Abschied vom „queeren Mekka“?

Anmerkungen zum Stand queerer Forschung und Lehre an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg

In einem Gespräch in Frank­furt im letz­ten Jahr bezeich­ne­te eine les­bi­sche Stu­den­tin die Uni­ver­si­tät Olden­burg als „quee­res Mek­ka“ – im Gegen­satz zu den Hoch­schu­len Frank­furts, die sie bezüg­lich quee­rer For­schung und Leh­re als “blo­ße Wüs­te“ empfand.

Inwieweit trifft diese Einschätzung (noch) zu? Was hat sich im Laufe der letzten Jahre verändert?

Vor dem Hin­ter­grund der bereits nach der Grün­dung der Uni­ver­si­tät Olden­burg in den frü­hen 1970er Jah­ren begon­ne­nen Frau­en­for­schung, die sich Ende der 1990er Jah­re zur Geschlech­ter­for­schung erwei­ter­te, haben sich in den Kul­tur- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten in den 2000er Jah­ren Nischen für Les­ben- und Queer­for­schung ent­wi­ckelt. Gleich­zei­tig sind Stu­di­en­gän­ge ent­stan­den, die quee­re und insb. Queer-femi­nis­ti­sche Bestand­tei­le haben. Aktu­ell gibt es das Bache­lor-Fach Gen­der Stu­dies und den Pro­mo­ti­ons­stu­di­en­gang Kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Geschlech­ter­stu­di­en. Auch die Mas­ter-Stu­di­en­gän­ge Kul­tur­ana­ly­sen sowie Migra­ti­on and Inter­cul­tu­ral Rela­ti­ons (EMMIR) haben deut­li­che Bezü­ge zur Geschlech­ter- (und Queer-)Forschung.

Jedoch sind mitt­ler­wei­le fast alle Grün­dungs­pro­fes­so­rin­nen der Olden­bur­ger Geschlech­ter­for­schung und auch des Zen­trums für inter­dis­zi­pli­nä­re Frau­en- und Geschlech­ter­for­schung (ZFG) in den Ruhe­stand ver­setzt wor­den. Dies ist inso­fern miss­lich, als es sich bei Geschlech­ter­for­schung zumeist um einen selbst­ge­wähl­ten Schwer­punkt und sel­ten um eine in der Aus­schrei­bung genann­te Anfor­de­rung han­delt. Ihre Lehr­stüh­le sind der­zeit ent­we­der noch unbe­setzt oder bereits von Professor/innen besetzt, die kei­nen Schwer­punkt auf Geschlech­ter- oder gar Queer­for­schung gesetzt haben. Daher gibt es bis auf Bar­ba­ra Paul in der Kunst­wis­sen­schaft der­zeit keine*n ordent­li­che Professor*in in Olden­burg, der*die zu quee­ren The­men forscht oder lehrt. Dies wird die Arbeit sowohl des ZFG als auch des Pro­mo­ti­ons­stu­di­en­gangs ver­än­dern, wes­we­gen es zukünf­tig beson­de­rer Anstren­gung sei­tens wis­sen­schaft­li­chen Mitarbeiter*innen, Doktorand*innen und Stu­die­ren­den bedarf, um quee­re The­men wei­ter­hin in For­schung und Leh­re an der CVO Uni­ver­si­tät prä­sent zu hal­ten. In den letz­ten Jah­ren sind näm­lich etli­che Dis­ser­ta­tio­nen zu quee­ren The­men ent­stan­den und haben wis­sen­schaft­li­che Mitarbeiter*innen vor oder nach ihrer Pro­mo­ti­on zu quee­ren The­men gelehrt. Hier sind neben der Arbeit von Mar­co Atlas zu den Femmi­ni­el­li in Nea­pel oder von Michael_a Koch zu lite­ra­ri­schen Reprä­sen­ta­tio­nen von Inter­ge­schlecht­lich­keit auch mei­ne ver­glei­chen­de Stu­die zu Homo­se­xua­li­tät, Cross­dres­sing und Trans­gen­der in ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len Kon­tex­ten zu nen­nen. Im Rah­men des Hele­ne-Lan­ge-Kol­legs Queer Stu­dies und Inter­me­di­a­li­tät sind die Pro­mo­tio­nen von Ina Bey­er zur quee­rem Punk, Nata­scha Fran­ken­berg zu quee­ren Doku­men­tar­fil­men und Rena Onat zu Kunst von queer peop­le of color sowie die Habi­li­ta­ti­on von Josch Hoe­nes zum Bil­der­teil von Magnus Hirsch­felds Geschlechts­kun­de vor­be­rei­tet wor­den. In die­sem Kon­text fand auch die Tagung Per­ver­se Gefü­ge statt, bei der es dar­um ging, hete­ro­nor­ma­ti­ve Ord­nun­gen inter/medial zu quee­ren. Zudem war es Josch Hoe­nes und Michael_a Koch mög­lich, die ers­te wis­sen­schaft­li­che Tagung des Netz­wer­kes Inter_Trans_Wissenschaft zu orga­ni­sie­ren. In die­sem Netz­werk haben sich (Nach­wuchs-) Wissenschaftler_innen zusam­men­ge­schlos­sen, die zu Trans* und Inter* for­schen, ohne die­se zu patho­lo­gi­sie­ren oder zu medi­ka­li­sie­ren. Lei­der wer­den die­se wich­ti­gen Impul­se nach Aus­lau­fen der finan­zi­el­len För­de­rung für das Kol­leg in Olden­burg nicht wei­ter aufgegriffen.

