Klimaaktivist_innen schneiden Kraftwerk vom Nachschub ab – Ein Bericht von »Ende Gelände!«

© 350.org/Tim Wagner / CC BY-SA 2.0

Das Kon­zept von »Ende Gelän­de!« ist mehr als auf­ge­gan­gen. Am Pfingst­sonn­tag ver­hin­dern nach 48 Stun­den noch immer Aktivist_innen den Nach­schub des Braun­koh­le­kraft­werks »Schwar­ze Pum­pe« in der bran­den­bur­gi­schen Lau­sitz und beset­zen Glei­se, För­der­bän­der und Bag­ger des nahe­ge­le­ge­nen Tage­bau Wel­zow-Süd. Der Betrei­ber Vat­ten­fall fährt das Kraft­werk gedros­selt – am unters­ten Limit im »Not­mo­dus« – um Brenn­stoff zu spa­ren. Meh­re­re tau­send Aktivist_innen reis­ten im Lau­fe der Woche zum Kli­ma­camp in die Lau­sitz – dar­un­ter meh­re­re Oldenburger_innen – um mit zivi­lem Unge­hor­sam gegen Braun­koh­le­ab­bau und -ver­stro­mung zu pro­tes­tie­ren.

Das poli­ti­sche Ziel war klar. Das Ende der Braun­koh­le­ver­stro­mung in der Lau­sitz und über­all muss end­lich umge­setzt wer­den. War­um soll­te mitt­ler­wei­le allen klar sein. Der enor­me Aus­stoß von CO2 ist mit Kli­ma­schutz­zie­len nicht ver­ein­bar. Die Belas­tung von Mensch und Umwelt durch Fein­staub und Schwer­me­tal­l­e­mis­sio­nen ist nicht mehr hin­nehm­bar. Und durch den offe­nen Tage­bau wur­den und wer­den immer noch tau­sen­de Men­schen aus ihren Dör­fern ver­trie­ben, die den Bag­gern zum Opfer fal­len.

Die Bri­sanz im Lau­sit­zer Braun­koh­le­re­vier: Vat­ten­fall als Betrei­ber will sei­ne Braun­koh­le­spar­te los­wer­den – um »grün« zu wer­den. Seit kur­zem steht fest an wen. Den tsche­chi­schen Kon­zern EPH, der sogar noch 1,7 Mil­li­ar­den Euro von Vat­ten­fall für die Über­nah­me bekom­men soll. Die For­de­rung von »Ende Gelän­de!«: Die Chan­ce nut­zen, Tage­baue und Kraft­wer­ke end­lich still­zu­le­gen und zu zei­gen, dass ein sozia­ler und öko­lo­gi­scher Aus­stieg mög­lich ist.

Frei­tag Nach­mit­tag star­te­te die Akti­on. Mehr als tau­send Men­schen bre­chen in drei »Fin­gern« auf, um ver­schie­de­ne Zie­le im Tage­bau und auf den Schie­nen zum Kraft­werk zu errei­chen. Die Stim­mung ist eupho­risch! Wir sind viel mehr als vor­her ein­ge­schätzt wur­de und nie­mand kann sich noch vor­stel­len, dass Vat­ten­fall oder die Poli­zei die Mas­sen­blo­cka­den ver­hin­dern kann. Im Gegen­teil, als unse­re Grup­pe mit dem blau­en Fin­ger am Tage­bau ankommt, steht alles still. Weni­ge Vat­ten­fall-Pick­ups fah­ren in der Gru­be her­um. Kei­ne Poli­zei, nie­mand der uns auf­hält. Das war letz­tes Jahr noch anders. Im rhei­ni­schen Tage­bau Garz­wei­ler haben Poli­zei und RWE noch ver­sucht, unter mas­si­vem Ein­satz von Trä­nen­gas und Schlag­stö­cken, das Ein­drin­gen zu ver­hin­dern. Wenig spä­ter sind meh­re­re Bag­ger besetzt. Das Signal: Zumin­dest an die­sem Wochen­en­de wird kei­ne Braun­koh­le geför­dert. Etwa hun­dert blei­ben auch über Nacht. Ein Teil unse­rer Grup­pe auch; wir über­nach­ten im Maschi­nen­raum des rie­si­gen Abraum­bag­gers. Von den ande­ren Fin­gern bekom­men wir die Nach­richt, dass auch der rote Fin­ger mit hun­der­ten Aktivist_innen einen Abraum­bag­ger blo­ckiert und noch­mal so vie­le im grü­nen Fin­ger die Schie­nen an der Ver­la­de­sta­ti­on vor dem Tage­bau besetzt haben. Schon jetzt ist die Akti­on ein Erfolg. Vat­ten­fall kapi­tu­liert und stellt den Tage­bau­be­trieb ein.

