Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus

Die Oldenburger Rundschau hat ein Gespräch mit Jan Krieger, Mitarbeiter der Interkulturellen Arbeitstelle IBIS e.V., geführt.

Seit Anfang des Jahres gibt es in Oldenburg eine "Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus". Was macht diese?
Die „Mobile Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie“ bietet bereits seit einigen Jahren Präventions- und Beratungsangebote bei rechtsextremen Vorfällen an. Menschen, die mit rechtsextremen Haltungen, Aktivitäten und Strukturen in Berührung gekommen sind und nicht genau wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen, werden von der Mobilen Beratung durch kompetente Beratungshilfe unterstützt. Es werden gemeinsam Handlungskonzepte entwickelt, damit sich die betroffenen Personen gestärkt fühlen im Umgang mit rechten Erscheinungsformen. Bislang waren dafür ausschließlich die Mitarbeiter*innen des Demokratiezentrums und des Landespräventionsrates in Hannover zuständig, die dann in den Regionen von Honorarkräften aus dem Niedersächsischen Beratungsnetzwerk unterstützt wurden. Aufgrund der steigenden Anfragen und um flächendeckender und niedrigschwelliger tätig werden zu können, wurde die Beratung Anfang diesen Jahres regionalisiert und drei zusätzliche Büros eröffnet. Für den Süden Niedersachens ist die Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt (ARUG) zuständig, für den Nordosten das Weser-Aller Bündnis (WABE) und den Nordwesten deckt die Interkulturelle Arbeitsselle IBIS ab. Unterstützt wird das Regionalbüro wie zuvor auch schon das Demokratiezentrum durch zusätzliche Honorarkräfte.

Was ist konkret eure Aufgabe?
Wir stehen bei Fragen im Zusammenhang mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zur Verfügung und leisten sowohl Präventionsarbeit als auch Intervention bei rechtsextremen Vorkommnissen. Das Angebot ist kostenlos und vertraulich. Angesprochen sind Vereine, Verbände, Bürger*innenbündnisse, Institutionen, Kommunen sowie Schulen, Eltern und Angehörige. An die Mobile Beratung können sich beispielsweise Eltern oder Vereine wenden, wenn sich Jugendliche radikalisieren und in die rechtsextreme Szene einsteigen. Auch Informationen zum Umgang mit rassistischen Äußerungen oder die Einordnung von Symbolen, Kleidung oder Musikbands können bei den Regionalbüros erfragt werden. Ein weiteres Beispiel können zivilgesellschaftliche Gruppen oder Einzelpersonen sein, die eine Veranstaltung zum Thema Rechtsextremismus veranstalten und mitbekommen haben, dass die Veranstaltung durch Rechte gestört werden soll. Wir schätzen dann die Situation ein und geben den Personen Tipps, wie sie sich am besten verhalten können. Darüber hinaus stehen wir für Fortbildungen, Workshops sowie Moderation von Dialogforen oder Bürger*innen versammlungen zur Verfügung und vermitteln bei Bedarf weiter an die Niedersächsische Ausstiegs- und Betroffenenberatung.

Wer finanziert dieses Beratungsangebot?
Das Landes-Demokratiezentrum Niedersachsen unterstützt die Regionalbüros zunächst jährlich bis Ende 2019 mit jeweils 100.000 Euro aus Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. „Demokratie Leben“ ist ein Bundesprogramm, welches Aktivitäten gegen demokratie- und menschenfeindliche Phänomene wie z.B. Rechtsextremismus, Antiziganismus, Homophobie, Islam- bzw. Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassimus, Ultranationalismus, gewaltbereiten Salafismus u.a. fördert. In Oldenburg wird aus dem Programm z.B. auch das Modellprojekt „Meine Geschichte. Deine Geschichte. Unsere Geschichte“ gefördert, ein Projekt zu israelbezogenen Antisemitismus bei Jugendlichen aus dem arabischen Raum. Hieraus ist kürzlich das Theaterstück „Heimat ist kein Land“ entstanden, welches mehrmals erfolgreich bei IBIS sowie an verschiedenen Schulen aufgeführt wurde.

