Nachbetrachtung:
Rassismus und sexualisierte Gewalt bekämpfen – zur Debatte um die Silvesternacht in Köln

© Superbass / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Aktu­ell hat die kon­ser­va­ti­ve und rechts­po­pu­lis­ti­sche Ecke ihr Ven­til gefun­den: Sie nutzt die sexis­ti­schen Über­grif­fe in der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht, um gegen Migrant_innen und Geflüch­te­te zu het­zen. „Ein Anschlag hät­te den Stoff der natio­na­len Auf­re­gung eben­so lie­fern kön­nen, ein Kinds­mord, irgend­ei­ne ande­re Tat“, wie die Zeit­schrift Spie­gel schreibt (Heft 2/2016, S. 11). Es bro­delt. Rech­te machen Stim­mung, Anschlä­ge – und mor­den sogar. Ihr Ein­fluss reicht bis weit in die Poli­tik, wie sich etwa an PEGIDA in Sach­sen zeigt; durch die Wahl­er­fol­ge der rechts­ex­tre­men AfD wird dies in den Lan­des­par­la­men­ten noch deut­li­cher. Gera­de durch die insti­tu­tio­nel­len Ver­stri­ckun­gen und die gesell­schaft­li­che Baga­tel­li­sie­rung der mitt­ler­wei­le täg­li­chen ras­sis­ti­schen Über­grif­fe auf als migran­tisch zuge­schrie­be­ne Men­schen und Anschlä­ge auf Flücht­lings­un­ter­künf­te füh­ren dazu, dass mitt­ler­wei­le – und man muss es so deut­lich zur Kennt­nis neh­men – in immer stär­ke­rem Maße die demo­kra­ti­sche und recht­staat­li­che Ord­nung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gefähr­det ist. Argu­men­ta­tio­nen, die nach Anschlä­gen auf Geflüch­te­te und Flücht­lings­un­ter­künf­te, die Täter_innen ent­schul­di­gend mit einem „die Deut­schen sei­en aktu­ell so gefor­dert“ agie­ren, füh­ren zur Umkehr der Rechts­auf­fas­sung. Nicht die Brandstifter_innen und Attentäter_innen sei­en dem­nach die Verbrecher_innen, son­dern Geflüch­te­te wären das Pro­blem. Und es wer­den aktu­ell müh­sam erkämpf­te Rege­lun­gen ein­fach über­gan­gen, wie die Rege­lun­gen des Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­set­zes, die es ver­bie­ten, dass Men­schen etwa ras­sis­tisch in Grup­pen sor­tiert und nicht in Dis­ko­the­ken oder Schwimm­bä­der ein­ge­las­sen wer­den.

Bei der Stim­mungs­ma­che gegen Geflüch­te­te und Migrant_innen ist Sexua­li­tät ein von Rech­ten bzw. ins­ge­samt zur Durch­set­zung von Herr­schaft gern genutz­tes Motiv. Sehen wir auf ras­sis­ti­sche und kolo­nia­le Poli­ti­ken – auch der ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­te – so fin­den sich in den euro­päi­schen Beschrei­bun­gen des kolo­nia­li­sier­ten und ras­si­fi­zier­ten „Ande­ren“ zahl­rei­che sexu­el­le Moti­ve, beson­ders ver­bun­den mit Ara­bi­en. Die zwei Haupt­mus­ter: 1) Ara­bi­sche Män­ner wur­den euro­pä­isch als beson­ders „ver­weib­licht“ und „pas­siv“ zuge­schrie­ben; der Umgang der Män­ner unter­ein­an­der sei sehr und zu nah.1 2) Par­al­lel zum Motiv der „Ver­weib­li­chung“ ver­läuft eines, das eigent­lich ent­ge­gen­ge­setzt erscheint: Ara­bi­sche Män­ner sei­en beson­ders aktiv, bedroh­lich, pro­misk, über­grif­fig.2 3 Die­se bei­den Zuschrei­bun­gen wer­den von Wei­ßen auf „Ara­bi­en“ ange­wen­det, auf „den Islam“, ins­ge­samt auf Per­so­nen of Color. Bei­de Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter zei­gen sich auch in kur­zem Abstand in aktu­el­len Debat­ten: So wur­de in der Debat­te um die Vor­haut­be­schnei­dung, von Per­so­nen der wei­ßen Domi­nanz­kul­tur das ers­te Motiv betont: Die Eichel reli­gi­ös beschnit­te­ner (mus­li­mi­scher und jüdi­scher) Män­ner sei durch die Vor­haut­be­schnei­dung weni­ger emp­find­sam und das sexu­el­le Ver­mö­gen die­ser Män­ner sei daher stark ein­ge­schränkt (zu die­ser Debat­te kri­tisch: Çetin/Voß/Wolter 20124). Das war 2012. 2015 und 2016 wird hin­ge­gen das zwei­te Motiv – das beson­ders gro­ßes sexu­el­les Ver­lan­gen und Über­grif­fig­keit zuschreibt – bemüht. Rech­te Argu­men­ta­tio­nen sind anpas­sungs­fä­hig.

