VfB Oldenburg – Der Charme des ewigen Verlierers

© Flutlichtfreak

Im ent­schei­den­den Spiel den Ein­zug in den DFB-Pokal ver­patzt und im End­spurt der Regio­nal­li­ga­sai­son die Meis­ter­schaft und damit die Auf­stiegs­mög­lich­keit in die 3. Liga ver­spielt – mal wie­der eine typi­sche Sai­son des VfB Olden­burg. Seit Ein­füh­rung der Bun­des­li­ga im Jahr 1963 durch­leb­te der »Ver­ein für Bewe­gungs­spie­le von 1897 e.V. Olden­burg« eini­ge weni­ge Höhen und vie­le, vie­le, vie­le Tie­fen. Vor allem die wich­ti­gen Spie­le sind die Sache der Blau-Wei­ßen nicht.

Ein kur­zer Streif­zug durch die letz­ten Jahr­zeh­te: In der Sai­son 1975/76 wur­de der VfB Meis­ter in der 3. Liga, der Auf­stieg jedoch miss­lang. Erst vier Jah­re spä­ter konn­te der Auf­stieg in die 2. Liga Nord per­fekt gemacht wer­den – ein kur­zes Ver­gnü­gen. Nach nur einem Jahr folg­te auf­grund der Zusam­men­le­gung der 2. Ligen Nord und Süd als Tabel­len­vier­zehn­ter der Abstieg. Nach­dem der VfB 1985/86 als Vize­meis­ter der 3. Liga erneut in der Auf­stiegs­run­de zur 2. Liga schei­ter­te, konn­te 1989/90 die Meis­ter­schaft in der 3. Liga und damit die Rück­kehr in die 2. Liga errun­gen wer­den.

Im Lau­fe der Jah­re hat­te sich ein Schul­den­berg von über 1,3 Mil­lio­nen DM ange­häuft, der 1990 zum Erhalt der Zah­lungs­fä­hig­keit den Ver­kauf des in den 20’er Jah­ren als Fuss­ball­are­na aus­ge­bau­ten Don­ner­schwee-Sta­di­ons, der »Höl­le des Nor­dens«, an einen win­di­gen Immo­bi­li­en­spe­ku­lan­ten Peter T. nötig mach­te. Der Ver­lust des alten Sta­di­ons mit sei­ner beein­dru­cken­den und zugleich leicht mor­bi­den Atmo­sphä­re und der damit ver­bun­de­ne Umzug in das cha­rak­ter­lo­se städ­ti­sche Sta­di­on am Marsch­weg, eine auf einer Müll­de­po­nie errich­te­ten Leicht­ath­le­tik­bahn mit Mit­tel­wie­se, führ­te zu einer spek­ta­ku­lä­ren Trotz­re­ak­ti­on der Spie­ler und bescher­ten dem VfB den bis­her größ­ten sport­li­chen Erfolg: In der Sai­son 1991/92 hol­te man die Vize­meis­ter­schaft in der 2. Liga und ver­pass­te damit den Auf­stieg, dies­mal in die höchs­te deut­sche Fuß­ball­li­ga, mal wie­der nur äußerst knapp.

In der nächs­ten Sai­son ging es dann wie­der abwärts in Liga Drei. Im Jahr 1996 gelang noch ein­mal der Wie­der­aus­stieg, gefolgt vom sofor­ti­ge Wie­der­ab­stieg. Außer­halb des Plat­zes kam es noch dicker. 1999/2000 könn­te der über­schul­de­te Ver­ein sein wirt­schaft­li­ches Über­le­ben vor dem Insol­venz­ge­richt nur gera­de ein­mal so ret­ten. Dies führ­te jedoch zum Abstieg der Mann­schaft in die 4. Liga. Nach dem errei­chen der Meis­ter­schaft in der Sai­son 2001/02 wur­den mal wie­der die fol­gen­den Auf­stiegs­spie­le ver­sem­melt. Im Jahr 2004 wur­de die 4. Ligen umstruk­tu­riert. Der zur Qua­li­fi­ka­ti­on nöti­ge ach­te Platz wur­de um zwei Punk­te ver­fehlt, so dass die Olden­bur­ger erst­mals in die Fünft­klas­sig­keit muss­ten. Nach einem drit­ten Platz in der Sai­son 2004/05 ver­pass­te der VFB ein Jahr spä­ter nur auf­grund des schlech­te­ren Tor­ver­hält­nis­ses den Auf­stieg. In der Sai­son 2006/07 gelang dann der Sprung zurück in Liga Vier, nur um nach einer erneu­ten Liga­re­form und dem Schei­tern in einer Rele­ga­ti­ons­run­de erneut in die fünf­te Liga abzu­stei­gen. Es folg­te eine spek­ta­ku­lä­re Meis­ter­schaft in der Sai­son 2008/09, die anschlie­ßen­de Rele­ga­ti­on zum Auf­stieg ging mal wie­der zur maß­lo­sen Ent­täu­schung Aller ver­lo­ren. In der nächs­ten Sai­son hol­te man nur den zwei­ten Platz und ver­pass­te somit erneut den Auf­stieg.

Wohl nur durch eine Erwei­te­rung der 4. Liga, wel­che den ers­ten vier Mann­schaf­ten der Fünf­ten den Auf­stieg ermög­lich­te, stieg der VfB mit Ach und Krach auf. Im Fol­ge­jahr konn­te die Klas­se gehal­ten wer­den, die Sai­son 2013/14 ende­te mit dem drit­ten Platz und einer mal wie­der ver­pass­ten Teil­nah­me am DFB-Pokal. Nach­dem 2014/2015 gera­de so der Abstieg ver­hin­dert wer­den konn­te, weck­te die letz­te Sai­son mal wie­der letzt­lich ent­täusch­den Opti­mis­mus mit Anflü­gen von Eupho­rie. Nach einem ful­mi­nan­ten Lauf in Liga und NFV-Pokal ging am Ende mal wie­der Alles ver­lo­ren. Kei­ne Meis­ter­schaft, kei­ne Auf­stiegs­re­le­ga­ti­on und auch kei­ne DFB-Pokal­teil­nah­me. Und kei­ne Über­ra­schung.