Gibt es denn für diese Beratungstätigkeit überhaupt eine Notwendigkeit?
Definitiv! In den letzten Jahren stieg die Anzahl registrierter rechter Straftaten in Niedersachsen kontinuierlich an. Einer parlamentarischen Anfrage der Grünen zufolge verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr 1622 Delikte mit einem mutmaßlichen rechten Hintergrund, die von Hakenkreuzschmierereien bis hin zu Gewalttaten reichen. Im Jahr 2014 registrierten die Behörden noch 1124 rechte Straftaten. Besonders brisant dabei ist, dass insbesondere in der Region Weser Ems die rechten Straftaten deutlicher zugenommen haben als im Rest des Landes. Von 376 stieg die Zahl auf 413. Bei der Anzahl der Delikte liegt der Landkreis Aurich vor Wilhelmshaven, gefolgt von der Stadt Oldenburg. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch weitaus höher, da nicht immer alle Straftaten zur Anzeige gebracht werden. Unabhängig davon ist Präventionsarbeit immer wichtig und sollte kontinuierlich stattfinden, zumal sich manifeste rechte Einstellungen nicht gänzlich abgrenzen lassen von rassistischen Ressentiments aus der Mitte der Gesellschaft - ganz im Gegenteil: Die „Mitte“ Studie der Friedrich Ebert Stiftung oder aber auch die Arbeiten Heitmeyers zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zeigen auf, dass die Grenzen mittlerweile fließend sind.

Womit wirst Du beginnen, um die Beratungsstelle aufzubauen und bekannt zu machen?
Eine der wichtigsten Hauptaufgaben im ersten Jahr wird der Aufbau der Infrastruktur sein. Dies beinhaltet neben der Erstellung einer eigenen Webseite, Flyer, Infomaterialien etc. vor allem den Aufbau und die Stärkung von Netzwerken, Kooperationspartner*innen und zivilgesellschaftlich Engagierten, mit denen wir zukünftig zusammenarbeiten werden.  Unterstützt werde ich von meinem Kollegen Martin Göske und von zusätzlichen Honorarkräften. Zurzeit bereisen wir die Region, stellen die Mobile Beratung vor, halten Vorträge zu bestimmten Themen und vernetzen uns mit Einzelpersonen und zivilgesellschaftlichen Bündnissen, mit denen wir gemeinsame Veranstaltungen wie beispielsweise Vorträge, Workshops, Fachtagungen zu spezifischen Themen organisieren und entwickeln.

Für wen fühlt Ihr Euch zuständig - wen möchtet Ihr ermutigen, sich an Euch zu wenden?
Unser Zuständigkeitsgebiet umfasst neben den kreisfreien Städten Oldenburg, Emden, Delmenhorst, Wilhelmshaven und Osnabrück die Landkreise Oldenburg, Osnabrück, Cloppenburg, Ammerland, Diepholz, Wesermarsch, Friesland, Wittmund, Vechta, Aurich, Leer, Emsland sowie die Grafschaft Bad Bentheim und die Ostfriesischen Inseln. Angesprochen sind wie bereits schon erwähnt alle, die mit rechtsextremen und antidemokratischen Haltungen konfrontiert wurden. Dies können Vereine, Verbände, Institutionen, Kommunen, zivilgesellschaftliche Bündnisse, Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, Schulen, Eltern oder auch Angehörige sein.

Hast Du bereits jetzt Ideen für weitere Aktivitäten, die vielleicht am Anfang noch nicht so im Vordergrund stehen, Du Dir aber vorstellen/wünschen würdest?
Vorausschauend gedacht wäre es schön, wenn wir gemeinsam mit den anderen Regionalbüros und in Kooperation mit dem Demokratiezentrum jährlich einen Lagebericht zur Situation in Niedersachsen veröffentlichen könnten. Auch die Veröffentlichung von Ratgebern z.B. für Kommunen im Umgang mit rechten Erscheinungsformen oder Publikationen zu einzelnen Themenschwerpunkten wären wünschenswert. Darüber hinaus werden wir im Zuge unserer Tätigkeiten sicherlich noch den einen oder anderen Schwerpunkt entwickeln und hierzu z.B. Fortbildungsangebote anbieten.

Es gibt in Oldenburg auch die "Koordinierungsstelle gegen Rechts" - wo liegen denn die Unterschiede zu dieser Arbeit?
Die Koordinierungsstelle gegen Rechts vernetzt die Arbeit gegen Rechtsextremismus in Oldenburg, organisiert Bildungs- und Aufklärungsveranstaltungen, informiert interessierte Grupppen und Bürger*innen über die rechte Szene sowie über dazugehörige Veranstaltungen. Demnächst findet z.B. ein Argumentationstraining gegen rechts statt. Die Koordinierungsstelle macht ähnliche Arbeit wie wir, nur mit dem Unterschied, dass sie sich ausschließlich auf die Stadt Oldenburg konzentriert. Wir haben unser Büro zwar in Oldenburg, konzentrieren uns aber auf die gesamte Region im Nordwesten Niedersachsens. Wir können und wollen uns nicht ausschließlich auf Oldenburg konzentrieren und sind somit froh, dass es diese Stelle gibt, da wir vor Ort etwas entlastet werden. Wir arbeiten eng und gerne mit der Koordinierungsstelle gegen Rechts zusammen und die Stadt Oldenburg kann sich glücklich schätzen, dass es eine solche Stelle überhaupt gibt.

 

 

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