Nachbarschaftliche Selbstorganisierung in der Alten Glashüttensiedlung

In den letz­ten Jah­ren war Stadt­ent­wick­lung eines der zen­tra­len The­men – sowohl in der Olden­bur­ger Lin­ken als auch bun­des­weit. Wir haben über stei­gen­de Mie­ten dis­ku­tiert und uns gegen die Über­wa­chung in der Olden­bur­ger Innen­stadt gewehrt. Wir haben über Ver­drän­gung und über das über­flüs­sig machen von Men­schen gespro­chen. Einer Ver­drän­gung aus den urba­nen Zen­tren, die über Frap­pé Lat­te für vier Euro, ste­tig stei­gen­de Mie­ten und eine repres­si­ve öffent­li­che Ord­nung funk­tio­niert. Wir haben ver­sucht, uns die Stadt dort wo es geht ein Stück zurück zu erobern. Ob durch die Beset­zung von leer­ste­hen­dem Wohn­raum, der For­de­rung nach dezen­tra­ler Unter­brin­gung für Geflüch­te­te, Pro­test­ak­tio­nen und Demos in der Innen­stadt oder sym­bo­lisch mit einer Tor­te im Gesicht von Ober­bür­ger­meis­ter Schwand­ner. An die­ser Stel­le berich­ten nun Bewohner_innen der alten Glas­hüt­ten­sied­lung in Oldenburg/Osternburg von ihrem Pro­jekt, wel­ches ein Bei­spiel für nach­bar­schaft­li­che Selbst­or­ga­ni­sie­rung gegen die spür­ba­ren Aus­wir­kun­gen von Stadt­ent­wick­lung ist.


»Wenn ihr die alte Glas­hüt­ten­sied­lung nicht kennt, soll­tet ihr mal bei uns vor­bei kom­men. Denn sie ist ein ziem­lich idyl­li­sches Fleck­chen mit sehr unter­schied­li­chen Bewohner_innen und guten nach­bar­schaft­li­chen Struk­tu­ren.

Die Sied­lung wur­de um 1890 als eine von meh­re­ren werks­ei­ge­nen Sied­lun­gen für die Arbeiter_innen der Olden­bur­ger Glas­hüt­te gebaut. 100 Jah­re spä­ter wur­de sie von der GSG über­nom­men. Das, was vom sozia­len Woh­nungs­bau in den 1990er Jah­ren noch übrig war, garan­tier­te über vie­le Jah­re güns­ti­ge Mie­ten und bewahr­te die Sied­lung als einen Ort für Men­schen mit pre­kä­ren Lebens­be­din­gun­gen.

Noch heu­te sind die Mie­ten bei uns ver­hält­nis­mä­ßig güns­tig, die Lage gilt als lukra­tiv: in der Nähe der Innen­stadt und mit­ten im auf­stre­ben­den Stadt­teil Ostern­burg. Um Bau­grund­stü­cke in der Gegend rei­ßen sich die Investor_innen und aus dem alten Arbei­ter_in­nen-Stadt­teil wird immer mehr ein Vier­tel für klei­ne Fami­li­en und Sin­gles mit vie­len Pri­vi­le­gi­en.

Die Ent­wick­lung des Stadt­teils ist nicht nur auf der Stra­ße und in der Nach­bar­schaft zu spü­ren, son­dern auch ganz kon­kret an unse­ren Woh­nun­gen. Die GSG hat kein Inter­es­se mehr an einer Arbei­ter_in­nen-Sied­lung, der ihr Alter anzu­mer­ken ist. Eine Sied­lung, die aus Sicht der GSG in ihrer jet­zi­gen Form und mit ihren jet­zi­gen Bewohner_innen nicht mehr als lukra­tiv erscheint. Eine Sied­lung mit Bewohner_innen, von denen die meis­ten nicht jung, hip und aus soge­nann­tem gutem Hau­se sind.

