Care Revolution
Interview mit Gabriele Winker (Teil 1)

Quer: Frau Win­ker, wir begrü­ßen Sie hier in Olden­burg im Arbeits­lo­sen­zen­trum der ALSO (Arbeits­lo­sen­selbst­hil­fe Olden­burg). Ken­nen Sie Olden­burg, und gibt es bereits Kon­tak­te des Netz­werks Care Revo­lu­ti­on nach Olden­burg?

Gabrie­le Win­ker: Ich freue mich, heu­te auf Ein­la­dung der ALSO und des Lin­ken Forums zum ers­ten Mal in Olden­burg die Ide­en der Care Revo­lu­ti­on ver­tre­ten zu kön­nen. Sicher­lich gibt es auch in Olden­burg Men­schen, die mit uns bereits auf der 1. bun­des­wei­ten Akti­ons­kon­fe­renz im März 2014 dis­ku­tiert haben, aber bis­her gibt es noch kei­ne Zusam­men­ar­beit mit Olden­bur­ger Initia­ti­ven. Aber, Sie wer­den es kaum glau­ben, schon 2014 zu Beginn unse­rer Akti­vi­tä­ten haben wir im Koor­di­nie­rungs­kreis dar­über gespro­chen, dass wir die ALSO, von deren her­vor­ra­gen­der Erwerbs­lo­sen­po­li­tik wir wuss­ten, unbe­dingt anspre­chen und als Koope­ra­ti­ons­part­ner gewin­nen soll­ten. Aber wie es so ist, in sich ent­wi­ckeln­den sozia­len Bewe­gun­gen sind die Zie­le groß und die Kräf­te immer viel zu gering, und so bin ich beson­ders froh, dass wir uns heu­te aus­tau­schen und auch über Mög­lich­kei­ten der Zusam­men­ar­beit spre­chen kön­nen.

Quer: Erläu­tern Sie bit­te, was der Begriff »Care« für Sie beinhal­tet und was dar­an neu ist.

G. W.: Mit der in den 1980er Jah­ren ein­set­zen­den Care-Debat­te rücken die kon­kre­ten inhalt­li­chen Arbeits­tä­tig­kei­ten des Sor­gens in den Vor­der­grund des Inter­es­ses. Vor allem von Feminist_innen wer­den unter dem Stich­wort Care poli­ti­sche, phi­lo­so­phi­sche und wirt­schaft­li­che Alter­na­ti­ven ent­wi­ckelt und dis­ku­tiert, die das Leben und sei­ne Erhal­tung in das Zen­trum stel­len. In die­sem Zusam­men­hang ist wich­tig, dass Men­schen bedürf­tig sind. Sie brau­chen nicht nur Was­ser, Luft und Nah­rung, son­dern sind auch ange­wie­sen auf ande­re Men­schen. Denn Men­schen benö­ti­gen vom Augen­blick ihrer Geburt an die Sor­ge ande­rer, ohne die sie nicht über­le­ben könn­ten. Aber auch jen­seits des Kin­der- und Jugend­al­ters und jen­seits von Zei­ten der Krank­heit und Gebrech­lich­keit sind Men­schen all­täg­lich auf ande­re ange­wie­sen. Die Mög­lich­keit, in einer schwie­ri­gen Situa­ti­on kon­kre­te Hil­fe und Unter­stüt­zung zu erfah­ren, ist ein wesent­li­ches Kri­te­ri­um für ein gutes Leben. Dies gilt eben­so für die Mög­lich­keit, für ande­re sor­gen zu kön­nen, ohne selbst unan­ge­mes­se­ne Opfer brin­gen zu müs­sen. Wich­tig ist dar­über hin­aus, selbst über genü­gend zeit­li­che und mate­ri­el­le Res­sour­cen zu ver­fü­gen, um das eige­ne Leben ent­spre­chend der je indi­vi­du­el­len Wün­sche und Zie­le gestal­ten zu kön­nen.

Care ist also eine Tätig­keit, die alle Men­schen aus­füh­ren. Sie küm­mern sich um sich selbst, um ihre Gesund­heit, um ihre Wei­ter­bil­dung, kochen für sich oder für ande­re Men­schen, erzie­hen Kin­der, bera­ten Freund_innen, ver­sor­gen unter­stüt­zungs­be­dürf­ti­ge Ange­hö­ri­ge. Teils wird Sor­ge­ar­beit ent­lohnt in Care-Beru­fen rea­li­siert, etwa von Erzieher_innen oder Pfle­ge­fach­kräf­ten. Meist aller­dings wird sie von Frau­en unent­lohnt und häu­fig auch abge­wer­tet in Fami­li­en geleis­tet.

