Interviews: Das berichten Oldenburg*innen über den G20-Protest (Teil 2)

Bild: Rasande Tyskar / CC BY-NC-ND 2.0

Hier folgt Teil 2 der Berich­te von Oldenburger*innen, die bei den G20-Pro­tes­ten in Ham­burg waren. Da wir net­ter­wei­se noch mehr Berich­te bekom­men haben, wer­den wir in den nächs­ten Tagen noch einen Teil 3 ver­öf­fent­li­chen. Einen gro­ßen Dank unse­ren Gesprächspartner*innen an die­ser Stel­le, für die Bereit­schaft, ihre Ein­drü­cke mit uns zu tei­len!
 

vierte Oldenburger*in

OR: Was war Dein schöns­tes Erleb­nis bei den g20-Pro­tes­ten in Ham­burg?

O*4: Die Sol­da­ri­tät und die Infra­struk­tur vor Ort haben mich beson­ders begeis­tert. Bei unse­rer Anrei­se haben wir nach einem Schlaf­platz gesucht und mit der Tele­fon­num­mer von »Schal­flos bei G20« inner­halb von fünf Minu­ten einen sehr zen­tra­len Schlaf­platz gefun­den. Die Frau war sehr nett und die Schlaf­ge­le­gen­heit super! Auch die ver­schie­de­nen KüF­as (kurz für: Küchen für alle, OR), Out of Action Zones (~Rück­zugs­räu­me, OR) und der Zusam­men­halt der Demons­tran­ten unter­ein­an­der war gran­di­os.

OR: Hat­test Du denn auch blö­de Erleb­nis­se beim G20?

O*4: Auch wenn es natür­lich super ist, wenn sich vie­le Men­schen den Demons­tra­tio­nen anschlie­ßen, fand ich es sehr gefähr­lich und beängs­ti­gend, wenn Men­schen, die ein­fach nur Spaß am Zer­stö­ren haben, Din­ge aus den letz­ten Rei­hen gewor­fen haben (und dabei auch Demons­tran­ten getrof­fen haben) und eine eher unre­flek­tier­te Stim­mung erzeugt haben.

OR: Was bleibt für Dich vom G20?

O*4: Natür­lich in ers­ter Linie die prä­gen­den Bil­der der Stra­ßen­schlach­ten – da kommt kein Video und kein Foto ran. Aber auch die erneu­te Erfah­rung von Poli­zei­re­pres­si­on, die­ses Mal nur in einem Aus­maß, dass mir noch nicht bekannt war. Was­ser­wer­fer und Pfef­fer­spray gegen Zivi­lis­ten mit ihren Kin­dern… Ich sehe mich erneut dar­in bestärkt, dass ich für eine gute Sache kämp­fe und neh­me die­ses Gefühl in die nächs­ten Demons­tra­tio­nen mit.

OR: Was meinst Du ging in der media­len Bericht­erstat­tung unter?

O*4: Wenn ein Auto­no­mer einen schein­bar zivi­len Demons­tran­ten davon abhält, ein Auto anzu­zün­den, redet wie­der kei­ner dar­über… Aber auch das Vor­ge­hen der Poli­zei und die mei­ner Mei­nung nach geplan­te Eska­la­ti­on der Demons­tra­tio­nen im Schan­zen­vier­tel – man hat­te kei­ne Chan­ce abzu­hau­en, da die OPo­li­zei ein­fach alle Stra­ßen bis auf die Stra­ßen zum Schan­zen­vier­tel dich gemacht hat­te!

 

Oldenburger*in Nr.5

OR: Was war das Bes­te oder das Schöns­te für Dich beim G20?

O*5: Am Akti­ons­tag, am Frei­tag, waren wir mit einer klei­nen ver­spreng­ten Grup­pe des lila Fin­gers in der Demo­ver­bots­zo­ne unter­wegs, um in die Nähe der Mes­se­hal­len zu kom­men. Als wir durch eine Neben­stra­ße gin­gen, wink­te und jubel­te uns auf ein­mal eine Anwoh­ne­rin zu. Das hat mir gezeigt, dass der Pro­test auch außer­halb der „Sze­ne“ wahr­ge­nom­men und gut­ge­hei­ßen wur­de – auch wenn er in der Situa­ti­on mit einem recht­li­chen Regel­bruch ein­her­ging. Das Gefühl, tat­säch­lich Men­schen zu errei­chen, war unge­heu­er wich­tig.

Schön war auch, dass das Blo­cka­de­kon­zept auf­ge­gan­gen ist, zum Teil erfolg­reich blo­ckiert wur­de und sich so vie­le Men­schen dar­an betei­ligt haben – und Das alles, obwohl die Bul­len so bru­tal ver­sucht haben, es zu ver­hin­dern.