Frau­en wer­den in die­ser Argu­men­ta­ti­ons­wei­se instru­men­ta­li­siert. Wäre die Bekämp­fung von sexua­li­sier­ter Gewalt poli­tisch ein ech­tes Anlie­gen, dann wären die Zah­len, dass 30% der Frau­en in Deutsch­land in ihrem Leben bereits von Gewalt betrof­fen waren und knapp 60% der Frau­en bereits sexu­el­le Nöti­gung erlebt haben, Anlass genug, um nach­drück­lich poli­tisch und gesell­schaft­lich etwas gegen sexua­li­sier­te Gewalt und gegen Sexis­mus zu machen. Auch wären Frau­en­not­ru­fe und Bera­tungs­stel­len für von sexua­li­sier­ter Gewalt betrof­fe­ne Frau­en nicht stän­dig von finan­zi­el­len Kür­zun­gen bedroht.

Auch kei­ne Skan­da­li­sie­rung wert waren über Jah­re hin­weg die sexu­el­len Über­grif­fe all­abend­lich bei Par­tys sowie die bei Kar­ne­vals und auf dem Münch­ner Okto­ber­fest. Zu Letz­te­rem: Jähr­lich – und die Ver­ei­ne zur Opfer­be­ra­tung Amy­na, Imma, Frau­en­not­ruf, ’siche­re Wiesn‘ spre­chen von einer Zunah­me – kam es dort zu 4 bis 6 bei der Poli­zei ange­zeig­ten voll­ende­ten Ver­ge­wal­ti­gun­gen und unter­stütz­ten die Ver­ei­ne etwa 150 bis 200 Frau­en, die von sexu­el­len Über­grif­fen oder wei­te­ren Delik­ten betrof­fen waren. Die­se Delik­te führ­ten nicht zum bun­des­wei­ten Skan­dal – aber auf dem Okto­ber­fest waren eben in aller Regel mehr­heits­deut­sche Bier­trin­ker die Täter. Doch just als Ste­fa­nie Lohaus und Anne Wizo­rek in ihrem Bei­trag „Die Rape Cul­tu­re wur­de nicht nach Deutsch­land impor­tiert – sie war schon immer da“5 nun auch die­se Über­grif­fe in Mün­chen skan­da­li­sier­ten und ein­for­der­ten, dass die The­ma­ti­sie­rung sexua­li­sier­ter Gewalt nicht ras­sis­tisch geführt wer­den darf, demen­tier­te die Poli­zei die von den Autorin­nen ver­wen­de­ten Zah­len vom Okto­ber­fest. Im Jahr 2009 habe es nicht zehn, son­dern „nur sechs“ bei der Poli­zei ange­zeig­te voll­ende­te Ver­ge­wal­ti­gun­gen gege­ben (wobei die Hilfs­ver­ei­ne stets von einer höhe­ren Dun­kel­zif­fer spre­chen, weil Anzei­gen von sexua­li­sier­ter Gewalt bei der Poli­zei mit zahl­rei­chen Schwie­rig­kei­ten behaf­tet sind). Die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung titel­te sogleich „Lügen­zahl vom Okto­ber­fest“6, anstatt die Gele­gen­heit zu nut­zen, ins­ge­samt sexua­li­sier­te Gewalt – auch die­je­ni­ge, die von Män­nern der wei­ßen, der Domi­nanz­kul­tur began­gen wird – zu the­ma­ti­sie­ren.

