Die Bundeswehr und ihre jungen Rekrut*innen

Bildquelle: Bundeswehr https://www.bundeswehrkarriere.de/presse

Seit der Abschaffung der Wehrpflicht hat die Bundeswehr Nachwuchssorgen, die sie mit gezielter Anwerbung von Jugendlichen zu beheben versucht. Problematisch ist dabei nicht nur die verharmlosende Darstellung des Soldat*innenberufs, sondern auch die Zielgruppe, da zunehmend Minderjährige in den Fokus geraten.1 Kritisiert wurde die Bundeswehr beispielsweise für die unter anderem in der Bravo beworbenen »Bw-Adventure-Camps«, bei denen in sommerlicher Strandurlaubsatmosphäre in »Team-Challenges« mit »Action« Sportgeist und Zusammenhalt unter Beweis gestellt werden sollen. Die Leser*innenschaft der Bravo ist durchschnittlich zwischen 12 und 17 Jahren alt. Auch auf der letzten Gamescon, einer Computerspiele-Messe, die von vielen Minderjährigen besucht wird, war die Bundeswehr präsent – unter anderem mit einem echten Panzer. Zu diesem Event engagierte sie zudem noch bekannte Youtuber*innen, die dabei das Format Snapchat nutzten, das vor allem 10- bis 15-Jährige anspricht. Die Reaktion der Bundeswehr auf konkrete Anfragen, warum denn solche Medien genutzt würden: Man wolle im Rahmen des Projektes »Digitale Kräfte« vor allem das technik-affine Publikum für den Cyber- und IT-Bereich ansprechen.

Ausbildung als Reality-Soap

Im November 2016 startete die Bundeswehr ihre 1,7 Millionen Euro teure Webserie »Die Rekruten« auf Youtube. Begleitet wurde die Serie von einer 6,2 Millionen Euro teuren Werbekampagne, darunter Plakate mit Sprüchen wie »Ab November werden härtere Töne angeschlagen« und »Ab November wird zusammengefaltet«, aber auch »Ab November wird draußen gespielt«. Die mediale Aufmerksamkeit war enorm. Neben der anfänglichen kritischen Aufarbeitung durch die Presse, zeigt sich dies eindrücklich an folgenden Zahlen: Ende Januar 2017 zählte der Youtube-Kanal über 267.000 Abonnent*inne und durchschnittlich 200.000 Aufrufe der jüngsten Videos bis hin zu 1.000.000 Aufrufe der ersten Ausbildungstage.

In der Serie wurden in Wackelkamera- und Selfie-Optik zwölf neue Rekrut*innen über drei Monate hinweg bei ihrer Grundausbildung in der Marine-Kaserne in Mecklenburg-Vorpommern begleitet. In der Beschreibung heißt es, dabei solle ein authentisches Bild der Bundeswehr gezeichnet werden. Ob dieses Format dafür tatsächlich geeignet ist, kann zumindest infrage gestellt werden. Der Dienst an der Waffe als Spiel, wie es eines der Werbeplakate nahelegt? Oder, wie es ebenfalls auf dem Youtube-Kanal heißt, »Wind und Wetter spüren, Herausforderungen bestehen, Kameradschaft erleben, an Grenzen gehen und seine Stärken finden.« Das klingt nicht nach einer authentischen Nachzeichnung des Soldat*innenberufs. Als ein Argument für die Authentizität wird angeführt, dass die Rekrut*innen keine Schauspieler*innen, sondern ganz normale Bewerber*innen bei der Bundeswehr sind. Die Charaktere sind jedoch sorgfältig ausgewählt. Die jugendliche Zielgruppe kann sich leicht mit ihnen identifizieren. Ein anderes Argument ist, dass nichts beschönigt werde und auch (am Rande) unangenehme Themen wie Tod, Verwundung oder Auslandseinsätze verhandelt werden. Tatsächlich dominieren in den Videos allerdings typisches Dschungelcamp-Mitleid und harmloser Witz. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, dass hinter der Serie die Produktionsfirma Spin TV steckt, die sonst Sendungen wie »Promis suchen ein Zuhause« oder »Teenager Stories« für RTL2 dreht. Letztlich steht damit auch diese vordergründig als Selbstdarstellung komponierte Inszenierung der Bundeswehr ausschließlich unter dem Motto der Nachwuchsgewinnung. Besonders perfide bei dieser konkreten Aktion ist, dass die jungen Rekrut*innen selbst zu Werbezwecken instrumentalisiert werden.

