Prekär streiken

Pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se wie unsi­che­re oder schlecht bezahl­te Arbeits­plät­ze, Leih­ar­beit und Schein­selbst­stän­dig­keit sind längst kei­ne Rand­phä­no­me­ne mehr. Sie fin­den sich mitt­ler­wei­le in sämt­li­chen Berei­chen der Arbeits­welt. Durch die Aus­la­ge­rung gan­zer Unter­neh­mens­be­rei­che und die Auf­wei­chung (oder neu­deutsch „Fle­xi­bi­li­sie­rung“) gesetz­li­cher sowie tarif­ver­trag­li­cher Rege­lun­gen sind davon längst auch die soge­nann­ten Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis­se, das heißt sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Fest­an­stel­lun­gen, betrof­fen. Das bekom­men auch die Gewerk­schaf­ten zu spü­ren, die mit sin­ken­den Mit­glie­der­zah­len und einer abneh­men­den Kom­pro­miss­be­reit­schaft der Unter­neh­mens­füh­run­gen kon­fron­tiert sind. Nicht zuletzt das lan­ge Zeit als beson­ders fort­schritt­lich gel­ten­de Modell der Indus­trie­ge­werk­schaft, das sich an der Inter­es­sen­ver­tre­tung und sozi­al­part­ner­schaft­li­chen Mit­wir­kung der Stamm­be­leg­schaf­ten in gro­ßen Unter­neh­men ori­en­tiert, zeigt gro­ße Schwie­rig­kei­ten, auf die zuneh­mend frag­men­tier­ten Arbeits­ver­hält­nis­se zu reagie­ren. Das äußert sich auch in der wach­sen­den Bedeu­tung klei­ne­rer kämp­fe­ri­scher Gewerk­schaf­ten in eini­gen Berei­chen der heu­ti­gen Arbeits­welt. Zugleich hat sich in den letz­ten Jah­ren eine leb­haf­te Debat­te über neue Orga­ni­sa­ti­ons­an­sät­ze und Instru­men­te des Arbeits­kamp­fes ent­wi­ckelt. Sie wird vor allem inter­na­tio­nal geführt, in gewerk­schafts­na­hen Publi­ka­tio­nen wie der euro­pa­weit erschei­nen­den „Trans­fer“ oder auf trans­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen von Streikaktivist*innen und Basisgewerkschafter*innen, wie im Okto­ber 2015 im pol­ni­schen Poz­n­an. Eini­ge Arbeitssoziolog*innen ver­glei­chen die Situa­ti­on dabei sogar mit der­je­ni­gen im 19. Jahr­hun­dert, als Gewerk­schaf­ten wesent­lich netz­werk­ar­ti­ger orga­ni­siert waren und ihre Funk­ti­on nicht so sehr in der Inter­es­sen­ver­tre­tung inner­halb der Unter­neh­men, son­dern in der Orga­ni­sa­ti­on von Soli­da­ri­tät auf regio­na­ler Ebe­ne bestand.

Streiks außerhalb der großen Fabrik

Die­se Situa­ti­on in der heu­ti­gen Arbeits­welt bil­det den aktu­el­len Hin­ter­grund für das klei­ne Sam­mel­bänd­chen des Ber­li­ner Jour­na­lis­ten Peter Nowak zu „Arbeits­kämp­fen nach dem Ende der gro­ßen Fabrik“, wie es im Unter­ti­tel heißt. Es kann als Bei­trag zu den lau­fen­den Debat­ten aus akti­vis­ti­scher Sicht betrach­tet wer­den. Dabei ver­sam­melt Nowak Bei­spie­le von Arbeits­kämp­fen aus sehr unter­schied­li­chen und teil­wei­se auch sehr unge­wöhn­li­chen Berei­chen. So geht es um Arbeits­kämp­fe von Sex­ar­bei­te­rin­nen und um Arbeits­kämp­fe in einem Ber­li­ner Spät­kauf, im Thea­ter und im Gefäng­nis. Die Auto­ren und Auto­rin­nen waren und sind zumeist selbst Protagonist*innen die­ser Kämp­fe oder in Unter­stüt­zungs­ak­tio­nen aktiv. Deut­lich wird dabei die gro­ße Rol­le, die ein soli­da­ri­sches Umfeld und die Aus­ein­an­der­set­zung in der Gesell­schaft ein­neh­men, um eine oft­mals man­gel­haf­te Pro­duk­ti­ons­macht der Beschäf­tig­ten aus­zu­glei­chen. Daher geht es in dem Buch auch um die Ver­bin­dung von Arbeits­kämp­fen und sozia­len Bewe­gun­gen.

