Gewalt gegen Wohnungslose 1933–45 – Das Schicksal der Oldenburger Opfer

© Bundesarchiv, Bild 102-10839 / CC-BY-SA

Ein Spott­lied der Land­strei­cher und Wan­der­ar­bei­ter um 1870 reimt auf das Groß­her­zog­tum Olden­burg:

„Wie jeder Kun­de weiß
Ist es im Oldenburg’schen heiß
Denn die Herrn vom Teckel­ge­schlech­te
Sind für­wahr die reins­ten Hen­kers­knech­te.
Von oben bis unten wird man bespannt
In dem klei­nen Olden­bur­ger Land.“

Mit die­sen Zei­len warn­ten sich die „Kun­den“, also die Umher­zie­hen­den, vor dem hei­ßen (gefähr­li­chen) Olden­bur­ger Pflas­ter, wo sie sich von den Gen­dar­men (Teckeln) scharf beob­ach­tet (bespannt) fühl­ten. Wie es wei­ter heißt, mache man schnell Bekannt­schaft mit „Vater Phil­ipp“, dem Gefäng­nis­wär­ter, und ver­brin­ge sei­ne Zeit mit Stei­ne­klop­fen. So ver­ge­he den „duf­ten Kun­den“ die Lust an „dem klei­nen Olden­bur­ger Land.“ Der Rei­me­schmied schreibt von sich selbst, auch er habe „auf der Win­de“ (im Arbeits­haus) geses­sen, und zwar in „Wech­te“ (Vech­ta).

Und wirk­lich erscheint das Groß­her­zog­tum Olden­burg auf einer zeit­ge­nös­si­schen Wan­der­kar­te Nord­deutsch­lands völ­lig aus­ge­spart von Wegen und Orten, an denen sich die Obdach­lo­sen beweg­ten und begeg­ne­ten. Im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert war ihre Zahl beträcht­lich gestie­gen, bedingt durch die Pro­le­ta­ri­sie­rung, die mit der Indus­tria­li­sie­rung ein­her­ging. Die soge­nann­ten „Wan­der­ar­men“ ent­wi­ckel­ten eine Kul­tur der Stra­ße mit Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Infor­ma­ti­ons­for­men, in der sich auch ein neu­es Selbst­be­wusst­sein aus­drück­te. Als „duf­te Kun­den“ zähl­ten sich vie­le nicht zur Gesell­schaft der Obdach­lo­sen, Bett­ler, Land­strei­cher und Vaga­bun­den, die es zu allen Zei­ten und Epo­chen gab. Doch sol­che Unter­schei­dun­gen fie­len ange­sichts der wach­sen­den Mas­se der Wan­dern­den schwer. „Die öffent­li­che Für­sor­ge… war die­sem Aus­maß von Hil­fe­be­dürf­tig­keit nicht gewach­sen,“ wie Karl-Heinz Gro­hall fest­stellt. Obwohl die Wan­der­ar­bei­ter eine wich­ti­ge Nische im indus­tria­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus aus­füll­ten, indem sie der Arbeit folg­ten und so den Arbeits­markt fle­xi­bi­li­sier­ten, sahen sie sich ab 1871 vom Staat durch eine Ände­rung des Straf­rechts bedroht. „Bet­te­lei, Land­strei­che­rei, aber unter Umstän­den auch blo­ße Obdach­lo­sig­keit“ konn­ten nun durch § 361 „mit Haft bis zu sechs Wochen“ geahn­det wer­den. Schnell füll­ten sich die Gefäng­nis­se, so dass der wil­hel­mi­ni­sche Staat Son­der­haft­an­stal­ten ein­rich­te­te, die ver­harm­lo­send als „Kor­rek­ti­ons­an­stal­ten“ bezeich­net wur­den. Wie in dem Spott­lied der „Kun­den“ beschrie­ben, rich­te­te der olden­bur­gi­sche Staat ein Arbeits­haus die­ser Art in Vech­ta ein. Hier konn­ten die „Kor­ri­gen­den“ bis zu zwei Jah­re nach Ver­bü­ßung ihrer Haft gefan­gen gehal­ten wer­den.