Für »Ende Gelän­de!« ist es das Zei­chen noch einen Schritt wei­ter zu gehen. Aktivist_innen, die erst Frei­tag im Camp ein­ge­trof­fen sind und die, die nach der Akti­on nicht in der Gru­be oder auf der Schie­ne über­nach­te­ten, machen sich am Sams­tag auf den Weg zum Kraft­werk. 1500 Men­schen haben ein Ziel: Die Blo­cka­de aller Zufahrts­we­ge zum Kraft­werk. Wenn schon kei­ne Koh­le mehr geför­dert wer­den kann, soll auch die Ver­sor­gung des Kraft­werks über die Schie­nen gestoppt wer­den. Irgend­wann wird dem Kraft­werk der Brenn­stoff aus­ge­hen und es muss her­un­ter­ge­fah­ren wer­den. Meh­re­re hun­dert Men­schen blo­ckie­ren mit Sitz­blo­cka­de die Ein­fahrt­glei­se, wie­der so vie­le die Aus­fahrt. 200 kom­men mit dem Fahr­rad und blo­ckie­ren. Kletter_innen von Robin Wood sei­len sich an einer Brü­cke über der Schie­ne ab und ver­hin­dern damit den Zug­ver­kehr. Aktivist_innen von LAU­to­no­mia und Robin Wood blo­ckie­ren sehr effek­tiv über 24 Stun­den mit einer Beton­py­ra­mi­de an einem ande­ren Schie­nen­stück.

Zwi­schen­zeit­lich ist das Kraft­werk an fünf Punk­ten blo­ckiert. Teil­wei­se mit meh­re­ren hun­dert Men­schen. Eine grö­ße­re Grup­pe ent­schließt sich dann in das Kraft­werk ein­zu­drin­gen. Jetzt ist offen­bar Schluss mit Zurück­hal­tung sei­tens der Poli­zei. Mit Schlag­stock und Pfef­fer­spray wer­den Aktivist_innen ver­trie­ben. Vie­le wer­den dabei ver­letzt und ein­ge­kes­selt. Bis dahin waren die Aktio­nen sehr fried­lich ohne Eska­la­ti­on von bei­den Sei­ten.

Nach der Nacht im Maschi­nen­raum des befrei­ten Bag­gers ver­las­sen wir die mitt­ler­wei­le aus­ge­ru­fe­ne »freie Repu­blik Wel­zow-Süd« am Sams­tag Nach­mit­tag, ande­re lösen uns ab. Die Bag­ger sol­len auch min­des­tens bis Sonn­tag besetzt blei­ben. Nach kur­zer Erho­lung unter­stüt­zen wir die Schie­nen­blo­cka­de vor dem Kraft­werk um die Nacht dort zu ver­brin­gen. Wir tref­fen dort auch den Rest unse­rer Bezugs­grup­pe, die erst am Sams­tag in die Akti­on gin­gen. Wir stel­len uns auf eine kal­te Nacht ein, es könn­te auch reg­nen. Zwi­schen­zeit­lich hört einer von zwei Kühl­tür­men auf zu rau­chen. Vat­ten­fall dros­selt mas­siv die Leis­tung. Wir sind ent­schlos­sen zu blei­ben, bis auch das Kraft­werk abge­schal­tet wird. Wir hören, dass Vat­ten­fall mit der Poli­zei ver­han­delt. Sie soll die Aktivist_innen räu­men. Offen­bar sieht die Poli­zei das anders. Vat­ten­fall, das ist euer Pro­blem. Es besteht auch Sams­tag Abend noch kei­ne Räu­mungs­ge­fahr der gro­ßen Blo­cka­den in der Gru­be, an der Ver­la­de­sta­ti­on und auf den Schie­nen vor dem Kraft­werk.

