Die »Guten« zu den Protesten gegen G 20

In unse­rer G20-Rubrik doku­men­tie­ren wir heu­te drei Stel­lung­nah­men der »Guten«, genau­er gesagt vom Bünd­nis »Jugend gegen G 20«, von Geschäfts­trei­ben­den aus dem Schan­zen­vier­tel und von der Haupt­kir­che Alto­na. Alle­samt des »gewalt­be­rei­ten Links­ex­tre­mis­mus« eher unver­däch­tig:

Kom­men­tar von »Jugend Gegen G20«:

wütend.

Nach eini­ger Zeit für Refle­xi­on wol­len wir dies ein­mal los­wer­den: Uns kotzt es gewal­tig an, dass unser Bil­dungs­streik – Gegen G20 – Für selbst­be­stimm­tes Ler­nen! als der fried­li­che und nur des­we­gen legi­ti­me Pro­test am Tag des zivi­len Unge­hor­sams dar­ge­stellt wird. Um dies ein­mal klar­zu­stel­len:

1. Unser Pro­test war nicht fried­lich. Wir als Jugend haben am Frei­tag wider­stän­dig, laut, und wütend gegen die G20, unser Bil­dungs­sys­tem und den Kapi­ta­lis­mus demons­triert.

2. Wir wur­den wochen­lang von Schul­be­hör­de, Poli­zei und co., z.B. durch das Andro­hen von Klas­sen­buch­ein­trä­gen und das Ver­bot unse­rer ursprüng­li­chen Demo­rou­te schi­ka­niert, klein­ge­macht und ver­drängt. Wir emp­fin­den es als eine Heu­che­lei, dass genau die­se Leu­te uns nun als Vor­bild fried­li­chen Pro­tests miss­brau­chen. Wir brau­chen eure Bewer­tung unse­res Pro­tests nicht.

3. Wir als Jugend haben durch das bestrei­ken unse­rer Bil­dungs­ein­rich­tun­gen gemein­sam den (ille­ga­len) Grenz­über­tritt gewagt. Wir waren bewusst unge­hor­sam. Und es hat sich gelohnt!

4. Wir alle haben am G20 Gip­fel eine Poli­zei erlebt, die sich einen Dreck dar­um geküm­mert hat, ob ihr Ver­hal­ten recht­mä­ßig oder ver­hält­nissmä­ßig ist. Wenn wir am Frei­tag beim Bil­dungs­streik nicht gera­de jun­ge Men­schen gewe­sen wären, gegen die es schlimm aus­ge­se­hen hät­te kör­per­li­che Gewalt ein­zu­setz­ten, hät­te die Poli­zei uns bestimmt auch ver­prü­gelt.

5. Genau und gera­de des­we­gen sind wir soli­da­risch mit allen ande­ren Aktio­nen des zivi­len Unge­hor­sams und ste­hen zusam­men mit unse­ren Feun­den, die sich dem G20 Gip­fel in den Weg gestellt haben. Beson­ders gilt dies denen, wel­che ohne Grund in den Knast gesteckt wur­den, oder ver­letzt wur­den sind.

<3 BlockG20, »ums Gan­ze!« Bünd­nis, Inter­ven­tio­nis­ti­sche Lin­ke, G20 entern, femi­nists against G20.

Wei­te­re, viel­leicht nicht ganz so emo­ti­ons­vol­le Aus­wer­tun­gen fol­gen von uns die Tage
Bil­dungs­streik AG – Jugend Gegen G20

 

Geschäfts­trei­ben­de aus dem Schan­zen­vier­tel:

 STELLUNGNAHME ZU DEN EREIGNISSEN VOM WOCHENENDE

Wir, eini­ge Geschäfts- und Gewer­be­trei­ben­de des Ham­bur­ger Schan­zen­vier­tels, sehen uns genö­tigt, in Anbe­tracht der Bericht­erstat­tung und des öffent­li­chen Dis­kur­ses, unse­re Sicht der Ereig­nis­se zu den Aus­schrei­tun­gen im Zuge des G20-Gip­fels zu schil­dern.
In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 2017 tob­te eine Men­ge für Stun­den auf der Stra­ße, plün­der­te eini­ge Läden, bei vie­len ande­ren gin­gen die Schei­ben zu Bruch, es wur­den bren­nen­de Bar­ri­ka­den errich­tet und mit der Poli­zei gerun­gen.