Ja, sexua­li­sier­te Gewalt muss the­ma­ti­siert wer­den. Aber eben nicht nur, wenn sie von als migran­tisch zuge­schrie­be­nen Män­nern aus­geht, son­dern auch wenn sie von Män­nern der Domi­nanz­kul­tur aus­geht. Die beson­de­re Fokus­sie­rung auf Köln und die dar­an anknüp­fen­de Debat­te ras­si­fi­zier­te sexua­li­sier­te Gewalt. Durch die Art der The­ma­ti­sie­rung wird die von wei­ßen Män­nern began­ge­ne sexua­li­sier­te Gewalt unsicht­bar gemacht. Auch nicht bzw. kaum the­ma­ti­siert wur­de und wird wei­ter­hin die aktu­el­le ras­sis­ti­sche Gewalt, wie sie sich der­zeit mas­siv in Deutsch­land zeigt (ein­gangs im Bei­trag the­ma­ti­siert) und wie sie im Janu­ar in Köln statt­fand, wo sich Rechts­ra­di­ka­le (die „Tür­ste­her“) zusam­men­rot­te­ten, um die Män­ner zusam­men­zu­schla­gen, die sie als migran­tisch wahr­nah­men.

Ablei­tun­gen:

  • Die aktu­el­le Debat­te nutzt von sexua­li­sier­ter Gewalt Betrof­fe­nen nicht. Es wird ein Pro­blem ras­si­fi­ziert, das die gesam­te Gesell­schaft und gera­de alle deut­schen Män­ner angeht, die­je­ni­gen, die in Deutsch­land gebo­ren sind und die, die erst kür­zer in Deutsch­land sind. Aktu­ell wird hin­ge­gen die sexua­li­sier­te Gewalt von Mehr­heits­deut­schen unsicht­bar gemacht – sie erhal­ten einen „Per­sil­schein“ nicht über­grif­fig zu sein.
  • Die ras­sis­ti­sche Prä­gung der aktu­el­len Debat­te begüns­tigt ras­sis­ti­sche Gewalt. Sexu­el­le Gewalt und ras­sis­ti­sche Gewalt über­la­gern sich viel­fach – und so ist es nötig, dass die Kon­zep­te von Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­rung und Inter­sek­tio­na­li­tät, wie sie in Deutsch­land von Les­Mi­gras, von GladT (u.a. Pro­jekt HEJ – Hand­rei­chun­gen für eman­zi­pa­to­ri­sche Jun­gen­ar­beit) und von I‑Päd ent­wi­ckelt wur­den, deut­lich in poli­ti­sche und (sexual-)wissenschaftliche Kon­zep­te ein­ge­hen.
  • Kon­kret zu Köln: Es kommt erst ein­mal auf nüch­ter­ne (und nicht kurz­at­mi­ge) Ana­ly­se an. Hier ist die Per­spek­ti­ve von Femi­nis­tin­nen of Color und ras­sis­mus­kri­ti­schen wei­ßen Femi­nis­tin­nen wich­tig, die dar­auf schau­en, was in der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht tat­säch­lich statt­ge­fun­den hat. Die Auf­ar­bei­tung darf nicht bei den Män­nern der Domi­nanz­kul­tur aus den Par­tei­en, dem Innen­mi­nis­te­ri­um oder bei den Tür­ste­hern lie­gen, die jetzt schon sehr eilig Asyl­ver­schrä­fun­gen for­dern oder „groß auf­räu­men“. Die größ­te Exper­ti­se liegt bei den Ver­ei­nen, die bereits mit inter­sek­tio­na­len Kon­zep­ten arbei­ten, also zu Ras­sis­mus und Geschlech­ter­ver­hält­nis­sen glei­cher­ma­ßen.
