Von der Erfahrung ein „Kuckucksei“ zu sein

Coming-out als Erleben des Ausgeschlossenseins aus der Mehrheit

Das Com­ing-out gilt der­zeit als wich­tig, sich selbst als „les­bisch“ oder „schwul“ anzu­neh­men. Sich der gleich­ge­schlecht­li­chen sexu­el­len Ori­en­tie­rung bewusst zu wer­den, ist der ers­te Schritt – das inne­re Com­ing-out. Dar­auf kann das äuße­re Com­ing-out fol­gen, mit dem man sich gegen­über ande­ren Men­schen als „les­bisch“ oder „schwul“ sicht­bar macht.

Inne­res und äuße­res Com­ing-out wer­den dabei tra­di­tio­nell und aus Erfah­rung vie­ler Les­ben und Schwu­ler als wich­tig und befrei­end beschrie­ben. Sich nicht mehr ver­ste­cken zu müs­sen, sich selbst anzu­neh­men, wie man oder frau ist, ist posi­tiv. Gleich­zei­tig lässt sich mit einer Defi­ni­ti­on als les­bisch oder schwul an his­to­ri­sche eman­zi­pa­to­ri­sche Kämp­fe anschlie­ßen, in denen gegen Straf­pa­ra­gra­fen, die sich gegen gleich­ge­schlecht­li­chen Sex rich­te­ten, gestrit­ten wur­de. 1994 wur­de der ent­spre­chen­de Straf­pa­ra­graf gegen männ­li­chen gleich­ge­schlecht­li­chen Sex auch in den alten Bun­des­län­dern der ver­ei­nig­ten deut­schen Repu­blik gestri­chen. Ein wenig Schwin­del ist bei den Kämp­fen auch schon dabei. Wäh­rend bei den legen­dä­ren Kämp­fen in der New Yor­ker Chris­to­pher Street im Jahr 1969 quee­re Obdach­lo­se und Schwar­ze Trans­gen­der-Per­so­nen figh­te­ten – und gera­de kei­ne bür­ger­li­chen wei­ßen Schwu­len, gab es in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sol­che Revol­te auf der Stra­ße nicht. Hier waren es insti­tu­tio­nel­le Ent­schei­dun­gen, die den Stra­ßen-Demons­tra­tio­nen vor­aus­gin­gen.

Gleich­wohl war es auch in der alten Bun­des­re­pu­blik ris­kant, ein les­bi­sches oder schwu­les Com­ing-out zu haben und für Gleich­be­rech­ti­gung mit Hete­ro­se­xu­el­len zu strei­ten. So folg­te Anfang der 1980er Jah­re auf die Grün­dung einer schwu­len Schü­ler­grup­pe noch der Schul­ver­weis – sogar im offe­ne­ren West­ber­lin. Noch heu­te ist es so, dass auf ein Com­ing-out nega­ti­ve Reak­tio­nen aus dem Freun­des­kreis oder aus dem Eltern­haus fol­gen kön­nen, sowie Ableh­nung in der Schu­le oder auf Arbeit. Nicht weni­ge Jugend­li­che haben vor die­sen nega­ti­ven Reak­tio­nen Angst und fürch­ten sich davor, ent­de­cken zu müs­sen, sexu­ell anders als die Norm zu sein. So ist die flach­sen­de und den­noch ableh­nen­de Ver­wen­dung des Begriffs „schwul“ auf Schul­hö­fen eine, wenn auch etwas hilf­los erschei­nen­de, Selbst­ver­ge­wis­se­rung der Jugend­li­chen, nicht aus der Norm gefal­len zu sein. In Abgren­zung gegen schwul arti­ku­liert sich auf die­se Wei­se das: Ja, ich bin hete­ro.

