Flucht aus der Türkei – Ein Veranstaltungsbericht

Ende Janu­ar orga­ni­sier­ten der DGB Oldenburg/Ostfriesland, die GEW Nds/Ausschuss für Migra­ti­on, Diver­si­tät und Anti­ras­sis­mus, die ver.di-Betriebsgruppe der Carl von Ossietz­ky Uni­ver­si­tät sowie die Koope­ra­ti­ons­stel­le Hochschule/Gewerkschaften eine Vor­trags- und Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung, in der die aktu­el­le poli­ti­sche Lage in der Tür­kei, des­sen Hin­ter­grün­de und das Aus­maß der Repres­sio­nen gegen­über der Oppo­si­ti­on beleuch­tet wur­de.

Wir doku­men­tie­ren an die­ser Stel­le die Bei­trä­ge der ver­schie­de­nen Referent_innen, die voll­stän­di­gen Bei­trä­ge sind jeweils als Video­mit­schnitt zu sehen.

Einen ers­ten Über­blick über die poli­ti­sche Lage in der Tür­kei gab zunächst Dr. Ulri­ke Fla­der, Sozio­lo­gin und bis vor kur­zem Hoch­schul­leh­re­rin in Istan­bul. Ihre Arbeits­stel­le hat Dr. Fla­der auf­grund ihres Enga­ge­ments in der Grup­pe „Aka­de­mi­ker für den Frie­den“ ver­lo­ren. Seit Dezem­ber 2016 ist sie wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Eth­no­lo­gie und Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Bre­men.

Um den Blick auf die Tür­kei über die Per­son Erdo­gans hin­aus zu erwei­tern, gab Dr. Fla­der einen Über­blick über die Situa­ti­on der Kurd_innen in der Tür­kei, die ihrer Ansicht nach eine Schlüs­sel­rol­le im bestehen­den Kon­flikt ein­nimmt. In der vor­ge­stell­ten Zeit­leis­te begann Dr. Fla­der die Dar­stel­lung im Juni 2015 nach der tür­ki­schen Par­la­ments­wahl, in der die Par­tei für Gerech­tig­keit und Auf­schwung (AKP), die Par­tei Erdo­gans, die abso­lu­te Mehr­heit ver­fehl­te und somit auf einen Koali­ti­ons­part­ner ange­wie­sen war. Im Anschluss an die­se Wahl ver­stärk­ten sich die staat­li­chen Repres­sio­nen, vor allem gegen die Demo­kra­ti­sche Par­tei der Völ­ker (HDP), eine pro­kur­di­sche links­ge­rich­te­te Par­tei. Mit 13,1 % hat­te die­se erst­ma­lig die 10%-Sperrklausel über­win­den kön­nen und damit ver­hin­dert, dass die AKP die Mehr­heit stel­len konn­te. Nach Dr. Fla­der war die­ser Wahl­aus­gang der Moment, an dem die AKP ent­schied, die kur­di­sche Fra­ge nicht mehr auf fried­li­chem Wege zu lösen. Bereits hier zeich­ne­te sich der Weg der Koali­ti­on der AKP mit rechts­na­tio­na­lis­ti­schen Par­tei­en im Par­la­ment und ande­ren Grup­pie­run­gen ab. Anhand spä­te­rer Ereig­nis­se wie des Atten­tats in Suruc und des Ein­zugs des Mili­tärs in die Städ­te der kur­di­schen Regi­on beschrieb U. Fla­der die Kriegs­stra­te­gie der Regie­rung zur „Lösung“ des kur­di­schen Kon­flikts.