Der über­for­der­ten staat­li­chen Armen­für­sor­ge kamen christ­li­che Kräf­te zu Hil­fe. So wur­de in Olden­burg 1882 aus der Mit­te des pro­tes­tan­tisch-libe­ra­len Bür­ger­tums eine „Her­ber­ge zur Hei­mat“ gegrün­det, die sich drei Jah­re spä­ter dem „Nie­der­säch­si­schen Her­bergs­ver­band“ anschloss. Im Jahr 1891 gab es in 25 nord­deut­schen Städ­ten sol­che Häu­ser, und 1906 waren es nicht weni­ger als 34 die­ser meist von der Inne­ren Mis­si­on betrie­be­nen Ein­rich­tun­gen, in denen die Bedürf­ti­gen gegen gerin­ges Ent­gelt Mahl­zeit und Unter­kunft fan­den. Zuneh­mend boten Her­ber­gen im länd­li­chen Raum neben Arbeits­ver­mitt­lung auch Arbeits­plät­ze an, indem sie Land­wirt­schaft betrie­ben und Werk­stät­ten ein­rich­te­ten. Bereits 1883 wur­de in Del­men­horst die „Arbei­ter­ko­lo­nie Dau­els­berg“ gegrün­det, die bald auf 95 ha land­wirt­schaft­li­che Flä­che anwuchs und den Wan­de­rern eine fes­te Blei­be und sinn­vol­le Arbeit bot.

Aus der cari­ta­ti­ven und anfangs kon­struk­ti­ven Paro­le „Arbeit statt Almo­sen“, die auf Fried­rich Bodel­schwingh zurück­ging, ließ sich jedoch im Umkehr­schluss ablei­ten, dass Men­schen, die sich den Ange­bo­ten ent­zo­gen, zu den „Arbeits­scheu­en“ gehör­ten. Die pro­tes­tan­ti­sche Ideo­lo­gie grün­det auf bei­den Aspek­ten – ihrem sozia­len Ansatz ent­springt die Für­sor­ge­pflicht, ihrem Arbeits­ethos das mora­li­sche Ver­dikt der „Faul­heit“. Die Nazis grif­fen die­se Denk­fi­gur auf und errich­te­ten mit der sta­tio­nä­ren Für­sor­ge für „arbeits­wil­li­ge und arbeits­taug­li­che Wan­der­ar­me“ eine fik­ti­ve Trenn­li­nie, die den „nicht­seß­haf­ten Men­schen“ kon­stru­ier­te. Die­ser sei „von Natur arbeits­scheu“ und zähl­te in der ras­sen­bio­lo­gi­schen Abstu­fung der Nazis damit zu den „Min­der­wer­ti­gen“. Im Sep­tem­ber 1933 führ­te das Regime mit der „Bett­ler­raz­zia“ die ers­te geziel­te und „reichs­wei­te“ Akti­on gegen die Woh­nungs­lo­sen durch und drück­ten ihnen den Stem­pel „arbeits­scheu“ auf.

Den­noch pro­fi­tier­te die Wirt­schaft wei­ter­hin von der Wan­der­be­we­gung als einem fle­xi­blen Instru­ment der Arbeits­markt­po­li­tik. Ab 1938 änder­te sich die­se Hal­tung: „Die straf­fe Durch­füh­rung des Vier­jah­res­pla­nes erfor­dert den Ein­satz aller arbeits­fä­hi­gen Kräf­te und läßt es nicht zu, daß aso­zia­le Men­schen sich der Arbeit ent­zie­hen und somit den Vier­jah­res­plan sabo­tie­ren,“ wie Heyd­rich in einem Geheim­erlass vom 1.6.1938 beton­te. Von nun an wur­de das Wan­dern unter­drückt, das Regime woll­te die Betrof­fe­nen sess­haft machen und die übri­gen aus der „Volks­ge­mein­schaft“ ent­fer­nen. Um auch die­se noch aus­zu­beu­ten, wur­den sie zur Zwangs­ar­beit ins KZ ver­schleppt.

