Aufrufe zum G20-Gipfel: »G20: Die Logistik des Kapitals lahmlegen!«

Bild: Michael Movchin via Wikimedia Commons (Lizenz: CC BY-SA 3.0)

In die­ser Rubrik zum G20-Gip­fel in Ham­burg möch­ten wir auch eini­ge Auf­ru­fe unter­schied­li­cher Grup­pen doku­men­tie­ren, die sich an den Demos und Pro­tes­ten am Gip­fel­wo­chen­en­de betei­li­gen.

Das Bünd­nis »…ums Gan­ze!« und die »Grup­pe für den orga­ni­sier­ten Wider­spruch« ver­öf­fent­lich­ten bereits im Novem­ber 2016 den fol­gen­den (Kurz-)Aufruf :

»G20: Die Logis­tik des Kapi­tals lahm­le­gen!

Ham­burg ist ja immer eine Rei­se wert. Im Juli 2017 gilt das gleich dop­pelt. Zum einen fin­det dort als Höhe­punkt und Abschluss der deut­schen G20-Prä­si­dent­schaft der G20-Gip­fel statt. Mit Medi­en­rum­mel, Poli­zei­pa­ra­de und allem Drum und Dran. Zum ande­ren ist Ham­burg mit sei­nem Hafen auch eine wich­ti­ge Dreh­schei­be der deut­sche Export­wirt­schaft und des glo­ba­len Waren­ver­kehrs – und damit die pas­sen­de Büh­ne, um Staat und Kapi­tal einen Strich durch die Rech­nung zu machen. Denn ein bes­se­res Leben für alle ist von bei­den ganz sicher nicht zu erwar­ten. Wir rufen dazu auf, den G20-Gip­fel und die inter­na­tio­na­le Mobi­li­sie­rung dage­gen zu nut­zen, um dort anzu­set­zen, wo es einer Welt, in der Waren frei über die Welt­mee­re schip­pern, wäh­rend zugleich tau­send­fach Migrant_innen ertrin­ken, wirk­lich weh­tun kann.

Bereits jetzt ist klar: Es wird mit den Staats- und Regierungschef*innen der 19 größ­ten Indus­trie­na­tio­nen und Euro­pa eine Show der Super­la­ti­ve – und von den hoch­tra­ben­den Ver­spre­chen einer „gerech­ten Gestal­tung der Glo­ba­li­sie­rung“ wird jedes ein­zel­ne gebro­chen wer­den. Mal wie­der. Denn der G20-Gip­fel ist ein zen­tra­ler Aus­druck des poli­ti­schen Dilem­mas des Kapi­ta­lis­mus: Sei­ne Wider­sprü­che wer­den von der Poli­tik und ihrem Per­so­nal nicht wie behaup­tet gelöst, son­dern bloß ver­wal­tet. Das G20-Tref­fen ist eher kein kol­lek­ti­ver Akteur, son­dern ein Spiel­feld der Staa­ten­kon­kur­renz zwi­schen den west­li­chen Nato-Staa­ten und Russ­land, zwi­schen der süd­eu­ro­päi­schen Peri­phe­rie, die im Rah­men der EU-Mit­glied­schaft im G20 auch ein biss­chen mit­spie­len darf, und einem Deutsch­land, das auch über die Ebe­ne der G20 ver­sucht, die eige­ne wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Domi­nanz aus­zu­bau­en. Und auch die ande­ren Teil­neh­mer­staa­ten sind selbst­ver­ständ­li­cher Teil die­ser schlech­ten Gesell­schaft: die Tür­kei, die gera­de den Über­gang zur offe­nen Dik­ta­tur voll­zieht, tau­sen­de Men­schen mit Repres­si­on bedroht oder ein­ker­kert und Krieg gegen die eige­ne Bevöl­ke­rung führt, Bra­si­li­en mit sei­ner neu­en ultra­neo­li­be­ra­len und tech­no­kra­ti­schen Regie­rung, das Schreck­ge­spenst Trump, das in sei­nem Wahn selbst noch die neo­li­be­ra­len Eli­ten das Fürch­ten lehrt etc.

Doch je weni­ger die Poli­tik und ihr Per­so­nal den Men­schen in Bezug auf die Lösung der gro­ßen Kri­sen unse­rer Zeit anzu­bie­ten hat, son­dern im Gegen­teil die Bar­ba­ri­sie­rung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se welt­weit vor­an­treibt, des­to geschäf­ti­ger wird poli­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit simu­liert. Der G20 ist daher – nicht zuletzt auch vor der Bun­des­tags­wahl 2017 – vor allem ein Reprä­sen­ta­ti­ons­e­vent, das Legi­ti­ma­ti­on durch Spek­ta­kel erzeu­gen soll. Der mas­si­ve Ver­such einer Ein­bin­dung von NGOs und Initia­ti­ven im Rah­men des Civic-Pro­zes­ses ist Aus­druck davon. Eben­so der Plan, das Gip­fel-Pro­gramm in der Innen­stadt durch­zu­zie­hen, um Nähe zu Bürger*innen, Dia­log und Inter­es­se an zivil­ge­sell­schaft­li­chen For­de­run­gen zu simu­lie­ren. Die Wahl Ham­burgs ist kein Zufall, son­dern der ideo­lo­gi­sche Ver­such, um den G20-Gip­fel mit neu­er Legi­ti­mi­tät zu ver­se­hen. Damit alles so bleibt, wie es ist.

