G20-Riots und Revolution

Bild: Teresa Robinson / CC BY-NC-ND 2.0

Bei den lin­ken Stel­lung­nah­men zu den Pro­tes­ten gegen den G20-Gip­fel in Ham­burg gibt es eine Leer­stel­le:  Es wird nicht gefragt, wel­che Auf­ga­ben sich für eine radi­ka­le Lin­ke aus Auf­stän­den erge­ben. Und der Bezug zur Okto­ber­re­vo­lu­ti­on vor hun­dert Jah­ren wur­de bis­her nicht her­ge­stellt.

In den ver­gan­ge­nen Wochen gab es in Deutsch­land eine media­le Hetz­jagd auf Lin­ke, die mehr wol­len, als das Land nach den Bun­des­tags­wah­len im Bünd­nis mit Grü­nen und SPD zu ver­wal­ten. Anlass für die aktu­el­le Het­ze waren die mas­si­ven Pro­tes­te der mili­tan­ten radi­ka­len Lin­ken gegen den G20-Gip­fel in Ham­burg. «Bevor etwas ver­stan­den wird, wird über die mora­li­sche Empö­rung schon die End­stu­fe der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ereig­nis­sen defi­niert. Das ist Herr­schafts­po­li­tik: Das Her­stel­len einer Situa­ti­on des Bekennt­nis­zwangs und der Druck zur staats­treu­en Kon­for­mi­tät», so die Kri­tik des Ham­bur­ger Ver­le­gers Karl­heinz Dell­wo. Er gehör­te zu den weni­gen Lin­ken, die nach den mili­tan­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen in Ham­burg erst ein­mal ver­ste­hen woll­ten, was da gesche­hen ist, wäh­rend ande­re Lin­ke sofort von Kri­mi­nel­len rede­ten, mit denen man nichts zu tun haben woll­te. Dabei roman­ti­sier­te Dell­wo die Riots kei­nes­wegs. Doch er stell­te eine Fest­stel­lung an den Anfang, die die poli­ti­sche Dimen­si­on des Gesche­hens skiz­zier­te: «Im neu­en euro­päi­schen Zen­tral­staat Deutsch­land, öko­no­misch sta­bil wie kein ande­res Land der west­li­chen Hemi­sphä­re, brach im Rah­men des gros­sen Pro­tes­tes gegen den G20-Gip­fel ein Riot in einer Dimen­si­on aus, die man bis­her hier nicht kann­te und nur in ande­ren Län­dern ver­mu­te­te mit grös­se­ren Pro­ble­men an Armut und der Migra­ti­on.»

Es gab kein ruhi­ges Hin­ter­land
Eine oft ver­wen­de­te Paro­le in der Lin­ken lau­te­te schliess­lich: «Es gibt kein ruhi­ges Hin­ter­land». Der Riot in Ham­burg hat bewie­sen, dass es mehr als ein Spruch ist. Trotz aller poli­zei­li­chen Auf­rüs­tung war das Hin­ter­land des G20-Gip­fels in Deutsch­land nicht ruhig. Das müss­te doch für Lin­ke, die sich sel­ber ernst neh­men, kein Grund zur Trau­er und der Distan­zie­rung sein. Das bedeu­tet natür­lich nicht, dass man sich mit den kon­kre­ten Ereig­nis­sen in Ham­burg nicht kri­tisch aus­ein­an­der­set­zen soll­te. Da kann man sich an der detail­lier­ten Schil­de­rung von Dell­wo ein Bei­spiel neh­men; er schrieb über die Riots im Schan­zen­vier­tel: «Am Ende wur­den die Hand­lun­gen von denen geprägt, die die meis­te Wut, den meis­ten Mut oder manch­mal auch nur die gröss­te Blöd­heit auf ihrer Sei­te hat­ten. Gleich­wohl kann man die­sen her­ge­stell­ten anar­chis­ti­schen Frei-Raum nicht als ‹rechts­frei› bezeich­nen. Gegen­über der herr­schen­den Gesell­schafts­ord­nung ist er im Bruch mit dem Eigen­tum und dem Zwang des Selbst­ver­kaufs irre­gu­lär, aber auch die­se Ver­hält­nis­se über­schrei­tend. Als insta­bi­le Selbst­ord­nung ent­hält die Situa­ti­on die Ten­denz der Ent­gren­zung. Aber die Akteu­re, völ­lig uner­fah­ren und des­we­gen auch unfä­hig, gegen­ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren in Rea­li­tät zu set­zen, agier­ten unter­ein­an­der doch auf der Suche nach einem Kon­sens­prin­zip. Schon mit­tags, als ein jun­ger Ran­da­lie­rer mit dem Metall­pfos­ten eines Stras­sen­schil­des den Voda­fone-Laden auf­bre­chen woll­te und von einer wüten­den Ein­woh­ne­rin zur Rede gestellt wur­de, leg­te er lang­sam, als wol­le er kei­nen Krach mehr machen, die Metall­stan­ge auf den Boden, trot­te­te von dan­nen und zog dabei die Mas­ke vom Gesicht.»