Als Start­schuss galt Himm­lers Erlass zur „vor­beu­gen­den Ver­bre­chens­be­kämp­fung durch die Poli­zei“ vom 14.12.1937. Auf die­sem „Grund­er­laß“ basier­ten umfang­rei­che Voll­mach­ten für die Kri­mi­nal­po­li­zei, um „die Gemein­schaft vor dem Ver­bre­cher und dem Aso­zia­len zu schüt­zen.“ Dabei wur­de der „aso­zia­le“ Mensch als jemand defi­niert, der „durch gemein­schafts­wid­ri­ges, wenn auch nicht ver­bre­che­ri­sches, Ver­hal­ten zeigt, dass er sich nicht in die Gemein­schaft ein­fü­gen will.“ Nach den am 4. April 1938 ergan­ge­nen Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen des Reichs­po­li­zei­am­tes betraf der Erlass
„a) Per­so­nen, die durch gering­fü­gi­ge, aber sich immer wie­der­ho­len­de Geset­zes­über­tre­tun­gen sich der in einem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staat selbst­ver­ständ­li­chen Ord­nung nicht fügen wol­len (z.B. Bett­ler, Land­strei­cher, Zigeu­ner, Dir­nen, Trunk­süch­ti­ge, mit anste­cken­den Krank­hei­ten, ins­be­son­de­re Geschlechts­krank­hei­ten behaf­te­te Per­so­nen, die sich den Maß­nah­men der Gesund­heits­be­hör­den ent­zie­hen).
b) Per­so­nen ohne Rück­sicht auf etwai­ge Vor­stra­fen, die sich der Pflicht zur Arbeit ent­zie­hen und die Sor­ge für ihren Unter­halt der All­ge­mein­heit über­las­sen (z.B. Arbeits­scheue, Arbeits­ver­wei­ge­rer, Trunk­süch­ti­ge).
In ers­ter Linie sind bei der Anwen­dung der poli­zei­li­chen Vor­beu­gungs­haft Aso­zia­le ohne fes­ten Wohn­sitz zu berück­sich­ti­gen. Poli­ti­sche Gesichts­punk­te dür­fen bei der Prü­fung, ob eine Per­son als aso­zi­al zu bezeich­nen ist, in kei­nem Fal­le Platz grei­fen. Die­ses Gebiet bleibt nach wie vor der Gehei­men Staats­po­li­zei vor­be­hal­ten (Schutz­haft).“