Zugleich eska­lie­ren die zahl­rei­chen, sys­te­misch beding­ten Kri­sen des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus mun­ter wei­ter: Der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt macht – unter Bedin­gun­gen kapi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­ons- und Eigen­tums­ver­hält­nis­se – nicht die Armut, son­dern die Men­schen über­flüs­sig. Die Poli­tik ver­wal­tet die­sen Kri­sen­pro­zess, dis­zi­pli­niert die Über-flüs­si­gen und stellt sich gleich­zei­tig als Teil einer Lösung dar, die sie aus struk­tu­rel­len Grün­den gar nicht sein kann. Das führt zu Frus­tra­ti­on, die sich immer öfter in Rechts­ruck, natio­na­len Abschot­tungs­phan­ta­si­en, vor denen selbst die Lin­ke nicht gefeit ist, und einer wach­sen­den reak­tio­nä­ren Oppo­si­ti­on zur Glo­ba­li­sie­rung aus­drückt – was wie­der­um die Kri­sen­fol­gen nur veschärft und eman­zi­pa­to­ri­sche Aus­we­ge aus der Kri­se ver­stellt. Denn poli­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit kön­nen die Rech­ten im glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus nur im nega­ti­ven Sin­ne bewei­sen – indem sie noch mehr Men­schen von fun­da­men­ta­len Rech­ten und gesell­schaft­li­chem Reich­tum aus­schlie­ßen, als es der hoch­tech­ni­sier­te Kapi­ta­lis­mus schon aus sei­ner öko­no­mi­schen Dyna­mik her­aus tut.

Die brei­ten zivil­ge­sell­schaft­li­chen Pro­tes­te gegen den Gip­fel, die bereits jetzt in ganz Euro­pa geplant wer­den, stel­len die Legi­ti­mi­tät der herr­schen­den Poli­tik zu Recht in Fra­ge. Dafür gebührt ihnen Respekt. Doch in den Appel­len für eine „ech­te Pro­blem­lö­sung, Demo­kra­tie und Gerech­tig­keit“ ver­ken­nen die zivil­ge­sell­schaft­li­chen Pro­tes­te oft­mals den sys­te­mi­schen Cha­rak­ter und die struk­tu­rel­len Gren­zen von Poli­tik im glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus. Damit lau­fen sie Gefahr, die Illu­si­on einer poli­ti­schen Hand­lungs­fä­hig­keit der Natio­nal­staa­ten erneut von Links zu befeu­ern. Auf kurz oder lang gibt es kei­ne eman­zi­pa­to­ri­sche Per­spek­ti­ve inner­halb der Ord­nung von Kapi­tal und Natio­nal­staat. Erst im Moment ihrer Über­win­dung öff­net sich eine gesell­schaft­li­che Per­spek­ti­ve, die nicht Orga­ni­sa­ti­on des Man­gels, son­dern soli­da­ri­sche Ver­fü­gung über den gesell­schaft­li­chen Reich­tum ist.

Dage­gen ist fest­zu­hal­ten: Die Selbst­or­ga­ni­sie­rung der Gesell­schaft durch die Men­schen ist mit der bestehen­den Ord­nung nicht zu haben. Das geht nur, wenn die Schran­ken der Natio­nal­staa­ten, die Zwän­ge des kapi­ta­lis­ti­schen Welt­markts, des Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln und das Regime der Repro­duk­ti­on über­wun­den wer­den.

Auch wenn der Plan wag­hal­sig erscheint, die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen dafür sind heu­te so gut wie nie. Anstatt also wei­ter auf ein paar mehr Krü­mel für die zahl­lo­sen Über­flüs­si­gen des High­tech-Kapi­ta­lis­mus zu hof­fen, geht es viel­mehr um eine Per­spek­ti­ve jen­seits der Bäcke­rei. Und die wer­den wir nur errei­chen, wenn wir begin­nen, sie heu­te zu ent­wi­ckeln und grenz­über­grei­fend auf­zu­bau­en. Gegen eine Ord­nung, in der Kri­se Nor­ma­li­tät und Nor­ma­li­tät Kri­se bedeu­tet.

Die Chan­ce, die in Ham­burg vor uns liegt, ist daher, gemein­sam mit unse­ren Freund*innen aus ganz Euro­pe und bey­ond, die G20-Büh­ne zu nut­zen, um mit der Logis­tik einen Angriffs­punkt auf­zu­zei­gen, der über poli­ti­sche Sym­bo­lik hin­aus­geht. Es geht dabei dar­um, einen Aus­weg zu fin­den, dem Kapi­ta­lis­mus Leben abzu­trot­zen und sich dem Drift in die völ­ki­sche wie reli­giö­se Bar­ba­rei zu ver­wei­gern. Ohne schon zu viel zu ver­ra­ten: Die­ser Weg beginnt nicht mit Appel­len an den Staat, son­dern mit der grenz­über­grei­fen­den Unter­bre­chung der Logis­tik des Kapi­tals selbst. Denn das ist die ein­zi­ge Spra­che, die es ver­steht. Für etwas Bes­se­res als die Gegen­wart.

…ums Gan­ze!
feat. grow«

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[…] Wir doku­men­tie­ren im fol­gen­den einen Stel­lung­nah­me zu den Gip­fel­pro­tes­ten von der Inten­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken (IL). Die­se hat vor allem zu den Blo­cka­de-Aktio­nen am Frei­tag auf­ge­ru­fen, u.a. hat auch die Olden­bur­ger Rund­schau das Posi­ti­ons­pa­pier doku­men­tiert. […]