Vor etwa drei Jah­ren ging dann das Gerücht um, dass die GSG unse­re Sied­lung ver­kau­fen will. Da haben sich sehr vie­le Bewohner_innen zusam­men­ge­tan und gemein­sam an der Idee gear­bei­tet, die Sied­lung gemein­schaft­lich zu kau­fen. Kur­ze Zeit spä­ter wies die GSG die Gerüch­te um den geplan­ten Ver­kauf auf einem öffent­li­chen Tref­fen zurück. Ein Ver­kauf an Drit­te kom­me nur mit der Zustim­mung der Mieter_innen infra­ge. Dar­auf­hin erklär­te ein gro­ßer Teil der Bewohner_innen die Gefahr für gebannt und zog sich aus den Über­le­gun­gen zurück. Eini­ge hät­ten die Idee den­noch ger­ne umge­setzt – taten dies jedoch aus Respekt gegen­über dem mehr­heit­li­chen Wunsch der Bewohner_innen, wei­ter­hin Mieter_innen bei der GSG zu blei­ben, nicht. Die GSG hielt sich an die Abspra­che und ver­kauf­te kei­ne bewohn­ten Woh­nun­gen gegen den Wil­len der Mieter_innen. Aller­dings ver­mie­te­te sie auch kei­ne Woh­nun­gen mehr neu. 2015 wur­de dann die ers­te leer­ste­hen­de Woh­nung auf dem frei­en Markt zum Ver­kauf ange­bo­ten.

Uns war klar: Lang­fris­tig wür­de das bedeu­ten, dass unse­re Glas­hüt­ten­sied­lung nach und nach ver­kauft wer­den wür­de. Bei dem aktu­el­len Boom des Immo­bi­li­en­markts, den rasant stei­gen­den Mie­ten, dem Druck auf dem Olden­bur­ger Woh­nungs­markt und den aktu­el­len Gen­tri­fi­zie­rungs­pro­zes­sen konn­ten wir davon aus­ge­hen, dass der Ver­kauf dazu füh­ren wür­de, dass die Bewohner_innenschaft sich in eini­gen Jah­ren grund­le­gend ändern wür­de, ein­fach weil vie­le es sich nicht mehr leis­ten könn­ten.

Dar­auf­hin haben wir die Plä­ne wie­der aus der Schub­la­de gezo­gen und ange­fan­gen uns zu orga­ni­sie­ren. Und wir kön­nen sagen: es geht vor­an! Bis­her haben wir eine Woh­nung gekauft. Und mit eini­gen Mühen reno­viert. Wir haben schon die Ver­hand­lun­gen für die nächs­ten sechs Woh­nun­gen abge­schlos­sen, die wir im Herbst kau­fen wer­den.

Wahr­schein­lich fra­gen sich nun vie­le von euch, wo wir das Geld dafür her­neh­men. Eine gute Fra­ge, denn die meis­ten von uns haben nicht viel davon. Einen Teil neh­men wir als Kre­dit von der Bank auf, wofür wir jedoch Eigen­ka­pi­tal benö­ti­gen. Und das wol­len wir uns lei­hen – und zwar von euch! Wir ver­trau­en dabei auf eure Soli­da­ri­tät. Es gibt vie­le Men­schen, die einen Betrag auf der Bank oder unterm Kopf­kis­sen haben, den sie statt­des­sen lie­ber über­gangs­wei­se für die Umset­zung unse­res sozia­len Pro­jekts zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen. Freund_innen, Fami­lie, Ver­wand­te oder Men­schen, die unser Pro­jekt ein­fach gut fin­den, kön­nen unse­rer GmbH soge­nann­te Direkt­kre­di­te, also pri­va­te Dar­le­hen, geben.

Mit unse­rem Pro­jekt set­zen wir der aktu­el­len Stadt­ent­wick­lung etwas ent­ge­gen und schaf­fen Alter­na­ti­ven. Das tun wir nicht als klei­ne lin­ke Grup­pe, son­dern als eine breit gefä­cher­te Nach­bar­schaft, die sich orga­ni­siert und ihr Woh­nen selbst in die Hand nimmt.

Wir woh­nen ger­ne in unse­rer Sied­lung. Der Grund dafür liegt nicht im Zustand der Woh­nun­gen, die schlecht saniert, zugig, teils dun­kel und oft zu eng sind. Der Grund ist viel­mehr die Gemein­schaft­lich­keit, die uns als Bewohner_innen hier ver­bin­det – und das trotz – oder wegen – der gro­ßen Ver­schie­den­heit.