Damit wur­de neben der von der Gesta­po ver­häng­ten „Schutz­haft“ eine „Vor­beu­gungs­haft“ ein­ge­führt, die nur von der Kri­po ange­ord­net wer­den konn­te. Zwar führ­te die­se eben­so ins KZ wie die „Schutz­haft“, konn­te aber gegen­über die­ser viel län­ger dau­ern, da die Haft­prü­fungs­ter­mi­ne sel­te­ner waren.
Den Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen vom 4.4.1938 folg­te der Heyd­rich-Erlass vom 1.6.1938. Nach gehei­mer Vor­be­rei­tung schlug die Poli­zei am 13. Juni 1938 im gan­zen „Reich“ gleich­zei­tig zu und durch­such­te Woh­nungs­lo­sen­asyle, Her­ber­gen zur Hei­mat, Pfle­ge­hei­me und Pri­vat­woh­nun­gen nach „arbeits­scheu­en Aso­zia­len.“ Ins­ge­samt wur­den mehr als 10.000 Men­schen ver­haf­tet. Im Olden­bur­gi­schen Innen­mi­nis­te­ri­um traf bereits am 14. Juni eine Voll­zugs­mel­dung der Staat­li­chen Kri­mi­nal­po­li­zei Bre­men als Zen­tra­le des „Gau Weser-Ems“ ein. Sie ent­hielt eine Lis­te von 63 Namen. „der­je­ni­gen Per­so­nen, die … im Land Olden­burg in Vor­beu­gungs­haft genom­men wor­den sind.“ Nur wenig spä­ter kam eine ähn­li­che Mel­dung von der Kri­po Wil­helms­ha­ven: „Bei der am 1.6.38 ange­ord­ne­ten, in der Zeit vom 13. bis 18.6.1938 im Kri­mi­nal­po­li­zei­stel­len-Bezirk Wil­helms­ha­ven durch­ge­führ­ten Son­der­ak­ti­on sind in den … Amts­be­zir­ken Ammer­land und Fries­land sowie im Stadt­ge­biet Wil­helms­ha­ven ins­ge­samt 41 Per­so­nen, dar­un­ter 5 Juden, in poli­zei­li­che Vor­beu­gungs­haft genom­men und in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen und Buchen­wald ein­ge­lie­fert wor­den. Eine Lis­te ist bei­gefügt. Die Juden sind rot gekenn­zeich­net.“
Außer die­sen bei­den Lis­ten wei­sen die Akten kei­ne wei­te­ren Ver­haf­tun­gen auf, obwohl sie bis 1953 datie­ren. Ob damit jedoch alle Opfer benannt sind, kann nicht abschlie­ßend beur­teilt wer­den. Wäh­rend sich die Lis­te vom 18. Juni 1938 auf die Ver­haf­tun­gen in Fries­land, im Ammer­land und in Wil­helms­ha­ven beschränkt, scheint die Bre­mer Lis­te vom 14. Juni tat­säch­lich die übri­gen Olden­bur­ger Staats­ge­bie­te abzu­de­cken. Damit sind min­des­tens 105 in Olden­burg ver­haf­te­te Men­schen nam­haft zu machen, die von KZ-Haft infol­ge von Himm­lers „Aso­zia­len-Erlass“ betrof­fen waren. Was wur­de aus ihnen?
Die Namen der jüdi­schen Opfer mit Anga­be ihrer Geburts­or­te lau­ten: Simon und Sal­ly Bäu­mer, Emden, Max Feybusch, Stet­tin, Karl Fich­temann, Rogas­se. Letz­te­rer wur­de aus der Her­ber­ge zur Hei­mat in Varel her­aus ver­haf­tet. In Jever wur­de Fried­rich Levy aus sei­ner Woh­nung her­aus ver­haf­tet. Über „Fritz Levy, den letz­ten Juden Jevers,“ exis­tie­ren zahl­rei­che Berich­te und sogar ein Wiki­pe­dia-Ein­trag. Sie legen Zeug­nis von sei­ner Ver­fol­gung und sei­nem Über­le­ben unter aben­teu­er­li­chen Umstän­den ab.

Der jüdi­sche Pfer­de­händ­ler Iwan Laza­rus wur­de trotz fes­ten Wohn­sit­zes in Olden­burg, Ned­der­end 50, fest­ge­nom­men. Sein Schick­sal und das sei­ner Fami­lie ist in Jörg Paul­sens und Ahl­rich Mey­ers Erin­ne­rungs­buch von 2001 doku­men­tiert. Nach Ent­las­sung aus dem KZ Sach­sen­hau­sen im Herbst 1938 gelang ihm zusam­men mit sei­ner Frau Min­na und sei­nem neun­jäh­ri­gen Sohn Egon die Emi­gra­ti­on nach Para­gu­ay. Nur weni­ge sei­ner zahl­rei­chen Olden­bur­ger Ver­wand­ten über­leb­ten den Holo­caust (Erin­ne­rungs­buch S. 104 f.). Anschei­nend hat ihm sei­ne per­sön­li­che Erfah­rung mit dem Lager­sys­tem der Nazis deut­li­cher als sei­nen Ver­wand­ten vor Augen geführt, dass eine Ret­tung der Juden allein in der Flucht lag.