Im nächs­ten Bei­trag berich­te­te Saki­ne Esen Yil­maz, die ehe­ma­li­ge Gene­ral­se­kre­tä­rin der tür­ki­schen Leh­rer­ge­werk­schaft Eği­tim Sen, von der AKP-Stra­te­gie der Spal­tung der tür­ki­schen Gesell­schaft – in Gläu­bi­ge und Nicht-Gläu­bi­ge, in Türk_innen und Kurd_innen, in West­li­che und Öst­li­che, in Rei­che und Arme usw. Dazu kom­me die zuneh­men­de Isla­mi­sie­rung der Gesell­schaft, u.a. auch sicht­bar anhand der Ver­än­de­rung der Unter­richts­in­hal­te in den Schu­len. Nach S. Yil­maz hät­te die AKP-Regie­rung auch ohne den Putsch­ver­such im Juli 2016 die Repres­sio­nen gegen­über den Lehrer_innen und ande­ren Bil­dungs­ver­ant­wort­li­chen durch­ge­setzt. So wur­de bereits im Janu­ar 2016 sei­tens des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums ver­fügt, die Abschlüs­se von über 1 Mil­li­on Lehrer_innen zu über­prü­fen. Im wei­te­ren Vor­trag beschrieb S. Yil­maz sowohl die Repres­sio­nen, die nach dem Putsch gegen­über Medi­en­an­stal­ten, Ver­ei­nen und Ein­zel­per­so­nen ein­setz­ten als auch die Maß­nah­men des Aus­nah­me­zu­stan­des.

Dr. Cetin Gür­er hat auf­grund sei­ner Unter­schrift unter die Peti­ti­on „Aka­de­mi­ker für den Frie­den“, die sich für ein Ende der Repres­sio­nen in den kur­di­schen Gebie­ten ein­setzt, sei­ne Stel­le an einer Pri­vat­uni­ver­si­tät in Istan­bul ver­lo­ren und ist heu­te an der Uni Bre­men im Zen­trum für Arbeit und Poli­tik tätig. Der Fokus sei­nes Bei­tra­ges lag auf der Bewer­tung des Putsch­ver­su­ches vom Juli 2016 im Hin­blick auf die Inter­es­sen der regie­ren­den AKP-Par­tei. Sei­ner Ansicht nach kann das der­zei­ti­ge Regime in der Tür­kei durch­aus als ein faschis­ti­sches begrif­fen wer­den, was C. Gür­er anhand ver­schie­de­ner Merk­ma­le beleg­te.

Süley­man Ateş ist Leh­rer in Köln und Mit­glied des Bun­des­aus­schus­ses für mul­ti­kul­tu­rel­le Ange­le­gen­hei­ten in der GEW (BAMA). Ateş stammt selbst aus der Tür­kei und muss­te das Land nach dem Mili­tär­putsch im Jah­re 1971 ver­las­sen. Er beleuch­te­te in sei­nem Bei­trag das Ver­hält­nis zwi­schen der Tür­kei und Deutsch­land, auch hin­sicht­lich der tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, die in Deutsch­land leben. Nach sei­ner Ansicht gibt es eine gro­ße Dif­fe­renz zwi­schen der tür­ki­schen Regie­rungs­po­li­tik und der viel­fäl­ti­gen gesell­schaft­li­chen tür­ki­schen Lebens­rea­li­tät. Die tür­ki­sche Regie­rung ver­su­che jedoch, durch Ein­fluss­nah­me auf die tür­ki­schen Ver­ei­ne in Deutsch­land auch hier ihre natio­na­lis­ti­sche Poli­tik zu eta­blie­ren. Wider­stand dage­gen schei­tert sei­ner Erfah­rung nach häu­fig an der Sor­ge der in Deutsch­land leben­den Türk_innen um die in der Tür­kei leben­de Ver­wandt­schaft.

Alle Bei­trä­ge unter­mau­er­ten in der mit mehr als 200 Teilnehmer_innen gut besuch­ten Ver­an­stal­tung die Befürch­tun­gen bzgl. der Ent­wick­lun­gen in der Tür­kei mit zahl­rei­chen Fak­ten und authen­ti­schen Schil­de­run­gen.

So konn­te die anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on nur als Auf­takt ver­stan­den wer­den – für wei­te­re not­wen­di­ge Über­le­gun­gen zur Unter­stüt­zung der von Repres­sio­nen betrof­fe­nen Kolleg_innen in und aus der Tür­kei.

Die Veranstalter_innen rufen zu Soli­da­ri­täts­ak­tio­nen auf und pla­nen wei­te­re öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen dazu.