Uns fällt es in Anbe­tracht der Wahl­lo­sig­keit der Zer­stö­rung schwer, dar­in die Arti­ku­la­ti­on einer poli­ti­schen Über­zeu­gung zu erken­nen, noch viel weni­ger die Idee einer neu­en, bes­se­ren Welt.
Wir beob­ach­te­ten das Gesche­hen leicht ver­ängs­tigt und skep­tisch vor Ort und aus unse­ren Fens­tern in den Stra­ßen unse­res Vier­tels.
Aber die Kom­ple­xi­tät der Dyna­mik, die sich in die­ser Nacht hier Bahn gebro­chen hat, sehen wir weder in den Medi­en noch bei der Poli­zei oder im öffent­li­chen Dis­kurs ange­mes­sen reflek­tiert.
Ja, wir haben direkt gese­hen, wie Schei­ben zer­bars­ten, Park­au­to­ma­ten her­aus­ge­ris­sen, Bank­au­to­ma­ten zer­schla­gen, Stra­ßen­schil­der abge­bro­chen und das Pflas­ter auf­ge­ris­sen wur­de.
Wir haben aber auch gese­hen, wie vie­le Tage in Fol­ge völ­lig unver­hält­nis­mä­ßig bei jeder Klei­nig­keit der Was­ser­wer­fer zum Ein­satz kam. Wie Men­schen von uni­for­mier­ten und behelm­ten Beam­ten ohne Grund geschubst oder auch vom Fahr­rad geschla­gen wur­den.
Tage­lang.
Dies darf bei der Berück­sich­ti­gung der Ereig­nis­se nicht unter den Tep­pich gekehrt wer­den.

Zum Höhe­punkt die­ser Aus­ein­an­der­set­zung soll in der Nacht von Frei­tag und Sams­tag nun ein „Schwar­zer Block“ in unse­rem Stadt­teil gewü­tet haben. Dies kön­nen wir aus eige­ner Beob­ach­tung nicht bestä­ti­gen, die außer­halb der direk­ten Kon­fron­ta­ti­on mit der Poli­zei nun von der Pres­se beklag­ten Schä­den sind nur zu einem klei­nen Teil auf die­se Men­schen zurück­zu­füh­ren. Der weit grö­ße­re Teil waren erleb­nis­hung­ri­ge Jugend­li­che sowie Voy­eu­re und Par­ty­volk, denen wir eher auf dem Schla­ger­mo­ve, beim Fuß­ball­spiel oder Bushi­do-Kon­zert über den Weg lau­fen wür­den als auf einer links­ra­di­ka­len Demo.  Es waren betrun­ke­ne jun­ge Män­ner, die wir auf dem Bau­ge­rüst sahen, die mit Fla­schen war­fen – hier­bei von einem geplan­ten „Hin­ter­halt“ und Bedro­hung für Leib und Leben der Beam­ten zu spre­chen, ist für uns nicht nach­voll­zieh­bar. Über­wie­gend die­se Leu­te waren es auch, die – nach­dem die Schei­ben ein­ge­schla­gen waren – in die Geschäf­te ein­stie­gen und bela­den mit Die­bes­gut das Wei­te such­ten.  Die besof­fen in einem Akt sport­li­cher Selbst­über­schät­zung mit nack­tem Ober­kör­per aus 50 Metern Ent­fer­nung Fla­schen auf Was­ser­wer­fer war­fen, die zwi­schen ande­ren Men­schen her­nie­der­gin­gen, wäh­rend Her­um­ste­hen­de mit Bier in der Hand sie anfeu­er­ten und Han­dy­vi­de­os mach­ten. Es war eher die Mischung aus Wut auf die Poli­zei, Ent­hem­mung durch Alko­hol, der Frust über die eige­ne Exis­tenz und die Gier nach Spek­ta­kel – durch alle anwe­sen­den Per­so­nen­grup­pen hin­durch –, die sich hier Bahn brach. Das war kein lin­ker Pro­test gegen den G20-Gip­fel. Hier von lin­ken Akti­vis­tIn­nen zu spre­chen wäre ver­kürzt und falsch.