Als anders oder aus der Norm gefal­len erle­ben sich les­bi­sche und schwu­le Jugend­li­che. Noch haben eini­ge von ihnen exis­ten­zi­el­le Pro­ble­me, die sich in hohen Sui­zid­ver­suchs­ra­ten arti­ku­lie­ren. Etwa 20 % der homo­se­xu­el­len Jugend­li­chen geben in Stu­di­en an, min­des­tens einen Sui­zid­ver­such unter­nom­men zu haben. Bei Trans­gen­der-Jugend­li­chen liegt der pro­zen­tua­le Anteil sogar dop­pelt so hoch.

Um Jugend­li­chen die­se Bedräng­nis zu neh­men, sind die aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Libe­ra­li­sie­run­gen und sind Schul­auf­klä­rungs­pro­jek­te so wich­tig. Die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen sor­gen für ein Stück weit Nor­ma­li­tät für Les­ben und Schwu­le; Schul­auf­klä­rung wirkt im Kin­des­al­ter auf die­se Nor­ma­li­tät – und Akzep­tanz – hin; in der ohne­hin schwie­ri­gen Lebens­pha­se der Ado­les­zenz berei­ten sie den Raum, dass sich Jugend­li­che selbst fin­den und aner­ken­nen kön­nen und ver­sor­gen sie mit wich­ti­gen Hilfs­an­ge­bo­ten. An der grund­le­gen­den Situa­ti­on ändern sie nichts – weder die Auf­klä­rungs­pro­jek­te, noch die gesell­schaft­li­chen Libe­ra­li­sie­run­gen. Denn noch bevor Jugend­li­che ein sexu­el­les Ver­lan­gen im Sin­ne von Erwach­senen­se­xua­li­tät emp­fin­den, wis­sen Sie schon, dass es im Wesent­li­chen zwei Optio­nen gibt: Ent­we­der man oder frau ist hete­ro­se­xu­ell und damit in der Norm. Oder eben homo­se­xu­ell und darf in den zwei­fel­haf­ten Genuss kom­men, aus­ge­sto­ßen zu sein. Nor­bert Reck hat es in sei­nem schö­nen Auf­satz „Befrei­ung von der Homo­se­xua­li­tät“ aus dem Jahr 2007 auf die Moder­ne zurück­ge­führt, dass die­ser Ent­schei­dungs­zwang über­haupt exis­tiert. „Wer seit der Moder­ne“, schreibt er, „Lust auf Sex mit Men­schen des­sel­ben Geschlechts ver­spür­te, hat­te nicht ein­fach nur Lust, son­dern spür­te das Zuta­ge­tre­ten der eige­nen ‚Natur­anla­gen‘. Nicht das Ich äußer­te also einen Wunsch, son­dern die Bio­lo­gie mel­de­te sich mit einem Dik­tat. Die­sem Dik­tat soll­te man bes­ser gehor­chen.“

Was Reck schreibt, hat eine über Fra­gen des Ange­bo­renseins oder Erwor­ben­seins von Homo­se­xua­li­tät hin­aus­rei­chen­de Bedeu­tung. Es ist mit der star­ren Kate­go­ri­sie­rung eine Ein­schrän­kung des mensch­li­chen sexu­el­len Reper­toires ver­bun­den. Gleich­ge­schlecht­li­che sexu­el­le Hand­lun­gen wer­den nicht etwa mehr als Mög­lich­keit sexu­el­len Erle­bens aller Men­schen betrach­tet, son­dern sie wer­den auf eine radi­ka­le, klei­ne Min­der­heit beschränkt – auf die Homo­se­xu­el­len. Die gro­ße Mehr­heit indes ver­si­chert sich durch die gesell­schaft­li­che Aus­la­ge­rung der gleich­ge­schlecht­li­chen sexu­el­len Bedürf­nis­se auf eine klei­ne Grup­pe, selbst kei­ne gleich­ge­schlecht­li­chen sexu­el­len Begier­den zu haben.