Mir geht es dar­um, von die­ser Grund­la­ge mensch­li­chen Lebens Poli­tik zu ent­wi­ckeln. Also mensch­li­che Bedürf­nis­se, ins­be­son­de­re die Sor­ge für­ein­an­der, ins Zen­trum poli­ti­scher Kämp­fe zu stel­len, auch dann, wenn dies die Pro­fit­ma­xi­mie­rung als Ziel eines kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems deut­lich ein­schränkt.

Quer: Die Frau­en­er­werbs­quo­te stieg von 60,7 Pro­zent in 1991 auf 72,4 Pro­zent in 2013. Dass Frau­en ver­mehrt erwerbs­tä­tig und damit unab­hän­gig vom männ­li­chen »Fami­lien­er­näh­rer« wer­den, ist doch zu begrü­ßen und ent­spricht wesent­li­chen For­de­run­gen der Frau­en­be­we­gung. Was ist dar­an pro­ble­ma­tisch?

G. W.: Das Pro­blem ist, dass der­zeit immer mehr Men­schen, ins­be­son­de­re Frau­en, vor der bestän­dig schwie­ri­ger wer­den­den Auf­ga­be ste­hen, den Balan­ce­akt zwi­schen Erwerbs­ar­beit einer­seits und unent­lohn­ter Sor­ge­ar­beit für sich und ande­re ande­rer­seits indi­vi­du­ell zu meis­tern. Sie leben mit der dau­ern­den Bedro­hung, an die­sen Anfor­de­run­gen zu schei­tern. Gemäß dem neo­li­be­ra­len Cre­do der Eigen­ver­ant­wor­tung sind sie auf­ge­ru­fen, je indi­vi­du­ell die hohen beruf­li­chen Anfor­de­run­gen mit den zuneh­men­den Auf­ga­ben der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und mit den gestie­ge­nen Leis­tungs­an­sprü­chen in der fami­liä­ren Sor­ge­ar­beit zu ver­ein­ba­ren. Die nicht ent­lohn­te fami­liä­re Sor­ge­ar­beit für sich und ande­re nimmt mit stei­gen­der Erwerbs­tä­tig­keit von Frau­en nicht ab, son­dern ten­den­zi­ell zu – nicht zuletzt auf­grund des Abbaus sozi­al­staat­li­cher Leis­tun­gen und der gleich­zei­tig stei­gen­den Ansprü­che an bei­spiels­wei­se Bil­dung und Gesund­heit. Die­se Pro­ble­ma­tik führt dazu, dass vie­le Frau­en, ins­be­son­de­re Müt­ter mit min­der­jäh­ri­gen Kin­dern, nur in Teil­zeit beschäf­tigt sind. Sie blei­ben damit häu­fig wie­der­um von einem»Familienernährer“ abhän­gig, der aller­dings wegen umfas­sen­der Real­lohn­sen­kun­gen kei­nen Fami­li­en­lohn mehr erhält. Andern­falls – und auch im Fall des Schei­terns der Part­ner­schaft – dro­hen Pre­ka­ri­tät und Alters­ar­mut.

Quer: Sie sagen, dass der neo­li­be­ra­le Umbau des Sozi­al­staats vor allem auf dem Rücken der Men­schen geschieht, die Sor­ge­ar­beit leis­ten. Kön­nen Sie uns Bei­spie­le nen­nen?