Wir haben neben all der Gewalt und Zer­stö­rung an dem Tag vie­le Situa­tio­nen gese­hen, in denen offen­bar gut orga­ni­sier­te, schwarz geklei­de­te Ver­mumm­te teil­wei­se gemein­sam mit Anwoh­nern ein­ge­schrit­ten sind, um ande­re davon abzu­hal­ten, klei­ne, inha­ber­ge­führ­te Läden anzu­ge­hen. Die ande­ren Ver­mumm­ten die Eisen­stan­gen aus der Hand nah­men, die Nach­barn hal­fen, ihre Fahr­rä­der in Sicher­heit zu brin­gen und sinn­lo­sen Fla­schen­be­wurf ent­schie­den unter­ban­den. Die auch ein Feu­er lösch­ten, als im ver­wüs­te­ten und geplün­der­ten „Fly­ing Tiger Copen­ha­gen“ Jugend­li­che ver­such­ten, mit Leucht­spur­mu­ni­ti­on einen Brand zu legen, obwohl das Haus bewohnt ist.
Es liegt nicht an uns zu bestim­men, was hier falsch gelau­fen ist, wel­che Akti­on zu wel­cher Reak­ti­on geführt hat.
Was wir aber sagen kön­nen: Wir leben und arbei­ten hier, bekom­men seit vie­len Wochen mit, wie das „Schau­fens­ter moder­ner Poli­zei­ar­beit“ ein Kli­ma der Ohn­macht, Angst und dar­aus resul­tie­ren­der Wut erzeugt. Dass die­se nach­voll­zieh­ba­re Wut sich am Wochen­en­de nun wahl­los, blind und stumpf auf die­se Art und Wei­se arti­ku­lier­te, bedau­ern wir sehr. Es lässt uns auch heu­te noch voll­kom­men erschüt­tert zurück.
Den­noch sehen wir den Ursprung die­ser Wut in der ver­fehl­ten Poli­tik des Rot-Grü­nen Senats, der sich nach Außen im Blitz­licht­ge­wit­ter der inter­na­tio­na­len Pres­se son­nen möch­te, nach Innen aber voll­kom­men weg­ge­taucht ist und einer hoch­mi­li­ta­ri­sier­ten Poli­zei das kom­plet­te Manage­ment die­ses Groß­ereig­nis­ses auf allen Ebe­nen über­las­sen hat.
Die­ser Senat hat der Poli­zei eine „Car­te Blan­che“ aus­ge­stellt – aber dass die im Rah­men eines sol­chen Gip­fels mit­ten in einer Mil­lio­nen­stadt ent­ste­hen­den Pro­ble­me, Fra­gen und sozia­len Impli­ka­tio­nen nicht nur mit poli­zei­tak­ti­schen und repres­si­ven Mit­teln beant­wor­tet wer­den kön­nen, scheint im besof­fe­nen Tau­mel der qua­si mon­ar­chi­schen Insze­nie­rung von Macht und Gla­mour voll­kom­men unter den Tisch gefal­len zu sein. Dass einem dies um die Ohren flie­gen muss, wäre mit einem Min­dest­maß an poli­ti­schem Weit­blick abseh­bar gewe­sen. Wenn Olaf Scholz jetzt von einer inak­zep­ta­blen „Ver­ro­hung“, der wir „uns alle ent­ge­gen­stel­len müs­sen“, spricht, kön­nen wir dem nur bei­zu­pflich­ten. Dass die Ver­ro­hung aber auch die Kon­se­quenz einer Gesell­schaft ist, in der jeg­li­cher abwei­chen­de poli­ti­sche Aus­druck pau­schal kri­mi­na­li­siert und mit Son­der­ge­set­zen und mili­ta­ri­sier­ten Ein­hei­ten poli­zei­lich bekämpft wird, darf dabei nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben.

Aber bei all der Erschüt­te­rung über die Ereig­nis­se vom Wochen­en­de muss auch gesagt wer­den:
Es sind zwar apo­ka­lyp­ti­sche, dunk­le, ruß­ge­schwärz­te Bil­der aus unse­rem Vier­tel, die um die Welt gin­gen. Von der Rea­li­tät eines Bür­ger­kriegs waren wir aber weit ent­fernt. Anstatt wei­ter an der Hys­te­rie­schrau­be zu dre­hen soll­te jetzt Beson­nen­heit und Refle­xi­on Ein­zug in die Dis­kus­si­on hal­ten.
Die Stra­ße steht immer noch, ab Mon­tag öff­ne­ten die meis­ten Geschäf­te ganz regu­lär, der Scha­den an Per­so­nen hält sich in Gren­zen.  Wir hat­ten als Anwoh­ner mehr Angst vor den mit Maschi­nen­ge­weh­ren auf unse­re Nach­barn zie­len­den bewaff­ne­ten Spe­zi­al­ein­hei­ten als vor den alko­ho­li­sier­ten Halb­star­ken, die sich ges­tern hier aus­ge­tobt haben. Die sind dumm, läs­tig und schla­gen hier Schei­ben ein, erschie­ßen dich aber im Zwei­fels­fall nicht.