Wel­che Auf­ga­be stellt sich?

Doch bei Dell­wo fällt wie bei allen lin­ken Stel­lung­nah­men, die die Riots von Ham­burg ver­ste­hen wol­len, eine Leer­stel­le auf. Es wird nicht die Fra­ge gestellt, wel­che Auf­ga­ben sich für eine radi­ka­le Lin­ke aus Auf­stän­den erge­ben. Schliess­lich sind durch die G20-Pro­tes­te, bei denen die Riots nur ein Teil waren, Tau­sen­de Men­schen in poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­strickt wor­den. Vie­le von ihnen waren bis­her poli­tisch nicht aktiv. Sie haben sich jetzt theo­re­tisch mit der Kri­tik an Staat, Nati­on und Kapi­ta­lis­mus befasst, nicht weni­ge haben bei den Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf der Stras­se die Erfah­rung machen müs­sen, dass die Gren­zen der so hoch­ge­lob­ten bür­ger­li­chen Demo­kra­tie, wenn es ernst wird, vom Poli­zei­recht defi­niert wer­den. Doch was folgt dar­auf? Wie kön­nen die durch die Ereig­nis­se von Ham­burg poli­ti­sier­ten Men­schen Orte fin­den, an denen sie in ihrem All­tag, am Arbeits­platz, im Stadt­teil oder wo auch immer den Wider­stand fort­set­zen kön­nen? Hier läge die Auf­ga­be einer Lin­ken, die­se Orte zu schaf­fen. Wel­che Form von Orga­ni­sa­ti­on wird gebraucht, um die­se Erfah­run­gen wei­ter­zu­ge­ben, ohne in Büro­kra­tis­mus und Zen­tra­lis­mus zu ver­fal­len? Das wäre eine ent­schei­den­de Fra­ge, der sich die radi­ka­le Lin­ke unse­rer Tage theo­re­tisch und prak­tisch stel­len müss­te. Sonst waren die Riots von Ham­burg Epi­so­den, über die eini­ge Betei­lig­te noch ihren Enke­lIn­nen erzäh­len kön­nen. Nur hat das dann für die Her­aus­bil­dung einer lin­ken Per­spek­ti­ve kei­ner­lei Rele­vanz.