Wäh­rend man­che Betreuer/innen in den 1990er Jah­ren Stu­die­ren­den abge­ra­ten haben, in Abschluss­ar­bei­ten les­bi­sche, schwu­le oder bise­xu­el­le The­men auf­zu­grei­fen, da sie damit kei­ne Kar­rie­re machen könn­ten, grei­fen heu­te Stu­die­ren­de mit Unter­stüt­zung von Leh­ren­den quee­re The­men durch­aus in Mas­ter- oder auch schon Bache­lor-Arbei­ten auf. Hier­bei reicht das The­men­spek­trum bei­spiels­wei­se von mir betreu­ter Arbei­ten von Bera­tung für Regen­bo­gen­fa­mi­li­en (Anke Kühl) über Ase­xua­li­tät in Soap Ope­ras (Tes­sie Jakobs) zu intim-figu­ra­ti­ven Ope­ra­tio­nen (Lou Kordts).

Solch eine Spe­zia­li­sie­rung kann heu­te durch­aus sogar von Vor­teil sein, wie das Bei­spiel von Oli­ver Klaas­sen zeigt. In sei­ner BA-Arbeit unter­such­te er die quee­re Neu­kon­zep­ti­on des Schwu­len Muse­ums in Ber­lin. In der MA-Arbeit the­ma­ti­sier­te er die Foto­gra­fien von David Ben­ja­min Sher­ry und Wolf­gang Till­manns bezüg­lich queer-femi­nis­ti­scher Ästhe­ti­ken. Mitt­ler­wei­le ist er Pro­mo­ti­ons­sti­pen­di­at am Inter­na­tio­nal Gra­dua­te Cent­re for the Stu­dy of Cul­tu­re (GCSC) in Gie­ßen. An der CVO Uni­ver­si­tät Olden­burg hat er zudem im Dezem­ber 2016 und Janu­ar 2017 einen Lehr­auf­trag für ein Block­se­mi­nar „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“ Hete­ro­nor­ma­ti­vi­täts­kri­ti­sche UnSicht­bar­kei­ten in mate­ri­el­ler und visu­el­ler Kul­tur.“: Das Semi­nar beschäf­tigt sich zum einen mit eher über­se­he­nen (‚unsicht­ba­ren’) als aner­kann­ten (‚sicht­ba­ren’) visu­el­len Argu­men­ta­tio­nen im Feld queer­fe­mi­nis­ti­scher Kunst­po­li­ti­ken. Zum ande­ren geht es um die Fra­ge, wie das Muse­um zu einem Ort der Inklu­si­on und des pro­duk­ti­ven Kon­flikts wer­den kann.

Auch man­che von Leh­ren­den ange­lei­te­ten stu­den­ti­sche Grup­pen­for­schungs­pro­jek­te wid­men sich quee­ren The­men, wie z. B. Künst­le­ri­schen Pro­duk­tio­nen von nord­ame­ri­ka­nisch-indi­ge­nen Queers (https://flif.uni-oldenburg.de/eportfolio/two-spririt) oder rechts­po­pu­lis­ti­schen Pole­mi­ken gegen Gleich­stel­lungs­po­li­ti­ken für Frau­en und LSBTI/Q. Zudem gibt es des Öfte­ren eigen­stän­di­ge Initia­ti­ven von Stu­die­ren­den. Bei­spiels­wei­se hat die Fach­schaft Gen­der Stu­dies im Novem­ber und Dezem­ber 2016 eine trans*-Film- und Ver­an­stal­tungs­rei­he im cine k organisiert.