Der für die Meis­ten von uns Gewer­be­trei­ben­de weit grö­ße­re Scha­den ent­steht durch die Land­flucht unse­rer Kun­den, die kei­ne Lust auf die vie­len Ein­grif­fe und Ein­schrän­kun­gen durch den Gip­fel hat­ten – durch die Lie­fe­ran­ten, die uns seit ver­gan­ge­nem Diens­tag nicht mehr belie­fern konn­ten, durch das Aus­blei­ben unse­rer Gäs­te. An den damit ein­her­ge­hen­den Umsatz­ein­bu­ßen wer­den wir noch sehr lan­ge zu knap­sen haben.

Wir leben seit vie­len Jah­ren in fried­li­cher, oft auch freund­schaft­lich-soli­da­ri­scher Nach­bar­schaft mit allen For­men des Pro­tes­tes, die hier im Vier­tel behei­ma­tet sind, wozu für uns selbst­ver­ständ­lich und nicht-ver­han­del­bar auch die Rote Flo­ra gehört. Dar­an wird auch die­ses Wochen­en­de rein gar nichts ändern.

In dem Wis­sen, dass die­ses über­flüs­si­ge Spek­ta­kel nun vor­bei ist, hof­fen wir, dass die Poli­zei ein maß­vol­les Ver­hält­nis zur Demo­kra­tie und den in ihr leben­den Men­schen fin­det, dass wir alle nach Wochen und Mona­ten der Hys­te­rie und der Ein­schrän­kun­gen zur Ruhe kom­men und unse­ren All­tag mit all den gro­ßen und klei­nen Wider­sprü­chen wie­der gemein­sam ange­hen kön­nen.

Eini­ge Geschäfts­trei­ben­de aus dem Schan­zen­vier­tel

BISTRO CARMAGNOLE, CANTINA POPULAR, DIE DRUCKEREI – SPIELZEUGLADEN SCHANZENVIERTEL, ZARDOZ SCHALLPLATTEN, EIS SCHMIDT, JIM BURRITO’S, TIP TOP KIOSK, JEWELBERRY, SPIELPLATZ BASCHU e.V., MONO CONCEPT STORE, BLUME 1000 & EINE ART, JUNGBLUTH PIERCING & TATTOO, SCHMITT FOXY FOOD, BUCHHANDLUNG IM SCHANZENVIERTEL,WEIN & BOULES u. a.

 

Haupt­kir­che Alto­na

In Hamburg ist G20 und wir sind mitten drin

Am Diens­tag, den 4. Juli hat­te ich als der neue Pas­tor die ers­te Sit­zung mit dem Kir­chen­ge­mein­de­rat. Wir haben das The­ma G20 kurz­fris­tig auf die Tages­ord­nung genom­men und dis­ku­tiert und waren nicht von Anfang an der Mei­nung, wir könn­ten Schlaf­plät­ze zur Ver­fü­gung stel­len. Machen wir uns nicht straf­bar? und bei den Nach­barn unmög­lich? Und wenn sich gewalt­be­rei­te Chao­ten unter die mischen, die wir auf unser Gelän­de las­sen? Ja, auch Angst um unse­re Kir­che stand im Raum. Aber Angst kann nicht die­je­ni­gen bestim­men, die zu Dem gehö­ren, Der sagt: „Fürch­tet euch nicht!“

In mei­ner Bio­gra­fie spielt der Zusam­men­bruch der DDR eine gro­ße Rol­le. Wäre Kir­che damals nicht bereit gewe­sen, jah­re­lang Räu­me zur Ver­fü­gung zu stel­len, in denen wir Demo­kra­tie ein­ge­übt haben, Neu­es und Ande­res als das Vor­ge­ge­be­ne den­ken und sagen durf­ten, und wenn Kir­che damals nicht auch immer mal am Ran­de des Lega­len ope­riert hät­te – mög­li­cher­wei­se hät­te das SED-Regime noch län­ger durch­ge­hal­ten. Davon habe ich in der KGR-Sit­zung erzählt.