G. W.: Wie ich gera­de gesagt habe, kön­nen vie­le Men­schen, die Sor­ge­ar­beit ins­be­son­de­re auch für ande­re Per­so­nen leis­ten, häu­fig nur in Teil­zeit tätig sein. Dies führt heu­te zu Exis­tenz­sor­gen und spä­tes­tens im Alter direkt zu Armut. Eltern, die ein schwer kör­per­lich oder geis­tig beein­träch­tig­tes Kind unter­stüt­zen, kön­nen häu­fig kei­ne fle­xi­bi­li­sier­te Erwerbs­ar­beit aus­üben und fal­len unter die rigi­den Bedin­gun­gen von Hartz IV. Dies gilt eben­so für Per­so­nen, die älte­re Men­schen mit einem hohen Betreu­ungs­auf­wand pfle­gen. Aber auch tag­täg­lich führt der Umbau des Sozi­al­staats zu hohen Belas­tun­gen von fami­liä­ren Sor­ge­ar­bei­ten­den, wenn wegen der ver­kürz­ten Schul­zeit bis zum Abitur und der feh­len­den Lehrer_innen Eltern bei der Unter­stüt­zung von Lern­pro­zes­sen zusätz­lich gefor­dert sind. Oder auch, wenn die extre­me Ver­kür­zung der Lie­ge­zei­ten in Kran­ken­häu­sern zu soge­nann­ten blu­ti­gen Ent­las­sun­gen führt und Ange­hö­ri­ge und Freund_innen die Ver­sor­gung der Kran­ken zu Hau­se orga­ni­sie­ren müs­sen. Dies alles führt bei einer Lohn­ar­beit, die Fle­xi­bi­li­tät nur für Unter­neh­men kennt, zu gro­ßen Stress­si­tua­tio­nen. All die­se Pro­ble­me spit­zen sich bei Allein­er­zie­hen­den dra­ma­tisch zu, die sich zu über 46 Pro­zent, häu­fig trotz Erwerbs­ar­beit, im Hartz-IV-Bezug befin­den.

Quer: Vie­le Men­schen kla­gen über stei­gen­de Belas­tun­gen durch ihre Erwerbs­ar­beit. Was sind die beson­de­ren Belas­tun­gen im Care-Bereich? Wie wir­ken sie sich aus und wor­an sind sie zu erken­nen?

G. W.: Vie­le Care-Beschäf­tig­te arbei­ten unter einem stän­di­gen Zeit­druck. Sie müs­sen in immer kür­ze­rer Zeit immer mehr Tätig­kei­ten erle­di­gen. Sie arbei­ten unter per­ma­nen­tem Druck und einer chro­nisch knap­pen Per­so­nal­aus­stat­tung. Die erfor­der­li­che Mini­mal­be­set­zung in Kitas und in den Pfle­ge­be­rei­chen der Kran­ken­häu­ser und Alten­hei­men ist in aller Regel nicht rea­li­siert. Vie­le Care-Beschäf­tig­te müs­sen erken­nen, dass sie unter die­sen Bedin­gun­gen kei­ne gute Arbeit mit Kin­dern oder zu pfle­gen­den Per­so­nen leis­ten kön­nen. Sie sto­ßen an die Gren­zen ihrer Belast­bar­keit. Stress­sym­pto­me sind ver­brei­tet, zumal die meist weib­li­chen Care-Beschäf­tig­ten auch zu Hau­se häu­fig vie­le Sor­ge­auf­ga­ben für Fami­li­en­mit­glie­der wahr­neh­men. Bei län­ge­ren Stress­pha­sen kommt es zu Erschöp­fungs­zu­stän­den. Nach dem Fehl­zei­ten-Report waren 2013 knapp 14 Pro­zent der Kran­ken­pfle­ge­kräf­te, über 15 Pro­zent der Erzieher_innen und über 18 Pro­zent der Altenpfleger_innen wegen psy­chi­scher Erkran­kun­gen zeit­wei­se arbeits­un­fä­hig.

Zu all die­sen Belas­tun­gen kommt, dass vie­le Care-Berufs­grup­pen gering ent­lohnt sind. Erklä­ren lässt sich die nied­ri­ge Ent­loh­nung damit, dass in den Care-Berei­chen Kos­ten für die Repro­duk­ti­on der benö­tig­ten Arbeits­kräf­te ent­ste­hen, die sich über Steu­ern und das Lohn­ni­veau auf Unter­neh­men in allen Bran­chen aus­wir­ken. Ent­spre­chend groß ist der Druck, die Aus­ga­ben etwa für Kran­ken­häu­ser oder Kitas zu begren­zen; dabei sind die Löh­ne der Beschäf­tig­ten ein wich­ti­ger Kos­ten­fak­tor.

Die­ses Pro­blem der schlech­ten Ent­loh­nung ist bei einer wei­te­ren Berufs­grup­pe, den meist migran­ti­schen Haushaltsarbeiter_innen, noch ver­bun­den mit einer sozia­len Unab­ge­si­chertheit. Die­se Per­so­nen put­zen, betreu­en und pfle­gen in Pri­vat­haus­hal­ten. Bei Krank­heit, eige­nem Urlaub oder Urlaub der Arbeit­ge­ber erhal­ten sie häu­fig kei­nen Lohn, und es fin­det kei­ne Ein­zah­lung in die Sozi­al­ver­si­che­rung statt. Auf die­se Wei­se lösen gut Ver­die­nen­de ihr Pro­blem auf dem Rücken ande­rer, für die schon die­se Arbeit eine Ver­bes­se­rung ihrer kata­stro­pha­len Lage bedeu­tet.