Es fin­den sich auch his­to­ri­sche Aus­flü­ge, so zu einem Soli­da­ri­täts­ko­mi­tee von Les­ben und Schwu­len für den bri­ti­schen Berg­ar­bei­ter­streik 1984 und 1985, für das sich die Kum­pels mit ihrer Betei­li­gung auf der Gay-Pri­de-Para­de in Lon­don revan­chier­ten. Zum größ­ten Teil wer­den in dem Buch jedoch noch sehr fri­sche und teil­wei­se noch lau­fen­de Aus­ein­an­der­set­zun­gen behan­delt.

Der Blick über den Tellerrand hinaus…

Zu loben ist, dass die Bei­trä­ge sich nicht auf Deutsch­land beschrän­ken, son­dern sich, durch Bei­spie­le aus Frank­reich und Ita­li­en, in einen euro­päi­schen Kon­text ein­ord­nen las­sen. So geht Wil­li Hajek im Rah­men eines Bei­tra­ges über ein euro­päi­sches Netz­werk von Basis- und alter­na­ti­ven Gewerk­schaf­ten auf die fran­zö­si­schen Basis­ge­werk­schaf­ten SUD-Soli­dai­res und ihr Selbst­ver­ständ­nis eines „syn­di­ca­lis­me dif­fé­rent“(S. 10) ein. Damit ist gemeint, dass sich die fran­zö­si­schen Basisgewerkschafter*innen nicht nur auf die Pro­ble­me am Arbeits­platz kon­zen­trie­ren, son­dern auch das Ver­hält­nis zu den Konsument*innen reflek­tie­ren und die­se in die eige­ne Stra­te­gie mit ein­be­zie­hen.

„Der Typ Syn­di­ka­lis­mus, den die Sud-Gewerk­schaf­ten reprä­sen­tie­ren, betrach­tet umge­kehrt die Gesell­schaft als prak­ti­schen Zusam­men­hang der Men­schen, in dem die Lohn­ab­hän­gi­gen nicht nur Objek­te, son­dern zugleich täti­ge Sub­jek­te, gesell­schaft­li­che Produzent_innen sind und in die­ser Eigen­schaft das Kapi­tal­ver­hält­nis und die es schüt­zen­de Poli­tik als Hin­der­nis, als ‚Bal­last‘ erle­ben“ (S. 10f.).

In die­sem Zusam­men­hang wird auf eine Rei­he von Arbeits­kämp­fen ein­ge­gan­gen, in denen sich die Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen direkt an ihr gesell­schaft­li­ches Umfeld wand­ten. So etwa Arbeits­nie­der­le­gun­gen im Pari­ser Hotel- und Fri­seur­ge­wer­be, die mit gro­ßer öffent­li­cher Unter­stüt­zung geführt wur­den, oder bei einem Ener­gie­ver­sor­ger, bei dem die Mon­teu­re für kos­ten­lo­se Strom­ver­sor­gung für arme Haus­hal­te sorg­ten. Beson­ders inter­es­sant ist das Bei­spiel der Inter­mittents du specta­cle, der fran­zö­si­schen Kul­tur­schaf­fen­den, denen die Regie­rung Hol­lan­de 2014 mit Kür­zun­gen der Aus­gleich­zah­lun­gen im Fal­le von Arbeits­un­ter­bre­chung droh­te. Eine Maß­nah­me, gegen die sich die Inter­mittents mit öffent­li­chen Mobi­li­sie­run­gen und Dis­kus­sio­nen zur Wehr setz­ten. Die Schil­de­rung die­ses Kamp­fes kann dabei als Pro­log zu den jüngs­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Reform des Arbeits­ge­set­zes El Kho­m­ri und die Platz­be­set­zungs­be­we­gung Nuit Debout gele­sen wer­den: „[D]ie Inter­mit­tants sind prak­tisch seit 2003 ein akti­ver Teil der rebel­li­schen Lohn­ar­beit, der auch gera­de durch sei­ne Akti­ons­for­men, durch sei­ne Kul­tur der Ver­samm­lun­gen, durch sein öffent­li­ches Auf­tre­ten ein wirk­lich sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­res Milieu geschaf­fen hat“ (S. 22f.).