Wir haben uns über­zeu­gen las­sen: Wir wer­den nie­man­den her­bei­ru­fen, aber wenn Men­schen kom­men und auf unse­ren Wie­sen schla­fen wol­len, wer­den wir nichts dage­gen unter­neh­men, solan­ge es fried­lich ist und die Kir­che kei­nen Scha­den nimmt.

Die­ser Beschluss kam zur rech­ten Zeit, denn schon am fol­gen­den Nach­mit­tag kamen drei Män­ner ins Gemein­de­haus Kir­chen­stra­ße und frag­ten nach dem Pas­tor, ob er es denn wohl erlau­ben wür­de, wenn sie hier ein Camp errich­te­ten. Nun, erlau­ben kann ich es nicht, sag­te ich, aber ich wer­de es auch nicht ver­hin­dern. Und dann erleb­te ich Erstaun­li­ches: Inner­halb weni­ger Stun­den wur­den Toi­let­ten und eine Wasch­rin­ne errich­tet, ein Küchen­zelt und eine Sani-Sta­ti­on ent­stan­den und nach und nach füll­te sich der Platz mit Zel­ten, vor allem öst­lich der Kir­che. Ich bekam die Tele­fon­num­mer eines Ver­bin­dungs­man­nes und konn­te ver­fol­gen, wie eine selbst­or­ga­ni­sier­te Infra­struk­tur in Betrieb ging. Das Ein­zi­ge, was die­se Men­schen von mir woll­ten, waren eini­ge Kanis­ter Trink­was­ser, weil sie ihren Schläu­chen, die das Was­ser aus einem Hydran­ten her­an­führ­ten, nicht recht trau­ten, und einen siche­ren Ort für Wert­sa­chen für alle Fäl­le.

Gar nicht lan­ge nach dem Ein­tref­fen der Vor­hut waren auch schon die Beam­ten von der Mör­ken­stra­ße da, frag­ten, ob ich ein­ver­stan­den bin mit dem, was da gera­de auf dem Kir­chen­ge­län­de pas­siert und nah­men mei­ne Per­so­na­li­en auf. Seit­her sind die Men­schen nur sehr wenig mit der Poli­zei in Kon­takt gekom­men und ich dan­ke den Sicher­heits­kräf­ten für die Zurück­hal­tung, die sie rings um die Kir­che übten. Ich hör­te, dass es andern­orts auch ande­re Sze­na­ri­en gibt, die sehr viel Ner­vo­si­tät ver­ur­sa­chen.

Seit Mitt­woch­nach­mit­tag habe ich den Platz nicht mehr ver­las­sen. Mei­ne Frau hat mich kurz­fris­tig mit allem Nöti­gen ver­sorgt und eine Matrat­ze war mir von unse­rer Gemein­de­se­kre­tä­rin gezeigt wor­den. Zunächst woll­te ich die Din­ge im Auge zu behal­ten. Aber als ich es mir zur Gewohn­heit gemacht hat­te, mehr­mals täg­lich ein­fach über den Platz zu gehen, hat­te ich mei­ne hel­le Freu­de an die­sen jun­gen, freund­li­chen, ent­spann­ten Men­schen, hat­te vie­le Gesprä­che und kam zu der Über­zeu­gung: Der Mut des KGR hat unse­rer Gemein­de einen sehr guten Stand bei die­sen fried­li­chen und enga­gier­ten Demons­tran­ten ein­ge­bracht. Sie erzähl­ten mir, dass auch Nach­barn und Anwoh­ner vor­bei­ge­kom­men sind, sich begeis­tert zeig­ten von die­ser Akti­on, spon­tan Geld spen­de­ten und ihr Duschen anbo­ten. Aus einer Grup­pe her­aus sag­te eine jun­ge Frau zu mir: Solan­ge Sie hier sind, füh­len wir uns sicher. Für mich auch ein Grund, vor Ort zu blei­ben, denn dar­um geht es inzwi­schen über das Gewäh­ren­las­sen hin­aus: Einen Schutz­raum zu geben, Sicher­heit zu ver­mit­teln vor unan­ge­mes­se­nem Ver­hal­ten Sei­tens der Sicher­heits­kräf­te, das vie­le unse­rer Gäs­te in den zurück­lie­gen­den Tagen erlebt oder beob­ach­tet haben.

