Schon verplant: Labor-Leben statt Wohnen auf dem Fliegerhorst?

© WerWil / CC BY-SA 3.0

Im April tra­ten Bür­ger­meis­ter Jür­gen Krog­mann (SPD) und das Infor­ma­tik­in­sti­tut Offis gemein­sam an die Öffent­lich­keit und prä­sen­tier­ten ihr Vor­ha­ben, auf einem etwa drei Hekt­ar gro­ßen Teil des ehe­ma­li­gen Flie­ger­horst­ge­län­des ein soge­nann­tes „Living Lab“ ent­ste­hen zu las­sen.

Nach der Idee des Offis und der städ­ti­schen Wirt­schafts­för­de­rung soll hier ein For­schungs­stadt­teil ent­ste­hen, das 60 bis 70 Wohn­ein­hei­ten umfas­sen soll und das unter der Prä­mis­se gebaut wird, hier neu­es­te intel­li­gen­te Tech­no­lo­gi­en in ihrer Anwen­dung zu erfor­schen.

Gewünscht ist, dass die ein­zie­hen­den Men­schen die­se Tech­no­lo­gi­en – von ver­netz­ter, digi­ta­ler Haus­tech­nik bis hin zu Sys­te­men der Gesund­heits­über­wa­chung – anwen­den und so hel­fen, eine soge­nann­te „Smart City“ zu simu­lie­ren. Inter­es­se an die­sem For­schungs­pro­jekt hät­ten laut Krog­mann „zahl­rei­che Groß­un­ter­neh­men“ geäu­ßert (Dia­bo­lo Wochen­zei­tung am 21.4.2016), die sich Wis­sens­vor­sprün­ge in die­sem Feld erhof­fen.

Es soll in die­sem Arti­kel nicht um die durch­aus zu hin­ter­fra­gen­den Inhal­te die­ses Vor­ha­bens gehen. Falls die Stadt die ent­spre­chen­de Flä­che erst ver­äu­ßert hät­te, wäre es für die meis­ten Oldenburger_innen nicht mehr beson­ders wich­tig, ob dort ein Auto­haus oder eine For­schungs­ein­rich­tung ent­steht. Über­fäl­lig ist es zunächst klar­zu­stel­len, dass es sich bei die­sem „Living­Lab“ eben nicht um ein Stadt­ent­wick­lungs­pro­jekt und irgend­ei­ne „ver­bes­ser­te Lebens­qua­li­tät“ (gemein­sa­me Pres­se­er­klä­rung von Offis und Stadt) geht, son­dern es sich dabei um ein rei­nes Wir­schafts­för­de­rungs­pro­jekt han­delt.

Abnicken oder mitgestalten?

Schon vor dem Kauf der Lie­gen­schaft war klar, dass die Stadt das im vor­letz­ten Jahr gekauf­te Are­al nicht in ers­ter Linie Zie­len einer Stadt­ent­wick­lung im Sin­ne der in Olden­burg Woh­nen­den umge­stal­ten wür­de. Das unter­neh­me­ri­sche Begeh­ren, sich bes­tens ver­wert­ba­re Grund­stü­cke zu sichern, ist ange­sichts knap­per Flä­chen im Stadt­ge­biet aber offen­bar mitt­ler­wei­le nicht mehr zu bän­di­gen. Wie sonst ist nach­zu­voll­zie­hen, wes­halb der OB auf sei­ner Web­site ver­laut­bart: noch vor der Som­mer­pau­se soll der „Mas­ter­plan zum Flie­ger­horst“ durch den Stadt­rat gehen, bereits im nächs­ten Jahr sol­len „kon­kre­te Bau­rech­te“ ver­ge­ben wer­den.

Ein Affront ist die Fest­le­gung eines solch knap­pen Zeit­plans für alle, die kei­ne unter­neh­me­ri­schen Erwar­tun­gen an die schnellst­mög­li­che bzw. maxi­ma­le Ver­wer­tung des Flie­ger­hors­tes stel­len. Und Hoff­nun­gen an die Erschlie­ßung die­ses Are­al wur­den von Oldenburger_innen viel­fäl­ti­ge und zahl­rei­che geknüpft. So ist anzu­neh­men, dass vor allem bei einem sehr gro­ßen Teil der Bewohner_innen Olden­burgs – in ihrer Eigen­schaft als Mieter_innen – das Inter­es­se groß ist, dass auf dem Gelän­de mög­lichst viel bezahl­ba­rer Wohn­raum ent­steht. Aus ihrer Per­spek­ti­ve dürf­ten die frei­en Flie­ger­horst-Flä­chen die mit­tel­fris­tig letz­te Mög­lich­keit dar­stel­len, um mit stadt­pla­ne­ri­schen Mit­teln den enor­men Druck auf dem Woh­nungs­markt und die Mie­ten wenigs­tens etwas abzu­mil­dern.

Auch die­je­ni­gen, die sich in dem Bür­ger­be­tei­li­gungs­ver­fah­ren enga­gier­ten, sind nun des­il­lu­sio­niert: mit den zuneh­mend ver­plan­ten Flä­chen sowie mit einem zu engen Zeit­plan schwin­den ihre Mög­lich­kei­ten, das Gelän­de im Sin­ne zukünf­ti­ger Bewohner_innen zu gestal­ten.

Wer­den also die Rats­mit­glie­der den soge­nann­ten „Mas­ter­plan zum Flie­ger­horst“ im Som­mer ein­fach „beschlie­ßen“? Oder wird der OB noch­mal her­aus­ge­for­dert, zu erklä­ren, wes­halb der Flie­ger­horst von einem Stadt­ent­wick­lungs- zu einem Pro­jekt der Wirt­schafts­för­de­rung gemacht wur­de?

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Michael

Es war von Anbe­ginn abzu­se­hen, das auf dem Flie­ger­horst­ge­län­de nichts ent­steht, was vom Ober­bür­ger­meis­ter ange­kün­digt wur­de. Die Grund­stü­cke gehen aus­nahms­los an Groß­in­ves­to­ren, womit der »bezahl­ba­re« Wohn­raum Licht­jah­re ent­fernt ist.
Die Defi­ni­ti­on »bezahl­bar«, die durch OB Krog­mann erklärt wur­de, zeigt zudem, das die­je­ni­gen die wirk­lich sehr güns­ti­gen Wohn­raum benö­ti­gen, gar nicht erst berück­sich­tigt wer­den. Olden­burg ver­kommt immer mehr zu einer Oase für Inves­to­ren, die hier tun und las­sen kön­nen, wie sie es wol­len.