Von der Vergewaltigung eines Kindes und skrupellosem Provinzjournalismus

Faksimile der NWZ vom 26.05.2016

Am 14.05.2016 wur­de in einer Gemein­schafts­un­ter­kunft für Geflüch­te­te in der Wil­ler­stra­ße ein neun­jäh­ri­ger Jun­ge ver­ge­wal­tigt. Das betrof­fe­ne Kind wur­den mit sei­ner Fami­lie umge­hend nach der Tat in eine ande­re Gemein­schafts­un­ter­kunft ver­legt, eine Unter­brin­gung in einer Pri­vat­woh­nung soll in Kür­ze erfol­gen. Drin­gend tat­ver­däch­tig ist ein 17-jäh­ri­ger dama­li­ger Mit­be­woh­ner des Jun­gen, gegen wel­chen am Fol­ge­tag der Tat Haft­be­fehl erlas­sen wur­de. Gegen den 34-jäh­ri­gen Onkel des Inhaf­tier­ten, eben­falls Bewoh­ner der Unter­kunft, konn­te ein ursprüng­li­cher Ver­dacht einer Tat­be­tei­li­gung nicht voll­um­fäng­lich erhär­tet wer­den. Nun­mehr wird er noch der unter­las­se­nen Hil­fe­leis­tung ver­däch­tigt.

So weit, so schlimm. Wie­der mal ein Fall des sexu­el­len Miss­brauchs von Kin­dern und Jugend­li­chen. 369 Fäl­le wur­den allein im ver­gan­ge­nen Jahr im Bereich der Poli­zei­di­rek­ti­on Olden­burg doku­men­tiert; die Dun­kel­zif­fer dürf­te wesent­lich höher lie­gen.

Der aktu­el­le Vor­fall ent­wi­ckel­te jedoch noch eine ganz eige­ne Bri­sanz. Da sowohl der Betrof­fe­ne als auch der Täter als Geflüch­te­te nach Olden­burg gekom­men waren, wit­ter­te die durch einen Hin­weis aus der Bevöl­ke­rung infor­mier­te NWZ eine auf­la­gen­stei­gern­de Skan­dal­mel­dung und setz­te sich kur­zer­hand über das Schutz­be­dürf­nis des betrof­fe­nen Kin­des vor einer erneu­ten Trau­ma­ti­sie­rung und Stig­ma­ti­sie­rung durch eine media­le Auf­be­rei­tung hin­weg. Vol­ler Stolz ver­kün­de­te die NWZ, dass sie »als ers­te Zei­tung (…) über den Fall berich­tet« habe und sug­ge­rier­te, dass »die­se Straf­tat von den Behör­den ganz bewusst ver­schwie­gen wor­den sein soll, weil sie mög­li­cher­wei­se vor dem Hin­ter­grund der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik die Olden­bur­ger Bevöl­ke­rung beun­ru­hi­gen kön­ne«. Obwohl eben­falls berich­tet wur­de, dass eine Nicht-Öffent­lich­ma­chung bei allen sexua­li­sier­ten Über­grif­fen auf Kin­der aus Grün­den des Opfer­schut­zes gän­gi­ge Pra­xis ist, der Olden­bur­ger Poli­zei­prä­si­dent Johann Küh­me mit den Wor­ten »Es gibt kei­nen Maul­korb. Der Schutz des min­der­jäh­ri­gen Opfers steht im Vor­der­grund – ganz gleich, wel­cher Natio­na­li­tät jemand ist« zitiert wur­de und auch die Aus­kunft einer Vetre­te­rin der Anlauf- und Bera­tungs­stel­le gegen sexu­el­len Miss­brauch an Mäd­chen »Wild­was­ser«, dass die Betrof­fe­nen mög­lichst vor der Öffent­lich­keit, in der die Straf­tat the­ma­ti­siert wer­de, geschützt wer­den müss­ten, Erwäh­nung fand, ließ es sich der Chef­re­dak­teur Rolf Seel­heim nicht neh­men, in einem Kom­men­tar unter dem Titel »Schwei­ge­kar­tell« in die unters­ten Schub­la­den zu grei­fen:

