Stolperstein in Erinnerung an Oldenburger Kommunisten

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Johann »Jan« Ger­des, ein Ofen­er­die­ker Anti­fa­schist und KPD›ler, wur­de am 3. März 1933 vor sei­nem Haus von SA-Män­nern über­fal­len, ver­prü­gelt und ange­schos­sen. Zwei Tage spä­ter erlag er im Alter von 37 Jah­ren sei­nen schwe­ren Ver­let­zun­gen. Er war das ers­te Todes­op­fer des Natio­nal­so­zia­lis­mus in Olden­burg – und sei­ne Beer­di­gung wur­de die letz­te gro­ße anti­fa­schis­ti­sche Demons­tra­ti­on bis zur mili­tä­ri­schen Nie­der­la­ge Deutsch­lands.

Am kom­men­den Mitt­woch, den 22. Febru­ar 2017, soll ihm durch die Ver­le­gung eines Stol­per­steins vor sei­nem ehe­ma­li­gen Wohn­haus im Neusüd­ender­weg 50 gedacht wer­den. Die Ver­le­gung wird um 9 Uhr von dem Künst­ler Gun­ter Dem­nig, in Koope­ra­ti­on mit dem För­der­ver­ein inter­na­tio­na­les Flucht­mu­se­um e.V., dem CVJM/Gruppe jun­ger Erwachsener/Thomaskirche Ofen­er­diek und der DKP Olden­burg durch­ge­führt.

Anbei doku­men­tie­ren wir einen umfang­rei­chen Arti­kel über Johann »Jan« Ger­des aus der Olden­bur­ger DKP-Zei­tung »Pul­ver­turm« (Aus­ga­be 2012/01):

Als Tele­gra­phen­ar­bei­ter hat­te Jan Ger­des die Not der ein­fa­chen Men­schen in den Jah­ren der Wei­ma­rer Repu­blik am eige­nen Leib erlebt. 1923 war er mit sei­ner Frau nach Bra­si­li­en aus­ge­wan­dert, um sich dort ein bes­se­res Leben auf­zu­bau­en. Doch die kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen lie­ßen sei­ne Frau an Mala­ria erkran­ken, so dass die Migran­ten 1927 nach Olden­burg zurück­kehr­ten.

Am Neusüd­en­der Weg 25 erwar­ben die Ehe­leu­te eine Klein­sied­ler­stel­le, aber schon 1930 starb Jan Ger­des Ehe­frau Ber­tha an den Fol­gen der Mala­ria. In Ofen­er­diek, damals Bestand­teil der noch selb­stän­di­gen Gemein­de Ohmstede, wur­de Jan Ger­des beson­ders mit dem Elend der Land­ar­bei­ter und Klein­bau­ern kon­fron­tiert. Seit 1928 in der KPD aktiv, mach­te er deren Sor­gen zu einem Schwer­punkt sei­ner poli­ti­schen Arbeit. Es ist kein Zufall, dass Ernst Thäl­mann, der 1944 auf Befehl Hit­lers im KZ Buchen­wald ermor­de­te KPD-Vor­sit­zen­de, das Anfang 1931 neu erar­bei­te­te Bau­ern­hilfs­pro­gramm der KPD im Mai 1931 erst­mals in Olden­burg vor­stell­te.

Über Jan Ger­des, der im Okto­ber 1932 für den KPD-Abge­ord­ne­ten Karl Wastl in den Olden­bur­gi­schen Land­tag nach­rück­te, liegt ein Urteil des Sozi­al­de­mo­kra­ten August Schwett­mann vor. Er saß für die SPD im Gemein­de­rat von Ohmstede, in dem Ger­des seit 1930 ein Man­dat der KPD wahr­nahm. Nach Schwett­manns Wor­ten war Jan Ger­des inner­halb und außer­halb des Gemein­de­ra­tes »allent­hal­ben gern gese­hen. Er war ein belieb­tes Mit­glied des Arbei­ter-Gesang­ver­eins, dem Mit­glie­der vie­ler Par­tei­en ange­hör­ten. Er hat­te nie Krach mit jeman­den. Er war so humor­voll ver­an­lagt, dass man sich mit ihm gar nicht erzür­nen konn­te. Man sprach all­ge­mein gut über ihn.«

Den Nazis frei­lich war Jan Ger­des ein Dorn im Auge. In den frü­hen Mor­gen­stun­den des 3. März 1933 lock­ten meh­re­re SA-Leu­te ihn unter einem heim­tü­cki­schen Vor­wand aus dem Haus. Sie schlu­gen sofort auf ihn ein. Jan Ger­des wehr­te sich gegen die Über­macht und ver­such­te ins Haus zu ent­kom­men, wor­auf­hin der SA-Mann Lud­wig Thiel­ebeu­le sei­ne Pis­to­le zog und aus nächs­ter Nähe fünf Schüs­se auf Jan Ger­des abgab. Die­ser starb zwei Tage spä­ter an den schwe­ren Ver­let­zun­gen. Der Trau­er­zug zu sei­ner Beer­di­gung wur­de zur letz­ten gro­ßen anti­fa­schis­ti­schen Demons­tra­ti­on in Olden­burg bis zum Jahr 1945.

Die Mör­der des Olden­bur­ger Kom­mu­nis­ten waren von der Poli­zei schon weni­ge Tage spä­ter ermit­telt wor­den. Sie wur­den jedoch auf Wei­sung des Olden­bur­gi­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums wie­der auf frei­en Fuß gesetzt, weil »die Tat im Kamp­fe für die natio­na­le Erhe­bung« began­gen wor­den sei. Erst nach dem Krieg wur­de Thiel­ebeu­le wegen Tot­schlags zu 15 Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Sei­ne Mit­tä­ter kamen mit Gefäng­nis­stra­fen davon.

Bemü­hun­gen der DKP Olden­burg und ande­rer Anti­fa­schis­ten, mit einer Stra­ßen­be­nen­nung an Jan Ger­des zu erin­nern, schei­ter­ten jahr­zehn­te­lang am Anti­kom­mu­nis­mus der Rats­mehr­heit. Die­ser Anti­kom­mu­nis­mus fand sei­nen Nie­der­schlag im »Bio­gra­phi­schen Hand­buch zur Geschich­te des Lan­des Olden­burg«. Es war her­ab­wür­di­gend gemeint, wenn dar­in über Johann Ger­des geschrie­ben wur­de, dass er im Land­tag »nie den Rah­men sei­nes dog­ma­ti­schen mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Gedan­ken­ge­bäu­des ver­ließ.« Dage­gen hat­te der Rich­ter von 1947 (war vor 1945 alles ande­re als ein Anti­fa­schist), noch ein­ge­räumt, dass Jan Ger­des »in sei­nem Wohn­ort und weit dar­über hin­aus selbst bei sei­nen poli­ti­schen Geg­nern wegen sei­ner Sach­lich­keit und sei­nes Humors geach­tet war«.

Das jahr­zehn­te­lan­ge Bemü­hen der Olden­bur­ger Lin­ken führ­te schließ­lich doch noch zu einem beschei­de­nen Erfolg. Seit 1998 trägt eine klei­ne Stra­ße am Stadt­rand von Olden­burg, nicht weit ent­fernt von sei­nem frü­he­ren Wohn­sitz, den Namen Jan Ger­des.