Arbeitskampf statt Fußball -
Solidarität mit den Protesten gegen die Arbeitsmarktreform in Frankreich

Bild: Jules78120 // CC BY-SA 4.0

Es ist wie­der die Zeit der Flag­gen und des unge­hemm­ten Patrio­tis­mus. Abends zum Fuß­ball vor den unzäh­li­gen öffent­li­chen oder nicht öffent­li­chen Rie­sen­bild­schir­men zu sit­zen, beim Public Viewing auf der Fan­mei­le mit ande­ren Patriot_inen zu fei­ern oder ein­fach nur mit ›ner Kis­te Bier vor der eige­nen Glot­ze zu hän­gen, ist mal wie­der die Lieb­lings­be­schäf­ti­gung Vie­ler im Som­mer.

In Frank­reich, wo – das wis­sen wohl alle – der­zeit die Fuß­ball-EM statt­fin­det, fin­den schon seit Wochen im gan­zen Land mas­si­ve Pro­tes­te gegen die von der Regie­rung geplan­ten Arbeits­markt­re­for­men statt. Die­se »Refor­men«, eng ange­legt an die in Deutsch­land vor mehr als 10 Jah­ren durch­ge­setz­te Agen­da 2010, wer­den wie in Deutsch­land auch in Frank­reich den Niedrig­ar­beits­lohn aus­wei­ten und Mil­lio­nen Men­schen in immer pre­kä­re­re Arbeits- und Lebens­be­dinun­gen sto­ßen.

Die Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen mit den Pro­tes­ten in Deutsch­land fal­len lei­se aus, auch aus der poli­ti­schen Lin­ken ist wenig zu hören. Den­noch: Xavier von der FAU Ber­lin beschreibt die Situa­ti­on so »Es ist der schlimms­te Angriff gegen Arbeiter_innenrechte seit Jahr­zehn­ten. Drei Punk­te sind beson­ders wich­tig: Ent­las­sun­gen, Arbeits­zeit und Tarif­po­li­tik.«

In einem Demo-Auf­ruf der »radi­ka­len Lin­ke Ber­lin« vom 14. Juni heißt es:

In Frank­reich wird gera­de nicht nur Fuß­ball gespielt. Es wird auch getrotzt, gestreikt, gekämpft. Nuit Debout, die Bewe­gung der Auf­rech­ten der Nacht, hat sich zu einer brei­ten sozia­len Bewe­gung ent­wi­ckelt. Werft­ar­bei­te­rin­nen und Werft­ar­bei­ter, Stu­die­ren­de, Bahn­an­ge­stell­te, pre­kär Beschäf­tig­te. Men­schen aus vie­len Berei­chen der Gesell­schaft kämp­fen gegen die geplan­ten Arbeits­markt­re­for­men der Regie­rung und für Gleich­heit und Frei­heit. Refor­men, die in Deutsch­land schon längst in die Tat umge­setzt wurden.Auch in Bel­gi­en strei­ken mehr und mehr Men­schen. Die Kämp­fe gegen Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung sind im Zen­trum Euro­pas ange­kom­men! Woge­gen sich die Men­schen in Frank­reich und Bel­gi­en aus Lei­bes­kräf­ten weh­ren, ver­saut auch uns das Leben.

Bleibt zu hof­fen, dass die Pro­tes­te, Streiks und Blo­cka­den Erfolg zei­gen, die Bewe­gung wei­ter wächst, radi­ka­ler wird und das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem an wun­den Punk­ten angrei­fen kann.

Und was kön­nen wir tun? Wäh­rend sich wohl vie­le an Poli­tik des­in­ter­es­sier­te Men­schen für den nächs­ten Arbeits­tag und die wei­te­ren EM-Spie­le aus­ru­hen, wol­len wir am Diens­tag, 28. Juni um 20:00 im Alham­bra den Film »Kämp­fe von Nuit Debout« (29min, 2016, fran­zö­sisch mit dt. Unter­ti­teln) anschau­en und anschlie­ßend zur Dis­kus­si­on ein­la­den.