Zwei Mit­glie­der von labournet.tv behan­deln die Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der ita­lie­ni­schen Logis­tik­bran­che. Das Beson­de­re an die­sem Arbeits­kampf ist, dass hier seit 2008 vor allem migran­ti­sche Arbeits­kräf­te, in einer all­ge­mei­nen öko­no­mi­schen Kri­sen­si­tua­ti­on und ohne Unter­stüt­zung der gro­ßen natio­na­len Gewerk­schaf­ten, erfolg­reich für Lohn­er­hö­hun­gen und die Aner­ken­nung der natio­na­len Bran­chen­ta­rif­ver­trä­ge in ihren Unter­neh­men kämp­fen. Unter­stüt­zung erhal­ten sie dabei von klei­nen Basis­ge­werk­schaf­ten, wie der S.I. COBAS, in der älte­re Mili­tan­te aus den Fabrik­kämp­fen der 1960er und 1970er Jah­re aktiv sind, und durch die außer­par­la­men­ta­ri­sche Lin­ke aus dem Umfeld der cen­tri socia­li, der ita­lie­ni­schen Hausbesetzer*innenbewegung. Letz­te­re sorg­ten vor allem für die mas­sen­haf­te Betei­li­gung bei Streik­pos­ten und Stra­ßen­blo­cka­den, die erfolg­reich die Aus­lie­fe­rung von Waren aus den Lager­häu­sern blo­ckier­ten und die Unter­neh­men an einem emp­find­li­chen Punkt tra­fen.

… und wieder nach Deutschland

Es bleibt dem Leser und der Lese­rin selbst über­las­sen, die vie­len Par­al­le­len und Ver­bin­dun­gen zu den Bei­spie­len aus Deutsch­land her­aus­zu­su­chen. Sie sind jedoch vor­han­den. So bei den Aus­ein­an­der­set­zun­gen an der Ber­li­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik Cha­rité um eine bes­se­re Per­so­nal­aus­stat­tung, wo die Beschäf­tig­ten unter dem Slo­gan „Mehr von uns ist bes­ser für alle“ (S. 82) auch die Qua­li­tät der Gesund­heits­ver­sor­gung für die Patient*innen the­ma­ti­sie­ren. Aber auch bei den Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Ein­zel­han­del, bei H&M und bei Ama­zon, die von Soli­da­ri­täts­krei­sen unter­stützt wer­den, in denen sich vor allem die außer­par­la­men­ta­ri­sche Lin­ke ein­bringt. So haben etwa Aktivist*innen aus dem Block­u­py-Bünd­nis, wel­ches durch Groß­de­mons­tra­tio­nen gegen die EZB in Frank­furt am Main 2012 bis 2015 Auf­merk­sam­keit erregt hat­te, die Strei­ken­den bei H&M und Ama­zon 2013 mit Aktio­nen unter­stützt. Sie orga­ni­sier­ten etwa Kund­ge­bun­gen vor Filia­len und Blo­cka­den vor Waren­la­gern, zu denen die Beschäf­tig­ten auf­grund des Repres­si­ons­ri­si­kos am Arbeits­platz nicht in der Lage waren.

Ein Unter­schied zu Frank­reich und Ita­li­en ist dabei, dass in Deutsch­land die­se Arbeits­kämp­fe mit ver.di von einer gro­ßen Bran­chen­ge­werk­schaft geführt wer­den, wobei auch Rei­be­rei­en nicht aus­blei­ben. Seit 2014 wird auf über­re­gio­na­len Kon­fe­ren­zen auch über das Selbst­ver­ständ­nis der Soli­da­ri­täts­ar­beit debat­tiert. Sehen sich die Soli-Aktivist*innen als ehren­amt­li­che Helfer*innen bei den Orga­ni­sie­rungs­kam­pa­gnen der Gewerk­schaft, oder soll die Selbst­tä­tig­keit der Beschäf­tig­ten im Vor­der­grund ste­hen? Die­se Fra­gen wer­den auch von der Grup­pe Anti­fa Kri­tik und Klas­sen­kampf aus Frank­furt am Main in einem eher theo­re­ti­schen Bei­trag auf­ge­wor­fen. Die ursprüng­lich uni­ver­si­täts­po­li­ti­sche Grup­pe begrün­det ihr Enga­ge­ment in oben genann­ten Soli-Krei­sen mit der Absicht, eine Ver­bin­dung von anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Per­spek­ti­ve und kon­kre­ten Ein­zel­kämp­fen her­zu­stel­len. Wenn auch aus einer ande­ren Posi­ti­on her­aus und in einem aka­de­mi­schen Ton­fall, zeigt ihre Argu­men­ta­ti­on für die Ori­en­tie­rung am Klas­sen­kampf auch Ähn­lich­kei­ten zum oben erwähn­ten Selbst­ver­ständ­nis der fran­zö­si­schen Basisgewerkschafter*innen:

„Wird in kol­lek­ti­ven Erfah­rungs- und Refle­xi­ons­pro­zes­sen deut­lich, dass die eige­nen Bedürf­nis­se hier und heu­te nur befrie­digt wer­den, sofern sie sich der Wert­ver­ge­sell­schaf­tung ein­pas­sen, ver­mit­teln sich Bedürf­nis­se mit der kri­ti­schen Ein­sicht, dass eine gesell­schaft­li­che Pro­duk­ti­on, die auf die Bedürf­nis­be­frie­di­gung und -ent­fal­tung der Gesell­schafts­mit­glie­der gerich­tet ist, nur jen­seits der kapi­ta­lis­ti­schen Klas­sen­ge­sell­schaft zu haben ist“ (S. 105).

Der Text endet mit einem Vor­schlag zum Auf­bau von Struk­tu­ren zur Her­stel­lung von Soli­da­ri­tät zwi­schen Lohn­ab­hän­gi­gen aus unter­schied­li­chen Bran­chen und gesell­schaft­li­chen Berei­chen. Dar­un­ter wer­den „Strei­ken­de, Betriebs­grup­pen, Arbeits­lo­sen­in­itia­ti­ven, Repro-Arbei­ter_in­nen oder Soli-Akti­vis­t_in­nen“ (S. 107) ver­stan­den, die sich „rund um die Orte, an denen Herr­schaft und Aus­beu­tung sich all­täg­lich repro­du­zie­ren“ (S. 108) orga­ni­sie­ren. Das lässt wie­der­um an ähn­li­che Expe­ri­men­te der jüngs­ten Zeit in Ita­li­en und Grie­chen­land den­ken, wo sich loka­le Orga­ni­sa­ti­ons­an­sät­ze pre­kär Beschäf­tig­ter und Stu­die­ren­der gebil­det haben.

Das Sam­mel­bänd­chen ist sicher kei­ne Fach­li­te­ra­tur. Eine aus­führ­li­che­re Ein­lei­tung, die die vie­len, zum Teil sehr unter­schied­li­chen Bei­trä­ge mit­ein­an­der in Bezie­hung setzt und ver­sucht, sie mit gemein­sa­men The­sen über die neu­en Arbeits­kämp­fe zu unter­füt­tern, wird nicht gebo­ten. Die Syn­the­se, wie sie der Autor die­ser Rezen­si­on aus sei­ner eige­nen Sicht ansatz­wei­se ver­sucht hat, wird also dem Leser über­las­sen. Für die­je­ni­gen aber, die sich über neue­re und teils unge­wöhn­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen am Arbeits­platz aus ers­ter Hand infor­mie­ren wol­len, eben­so wie für sol­che, die in ähn­li­che Kämp­fe ver­wi­ckelt sind, ist es den­noch eine anre­gen­de Lek­tü­re, die zudem sehr hand­lich und auch für Men­schen mit wenig Zeit zube­rei­tet wor­den ist.

Anmer­kung: Zur trans­na­tio­na­len Kon­fe­renz von Streikaktivst*innen in Poznan/Polen im Okto­ber 2015 ist auf der Platt­form Labour­net ein Bericht erschie­nen: hier.

 
Zuerst erschie­nen auf kritisch-lesen.de


Peter Nowak (Hg.): Ein Streik steht, wenn mensch ihn sel­ber macht – Arbeits­kämp­fe nach dem Ende der gro­ßen Fabri­ken
Edi­ti­on Assem­bla­ge, 2016, 111 Sei­ten. 7,80 Euro.
ISBN: 978–3-942885–78-2

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