Kurdistan-Diaries IV: Gemeinsam gegen den Sultan

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Eine zumin­dest zeit­wei­li­ge Über­ein­kunft der Geg­ner Erdo­gans wäre längst not­wen­dig. Die kur­di­sche Befrei­ungs­be­we­gung und Tei­le der tür­ki­schen Lin­ken sind dazu bereit. Doch ande­re ent­schei­den­de Kräf­te sper­ren sich – und arbei­ten am eige­nen Unter­gang.

Der Plan, den der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent Recep Tayy­ip Erdo­gan ver­folgt, könn­te offen­sicht­li­cher nicht sein. Innen­po­li­tisch arbei­tet er an der Zen­tra­li­sie­rung aller mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Macht­mit­tel bei sich und sei­nem Umfeld. Dabei hat er sich geschickt ange­stellt: Erst stell­te er zusam­men mit der Bewe­gung des exi­lier­ten Imams Fethul­lah Gülen die alten kema­lis­ti­schen Eli­ten kalt, dann fiel auch der Imam in Ungna­de und die Gülen-Bewe­gung wur­de ent­mach­tet. Lin­ke Oppo­si­ti­on, Pres­se, Res­te einer ihm nicht völ­lig unter­ge­be­nen Jus­tiz dräng­te er durch mas­sen­haf­te Repres­si­on und Gewalt ins Abseits. Das Prä­si­den­ti­al­sys­tem als auch for­ma­le Fest­schrei­bung des de fac­to voll­zo­ge­nen Staats­strei­ches soll „auf jeden Fall“ kom­men, heißt es aus dem Prunk­pa­last, den sich Erdo­gan als archi­tek­to­ni­sche Ver­kör­pe­rung sei­nes Herr­schafts­an­spru­ches errich­ten ließ.

Außen­po­li­tisch lässt sich das Pro­jekt, das den Möch­te­gern-Sul­tan und sei­ne Ver­bün­de­ten antreibt, als neo­os­ma­ni­schen Ver­such der Eta­blie­rung der Tür­kei als rela­tiv eigen­stän­di­ger regio­na­ler impe­ria­lis­ti­scher Macht beschrei­ben. „Das letz­te Jahr­hun­dert war für uns nur ein Ein­schub. Wir wer­den die­sen Ein­schub been­den“, hat­te der mitt­ler­wei­le geschass­te Pre­mier Ahmet Davu­to­g­lu ein­mal bekun­det. „Wir wer­den Sara­je­vo wie­der mit Damas­kus ver­bin­den, Beng­ha­zi mit Erzu­rum und Batu­mi.“ Deut­lich zei­gen sich die­se Ambi­tio­nen in Syri­en, wo die tür­ki­sche Regie­rung seit lan­gem Stell­ver­tre­ter-Mili­zen unter­hält und auf eine Chan­ce war­tet, auch direkt selbst inter­ve­nie­ren zu kön­nen.

Innen- wie außen­po­li­tisch hat die Poli­tik des Erdo­gan-Regimes der Regie­rung in Anka­ra vie­le Fein­de beschert. Den ent­schie­dens­ten Wider­stand leis­tet im Moment die kur­di­sche Befrei­ungs­be­we­gung in der Tür­kei. Sowohl ihre zivi­len Orga­ni­sa­tio­nen und Par­tei­en, wie ihre Gue­ril­la rund um die Arbei­ter­par­tei Kur­di­stans (PKK) und deren Volks­ver­tei­di­gungs­kräf­te (HPG) kämp­fen ver­zwei­felt gegen den Ver­nich­tungs­wil­len des faschis­ti­schen Sys­tems.

CHP, quo vadis?

Doch: Sie sind dabei nahe­zu allei­ne. Eini­ge Grup­pen der revo­lu­tio­nä­ren tür­ki­schen Lin­ken unter­stüt­zen sie, mitt­ler­wei­le auch bewaff­net, wie kürz­lich mili­tan­te Aktio­nen in Gire­sun zeig­ten. Die größ­te Oppo­si­ti­ons­par­tei aber, die kema­lis­ti­sche Repu­bli­ka­ni­sche Volks­par­tei (CHP) laviert ohne wirk­li­che Stra­te­gie hin und her.

