Die rote Kommune

Foto: Willi Effenberger / Lower Class Magazine 2017

Demo­kra­tie beginnt an der Basis – die Komu­na Taxa Sor im nord­sy­ri­schen Derik

Roja­va, das von der kur­di­schen Befrei­ungs­be­we­gung erkämpf­te Selbst­ver­wal­tungs­ge­biet im Nor­den Syri­ens, hat es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu welt­wei­ter Bekannt­heit gebracht. Zum einen, weil die Mili­zen Roja­vas, die Volks­ver­tei­di­gungs­kräf­te YPG und ihre Frau­en­ein­hei­ten YPJ, die zen­tra­le Rol­le bei der Zurück­drän­gung der Dschi­ha­dis­ten­mi­liz »Isla­mi­scher Staat« (IS bzw. Daesh) spiel­ten. Zum ande­ren aber auch, weil es in dem Gebiet zwi­schen Afrin und Ciz­i­re gelang, mit­ten in den Wir­ren eines blu­ti­gen Krie­ges mit Hun­dert­tau­sen­den Toten ein demo­kra­ti­sches Expe­ri­ment zu wagen, des­sen Eck­pfei­ler Räte­or­ga­ni­sie­rung und das Ende jeder Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund von Reli­gi­on, Eth­nie oder Geschlecht sind.

Die gesell­schaft­li­che Ver­an­ke­rung die­ses Ver­su­ches der Eta­blie­rung einer Demo­kra­tie von unten bil­den die »Kom­mu­nen«. »Die Kom­mu­ne ist die kleins­te Ein­heit an der Basis«, erklärt Heval Xebat, der in der nord­sy­ri­schen Klein­stadt Derik in der Lei­tung für eine Nach­bar­schaft zustän­dig ist. »Die Ver­ant­wort­li­chen aus der Kom­mu­ne tra­gen die Inter­es­sen der Gesell­schaft wei­ter auf die nächst­hö­he­re Ebe­ne, in die Mec­lis, die Räte für bestimm­te Stadt­tei­le. Die Mec­lis wie­der­um sind für die gesam­te Stadt und dann für eine bestimm­te Regi­on zusam­men­ge­schlos­sen.«

Als eine der ers­ten Kom­mu­nen in Roja­va ent­stand die Komu­na Taxa Sor, die »rote Kom­mu­ne«, in Derik. Sie ist für 150 Fami­li­en zustän­dig. Hier, wo auch Heval Xebat arbei­tet, ist sehr früh ver­sucht wor­den, das neue Sys­tem in den Nach­bar­schaf­ten zu ver­an­kern. Am Anfang, erin­nert sich Heval Xebat, habe es noch kei­ne Kom­mu­nen gege­ben. »Als 2011 die Revo­lu­ti­on begann, muss­te alles schnell gehen und es gab kei­ne Zeit, die kleins­ten Ein­hei­ten zuerst auf­zu­bau­en. Es gab ein Vaku­um. In unse­rer Nach­bar­schaft zum Bei­spiel leben 900 Fami­li­en. Für die wur­de dann ins­ge­samt ein Rat gebil­det.«

Erst nach den Räten wur­den die Kom­mu­nen gegrün­det, um die Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten der Gesell­schaft aus­zu­bau­en und ihre Bedürf­nis­se bes­ser zu ver­ste­hen. Zu Beginn war das zen­tra­le Anlie­gen die Ver­tei­di­gung gegen Angrif­fe von außen – durch Daesh, durch die syri­sche Regie­rung oder durch mit dem tür­ki­schen Auto­kra­ten Recep Tayy­ip Erdo­gan ver­bün­de­te Ban­den.

Doch die Kom­mu­ne ist weit mehr als ein mili­tä­ri­sches Abwehr­sys­tem. Sie hat, wie auch die Räte, arbeits­fä­hi­ge Komi­tees, die alle Berei­che des gesell­schaft­li­chen Lebens abde­cken: Wirt­schaft, Bil­dung, Streit­schlich­tung, Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit, Jugend, Gesund­heit, Dienst­leis­tun­gen, Kunst und Kul­tur. »Die Kom­mu­ne koor­di­niert die­se Arbei­ten, sie stellt fest, was nötig ist und wie das zu bewäl­ti­gen ist. Die Komi­tees müs­sen ein­an­der Rechen­schaft geben, sie schrei­ben Berich­te an den Stadt­rat, um die Arbei­ten zu koor­di­nie­ren.« Sozi­al haben die Komi­tees eine Umver­tei­lungs­funk­ti­on. »Wenn Fami­li­en beson­ders arm sind, und sich etwa eine medi­zi­ni­sche Behand­lung nicht leis­ten kön­nen, dann wird unter den ande­ren Kom­mu­ne­mit­glie­dern gesam­melt«, so Heval Xebat.

Gera­de wer­de ver­sucht, die Kom­mu­nen neu zu for­mie­ren. Sie sol­len nicht län­ger den Anschein erwe­cken, einer bestimm­ten ideo­lo­gi­schen Rich­tung, der kur­di­schen Befrei­ungs­be­we­gung, zuge­hö­rig zu sein. »Die Kom­mu­nen sind für alle da. Die gan­ze Gesell­schaft muss sich in ihnen wie­der­fin­den kön­nen.«

Jede Kom­mu­ne hat ein eige­nes klei­nes Zen­trum, im Fal­le der Taxa Sor ein klei­nes bunt bemal­tes Häus­chen mit Gar­ten. Ein­mal die Woche gibt es ein all­ge­mei­nes Tref­fen, einen Tag pro Woche kann jedes Gemein­de­mit­glied zum gemein­nüt­zi­gen Dienst geru­fen wer­den.

Neben den pro­fes­sio­na­li­sier­ten mili­tä­ri­schen Ein­hei­ten Roja­vas – YPG und YPJ sowie die Poli­zei­ein­hei­ten der Asay­is – unter­hal­ten die Kom­mu­nen eige­ne Mili­zen, die aus bewaff­ne­ten Mit­glie­dern der Nach­bar­schaft bestehen, die soge­nann­ten Hezen Paras­ti­na Civa­ki (Ver­tei­di­gungs­kräf­te der Gesell­schaft, HPC). »Der von unten orga­ni­sier­te Schutz der Gesell­schaft ist eine wirk­lich wich­ti­ge Ange­le­gen­heit«, meint Harun Ser­hat, einer der HPC-Mili­zio­nä­re aus Derik. »Wir haben eige­ne Kon­troll­punk­te in der Nach­bar­schaft und Wach­diens­te. In jeder Kom­mu­ne gibt es min­des­tens 20 Men­schen, die an der Waf­fe aus­ge­bil­det wur­den.« Die Kom­mu­nen ver­fü­gen über eige­ne Waf­fen, die Ent­schei­dun­gen trifft das Ver­tei­di­gungs­ko­mi­tee. »Wir arbei­ten mit YPG und Asay­is eng zusam­men. Wenn etwas pas­siert, sind wir bereit und kön­nen mobi­li­siert wer­den.«

 

Wir dan­ken der jun­gen Welt für die Nach­druck­ge­neh­mi­gung des Bei­trags von Peter Scha­ber vom 31.05.2017

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