Wer das nicht schafft, kann den Film auch bei labournet.tv sehen.

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Paule

Dan­ke für den Arti­kel, span­nend ist auch das die Pro­tes­te kaum noch in den Nach­rich­ten / medi­en auf­tau­chen.
The final Count­down
Brot und Spie­le.
Schön wäre den Film auch am Sonn­tag Nach­mit­tag zu zei­gen, als alter­na­ti­ve zum Natio­na­lis­ti­schen Fuß­ball scheiß.

PU Schröder

Da kommt der nack­te Neid auf, wenn ich sehe wie die Fran­zo­sen für ihre Grund­rech­te und den Min­dest­stan­dard für ein akzep­ta­bles Leben kämp­fen und dabei ver­schie­de­ne Berei­che Frank­reichs auch trotz der mas­si­ven Knüp­pel­gar­den zB Raf­fi­ne­ri­en still legen. Wir haben uns damals von Schrö­der die Harz-VI Dik­ta­te auf­zwin­gen las­sen fast wider­spruchs­los wovon unse­re Indus­trie so pro­fi­tier­te, das der Wett­be­werb in der EG von der BRD domi­niert wur­de. Nicht die Fran­zo­sen müs­sen sich an uns son­dern wir müß­ten unse­re Stan­dard an Frank­reich anpas­sen.

Emily

Pau­schal von »die Fran­zo­sen« und »die Deut­schen« bzw. wie im Kom­men­tar von »wir« zu spre­chen hal­ten ich schlicht­weg für ver­fäl­schend, weil auf die Wei­se die Vor­stel­lung einer homo­ge­ne Grup­pe kon­stru­iert wird und bestehen­de unter­schied­li­che poli­ti­sche Inter­es­sen kaschiert wer­den. Außer­dem das Gesetz um Hartz-IV (Arbeits­lo­sen­geld II) kein Dik­tat und wur­de auch nicht auf­ge­zwun­gen. Zustim­men wür­de ich in dem Punkt, dass es kaum Pro­test und Wider­stand gab und gibt.

Kater Carlo

Vol­le Zustimmung,Emiliy! Ich fin­de es fatal, in die­sem Zusam­men­hang von »Dik­tat« und »auf­zwin­gen« zu spre­chen, denn das ver­schlei­ert, dass – wie du auch schreibst – es deut­li­che Inter­es­sen gege­ben hat, das Arbeits­lo­sen­geld II zu schaf­fen, es aber auch vie­le Men­schen und ins­be­son­de­re die bun­des­deut­sche Linke/Linksradikale ohne nen­nens­wer­ten Wider­stand hin­ge­nom­men hat.

Kater Carlo

Erst ein­mal vor­aus­ge­schickt: Auch in Frank­reich wer­den vie­le Men­schen vor den Fern­se­hern und beim Public Viewing sit­zen und Patrio­tis­mus ist gera­de den Men­schen in Frank­reich nicht gera­de unbe­kannt. Also war­um immer die­ser Ein­stieg – das ist mei­ner Mei­nung nach nicht das Pro­blem bzw ein ande­res. Ich bin auch begeis­tert von dem, was bei »Nuit Debout« pas­siert, weil dort Men­schen ver­schie­dens­ter poli­ti­scher und sozia­ler Cou­leur zusam­men­kom­men und poli­ti­sche Pro­ble­me dis­ku­tie­ren wie z.B. die Arbeits­markt­re­form. Wo men­schen sich in ihren poli­ti­schen Aktio­nen aus­tau­schen und akzep­tie­ren ler­nen und viel­leicht der eine und ande­re lernt, mili­tan­te Aktio­nen zu ver­ste­hen. Aber mehr auch erst ein­mal… Read more »