Dass „schwul“ wei­ter­hin ein Schimpf­wort auf Schul­hö­fen ist, ist damit nicht so ver­wun­der­lich, wie eini­ge Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen bestürzt fest­stel­len. Viel­mehr ist die­ses abgren­zen­de Ver­hal­ten in einem Sys­tem der kla­ren Kate­go­ri­en „hete­ro­se­xu­ell“ und „homo­se­xu­ell“ qua­si natür­lich. Die Kin­der und Jugend­li­chen ver­si­chern sich der eige­nen Nor­ma­li­tät. Ande­re Jugend­li­che müs­sen fest­stel­len, dass für sie die Nor­ma­li­tät nicht gilt, son­dern dass sie aus der Norm her­aus­fal­len. Ihre sexu­el­len Bedürf­nis­se sind dabei nicht ein­fach ein Hin­weis auf eine ande­re Art von Hand­lun­gen, son­dern auf ein Schick­sal, das durch bio­lo­gi­sche oder psy­cho­lo­gi­sche Anla­gen und Erfah­run­gen bedingt und unaus­weich­lich ist. Das Com­ing-out ist ein ers­ter Schritt, sich als eine sol­che ande­re Art des Mensch­seins wahr­zu­neh­men. Durch die Libe­ra­li­sie­rung ist die Erkennt­nis nicht mehr ganz so bedroh­lich, viel­mehr „han­delt [es] sich heu­te um die Ent­de­ckung, ein ‚Kuckucks­ei‘ zu sein“, schreibt Nor­bert Reck, also „aus der Mehr­heits­ge­sell­schaft und ihrer Kul­tur her­aus­zu­fal­len“.

Danach kann man sich in eine les­bi­sche oder schwu­le Sub­kul­tur ein­glie­dern. Gewiss ist das gesell­schaft­lich nicht der Weis­heit letz­ter Schluss. Viel­mehr könn­te es dar­um gehen, dass wir gesell­schaft­lich die star­ren iden­ti­tä­ren Zuord­nun­gen nach und nach ver­ler­nen und uns selbst die Mög­lich­kei­ten eröff­nen, uns anders- und gleich­ge­schlecht­lich aus­zu­pro­bie­ren. Damit wür­den per­spek­ti­visch auch von Jugend­li­chen der Bekennt­nis­zwang genom­men, sich ein­ord­nen zu müs­sen und gar fest­stel­len zu müs­sen, ein „Kuckucks­ei“ zu sein. Wenn gleich­ge­schlecht­li­che Begier­den und Sex eine Opti­on von vie­len ist, wie es Alfred Kin­sey in sei­nen Bevöl­ke­rungs­stu­di­en zeig­te und wie es sich in heu­ti­gen Stu­di­en zur Jugend­se­xua­li­tät ergibt, dann wür­de sich auch die etwas flap­si­ge iden­ti­tä­re Selbst­ver­ge­wis­se­rungs­ges­te Jugend­li­cher auf Schul­hö­fen erüb­ri­gen.

Zuerst erschie­nen in Rosi­ge Zei­ten Nr. 167 (Januar/Februar 2017)


Biographische Notizen:

Heinz-Jür­gen Voß, Jahr­gang 1979, queer-poli­tisch im Sin­ne von Queer theo­ry aktiv, hat zu Fra­gen von Sexua­li­tät und Iden­ti­tät und ihrer Ver­stri­ckung mit Ras­sis­mus, Kolo­nia­lis­mus und Natio­na­lis­mus gera­de gemein­sam mit Prof. Dr. Zül­fu­kar Çetin das Buch „Schwu­le Sicht­bar­keit – schwu­le Iden­ti­tät: Kri­ti­sche Per­spek­ti­ven“ in der Schrif­ten­rei­he „Ange­wand­te Sexu­al­wis­sen­schaft“ im Gie­ße­ner Psy­cho­so­zi­al-Ver­lag ver­öf­fent­licht.