Die Schick­sa­le der übri­gen Opfer sind m.W. nicht bekannt und anschei­nend auch noch nicht unter­sucht wor­den. Soweit sie in der Stadt Olden­burg leb­ten (Lis­te vom 14.6.1938) han­del­te es sich um Anto­ni­us Bat­ko, geb. 30.9.1893 in Lysa-Gora, Clop­pen­bur­ger Str. 293, Gus­tav Rost, geb. 12.4.1901 in Olden­burg, Pfle­ge­heim Haa­ren­hof am Schüt­zen­weg, Otto Stein­bach, geb. 30.11.1888 in Bant-Wil­helms­ha­ven, August­str. 28, und Anton Han­sen, geb. 5.4.1909 in Schau­fen­berg, ohne Stra­ßen­an­ga­be. Zwei der Ver­haf­te­ten wohn­ten in Clop­pen­burg, vier in Del­men­horst, zwei in Bra­ke, einer in Vah­ren­esch bei Gol­den­stedt, einer in Twistrin­gen, Kreuz­weg 1, einer in Els­fleth, Deich­str. 31, drei in Nor­den­ham, einer in Stein­feld, einer in Far­ge-Rekum, die übri­gen waren ohne fes­ten Wohn­sitz. Die Auf­stel­lung vom 18.6.1938 weist über­haupt kei­ne Wohn­ort­an­ga­ben auf. Da die Olden­bur­ger Opfer dem KZ Sach­sen­hau­sen zuge­führt wur­den, dürf­ten wei­te­re Ein­zel­hei­ten der KZ-Gedenk­stät­te Sach­sen­hau­sen zu ermit­teln sein. Nach Anga­ben von Wolf­gang Ayaß war die Sterb­lich­keit unter die­sen Häft­lin­gen beson­ders hoch.

Die Doku­men­te in den Olden­bur­ger Akten beschrän­ken sich auf die bei­den Ver­haf­tungs­ak­tio­nen vom Som­mer 1938, und die Fach­li­te­ra­tur bestä­tigt, dass die Opfer­grup­pe damit im Wesent­li­chen erfasst war. In die­sem Jahr füll­ten sich die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger mit mehr als 10.000 zu „Aso­zia­len“ gestem­pel­ten Men­schen, die sich durch einen schwar­zen Win­kel kennt­lich machen muss­ten. Zwar wur­den mehr als 1000 von ihnen anläss­lich einer Amnes­tie im Jahr 1939 ent­las­sen, aber, wie Wolf­gang Ayaß fest­stellt, ist „die 1986 von der Bun­des­re­gie­rung auf­ge­stell­te Behaup­tung,“ die Häft­lin­ge die­ser Grup­pe sei­en „über­wie­gend frei­ge­kom­men… völ­lig aus der Luft gegrif­fen.“ Die übri­gen konn­ten nicht auf den regu­lä­ren Haft­prü­fungs­ter­min hof­fen, der nach Ablauf von zwei Jah­ren am 18.6.1940 fäl­lig gewe­sen wäre, denn nach Kriegs­be­ginn galt, dass „aso­zia­le Ele­men­te“ auf kei­nen Fall aus der Haft zu ent­las­sen sei­en.