Ein revo­lu­tio­nä­rer Bruch
Dabei wäre eine Ver­bin­dung zu einem welt­his­to­ri­schen Ereig­nis, das sich die­ses Jahr zum hun­derts­ten Mal jährt, ange­bracht. Es gibt nur weni­ge Lin­ke, die die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on gegen den lin­ken Main­stream ver­tei­di­gen und nicht von einem bol­sche­wis­ti­schen Putsch gegen die bür­ger­li­che Demo­kra­tie spre­chen. Die­sen Mythos, dem Tei­le der Sozi­al­de­mo­kra­tIn­nen und Anar­chis­tIn­nen seit 1917 anhän­gen, wur­de durch den His­to­ri­ker Alex­an­der Rabi­no­witch gründ­lich wider­legt. Er hat anhand vie­ler zuvor nicht zugäng­li­cher Quel­len in rus­si­schen Archi­ven akri­bisch nach­ge­zeich­net, dass die Bol­sche­wi­ki im Herbst 1917 an der Spit­ze einer revo­lu­tio­nä­ren Mas­sen­be­we­gung gestan­den haben und es ihnen als ein­zi­ge poli­ti­sche Kraft im dama­li­gen Russ­land gelun­gen ist, die Inter­es­sen der Pro­le­ta­rie­rIn­nen und der rebel­li­schen Bäue­rIn­nen für einen kur­zen Moment zusam­men­zu­brin­gen. Das ist ihnen des­halb gelun­gen, weil sie sich gewei­gert haben, im bür­ger­li­chen Polit­zir­kus mit­zu­ma­chen. Sie waren die Kraft der Nega­ti­on und konn­ten so zum Pool des revo­lu­tio­nä­ren Bruchs wer­den. Zudem zeigt Rabi­no­witch auch auf, dass die Alter­na­ti­ve zu der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on weder eine bür­ger­li­che Demo­kra­tie noch eine liber­tä­re Gesell­schaft gewe­sen ist, wie es man­che Sozi­al­de­mo­kra­tIn­nen und Anar­chis­tIn­nen bis heu­te anneh­men. Die Alter­na­ti­ve zum Roten Okto­ber war die kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Unter­drü­ckung sämt­li­cher revo­lu­tio­nä­rer Bestre­bun­gen in ganz Russ­land, wie es mit dem Kor­ni­l­ov-Putsch schon ver­sucht wur­de. Die rus­si­sche Reak­ti­on berei­te­te sich mit Unter­stüt­zung aus dem Aus­land auf einen neu­en, bes­ser orga­ni­sier­ten Coup vor. Der Mehring-Ver­lag hat die Bücher von Rabi­no­witch unter dem Titel «Die Revo­lu­ti­on der Bol­sche­wi­ki» und «Das ers­te Jahr» auf Deutsch ver­öf­fent­licht. Allen, die sich Wis­sen über die kon­kre­ten Ereig­nis­se vor hun­dert Jah­ren in Russ­land aneig­nen wol­len, ist die Lek­tü­re die­ser bei­den Bücher emp­foh­len.

Kei­ne Her­ren und Knech­te
Zu den weni­gen Lin­ken, die sich mit den Ereig­nis­sen von vor hun­dert Jah­ren ohne deren Ver­dam­mung aus­ein­an­der­setz­ten, gehört der vor­wärts mit sei­ner Arti­kel­rei­he über die ver­schie­de­nen Aspek­te der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on. Sie machen deut­lich, welch gros­ser gesell­schaft­li­che Auf­bruch mit der Über­nah­me der Macht der Sowjets vor­an­ge­trie­ben war. Ob auf dem Gebiet der Rech­te der Frau­en, der Kin­der und Jugend­li­chen, über­all setz­te der Rote Okto­ber Stan­dards, die bis heu­te welt­weit nicht wie­der erreicht wur­den. Dass sei­ne Aus­wir­kun­gen in die gan­ze Welt hin­aus strahl­ten, war nicht ver­wun­der­lich. Die Bol­sche­wi­ki waren damals, wie alle revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken ihrer Zeit, von dem Auf­stieg und den blu­ti­gen Ende der Pari­ser Kom­mu­ne geprägt. Sie hat­ten sich mit der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on von Anfang an in die­se Tra­di­ti­on gestellt und fei­er­ten, als die Sowjet­macht einen Tag län­ger als die Pari­ser Kom­mu­ne über­leb­te. Dass ihr das gelin­gen wür­de, war damals selbst bei den Bol­sche­wi­ki völ­lig unge­wiss. Auch das kön­nen wir bei Rabi­no­witch nach­le­sen. Mit der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on war ein Gedan­ke in der Welt, den die Kom­mu­nard­In­nen in Paris kurz auf die Tages­ord­nung gesetzt hat­ten: dass es auf die­ser Welt kei­ne Her­ren und kei­ne Knech­te mehr geben muss. Davon zehr­ten in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten revo­lu­tio­nä­re Bewe­gun­gen in aller Welt, auch sol­che, die sich kri­tisch mit der Gesell­schaft aus­ein­an­der­setz­ten, die sich spä­ter in der Sowjet­uni­on ent­wi­ckel­te.