In Istan­bul tra­fen wir vor eini­gen Wochen Ken­an Otlu, einen Par­tei­lin­ken der CHP, zum Gespräch. Otlu war von der Erdo­gan-Pres­se übel gehetzt wor­den, weil er sich erlaubt hat­te, zu sagen, man müs­se „Schul­ter an Schul­ter“ gegen Faschis­mus ste­hen. Er sei ein „CHPler, der wie ein PKKler redet“ schmier­te dar­auf­hin die Hof­pres­se. Otlu selbst erklärt sein Zitat so: „Ich habe nur dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Ter­ror im Süd­os­ten des Lan­des etwas damit zu tun hat, wie die AKP seit dem 7. Juni [2015, Wah­len, d.Red.] agiert hat.“

Die Posi­ti­on der CHP zu den Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Süd­os­ten der Tür­kei beschreibt er so: „Seit den ers­ten Tagen des Kon­flik­tes haben wir eine ein­deu­ti­ge Posi­ti­on dazu. (…) Unser zen­tra­les Argu­ment ist, dass die Lösung des Pro­blems im Par­la­ment zu erfol­gen hat, und nir­gend­wo anders.“ Die CHP als die „Grün­dungs­par­tei der Nati­on und der moder­nen Tür­kei“ sei als ein­zi­ge dazu in der Lage mit allen Par­tei­en gemein­sam, AKP, faschis­ti­scher MHP und lin­ker kur­di­scher HDP im Par­la­ment eine Lösung der „Kur­den­fra­ge“ zu fin­den.

Wie die­se Lösung aus­se­hen soll, dazu sagt auch Otlu nichts. Weni­ge Tage nach unse­rem Gespräch gab die CHP, gemein­sam mit AKP und MHP, in einem Aus­schuss grü­nes Licht für den Vor­schlag Erdo­gans, die HDP mit­tels Auf­he­bung der Immu­ni­tä­ten aus dem Par­la­ment zu drän­gen.

Das ist inso­fern erstaun­lich, als im Grun­de die CHP schon aus eige­nem Über­le­bens­in­ter­es­se ihre über­kom­me­nen Res­sen­ti­ments gegen die kur­di­sche Bewe­gung über­win­den müss­te. Denn soll­te Erdo­gan in der Lage sein, die kur­di­sche Bewe­gung ent­schei­dend zu schwä­chen, wird wohl die Repu­bli­ka­ni­sche Volks­par­tei als nächs­tes in den Fokus gera­ten. Zudem krat­zen stim­men aus der AKP in letz­ter Zeit häu­fi­ger an einem der für die CHP höchs­ten Güter des tür­ki­schen Staa­tes: Sie über­le­gen, ob der Lai­zis­mus noch zeit­ge­mäß sei oder ob es nicht eine dezi­diert isla­mi­sche Ver­fas­sung brau­che. Wäre in Sachen Lai­zis­mus nicht die HDP der natür­li­che Bünd­nis­part­ner, fra­gen wir Otlu. Man arbei­te mit allen zusam­men, aber eigent­lich sei­en auch hier „mehr Gemein­sam­kei­ten mit der MHP“.

Über­ra­schend ist das nicht. Die CHP war nie eine Par­tei, die durch beson­de­res Ver­ständ­nis für die kur­di­sche Bewe­gung auf­ge­fal­len wäre. Zwi­schen bei­den Sei­ten exis­tiert kein Ver­trau­en, poli­ti­sche Inhal­te unter­schei­den sich stark. Den­noch ist die kur­di­sche Sei­te bereit, Expe­ri­men­te zu wagen, um Erdo­gans Dik­ta­tur gemein­sam ent­ge­gen­zu­tre­ten. So brach­te Bese Hoz­at, Ko-Vor­sit­zen­de der Uni­on der Gemein­schaf­ten Kur­di­stans (KCK) kürz­lich die Idee eines Wahl­bünd­nis­ses zwi­schen HDP, CHP und der klei­ne­ren sozia­lis­ti­schen ÖDP ins Spiel: „Alle demo­kra­ti­schen Kräf­te, alle Kräf­te, die die Demo­kra­tie schüt­zen wol­len“, so die kur­di­sche Akti­vis­tin, soll­ten sich gemein­sam gegen das Vor­ha­ben Erdo­gans stel­len.