Denn wir leben unter­schied­li­che Lebens­for­men. Wir haben ver­schie­den viel Geld und sind sozi­al sehr unter­schied­lich abge­si­chert. Wir und unse­re Fami­li­en kom­men aus vie­len ver­schie­de­nen Län­dern. Wir sind sehr unter­schied­lich alt und haben unter­schied­li­che poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen. Kurz: Wir sind ein ganz schön bun­ter Hau­fen, der sich täg­lich auf der gro­ßen Wäsche­wie­se über den Weg läuft, sich mit den Kin­dern auf dem Spiel­platz trifft, das jähr­li­che Sied­lungs­fest orga­ni­siert und jetzt gemein­sam die­ses Pro­jekt auf die Bei­ne stel­len will. Unser Ziel ist dabei, dass die­se Viel­falt erhal­ten bleibt. Wir wol­len kein lin­kes Sze­ne­pro­jekt mit eher pri­vi­le­gier­ten Bewohner_innen sein, son­dern ein bun­ter Hau­fen blei­ben! Wir wol­len, dass die Sied­lung auch in Zukunft ein Ort für Men­schen mit pre­kä­ren Lebens­ver­hält­nis­sen bleibt.

Daher ist ein zen­tra­les Ziel unse­res Pro­jekts, die Mie­ten gering zu hal­ten. Wir fin­den, dass es kein Pri­vi­leg der Bes­ser­ver­die­nen­den sein darf, zen­tral und in guter Gemein­schaft zu woh­nen. Stadt­ent­wick­lung soll­te nicht auf den Markt, son­dern auf die Men­schen zuge­schnit­ten sein.

Ein wei­te­res Ziel unse­res Pro­jek­tes ist es, dass die Bewohner_innen der Sied­lung sel­ber über ihr Woh­nen ent­schei­den dür­fen. Die Häu­ser denen, die drin woh­nen. Wir wol­len mit unse­rem Modell eine Form fin­den, in der nicht der Markt oder irgendein_e Vermieter_in über unse­re Belan­ge ent­schei­det, son­dern wir sel­ber unser Zusam­men­woh­nen basis­de­mo­kra­tisch aus­han­deln.

Um die­se gan­zen Zie­le zu errei­chen wer­den wir jetzt also die­se sechs Woh­nun­gen kau­fen. Die­ser Pro­zess wird in den nächs­ten Jah­ren wei­ter­ge­hen. Nach und nach wer­den wir in Abspra­che mit den jewei­li­gen Mieter_innen noch vie­le Woh­nun­gen kau­fen. Lang­fris­tig wol­len wir sie natür­lich auch sanie­ren. Es braucht also Unter­stüt­zung, eure Unter­stüt­zung. Wir freu­en uns, wenn ihr vor­bei kommt, uns bei Bau­wo­chen­en­den helft oder unse­re Idee wei­ter­erzählt. Ab Ende Mai machen wir übri­gens jeden Sonn­tag ein Café in der Sied­lung, zu dem ihr herz­lich ein­ge­la­den seid. Para­do­xer­wei­se brau­chen wir aber ins­be­son­de­re Geld, um dafür zu sor­gen, dass nicht Geld bestim­men kann, wer wie, wo und unter wel­chen Bedin­gun­gen in der Sied­lung woh­nen kann. Wir brau­chen also Direkt­kre­di­te. Nach dem Mot­to: Lie­ber 1000 Freund_innen im Rücken als eine Bank im Nacken! Für eine selbst­ver­wal­te­te, basis­de­mo­kra­tisch orga­ni­sier­te Glas­hüt­ten­sied­lung in Olden­burg.«

Mehr Infos zum Pro­jekt und zu den Direkt­kre­di­ten fin­det ihr hier.

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PU Schröder

Ich kann­te die Sied­lung all­ge­mein »Klein Kam­me­run« genannt noch als da die Glas­hüt­ten­ar­bei­ter wohn­ten. Eben­so »San­si­bar« die Häu­ser hin­ter der Eisen­bahn. Wir rich­te­ten Anfang Schul­str für 12 Kin­der einen Laden je Grup­pe für ein Jahr ein, damit sie nicht gleich groß­teils zur Son­der­schu­le raus­ge­tes­tet wur­den. Natür­lich wur­de fälsch­lich behaup­tet wir gehör­ten zur DKP und woll­ten den Schul­test unter­lau­fen. Aber den von uns geför­der­ten Kin­der blieb die Son­der­schu­le erspart.