»Öffentlichkeitsarbeit« an Schulen

Die Bundeswehr beschäftigt rund 100 hauptamtliche und 300 nebenamtliche sogenannte »Jugendoffiziere«. Dabei handelt es sich um ausgebildete Offizier*innen der Bundeswehr, die in ganz Deutschland Vorträge, Seminarfahrten und Truppenbesuche für die interessierte Öffentlichkeit anbieten. Nach eigenen Angaben gehe es um eine offene, kontroverse Diskussion zu Fragen der Sicherheitspolitik. Die Jungendoffiziere seien wichtige Träger der Öffentlichkeitsarbeit, vor allem im schulischen Bereich. Nach dem offiziellen Jahresbericht der Jugendoffizier*innen wurden 2015 rund 116 000 Schüler*innen erreicht. Zudem waren unter den erreichten Multiplikator*innen über 8400 Lehrer*innen und knapp 3000 Referendar*innen, die die weitere »erfolgreiche« Zusammenarbeit garantieren sollen. Unabhängig von der offensichtlichen Werbeabsicht muss ohnehin hinterfragt werden, ob Soldat*innen adäquate Gesprächspartner*innen für Jugendliche in Fragen der Sicherheitspolitik darstellen. Zumindest lässt sich annehmen, dass die Jugendoffizier*innen in ihren Vorträgen Auslandseinsätze und Militärinterventionen legitimieren und in ihrer Argumentation vorwiegend bundespolitischen Interessen folgen. Abgesehen von kritisierbarem Inhalt und der Werbeabsicht sind Schulbesuche insofern problematisch, als den Jugendlichen die Bundeswehr als eine auch in zivilem Kontext selbstverständliche öffentliche Institution präsentiert wird.

Minderjährige im Wehrdienst

Wie aus einer Kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke an die Bundesregierung Ende 2015 hervorgeht, hat sich die Zahl der minderjährigen Soldat*innen mit 689 im Jahr 2011 auf 1.515 im Jahr 2015 mehr als verdoppelt. Nach Ansicht der Bundesregierung sei die Rekrutierung minderjähriger Soldat*innen völkerrechtskonform. Begründet wird dies damit, dass Minderjährige nur mit Zustimmung ihrer gesetzlichen Vertreter*innen den Wehrdienst antreten können und weder an bewaffneten Konflikten noch an Auslandseinsätzen beteiligt sein dürfen. Fakt ist jedoch, dass sie die Ausbildung an der Waffe in genau derselben Form wie die volljährigen Soldat*innen durchlaufen. Sie unterschreiben Arbeitsverträge mit einer Dauer zwischen zwei und zwölf Jahren, die bei Erreichen der Volljährigkeit nicht nochmals bestätigt werden müssen. Es ist unwahrscheinlich, dass alle der minderjährigen Rekrut*innen das volle Ausmaß ihrer Entscheidung überblicken können. Die Gefahr, dass sie durch die frühe Rekrutierung auch früher in Auslandseinsätze geschickt werden und dabei traumatisiert werden, ist sehr hoch. Das Deutsche Bündnis Kindersoldaten berichtet über Untersuchungen in der britischen Armee, die auch 16- und 17-Jährige rekrutiert, in denen gezeigt wird, dass gerade unter jungen Rekrut*innen die Fälle von psychischen Traumata, Mobbing, Selbstverletzung und Selbsttötung deutlich höher sind als bei Erwachsenen. Auch das Risiko auf Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Kriminalität nach der Entlassung sei größer. Das Komitee der Rechte für Kinder der Vereinten Nationen hat Deutschland 2014 empfohlen, »das Mindestalter der Rekrutierung für die Streitkräfte auf 18 Jahre festzulegen und alle Formen von Werbekampagnen für die deutschen Streitkräfte, die auf Kinder abzielen, zu verbieten.« (UN Doc. CRC/C/DEU/CO/3-4 vom 31. Januar 2014) Die angesprochenen Werbemaßnahmen zeigen jedoch, dass die Bundesregierung nicht gewillt ist, sich künftig an dieser Empfehlung zu orientieren.

1Dieser Artikel beleuchtet nur diesen einen Aspekt der generell angebrachten kritischen Auseinandersetzung mit der Bundeswehr als Arbeitgeber und Armee.

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