Die von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern immer wie­der zu hören­de Unter­stel­lung, bestimm­te Infor­ma­tio­nen wür­den aus soge­nann­ter poli­ti­scher Kor­rekt­heit bewusst zurück­ge­hal­ten, erfährt durch die­sen Fall reich­lich neue Nah­rung. Soll­te so dump­fem Aus­län­der­hass begeg­net wer­den?
Die Begrün­dung der Behör­den für ihre, vor­sich­tig for­mu­liert, Infor­ma­ti­ons­zu­rück­hal­tung klingt eben­so aben­teu­er­lich wie faden­schei­nig: Man habe das Opfer schüt­zen wol­len. Wie, bit­te, schützt man ein Kind, das bereits zum Opfer einer abscheu­li­chen Tat wur­de? Ist es nicht viel­mehr so, dass erst durch das Bekannt­wer­den die Öffent­lich­keit dar­über dis­ku­tie­ren kann, wie man ande­re Kin­der vor ähn­lich schä­bi­gen Über­grif­fen schützt? Drü­cken sich die Ver­ant­wort­li­chen in Wahr­heit nur vor der unan­ge­neh­men Fra­ge, war­um das Wohl des Kin­des so ver­nach­läs­sigt wur­de?
Kin­des­miss­brauch kommt lei­der auch in deut­schen Fami­li­en immer wie­der vor und ist mit­nich­ten beschränkt auf Flücht­lings­hei­me. Hel­fen kön­nen nur auf­merk­sa­me Nach­barn, die ihre Beob­ach­tun­gen der Poli­zei schil­dern. Wenn die­se Ver­bre­chen dann aber sys­te­ma­tisch ver­heim­licht wer­den, wird das Bild einer hei­len Welt gezeich­net, das nichts zu tun hat mit dem oft grau­sa­men All­tag. Hier hilft nur lücken­lo­se Auf­klä­rung durch Infor­ma­ti­on. Nicht die Pres­se »lügt«, wenn Ver­ant­wort­li­che schwei­gen.

Der ach so um das Wohl von Kin­dern besorg­te Seel­heim hat offen­sicht­lich noch nie etwas von Ret­rau­ma­ti­sie­rung gehört (»Man habe das Opfer schüt­zen wol­len. Wie, bit­te, schützt man ein Kind, das bereits zum Opfer einer abscheu­li­chen Tat wur­de?«), sich noch nie die Fra­ge gestellt, was ein betrof­fe­nes, zu iden­ti­fi­zie­ren­des Kind in Anbe­tracht neu­gie­ri­ger, sen­sa­ti­ons­ha­schen­der Bli­cke und Fra­gen einer »infor­mier­ten Öffent­lich­keit« erneut durch­le­ben muss. Statt­des­sen wird in bes­ter PEGI­DA-Manier von Ver­tu­schung »aus soge­nann­ter poli­ti­scher Kor­rekt­heit« fabu­liert und eif­rig betont, sel­ber nicht zur »Lügen­pres­se« zu zäh­len. Die Ziel­grup­pe von Seelheim’s Kom­men­tar hat den Ball übri­gens bereits auf­ge­nom­men. So berich­te­te die ras­sis­ti­sche Inter­net­sei­te »Rape­fu­gees« unter der Über­schrift »Poli­tik ver­tuscht: Bub (9) nach Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung durch 2 Asy­lan­ten schwer­ver­letzt« ganz im Sin­ne des NWZ-Chef­re­dak­teurs, wobei dort noch in wider­lichs­ter Art im Erfin­den eines Tat­her­gangs wohl die eige­nen sexua­li­sier­ten Gewalt­fan­ta­si­en aus­ge­lebt wer­den. Ein Link zu die­sem Pam­phlet fin­det sich wenig über­ra­schend als Kom­men­tar auf einer Sei­te der Olden­bur­ger AfD.

Die NWZ und beson­ders ihr Chef­re­dak­teur soll­ten sich für ihren Umgang schä­men. Die Über­ge­hung der Schutz­in­ter­es­sen eines trau­ma­ti­sier­ten Kin­des und das Befeu­ern ras­sis­ti­scher Deu­tungs­mus­ter ist mit der Aus­sicht auf Auf­la­gen­stei­ge­rung nicht zu recht­fer­ti­gen.

Nötig ist nun dem Betrof­fe­nen ein siche­res Wohn­um­feld zu schaf­fen und ihn vor Belas­tun­gen durch eine gei­fern­de Öffent­lich­keit zu schüt­zen. Zur Prä­ven­ti­on müs­sen end­lich die schon seit gerau­mer Zeit dis­ku­tier­ten Gewalt­schutz­kon­zep­te für Mas­sen­un­ter­künf­te – mit geschlech­ter­ge­rech­ten Dusch­räu­men, abschließ­ba­ren Toi­let­ten und vor allem sen­si­bi­li­sier­ten Bezugs­per­so­nen – rea­li­siert wer­den.

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Magdalena T.

Dan­ke für den Kom­men­tar! Habe mich ges­tern unglaub­lich über die­se Bericht­erstatt­tung geär­gert und bin jetzt um so erfreu­ter, mei­nen Ärger for­mu­liert zu sehen!!

Evelyn Schuckardt

Nach­dem ich mich über die NWZ Bericht­erstat­tung und die Kom­men­tie­rung ihres Chef­re­dak­teurs geär­gert habe, spricht mir euer Kommentar/ Bericht aus der See­le, Dan­ke!

Michael B.

Wie wahr. Dan­ke.
Lei­der ist zu befürch­ten, dass in einem Umfeld schlech­ter wer­den­den Jour­na­lis­mus, sin­ken­der Ver­kaufs­zah­len und Hang zum schnel­len Geld, die­se Form der Bericht­erstat­tung des Mono­po­lis­ten „NWZ“ zuneh­men wird.
Armes Olden­burg

[…] 28.5. Von der Ver­ge­wal­ti­gung eines Kin­des und skru­pel­lo­sem Pro­vinz­jour­na­lis­mus  (Olden­bur­ger Rund­schau) […]