Epi­log:
Mit der Akti­on „Arbeits­scheu Reich“ im Jahr 1938 ver­folg­ten die Nazis drei Zie­le: zum einen die Kon­trol­le über die „Nicht­sess­haf­ten“, zum zwei­ten mehr Pro­duk­ti­vi­tät durch mehr Zwangs­ar­beit in den KZs, zum drit­ten zwan­gen sie die übri­gen „Wan­de­rer“ zu Sess­haf­tig­keit und fes­ter Arbeit. Wah­rend die „Arbei­ter­ko­lo­ni­en“ Zulauf beka­men, war das Schick­sal der „Her­ber­gen zur Hei­mat“ besie­gelt. Die Olden­bur­ger Ein­rich­tung an der Müh­len­stra­ße 17, die noch im Jahr 1926 als eine „sehr gut gehen­de Her­ber­ge“ bezeich­net wor­den war, schloss ihre Tore: „Zu unserm Bedau­ern sehen wir uns ver­an­lasst, mit­zu­tei­len, daß die Her­ber­ge zur Hei­mat in Olden­burg zum 1. Sep­tem­ber ds.Js. geschlos­sen wird. Das Gebäu­de geht zum 1. Okto­ber in den Besitz der Reichs­post­di­rek­ti­on über… mit deut­schem Gruß.“

Die Arbei­ter­ko­lo­nie Dau­els­berg dage­gen pro­fi­tier­te von der Gewalt­maß­nah­me – genau­er gesagt: der Lan­des­für­sor­ge­ver­band Olden­burg (LFV) pro­fi­tier­te davon. Schon im Janu­ar 1938 hat­te er die Arbei­ter­ko­lo­nie erwor­ben und dabei 200.000 Reichs­mark Gewinn gemacht. Die in mehr als fünf­zig Jah­ren in einen land­wirt­schaft­li­chen Betrieb ver­wan­del­ten „Län­de­rei­en, die ursprüng­lich unkul­ti­viert (Ödland) waren… befin­den sich heu­te in einem guten Kul­tur­zu­stand,“ wie der LFV fest­stell­te. Einer Über­nah­me stün­den zwar die Eigen­tums­rech­te des Ver­eins ent­ge­gen, aber: „Die Auf­lö­sung des Ver­eins ist inzwi­schen beschlos­sen.“ Nach der Aneig­nung ver­kauf­te der LFV die frucht­ba­ren Äcker und Wei­den zu einem Preis von 300.000 RM, um an ande­rer Stel­le neu­es Ödland für 90.000 RM zu erwer­ben, das von den Bewoh­nern unent­gelt­lich urba­ni­siert wer­den soll­te. Um noch mehr aus den Arbeits­kräf­ten her­aus­zu­ho­len, redu­zier­te der Für­sor­ge­ver­band die Ver­pfle­gungs­sät­ze. Damit waren die Bewoh­ner nicht nur vom Hun­ger­tod bedroht, son­dern muss­ten damit rech­nen, bei Aus­fall ihrer Arbeits­fä­hig­keit in die Heil- und Pfle­ge­an­stalt Weh­nen ver­legt zu wer­den und dort den Eutha­na­sie-Tod zu ster­ben. So erging es bei­spiels­wei­se dem 1903 gebo­re­nen Vik­tor S., er wur­de am 29.5.1944 nach Weh­nen ver­legt und war am 20. Dezem­ber des­sel­ben Jah­res tot.
Die dras­ti­schen, oft töd­li­chen Maß­nah­men gegen „Min­der­wer­ti­ge“ gin­gen nicht allein auf Hit­lers krank­haf­te Ide­en zurück. In der Anstalts- und Heim­für­sor­ge hat­ten die Lan­des­für­sor­ge­ver­bän­de schon wäh­rend der Wei­ma­rer Repu­blik beschlos­sen, sich an den Pfle­ge­sät­zen zu berei­chern, wie aus der Geschich­te der Heil- und Pfle­ge­an­stalt Weh­nen her­vor­geht. Aber auch bei der Unter­drü­ckung von Obdach­lo­sen und Bett­lern gin­gen sie vor­an. Schon vor Hit­lers Macht­an­tritt 1933 hiel­ten sie „eine poli­zei­li­che und straf­recht­li­che Ver­fol­gung der aso­zia­len Wan­de­rer für uner­läss­lich.“

Ingo Harms dankt Peter Szyn­ka für etli­che, im Text genutz­te Quel­len.

Zuerst erschie­nen in Alham­bra – Zei­tung & Pro­gramm, 03–04/2014