Quer: In Ihrem Buch »Care-Revo­lu­ti­on« schrei­ben Sie: »Eine Kri­se sozia­ler Repro­duk­ti­on ent­steht dann, wenn die Zuspit­zung des Wider­spruchs zwi­schen Pro­fit­ma­xi­mie­rung und Repro­duk­ti­on der Arbeits­kraft die quan­ti­ta­ti­ve und qua­li­ta­ti­ve Ver­füg­bar­keit der Arbeits­kräf­te so beein­träch­tigt, dass dies per­spek­ti­visch eine deut­li­che Ver­schlech­te­rung der Bedin­gun­gen der Kapi­tal­ver­wer­tung nach sich zieht.« Sehen Sie die­se Kri­se bereits heu­te? Wie äußert sie sich?

G. W.: Ja, ich sehe Momen­te die­ser Kri­se sozia­ler Repro­duk­ti­on bereits heu­te. Zunächst äußert sie sich dar­in, dass in bestimm­ten Berufs­grup­pen Fach­kräf­te feh­len, da ins­be­son­de­re vie­le Frau­en wegen ihrer fami­liä­rer Sor­ge­auf­ga­ben weder in Voll­zeit noch umfas­send fle­xi­bel dem Arbeits­markt zur Ver­fü­gung ste­hen kön­nen. Dar­über hin­aus gibt es gera­de in Care-Berei­chen hohe Kran­ken­stän­de, die auf Stress und Erschöp­fung beru­hen. Und für alle Berufs­grup­pen gilt, dass nach einer Gal­lup-Stu­die nur 15 Pro­zent aller Beschäf­tig­ten ihren Job tat­säch­lich »enga­giert“ aus­füh­ren, sich also frei­wil­lig für die Zie­le ihres Unter­neh­mens oder ihrer Insti­tu­ti­on ein­set­zen, 70 Pro­zent sind dage­gen »unen­ga­giert«, leis­ten also Dienst nach Vor­schrift, und 15 Pro­zent sind»aktiv unen­ga­giert«, haben inner­lich bereits gekün­digt, und unter­gra­ben Erfol­ge der ande­ren durch­aus bewusst, wenn sie dazu die Gele­gen­heit haben.

Aber auch die ste­tig stei­gen­den Kos­ten im Gesund­heits- oder Bil­dungs­be­reich trotz gleich­zei­ti­ger Qua­li­täts­ein­schrän­kun­gen ver­schlech­tern die Rah­men­be­din­gun­gen der Kapi­tal­ver­wer­tung. Dies hängt damit zusam­men, dass gera­de in den Care-Berei­chen, da es um die Sor­ge für ein­zel­ne Men­schen geht, die tech­ni­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Ratio­na­li­sie­rungs­po­ten­zia­le deut­lich gerin­ger sind, als dies bei der Güter­pro­duk­ti­on und auch bei per­so­nen­fer­nen Dienst­leis­tun­gen, bei­spiels­wei­se bei Ban­ken und Ver­si­che­run­gen oder in der IT-Bran­che, der Fall ist.

Quer: Sie schrei­ben auch: »Damit stößt das neo­li­be­ra­le Kon­zept der mög­lichst umfas­sen­den Erwerbs­tä­tig­keit jeder erwerbs­fä­hi­gen Per­son, ver­bun­den mit Real­lohn­sen­kung, Sozi­al­ab­bau und hohem Umfang der unent­lohnt zu leis­ten­den Repro­duk­ti­ons­ar­beit, an sei­ne Gren­zen, an ‚unheil­ba­re Wider­sprü­che!« War­um sehen Sie die­sen Wider­spruch als »unheilbar»an? Hat nicht der Kapi­ta­lis­mus immer aufs Neue sei­ne fle­xi­bi­li­tät im Umgang mit »unheil­ba­ren Wider­sprü­chen“ bewie­sen?