Ob die ande­ren Kräf­te ernst­haft über die­ses Ange­bot nach­den­ken, ist unge­wiss. Zu raten wäre es ihnen, wenn schon nicht aus Soli­da­ri­tät mit denen, die im Moment am meis­ten unter der Erdo­gan-Dika­tur lei­den, dann zumin­dest aus einem Selbst­er­hal­tungs­wunsch her­aus.

Die schänd­li­che Grenz­schlie­ßung

Ähn­lich, wenn auch unter ande­ren Vor­zei­chen, ver­hält es sich im Süden Kur­di­stans, der kur­di­schen Auto­no­mie­re­gi­on im Nor­den des Iraks. Hier regie­ren zwar kur­di­sche Par­tei­en, lei­der vor allem aber eine Cli­que rund um den Prä­si­den­ten der Auto­no­mie­re­gi­on, Masud Bar­za­ni. Die­ser pflegt nicht nur enge Bezie­hun­gen zu den USA und Euro­pa, son­dern eben auch zur Tür­kei Recep Tayy­ip Erdo­gans. Bar­za­ni ist ein schar­fer Geg­ner der PKK, die aller­dings auch hier im Süden vie­le Anhän­ge­rin­nen und Anhän­ger hat.

Er ver­folgt nicht nur Akti­vis­ten, die zum Bei­spiel dem syrisch-kur­di­schen Gebiet Roja­va ver­bun­den sind, son­dern ist auch mit den Luft­an­grif­fen, die die Tür­kei auf das Kan­dil-Gebir­ge im Nord­irak fliegt, ein­ver­stan­den. Und: Er hat die Gren­ze zu Roja­va geschlos­sen. Damit rie­gelt er her­me­tisch ein kur­di­sches Gebiet von einem ande­ren ab. Er erschwert das Über­le­ben des Auf­baus der demo­kra­ti­schen Auto­no­mie in Roja­va damit unge­mein.

Die Grenz­schlie­ßung sowie gene­rell die Kol­la­bo­ra­ti­ons­po­li­tik Bar­za­nis haben inne­re wie äuße­re Grün­de: „Es gibt vor allem durch die USA und die Tür­kei einen enor­men Druck auf die Regie­rung Süd­kur­di­stans, was wahr­schein­lich aus­schlag­ge­bend für die Grenz­schlie­ßung gewe­sen ist. Aber auf der ande­ren Sei­te möch­te die KDP auch nicht, dass in Roja­va oder woan­ders eine ande­re kur­di­sche Macht stark wird. Es ist nun mal so, dass sobald jemand an der Macht ist, möch­te er sie nicht mehr ver­lie­ren“, ana­ly­sier­te Şilan Emi­noğlu, die HDP-Ver­tre­te­rin in Erbil kürz­lich im Gespräch mit lcm.

Die­se Art der Poli­tik wird, ent­ge­gen aller Rhe­to­rik, über kurz oder lang das kur­di­sche Auto­no­mie­ge­biet im Nord­irak selbst gefähr­den. Denn Erdo­gans Ambi­tio­nen erstre­cken sich auch bis Kir­kuk und Mos­sul. Bar­za­ni könn­te dann als jener kur­di­sche Füh­rer in die Geschich­te ein­ge­hen, der die mit viel Blut erkämpf­te Unab­hän­gig­keit der nord­ira­ki­schen Kur­den auf dem Altar der Kol­la­bo­ra­ti­on geop­fert hat.

Doch auch in Süd­kur­di­stan besteht Hoff­nung. Das Ver­hält­nis zwi­schen der neben der KDP zwei­ten gro­ßen Kraft im Land, der Patrio­ti­schen Uni­on Kur­di­stans (PUK) und der PKK, die oft auch in die­ser Gegend mili­tä­risch gegen den IS aus­ge­hol­fen hat, ist gut. Zwar ist der Hand­lungs­spiel­raum der PUK beschränkt, aber zumin­dest stellt sie sich in Stel­lung­nah­men klar gegen Bar­za­nis Grenz­schlie­ßung zu Roja­va.

Zuerst erschie­nen auf www.lowerclassmag.com.