Von Vene­zue­la bis Occu­py
Mit die­sem Impe­tus soll­te die Lin­ke heu­te die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on wie­der als Inspi­ra­ti­on sehen. Daher ist es beson­ders ver­wun­der­lich, dass sich selbst der radi­ka­le Flü­gel der G20-Pro­tes­te nicht auf die Ereig­nis­se von vor hun­dert Jah­ren in Bezug setzt. Und nicht nur sie. Wenn eine ganz gros­se Koali­ti­on von rechts bis links sich dar­über empört, dass in Vene­zue­la ein Par­la­ment, das in der Hand der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ist, von einer Ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung ersetzt wird, in der bis­her gesell­schaft­lich Aus­ge­schlos­se­ne viel grös­se­re Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten haben, dann könn­te einen doch das Bei­spiel des Roten Okto­ber vor Augen ste­hen. Schon damals wur­de erkannt, dass man über den bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ris­mus hin­aus­ge­hen muss, um die gesell­schaft­li­che Eman­zi­pa­ti­on vor­an­zu­trei­ben.
In den letz­ten Jah­ren zeigt das schnel­le Abeb­ben von Pro­test­be­we­gun­gen wie Occu­py oder der Platz­be­set­zun­gen in ver­schie­de­nen Län­dern im Rah­men der Kri­sen­pro­tes­te die Gren­zen der viel­ge­rühm­ten Pro­tes­te ohne jeg­li­che Orga­ni­sa­ti­on. Das haben übri­gens mitt­ler­wei­le auch die post­mo­der­nen Pro­test­theo­re­ti­ker Toni Negri und Micha­el Hardt aner­kannt, die in ihren letz­ten Schrif­ten von der Not­wen­dig­keit einer hori­zon­ta­len Orga­ni­sie­rung aus­ge­hen. Es ist also hohe Zeit, hun­dert Jah­re nach den Roten Okto­ber an die dama­li­gen Erfah­run­gen anzu­knüp­fen, ohne sie ein­fach zu kopie­ren. «Wir leben in einer Zeit, in der sich die Zukunft vom Uto­pi­schen zum Dys­to­pi­schen ver­scho­ben hat. Der sowje­ti­sche Schlacht­ruf ‹Den Him­mel stür­men!› gilt nicht mehr. An sei­ne Stel­le ist eine Zukunft der Erschöp­fung getre­ten», schreibt der bri­ti­sche Sozio­lo­ge Nick Srnicek. Das poli­ti­sche Ver­mächt­nis des Roten Okto­ber anzu­eig­nen, heisst heu­te die lin­ke Erschöp­fung abzu­strei­fen und den revo­lu­tio­nä­ren Bruch mit dem Kapi­ta­lis­mus vor­zu­be­rei­ten mit dem Ziel eines Kom­mu­nis­mus des 21. Jahr­hun­derts.

 

zuerst erschie­nen am 16. Sep­tem­ber in: vorwaerts.ch

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sylvya

«…über­all setz­te der Rote Okto­ber Stan­dards, die bis heu­te welt­weit nicht wie­der erreicht wur­den.«
Ein blick nach Kur­di­stan genügt um die­se Aus­sa­ge zu ent­kräf­ten.