Die trau­ri­ge Sei­te am Wochen­en­de. Soge­nann­te »Pro Kohle«-Demonstranten, vie­le mit IG BCE-Flag­ge unter­wegs, ver­sam­meln sich an unse­rer Schie­nen­blo­cka­de unter­halb der Brü­cke auf der Stra­ße und pöbeln Aktivist_innen an. Die Stim­mung wird zuneh­mend ange­spann­ter. Über Face­book wer­den auch Neo­na­zis aus dem Umland mobi­li­siert. Der sich ver­sam­meln­de Mob erin­nert uns an gru­se­li­ge Sze­nen bei Über­grif­fen gegen Geflüch­te­te der letz­ten Mona­te. Zwei aus unse­rer Grup­pe gehen auf dem Weg zur Blo­cka­de durch den Mob und wer­den unter ande­rem als »Öko­fot­zen« belei­digt sowie leicht atta­ckiert. Wir sind sehr erleich­tert, dass sie mit einem Schreck und ohne ernst­haf­te Ver­let­zun­gen davon kom­men. Ab jetzt wird allen klar. Passt auf euch auf und geht nicht allei­ne los! Im Lau­fe des Abends ver­su­chen dann noch ein­zel­ne aus dem Mob die Blo­cka­de anzu­grei­fen. Es flie­gen Böl­ler und Fla­schen. Das die Situa­ti­on ernst ist, zeigt sich auch, als Mahn­wa­chen ange­grif­fen wur­den und Klein­grup­pen mit dem Auto Aktivist_innen auf dem Heim­weg ins Camp auf­lau­ern.

Als Sonn­tag Nach­mit­tag die Blo­cka­de an vie­len Stel­len für 48h auf­recht gehal­ten wur­de, ent­schließt sich »Ende Gelän­de!«, die Akti­on zu been­den. Wir ver­las­sen eben­falls nach einer kal­ten Nacht die Blo­cka­de auf den Glei­sen, etwa 50 wol­len aller­dings noch eine Nacht blei­ben. Ein­zel­ne haben sich an die Schie­nen geket­tet.

Zurück im Camp sind wohl die meis­ten erschöpft und froh über den Erfolg der Akti­on. Eini­ge machen Par­ty, ande­re zie­hen sich zurück, suchen Ruhe. Weni­ge war­ten noch auf Genoss_innen, die noch unter­wegs in den letz­ten Blo­cka­den sind oder doch noch in die Gefan­ge­nen­sam­mel­stel­le gebracht wur­den. Zwei von uns über­neh­men noch eine Schicht zum Camp­schutz, denn es gibt eine erns­te Gefahr, dass rech­te Grup­pen das Camp angrei­fen wol­len. Am spä­ten Abend bewahr­hei­tet sich dies auch. 57 straf­recht­lich bekann­te Rech­te ver­sam­meln sich im Dorf. Im Camp bil­den sich Schutz­struk­tu­ren. Letzt­lich wird auch Poli­zei dar­auf auf­merk­sam und stellt nach Per­so­na­li­en­fest­stel­lung der Grup­pe einen Platz­ver­weis aus. Die Stim­mung bleibt ange­spannt und ner­vös. Wir sind sind in der Über­zahl, doch die Rech­ten gehen mit gro­ßen Selbst­be­wusst­sein vor. Wir befin­den uns ganz klar in ihrem Revier.

Mon­tag früh rei­sen wir dann schon zurück nach Olden­burg. Wir freu­en uns über eine war­me Dusche und ein war­mes Bett. Noch mehr hof­fen wir, dass die Nach­richt, die von die­ser Akti­on aus­ging, in die Welt getra­gen wird.

Die Kli­ma­be­we­gung als sozia­le Bewe­gung ist groß und stark gewor­den. Sie wird wei­ter­wach­sen und ist in der Lage, not­wen­di­ge Ver­än­de­run­gen anzu­sto­ßen und durch­zu­set­zen. Die Kli­ma­be­we­gung wird auch radi­ka­ler, der not­wen­di­ge Sys­tem­wech­sel bzw. die sozi­al-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on der Gesell­schaft ist mitt­ler­wei­le Kon­sens.

Sys­tem chan­ge, not cli­ma­te chan­ge!

We are unstopp­a­ble, ano­t­her world is pos­si­ble!

Foto­stre­cke vom Frei­tag, 13. Mai 2016:
Ende Gelände 2016 - 13.05. Best of day I

Foto­stre­cke vom Sams­tag, 14. Mai 2016:
Ende Gelände 2016 - 14.05. Best of day II

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Lilo

Das Medi­en­kol­lek­tiv cine rebel­de arbei­tet übri­gens der­zeit an der Pro­duk­ti­on eines mehr­spra­chi­gen Doku­men­tar­films über die euro­päi­sche Kli­ma­be­we­gung.

Link zum Film­pro­jekt: http://www.cinerebelde.org/jenseits-der-roten-linien-p-128.html?language=de&osCsid=vjs8v3kp4lmlp4im6ivog54tg6

Link zur Crowd­fun­ding-Kam­pa­gne: https://www.startnext.com/de/beyond-the-red-lines