Erwäh­nens­wert ist außer­dem, dass der auf Vor­trä­gen in Olden­burg basie­ren­de, von Bar­ba­ra Paul und mir her­aus­ge­ge­be­ne Sam­mel­band Queer as… end­lich erschie­nen ist. Die The­men des Ban­des rei­chen von Geschlecht im Recht, über Pas­sing von Femmes und quee­re Raum­kon­zep­te zu quee­rer Bil­dungs­ar­beit. Die­ses Buch ist u. a. dank der Unter­stüt­zung durch das Femi­nis­ti­sche Refe­rat, das Schwu­len­re­fe­rat und die Magnus-Hirsch­feld-Stif­tung im Tran­script-Ver­lag Bie­le­feld erschie­nen. Ein beson­de­res High­light die­ses Jah­res war die außer­or­dent­lich gut besuch­te Tagung Quee­ring Migra­ti­on Stu­dies, bei der sich Forscher*innen des Netz­wer­kes Gen­der und Migra­ti­on @ Nie­der­sach­sen auf Ein­la­dung des ZFG mit inter­na­tio­na­len Expert_innen sowie Praktiker_innen und Aktivist_innen der Migra­ti­ons- und LSBTI/Q‑Arbeit aus­tausch­ten. Deut­lich wur­de die pre­kä­re Lage von Geflüch­te­ten aus dem LSBTI/Q‑Spektrum, die einer spe­zi­el­len Unter­stüt­zungs­po­li­tik bedür­fen. Ange­spro­chen wur­den auch die Gefah­ren, die mit einer Redu­zie­rung auf eine in Deutsch­land bekann­te Aner­ken­nungs-Kate­go­rie, wie „homo­se­xu­ell“ oder „trans“, ver­bun­den sind. Hin­ter­grund­stu­di­en zur Situa­ti­on im Liba­non oder der Tür­kei eben­so wie in der Schweiz erhell­ten den Gesamt­kon­text. Kri­tisch bemän­gelt wur­de, dass kei­ne Über­set­zun­gen in wich­ti­ge Spra­chen von Migrant*innen (z. B. Tür­kisch) ange­bo­ten wur­den; dem wur­de ver­sucht, mit Flüs­ter­über­set­zun­gen abzuhelfen.

Was heißen die skizzierten Entwicklungen für die Zukunft der Queerforschung in Oldenburg?

Ers­tens: Auch wenn sich struk­tu­rell durch den weit­ge­hen­den Weg­fall von Queer­for­schung auf der pro­fes­so­ra­len Ebe­ne eini­ges ver­schlech­tert hat, haben sich auf der Ebe­ne der Habi­li­ta­tio­nen und Pro­mo­tio­nen, der Leh­re durch wis­sen­schaft­li­che Mitarbeiter*innen sowie der Abschluss­ar­bei­ten und stu­den­ti­schen For­schung neue Impul­se erge­ben. Ange­sichts des­sen, dass Men­schen nach ihrer Habi­li­ta­ti­on oder Pro­mo­ti­on und vor allem nach ihrem Stu­di­en­ab­schluss jedoch häu­fig die Uni­ver­si­tät wech­seln oder ganz ver­las­sen, sind For­schun­gen (und Leh­re) sei­tens wis­sen­schaft­li­cher Mitarbeiter*innen und Stu­die­ren­der jedoch längst nicht so nach­hal­tig wie sol­che sei­tens der Professor*innen. Von daher wird zukünf­tig die Ver­net­zung von Stu­die­ren­den bei­spiels­wei­se über das Femi­nis­ti­sche Refe­rat oder das Schwu­len­re­fe­rat des AStAs sowie die Fach­schaft des BA Gen­der Stu­dies noch wich­ti­ger wer­den. Dies gilt auch für die Ver­net­zung von Wissenschaftler*innen und Stu­die­ren­den über das ZFG und die Grup­pe Trans*formationen (die sich zuletzt lei­der unre­gel­mä­ßig getrof­fen hat). Ent­schei­dend wird auch sein, ob es gelingt, zukünf­tig in Beru­fungs­kom­mis­sio­nen für die Neu­be­set­zung von Pro­fes­su­ren, in Stu­di­en­kom­mis­sio­nen und in Insti­tuts­rä­ten die Wich­tig­keit von Geschlech­ter- und Queer­for­schung zu verdeutlichen.

Zwei­tens: Bei der The­men­viel­falt hat es eine Aus­wei­tung der quee­ren The­men von les­bi­schen und schwu­len Aspek­ten auch auf Aspek­te wie Trans* oder Ase­xua­li­tät gege­ben. Zudem wird eine inter­sek­tio­nel­le Betrach­tung, das heißt eine Beach­tung ver­schie­de­ner Dis­kri­mi­nie­rungs­ach­sen (Ras­sis­mus, Sexis­mus, Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät etc.) wich­ti­ger. Mitt­ler­wei­le geht es bei­spiels­wei­se um Zusam­men­hän­ge zwi­schen Queer und Post­ko­lo­nia­li­tät, zwi­schen Queer und Migra­ti­on oder zwi­schen Queer und Islam. So gese­hen hat die CVO Uni­ver­si­tät Olden­burg viel­leicht doch das Poten­ti­al, in ver­än­der­ter Form ein“queeres Mek­ka“ zu blei­ben oder erst noch zu werden.

Der Arti­kel wur­de mit Unter­stüt­zung von Kers­tin Bran­des, Josch Hoe­nes, Oli­ver Klaas­sen, Lou Kord­ts, Michael_a Koch und Syl­via Pritsch verfasst.

Zuerst erschie­nen in Rosi­ge Zei­ten Nr. 167 (Januar/Februar 2017)


Biographische Notizen:

Lüder Tietz ist Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an der CVO Uni­ver­si­tät Olden­burg (wo er z. B. im Som­mer­se­mes­ter 2017 zu quee­rer Mode lehrt), Refe­rent an der Aka­de­mie Wald­schlöss­chen (wo er z. B. zusam­men mit Robin Bau­er im März 2017 zu LSBTI/Q Eman­zi­pa­ti­on und Par­ti­zi­pa­ti­on trai­niert) und Coach.

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