Das Image des ewi­gen Ver­lie­rers, des ewi­gen Sie­gers der Her­zen gehört qua­si zum Mar­ken­kern des VfB. Und das macht die­sen Ver­ein so sym­pa­thisch. Wer in den letz­ten Jah­ren mal eini­ge Heim­spie­le im wohl unat­trak­tivs­ten Sta­di­on des Nor­dens inmit­ten der über 150 Ultras und Tau­send ande­ren Fans ver­bracht hat, weiß genau, was dahin­ter steckt. Ambi­tio­niert, vol­ler Hin­ga­be und Zuver­sicht, mit auf­wen­digs­ten Cho­reo­gra­fi­en und einer für Viert­li­ga­ver­hält­nis­se impo­san­ten Geräusch­ku­lis­se wird die Mann­schaft nach Vor­ne getrie­ben, um die dann zumeist fol­gen­de Ent­täu­schung nach einem all­sei­ti­gen, leicht ver­schnupf­ten »War ja klar« abzu­ha­ken. Und im nächs­ten Spiel geht es ein­fach wie­der von Vor­ne los. Gran­di­os, und das nicht im iro­ni­schen Sin­ne. »Ich fand es cool, einen Under­dog zu sup­por­ten«, erklär­te ein lang­jäh­ri­ger VfB-Fan sein Enga­ge­ment. Dies wür­den wohl auch die Fans vom FC St. Pau­li unter­schrei­ben. Und genau­so wie am Mill­ern­tor geht es auch in Olden­burg den Fans nicht nur um das, was auf dem Rasen pas­siert. Dis­kri­mi­nie­rung, Kom­mer­zia­li­sie­rung, Poli­zei­schi­ka­nen und die Auf­ar­bei­tung auch der dunk­len Kapi­tel der Ver­eins­ge­schich­te sind The­men der orga­ni­sier­ten Fan­sze­ne.

Was jedoch fehlt ist ein Olden­bur­ger Mill­ern­tor, eine neue »Höl­le des Nor­dens«. Ein Ort mit Herz und Cha­rak­ter. Eine Büh­ne für Fuß­bal­leu­pho­rie und geleb­te Sozi­al­po­li­tik, für die dra­ma­tischs­ten Nie­der­la­gen, die sel­te­nen Erfol­ge und das Erler­nen und Erle­ben von Soli­da­ri­tät und Mit­ein­an­der. Bleibt zu hof­fen, dass die momen­ta­ne von den Fans ange­sto­ße­ne Dis­kus­si­on über ein neu­es Sta­di­on nicht wie­der im San­de ver­läuft.

 


»Zwi­schen Him­mel und Höl­le – 120 Jah­re VfB Olden­burg«

Fans des VfB Olden­burg ver­su­chen gera­de zusam­men mit dem Ver­ein Werk­statt­film das Film­pro­jekt »Zwi­schen Him­mel und Höl­le«, eine emo­tio­na­le fan­zen­trier­te Doku­men­ta­ti­on über die 120 Jah­re Ver­eins­ge­schich­te, zu rea­li­sie­ren. Zur Finan­zie­rung wur­de eine Crowd­fun­ding-Akti­on gestar­tet. Infor­ma­tio­nen dazu gibt es hier.

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borusse im exil

als ob ein neu­es sta­di­on (und was war da nicht alles zu lesen in den letz­ten jah­ren – bun­des­li­ga­taug­lich, mit hotel, noch grö­ßer, noch mehr…) ein ort sein könn­te, an dem »alte tra­di­tio­nen« eine neue »höl­le des nord­wes­tens« ent­ste­hen wür­den. eher wird eine are­na ent­ste­hen mit busi­ness­lo­gen, rauch­frei­er fami­li­en­tri­bü­ne und video­über­wach­tem fan- und aus­wärts­block. und wenn es geld bringt tritt da dann hele­ne fischer auf und die afd ver­an­stal­tet dort ihren (reichs)parteitag. und neben­bei ist (im gegen­satz zu pau­li) der vfb eben nicht der under­dog in olden­burg, son­dern der platz­hirsch – es ist also nicht rebel­lisch zum vfb zu gehen.

Salondissident

Der St.Pauli-Vergleich ist sicher­lich nicht son­der­lich prä­zi­se, aber illus­triert doch ganz gut den Geist, der die­sem Ver­ein inne­wohnt. Sicher­lich kann auf dem Reiß­brett nicht geschaf­fen wer­den, was in der »Höl­le des Nor­dens« über Jahr­zehn­te gewach­sen ist. Aller­dings ist selbst das Mill­ern­tor-Sta­di­on nicht mehr die char­man­te Bruch­bu­de wie noch vor Jah­ren. Lei­der! Den­noch dürf­te ein neu­es Sta­di­on Eini­ges ver­bes­sern. Wäh­rend sich Bundesliga-Anhänger*innen sich beheiz­ter Tri­bü­nen erfreu­en, ste­hen wir im Marsch­weg-Sta­di­on im Regen. Dabei wird uns nicht nur der Hin­tern nass. Viel schlim­mer ist die man­geln­de Nähe zum Spiel­feld und der feh­len­de akus­ti­sche Sup­port eines Daches. Außer­dem wer­den Heim- und Aus­wärts­block jetzt… Read more »