­chen die Daten nicht nur ab, um dem BAMF mit­zu­tei­len, ob Grün­de gegen einen Schutz­sta­tus spre­chen. Sie dür­fen die Infor­ma­tio­nen auch »zur Erfül­lung ihrer gesetz­li­chen Auf­ga­ben« spei­chern und ver­wen­den. Was die­se Grün­de sein kön­nen, ist nicht näher defi­niert, und es liegt in der Natur der Geheim­diens­te, eine Viel­zahl von Infor­ma­tio­nen zu sam­meln, die poten­ti­ell nütz­lich wer­den könn­ten.

Wei­te­re Über­mitt­lun­gen fal­len an, wenn das BAMF zu der Auf­fas­sung gelangt, Asyl­su­chen­de wür­den über sicher­heits­re­le­van­te Erkennt­nis­se ver­fü­gen. Die Zahl die­ser Über­mitt­lun­gen an BND und Ver­fas­sungs­schutz steigt. 2015 erfolg­ten 462 Über­mitt­lun­gen vom BAMF an den BND – bei 441.899 Asyl-Erst­an­trä­gen. Bis zum Okto­ber 2016 über­mit­tel­te das BAMF 1.350 Mal Daten, bei 676.320 Anträ­gen ins­ge­samt. Die Zahl der Über­mitt­lun­gen hat sich also fast ver­drei­facht, wäh­rend die der Anträ­ge ledig­lich um das Ein­ein­halb­fa­che wuchs.[11]

Die Entscheidung liegt beim Menschen?

Der vom BAMF ver­wen­de­te Begriff »Flücht­lings­ma­nage­ment« bringt es auf den Punkt: Mit der zuneh­men­den Tech­ni­sie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung ent­wi­ckelt sich der Asyl­pro­zess in eine Rich­tung, bei der Effi­zi­enz als wich­tigs­ter Fak­tor gilt. Hil­fe erhält das BAMF dabei durch klas­si­sche Unter­neh­mens­be­ra­tun­gen wie McK­in­sey, Roland Ber­ger oder Ernst & Young. Allein 2016 gab das BAMF dafür 25 Mio. Euro aus.[12]

Die wach­sen­de Tech­ni­sie­rung und an Fabri­ken erin­nern­de Effizienz­steigerung im BAMF führt zu Feh­lern. Und ein fal­sches Ergeb­nis bedeu­tet hier nicht, dass ein Werk­stück unbrauch­bar gewor­den ist. Es bedeu­tet, dass mit­un­ter Men­schen abge­scho­ben wer­den, denen in ihrem Her­kunfts­land Ver­fol­gung und Tod dro­hen. Mit den stei­gen­den Zah­len an Asyl­su­chen­den im Jahr 2015 war das BAMF über­for­dert, orga­ni­sa­to­risch und per­so­nell. Das führ­te zu schlecht aus­ge­bil­de­ten Befra­ge­rIn­nen, laut Berich­ten von ZEIT Online hat­ten im Mai 2017 nur 21,6 Pro­zent der Ent­schei­de­rIn­nen die gesam­te vor­ge­se­he­ne Aus­bil­dung durch­lau­fen.[13]

Zusätz­lich erfolg­te eine Tren­nung von Anhö­re­rIn und Ent­schei­de­rIn, die befra­gen­de Per­son ist also nicht mehr auto­ma­tisch die­sel­be, die letzt­lich eine Asy­l­ent­schei­dung fällt. Über­for­de­rung, man­geln­de Aus­bil­dung, redu­zier­ter per­sön­li­cher Bezug zu den Befrag­ten – die Tech­nik kom­plet­tiert das Bild. Schick­sa­le wer­den zu Akten, Ent­schei­dun­gen stüt­zen sich auf die Aus­ga­ben eines Sys­tems. Dass die­se nur eine Zusatz­in­for­ma­ti­on sei und die Ent­schei­dung am Ende immer noch in der Hand eines Men­schen ver­blei­be, wirkt zynisch, wenn ein Ent­schei­der fünf Anträ­ge an einem Tag bear­bei­ten soll.

[1]  www.bamf.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2017/20170726-am-vorstellung-modell projekt-bamberg.html
[2]   www.bva.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/BVA/Sicherheit/AZR/2016–03-31-DAVG_Erster%20Meilenstein.html
[3]   sueddeutsche.de v. 7.10.2016
[4]   Simons, Gary F.; Fennig, Charles D. (Hg.): Ethnologue: Languages of the World, Dallas, Texas 2017, www.ethnologue.com
[5]   Ali, A. et. al.: Automatic Dialect Detection in Arabic Broadcast Speech 2016, www.research.ed.ac.uk/portal/files/26891896/aali_is2016.pdf
[6]   faz.net v. 5.3.2017
[7]   BT-Drs. 18/12415 v. 17.5.2017
[8]   BT-Drs. 18/13551 v. 11.9.2017
[9]   BT-PlPr 18/234 v. 18.5.2017
[10] netzpolitik.org v. 12.12.2016
[11] BT-Drs. 18/10163 v. 28.10.2016
[12] zeit.de v. 30.3.2017
[13] zeit.de v. 13.6.2017

 

Wie­der­ver­öf­fent­licht mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Zeit­schrift cil­ip