Mit­glie­der des KGR haben sich auch ein Bild gemacht von der Stim­mung im Camp, die irgend­wie an ein Pfad­fin­der­la­ger erin­nert. Mich ärgert es, dass die Medi­en gefes­selt auf die Aus­nah­me-Wirk­lich­keit der Exzes­se im Schan­zen­vier­tel star­ren und dabei gänz­lich über­se­hen, dass es auch die­se Wirk­lich­keit gibt: Men­schen, die Ihre Mei­nung kund­tun wol­len, sich dazu mit vie­len ande­ren zusam­men­tun und froh und dank­bar sind, wenn sie einen siche­ren Schlaf­platz haben, mit Gleich­ge­sinn­ten reden und Erfah­run­gen aus­tau­schen kön­nen.

Inzwi­schen leert sich der Platz. In Spit­zen­zei­ten hat­ten wir etwa 350 Men­schen­kin­der in über 100 Zel­ten hier, von denen unse­re Nach­barn nachts nichts, gar nichts hör­ten, und wo inzwi­schen abge­baut ist, auch nichts mehr sehen außer platt gedrück­tem Rasen. Ich den­ke, ein Jung­ge­sel­len­ab­schied auf der Ree­per­bahn hin­ter­lässt mehr Müll auf der Stra­ße als die­se Men­schen zusam­men auf unse­rer Wie­se. Von ihnen lie­ßen sich am heu­ti­gen Sonn­tag­mor­gen auch 12 in den Got­tes­dienst ein­la­den, der ihnen und den ande­ren Got­tes­dienst­be­su­chern die Mög­lich­keit bot, Stei­ne auf dem Altar abzu­le­gen für das Uner­träg­li­che der Näch­te vor­her und eine Ker­ze anzu­zün­den für die Zei­chen, die hof­fen las­sen. Vie­le haben die Gele­gen­heit genutzt, ihre Gefüh­le und Gedan­ken mit uns allen zu tei­len. In einem Ein­trag im Gäs­te­buch der Kir­che las ich:  „Seit mei­ner Schul­zeit besuch­te ich kei­nen christ­li­chen Got­tes­dienst mehr, … aber Ihr gewähr­tes Kir­chen­asyl war klas­se, noch­mals vie­len Dank…“

Und übri­gens: Das Essen, was im offe­nen Küchen­trakt des Camps in rie­si­gen Töp­fen und Pfan­nen mit rie­si­gen Kel­len und Wen­dern gekocht und gebra­ten wird, ver­brei­tet immer­noch einen aus­ge­zeich­ne­ten Geruch im gan­zen Camp und sieht so gut aus, dass ich nicht wider­ste­hen konn­te, pro­biert habe und bezeu­gen kann: unse­re Gäs­te ver­ste­hen was davon.

PS: Es ist Mon­tag­mor­gen und nur noch die Abbau-Crew auf dem Platz. Die ver­gan­ge­ne Nacht war die unru­higs­te der gan­zen Zeit. Zwi­schen 2.30 Uhr und 3.30 fuh­ren zwei Mal 4 Mann­schafts­wa­gen der Poli­zei vor und erzeug­ten bei den ver­blie­be­nen 50 Leu­ten im Camp eini­ge Auf­re­gung. Angeb­lich hat­te ein besorg­ter Bür­ger einen Böl­ler gehört und ver­mumm­te Gestal­ten gese­hen. Nie­mand auf dem Platz hat­te etwas gehört, die Nach­wa­che vom Camp hat­te auch nie­man­den gese­hen, auf den die Beschrei­bung gepasst hät­te. Nach einem erstaun­lich kur­zen Wort­wech­sel mit mir ist die ers­te Ein­heit sofort wie­der ein­ge­stie­gen und abge­fah­ren. Aus der zwei­ten Ein­heit waren nur weni­ge bis an die Grund­stücks­gren­ze gekom­men und einer kom­men­tier­te mei­nen Hin­weis auf das Haus­recht mit: „Na, da haben Sie ja eine tol­le Kir­che hier.“ Ich neh­me das als Kom­pli­ment.

Ihr Pas­tor Tors­ten Mor­che