Nach dem Schuljahr ist vor dem Schuljahr

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… denn jetzt, zum Schul­jah­res­en­de, müs­sen Eltern wie­der zahl­rei­che Schul- und Arbeits­bü­cher für das kom­men­de Schul­jahr selbst bezah­len. Für die­se ist in Nie­der­sach­sen weder eine Befrei­ung, noch eine kos­ten­lo­se Aus­lei­he vor­ge­se­hen, egal wie hoch oder nied­rig das Ein­kom­men der Eltern ist. Extraleis­tun­gen für die­se Schul­bü­cher sind genau­so drin­gend erfor­der­lich, wie es dafür immer noch kein Extra­an­ge­bot im Jugend-Ange­bot Olden­burgs gibt.

Bereits 100 € fal­len für eine Mut­ter im Alg-II-Bezug bei der Ein­schu­lung allein schon für die Schul- und Arbeits­bü­cher an. Für die­se gibt es in der Schu­le kei­ne Befrei­ung. Auch von Sozi­al­amt oder Job­cen­ter gibt es kei­ne Zuschüs­se, da der Gesetz­ge­ber die­se nicht vor­ge­se­hen habe; immer­hin hat das Job­cen­ter auf Nach­fra­ge ein Dar­lehn ange­bo­ten – doch damit wird das finan­zi­el­le Pro­blem nur ver­tagt.

Dies Dilem­ma trifft tau­sen­de Fami­li­en, und zwar ent­ge­gen der Set­zung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 9.2.2010, wonach im Rah­men der Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen alle aus­bil­dungs­be­ding­ten Kos­ten von Kin­dern und Jugend­li­chen zu über­neh­men sind. Das Gericht sprach von den »Befä­hi­gungs­kos­ten« (1 BvL 1/09; das Urteil ist hier zu fin­den).

Der Gesetz­ge­ber hat die­se Vor­ga­be der Ver­fas­sungs­rich­ter igno­riert, und hat nur eine Pau­scha­le von 100 Euro je Schul­jahr für den per­sön­li­chen Schul­be­darf ins Gesetz geschrie­ben (vgl. § 28 Abs. 3 SGB II). Mit die­ser Leis­tung für den »per­sön­li­chen Schul­be­darf« sind die Schul­buch­kos­ten jedoch weder gemeint noch gedeckt. Unlängst sprach das Sozi­al­ge­richt Hil­des­heim zwei Schü­lern ins­ge­samt 470,90 € für Schul­bü­cher zu (die­ses Urteil vom 22.11.2015 ist noch nicht rechts­kräf­tig; AZ: S 37 AS 1175/15; Fund­stel­le).

Das Hil­des­hei­mer Gericht sieht in den Schul­bü­chern einen »unab­weis­ba­ren, lau­fen­den, nicht nur ein­ma­li­gen beson­de­ren Bedarf«, für den vom Job­cen­ter nach § 21 Abs. 6 SGB II Zuschüs­se zu bewil­li­gen sind. Die – letzt­lich vom sozi­al­de­mo­kra­tisch geführ­ten Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um der Andrea Nah­les – kon­trol­lier­te Bun­des­agen­tur für Arbeit akzep­tiert die­se Ent­schei­dung des Gerich­tes bis heu­te nicht und lies das ört­li­che Job­cen­ter Beru­fung beim Lan­des­so­zi­al­ge­richt ein­le­gen. Ein sol­ches Ver­fah­ren wird dau­ern. Mit dem Pro­blem des feh­len­den Geld für die selbst zu zah­len­den Schul­bü­chern blei­ben die Eltern bis dahin allein. Die ALSO for­dert daher die Über­nah­me die­ser Schul­buch­kos­ten durch die Stadt Olden­burg, so lan­ge es noch kei­ne für das gan­ze Bun­des­ge­biet funk­tio­nie­ren­de Rege­lung für die Kos­ten­über­nah­me gibt. Bis dahin raten wir, die Schul­buch­kos­ten bei Job­cen­ter bzw. Sozi­al­amt zu bean­tra­gen.

Auch an ande­rer Stel­le sind die Schwie­rig­kei­ten The­ma, die das Hartz-IV-Sys­tem Kin­dern beim Schul­be­such macht. Unlängst berich­te­te die Nord­west-Zei­tung unter dem Titel Eigen­an­teil zum Mit­tag­essen – 19 Euro sind für vie­le Eltern in Olden­burg noch zu viel über eine Dis­kus­si­on im Olden­bur­ger Jugend­hil­fe-Aus­schuss. Der Jugend­hil­fe­aus­schuss for­dert die Bun­des­re­ge­lung auf, eine ein­heit­li­che und voll­stän­di­ge Finan­zie­rung der Mit­tag­essen in Schu­len und Kin­der­ta­ges­stät­ten für Kin­der von ein­kom­mens­ar­men Fami­li­en zu regeln.

Zum Über­blick:
Ins­ge­samt blei­ben im Bereich der För­de­rung von Schüler_innen mit gerin­gen Ein­kom­men wei­ter­hin vie­le Auf­ga­ben unbe­ar­bei­tet lie­gen. Es sind dies Leis­tun­gen für:

• Schul­bü­cher
• Taschen­rech­ner
• Mit­tag­essens­kos­ten
• und die lan­ge nicht aus­rei­chen­den Mit­tel für den per­sön­li­chen Schul­be­darf, der mit den 100 € je Schul­jahr in vie­len Fäl­len nicht abge­deckt wird.

Auch für Schü­ler­schreib­ti­sche sieht das Bun­des­so­zi­al­ge­richt schon lan­ge Hil­fen vom job­cen­ter im Rah­men der Leis­tun­gen für die Erst­aus­stat­tung der Woh­nung (mehr dazu im dies­be­züg­li­chen Info­blatt der ALSO). Wei­te­re Fra­gen beant­wor­ten wir gern in der ALSO-Bera­tung. Einen Bei­trag des DGB-Rechts­schut­zes unter dem Titel »Job­cen­ter muss Kos­ten für Schul­bü­cher voll bezah­len« (es geht um das oben ange­spro­che­ne Urteil des Sozi­al­ge­richts Hil­des­heim zu den Schul­buch­kos­ten) fin­det Ihr hier.

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