  • Sexua­li­sier­te Gewalt muss nach­hal­tig ange­gan­gen wer­den. Das bedeu­tet, dass ein poli­ti­scher Wil­le auch im von Män­nern domi­nier­ten Bun­des­tag und in den von Män­nern domi­nier­ten Par­tei­spit­zen nötig ist, Prä­ven­ti­ons­kon­zep­te auf den Weg zu brin­gen, anstatt stets und ste­tig bei den Pra­xis­pro­jek­ten – wie den Frau­en­not­ru­fen – ein­spa­ren zu wol­len. Es muss eine gute – und auch inter­sek­tio­nal geschul­te [!] – flä­chen­de­cken­de Pra­xis­land­schaft ent­ste­hen. Und es muss eine flä­chen­de­cken­de gute sexu­al­wis­sen­schaft­li­che For­schungs- und Aus­bil­dungs­land­schaft ent­ste­hen. (Bis­her gibt es nur einen ein­zi­gen kon­se­ku­ti­ven sexu­al­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en­gang im gesam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum!)
  • Gleich­zei­tig darf man vor lau­ter Prä­ven­ti­on auch nicht das Ziel aus den Augen ver­lie­ren: Es geht um eine selbst­be­stimm­te geschlecht­lich-sexu­el­le Ent­wick­lung und Betä­ti­gung (bzw. auch Nicht-Betä­ti­gung) von Men­schen und es geht dar­um, dass Sexua­li­tät als posi­ti­ve Kraft ver­mit­telt wird, vor der mensch kei­ne Angst haben soll, aber ver­ant­wort­lich mit der eige­nen Sexua­li­tät und grenz­ach­tend gegen­über der ande­rer umgeht.

Heinz-Jür­gen Voß

Zuerst erschie­nen in Rosi­ge Zei­ten Nr. 163 (Mai/Juni 2016).

  1. Said, Edward W. (2003 [EA 1978]): Ori­en­ta­lism: Wes­tern Con­cep­ti­ons of the Ori­ent. Lon­don: Pen­gu­in Clas­sics.
  2. Yıl­maz-Gün­ay, Koray (2014): Kar­rie­re eines kon­stru­ier­ten Gegen­sat­zes: zehn Jah­re „Mus­li­me ver­sus Schwu­le“. Sexu­al­po­li­ti­ken seit dem 11. Sep­tem­ber 2001. Müns­ter: Edi­ti­on Assem­bla­ge.
  3. Bau­er, Tho­mas (2011): Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine ande­re Geschich­te des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen im Insel Ver­lag.
  4. Çetin, Zülfukar/Voß, Heinz-Jür­gen/Wol­ter, Salih Alex­an­der: Inter­ven­tio­nen gegen die deut­sche „Beschnei­dungs­de­bat­te“. Müns­ter: Edi­ti­on Assem­bla­ge.
  5. Lohaus, Stefanie/Wizorek, Anne (2016): Die Rape Cul­tu­re wur­de nicht nach Deutsch­land impor­tiert – sie war schon immer da. Online: http://www.vice.com/de/read/die-rape-culture-wurde-nicht-nach-deutschland-importiert-sie-war-schon-immer-da-aufschrei-118 (Zugriff: 30.1.2016).
  6. Mey­er, Rai­ner (2016): Lügen­zahl vom Okto­ber­fest. Online: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-uebergriffe-in-koeln-und-falsche-zahlen-von-der-wiesn-14004617.html (Zugriff: 30.1.2016).