OR: Und was lief eher mies?

O*5: Am sel­ben Tag wur­den wir in der Nähe des Ball­in­damms Zeu­gen einer schwe­ren Ver­let­zung, die einer Akti­vis­tin wahr­schein­lich durch einen Ton­fa­schlag (Schlag durch einen Poli­zei-Schlag­stock, OR) auf den Kopf zuge­fügt wur­de. Über­all war Blut…

Zu sehen, wie hem­mungs­los und auch gezielt die Bul­len demons­trie­ren­den Men­schen schwe­re Ver­let­zun­gen zuge­fügt haben, hat mich trotz jah­re­lan­ger Demo­er­fah­rung erschüt­tert. Mei­nes Erach­tens hat­te die Bru­ta­li­tät der Bul­len eine neue Qua­li­tät. Noch nie hat­te ich gehört, dass so gezielt auf die Köp­fe geschla­gen wird – womit Tote in Kauf genom­men wer­den – und so häu­fig noch auf schon am Boden lie­gen­de Men­schen ein­ge­prü­gelt und –getre­ten wur­de.

OR: Was wird Dir vor allem in Erin­ne­rung blei­ben?

O*5: Für mich bleibt zum einen die Bestä­ti­gung, dass Bünd­nis­se not­wen­dig und wich­tig sind, um einen mas­sen­haf­ten Pro­test auf die Stra­ße zu tra­gen. Ich war sehr beein­druckt von der Mas­se an Men­schen, die gemein­sam bei der Groß­de­mo am Sams­tag pro­tes­tiert haben. Ermu­ti­gend fand ich, dass auch die „bür­ger­li­chen‘“ Grup­pen sich trotz der kras­sen Riots in der Schan­ze Frei­tag­nacht nicht von den links­ra­di­ka­len Blö­cken auf der Demo abge­grenzt haben – und das trotz aller Dif­fa­mie­rungs­ver­su­che sei­tens der Medi­en und der Poli­tik im Vor­feld! Im Umkehr­schluss heißt das für mich aus einer links­ra­di­ka­len Per­spek­ti­ve, dass auch wir Wider­sprü­che aus­hal­ten müs­sen. Wir soll­ten nach den Gemein­sam­kei­ten schau­en, nicht nach dem, was uns trennt. Zum ande­ren habe ich dar­an anknüp­fend fest­ge­stellt, dass Pro­test sehr viel­fäl­tig sein kann – und dass das gut so ist. Die Nacht­tanz­de­mo am Mitt­woch war zum Bei­spiel über­haupt nicht mein For­mat. Mir fehl­ten da die poli­ti­schen State­ments und auch Grund­sät­ze wie: man besäuft sich nicht auf Demos. Den­noch muss man sagen, dass die­ses For­mat unglaub­lich vie­le Men­schen auf die Stra­ße geholt hat (über 20.000). Vie­le – ins­be­son­de­re Jugend­li­che – wur­den damit abge­holt, wo sie sind und somit in den Pro­test ein­ge­bun­den. Das fin­de ich sehr wich­tig.

OR: Was hälst Du von der Auf­ar­bei­tung der Gescheh­nis­se in den Medi­en?

O*5: Die media­le Bericht­erstat­tung fin­de ich sehr zwie­ge­spal­ten. Bei­spiels­wei­se wur­de zum Teil auch in der Main­stream­pres­se das Vor­ge­hen der Bul­len bei der Demo am Don­ners­tag skan­da­li­siert und manch­mal sogar als einer der Aus­lö­ser für die Riots am Frei­tag genannt. Das fand ich bemer­kens­wert, sowas ver­misst man häu­fig in der Bericht­erstat­tung. Zugleich fand und fin­det eine Dif­fa­mie­rung der Pro­tes­te statt, in der Lin­ke zum Teil dämo­ni­siert wer­den und gute jour­na­lis­ti­sche Arbeit kei­ne Bedeu­tung mehr zu haben scheint. Schon lan­ge, nach­dem zuge­ge­ben wer­den muss­te, dass es sich bei dem Molo­tov-Cock­tail vom Dach des Hau­ses am Schul­ter­blatt durch­aus um einen gewöhn­li­chen Böl­ler gehan­delt haben könn­te, wur­de die Ver­si­on mit dem Molo­tov-Cock­tail wei­ter­hin von Spie­gel Online und Dem Ers­ten dazu benutzt, Lin­ke als maro­die­ren­de Men­schen­fein­de dar­zu­stel­len, denen die Mit­tel ihres Pro­tests völ­lig gleich­gül­tig sind. Das ist skan­da­lös und nichts ande­res als Het­ze im Stil der Sprin­ger-Pres­se.