G. W.: Ich sehe die Kri­se dar­in, dass das neo­li­be­ra­le Kon­zept an sei­ne Gren­zen kommt, auf»unheilbare Wider­sprü­che« stößt. Lei­der bedeu­tet das nicht, dass damit der Kapi­ta­lis­mus an sein Ende gekom­men ist. Im Gegen­teil, auch ich gehe davon aus, dass der Kapi­ta­lis­mus wand­lungs­fä­hig ist und sein Pro­blem stei­gen­der Repro­duk­ti­ons­kos­ten der Arbeits­kraft auf Kos­ten all der Men­schen löst, die aktu­ell nicht gebraucht wer­den oder die auf­grund ihrer beson­ders pre­kä­ren Lebens­la­ge gezwun­gen sind, auch unter schlech­tes­ten Arbeits­be­din­gun­gen erwerbs­tä­tig zu sein. So könn­te sich aus der Kri­se der neo­li­be­ra­len Regu­lie­rung ein neu­es Akku­mu­la­ti­ons­re­gime ent­wi­ckeln, da gebe ich Ihnen Völ­lig Recht. Ich befürch­te, dass die­ses Regime ein noch deut­lich unde­mo­kra­ti­sche­res, tota­li­tä­re­res sein könn­te, das Men­schen mit dem wei­te­ren Abbau von sozia­ler Infra­struk­tur und Grund­si­che­rung dazu zwingt, – auch unter Ver­nach­läs­si­gung der Selbst­sor­ge und der Sor­ge vor allem für älte­re und kran­ke Men­schen und bei eige­ner Erschöp­fung und Krank­heit – mit einer wei­te­ren Ren­ten­ver­schie­bung weit über die 67 Jah­re hin­aus erwerbs­tä­tig zu sein, da sie anders nicht über­le­ben kön­nen.

Auch die Unter­schei­dun­gen zwi­schen Leistungsträger_ innen und Leistungsempfänger_innen wür­den in einer sol­chen Situa­ti­on noch zuneh­men. Wir ken­nen dies bereits beim 2007 ein­ge­führ­ten Eltern­geld, wonach Kin­der unter­schied­lich viel Wert sind: Je nach­dem, was Eltern vor­her ver­dient haben, erhal­ten sie heu­te bereits zwi­schen 1800 Euro und 300 Euro monat­lich, wobei Letz­te­res bei ALG-II-Bezie­hen­den auf den Hartz-IV-Satz ange­rech­net wird und damit real 0 Euro beträgt. Eben­falls heu­te ist bereits sicht­bar, wie die sozia­len Not­la­gen von bei­spiels­wei­se geflüch­te­ten und/oder ille­ga­li­sier­ten Arbeits­kräf­ten aus­ge­nutzt wer­den, um Arbeits­ver­hält­nis­se ohne sozia­le Absi­che­rung und mit nied­rigs­ten Stun­den­löh­nen aus­zu­deh­nen.

Für mich ist eine mög­lichst umfas­sen­de Ana­ly­se der Kri­se sozia­ler Repro­duk­ti­on ein wich­ti­ger Schritt bei der Begrün­dung der Care Revo­lu­ti­on. Denn aus dem Gesag­ten ergibt sich, dass wir ohne grund­le­gen­den Per­spek­tiv­wech­sel kei­ne Welt rea­li­sie­ren kön­nen, in der ein gutes Leben für alle mög­lich ist – ohne jeman­den aus­zu­schlie­ßen und nicht auf dem Rücken ande­rer.

Dr. Gabrie­le Win­ker ist Pro­fes­so­rin für Arbeits­wis­sen­schaft und Gen­der Stu­dies an der TU Ham­burg-Har­burg. Sie ist Mit­be­grün­de­rin des Femi­nis­ti­schen Insti­tuts Ham­burg und ist im Netz­werk Care Revo­lu­ti­on aktiv. Ihre Gedan­ken sind aus­führ­lich nach­zu­le­sen in ihrem 2015 erschie­ne­nen Buch »Care Revo­lu­ti­on. Schrit­te in eine soli­da­ri­sche Gesell­schaft«. Eine knap­pe Ein­füh­rung ist in einem 12 minü­ti­gen Video zu finden.

Zuerst erschie­nen in der quer No 16, 06/2016

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Da hat sich wohl ein Feh­ler ein­ge­schli­chen:
»Quer: Die Frau­en­er­werbs­quote stieg von 60,7 Pro­zent in 7997 auf 72,4 Pro­zent in 2073. « (Drit­te Fra­ge der Quer)
sind in die­sem Satz alle Sie­be­nen als Ein­sen zu lesen?