»Boycott, Divestment, Sanctions« – Nährboden für Antisemitismus

© Takver / CC BY-SA 2.0

Nach­dem ein für Anfang Juni geplan­ter Vor­trag des Olden­bur­gers Chris­to­pher Kush­ka unter dem Titel »BDS – die paläs­ti­nen­si­sche Men­schen­rechts­kam­pa­gne gegen Apart­heid, Besat­zung und Ras­sis­mus« in den Räu­men der ESG Olden­burg auf­grund des Vor­wurfs eines »israel­be­zo­ge­nem Anti­se­mi­tis­mus“ abge­sagt wor­den war, soll nun am 18. Mai der Israe­li Ron­nie Bar­kan im städ­ti­schen Kul­tur­zen­trum PFL über »BDS, Paläs­ti­na und Isra­el, die Anti­se­mi­tis­mus­keu­le, Apart­heid, Besat­zung und Sied­ler­staat“ spre­chen. Erneut meh­ren sich die Stim­men, die eine Absa­ge der Ver­an­stal­tung for­dern.

Die inter­na­tio­na­le Kam­pa­gne BDS – Boy­cott, Dive­st­ment and Sanc­tions (deutsch: Boy­kott, Kapi­tal­ab­zug und Sank­tio­nen) wur­de im Jahr 2005 von etwa 170 paläs­ti­nen­si­schen Grup­pen, unter ande­ren auch den isla­mis­ti­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen Hamas und Isla­mi­scher Dschi­had, mit dem erklär­ten Ziel gegrün­det, den Staat Isra­el zu zwin­gen, »die Beset­zung und Kolo­ni­sa­ti­on allen ara­bi­schen Lan­des1 zu been­den und die Mau­er abzu­rei­ßen; das Grund­recht der ara­bisch-paläs­ti­nen­si­schen Bür­ge­rIn­nen Isra­els auf völ­li­ge Gleich­heit anzu­er­ken­nen; die Rech­te der paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lin­ge, in ihre Hei­mat und zu ihrem Eigen­tum zurück­zu­keh­ren, wie es in der UN Reso­lu­ti­on 194 ver­ein­bart wur­de, zu respek­tie­ren, zu schüt­zen und zu för­dern“. Zahl­rei­che Kritiker_innen ver­tre­ten den Stand­punkt, dass BDS nicht auf die israe­li­sche Poli­tik abzie­le, son­dern statt­des­sen Isra­els Legi­ti­mi­tät und Exis­tenz in Fra­ge stel­le.

Der deut­sche BDS-Able­ger ist bis­her vor allem durch Aktio­nen in die Öffent­lich­keit gera­ten, bei wel­chem sie wie z.B. am 11. März 2011 in Bre­men mit Schil­dern mit der Auf­schrift »Boy­kot­tiert Isra­els Früch­te“ vor Super­märk­ten ste­hend gegen den Ver­kauf israe­li­scher Waren demons­trier­ten. Die Vor­wür­fe, dass die BDS-Anhän­ger_in­nen dadurch »die Nähe zur Nazi-Paro­le ‚Kauf nicht bei Juden‹ in Kauf« neh­men (Her­mann Kuhn, DIG Bre­men) und einen »Nähr­bo­den für Anti­se­mi­tis­mus« berei­ten (Elvi­ra Noa, Jüdi­sche Gemein­de Bre­men), wur­den dann zumeist als »Anti­se­mi­tis­mus-Keu­le“ abge­tan. Die deut­schen BDS’ler_innen soll­ten sich die fol­gen­den Wor­te des Erzie­hungs­wis­sen­schaft­lers und Publi­zis­ten Micha Brum­lik zu Her­zen neh­men:

»Man kann es dre­hen und wen­den, wie man will: Auf­grund des Holo­caust wird Isra­el im deut­schen Bewusst­sein immer einen ande­ren Platz ein­neh­men als Kir­gi­si­en oder der Kon­go. Und: Wer nicht ver­steht, dass wir, wenn wir über Isra­el dis­ku­tie­ren, weni­ger einen Bei­trag zur Lösung des Nah­ost­pro­blems lie­fern als einen Bei­trag zu unse­rem Ver­hält­nis zur NS-Ver­gan­gen­heit, soll­te sich an der Debat­te bes­ser nicht mehr betei­li­gen.“

Ganz abge­se­hen also von den Fra­gen, ob die BDS-Kam­pa­gne ins­ge­samt eine Dämo­ni­sie­rung und Dele­gi­ti­mie­rung des Staa­tes Isra­el betreibt, eine Zwei­staa­ten­lö­sung ent­lang der Gren­zen von 1967 nicht akzep­tiert, wie ihr z.B. Noam Chom­sky vor­wirft, oder ob sie letzt­lich gar auf die Ver­trei­bung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung aus dem Nahen Osten abzielt, wie die Betei­li­gung der Hamas und des Isla­mi­schen Dschi­hads nahe­legt, sind Aktio­nen gegen israe­li­sche Waren in Deutsch­land nicht von der his­to­ri­schen Erfah­rung des spe­zi­fi­schen deut­schen Anti­se­mi­tis­mus zu tren­nen, wel­cher mit Boy­kott­auf­ru­fen begann und in Ausch­witz ende­te. Wer dies igno­riert, muss sich den Vor­wurf gefal­len las­sen, dem Anti­se­mi­tis­mus hier­zu­lan­de Vor­schub zu leis­ten.

Aktua­li­sie­rung: Nach eini­gem Hin und Her wur­de die Ver­an­stal­tung im PFL eini­ge Stun­den vor Beginn von der Stadt­ver­wal­tung »aus Sicher­heits­grün­den« abge­sagt.

bdsabsage

 


  1. Inter­es­san­ter­wei­se ist im deutsch­land­wei­ten BDS-Auf­ruf von der »Been­di­gung der Besat­zung und Kolo­nia­li­sie­rung des 1967 besetz­ten ara­bi­schen Lan­des« die Rede.
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Gaby Spronz

Vie­len Dank für den Top sach­li­chen Bei­trag.

Natalie

Vie­len Dank, sehr gelun­ge­ner und infor­ma­ti­ver Bei­trag.