Mehr Vergnügen im Doppelpack:
Tanz und Oper hoch zwei!

Berichte von zwei Premieren im März 2016.

Vom Tanz kennt man/frau das ja schon: Wenn es sich nicht um die abend­fül­len­den Hand­lungs­bal­let­te han­delt, wer­den ger­ne zwei oder mehr kür­ze­re Stü­cke zu einem Tanz­abend kom­bi­niert. So auch in der letz­ten Pre­mie­re unse­rer Olden­bur­ger Bal­lett­Com­pa­gnie:

D‑Man in the waters / Genera­ti­on Y“ fei­er­te am 5. März sel­bi­ge.

Das ers­te Stück des Abends ist eine Euro­pa-Pre­mie­re des ame­ri­ka­ni­schen Cho­reo­gra­fen Bill T. Jones, das zwei­te wie­der eine Urauf­füh­rung des Chef-Cho­reo­gra­fen Antoi­ne Jul­ly unse­rer Com­pa­gnie.

1989 schuf Bill T. Jones sein Stück, was zu einem wah­ren Klas­si­ker des moder­nen Tan­zes gewor­den ist. Zur Musik von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dys „Oktett für Strei­cher“ hat er eine kon­ge­nia­le Umset­zung für den moder­nen Tanz geschaf­fen. Sie steht unter dem Leit­mo­tiv der Kon­zept­künst­le­rin Jen­ny Hol­zer: „Im Traum sahst du einen Weg, um zu über­le­ben und du warst vol­ler Freu­de.“ Nach dem Tod sei­nes Freun­des und Tän­zer-Kol­le­gen Demi­an Acqua­vel­la fand Jones durch den Tanz die­sen Weg, sei­ner zu erin­nern und trotz Ver­lust wie­der Hoff­nung zu schöp­fen. Die stell­ver­tre­ten­de Künst­le­ri­sche Direk­to­rin der Bill T. Jones / Arnie Zane Dance Com­pa­ny aus New York, Janet Wong, hat mit unse­rer Com­pa­gnie das Werk ein­stu­diert, für die (an Sur­vi­val-Kämp­fer_In­nen gemah­nen­den) Kos­tü­me sorg­te Liz Prince. Acht Strei­che­rin­nen und Strei­cher aus dem Olden­bur­gi­schen Staats­or­ches­ter lie­fern unter der prä­zi­sen Lei­tung von Eli­as Cor­rinth den musi­ka­li­schen Rah­men, zu dem Eleo­no­ra Fabri­zi, Maelenn Le Dor­ze, Mar­jo­rie Lenain, Nicol Omez­zol­li, Marié Shi­ma­da, Timo­thée Cuny, Flo­ria­do Komi­no, Herick Morei­ra, Mar­co Rus­so Vol­pe und – in der Pre­mie­re für den erkrank­ten Les­ter René Gon­zá­les Álva­rez ein­ge­setz­ten – Gian­lu­ca Ser­mat­tei tan­zen. (Gute Bes­se­rung, Les­ter!) In etwa einer hal­ben Stun­de kön­nen wir die Com­pa­gnie qua­si als magi­sches, rast­lo­ses „Unter­was­ser-Bal­lett“ genie­ßen. Es gibt zwar ein­zel­ne Sze­nen, die für Ein­sam­keit und Iso­la­ti­on ste­hen, aber die Grup­pe fin­det letzt­lich immer wie­der zusam­men. Sehr berüh­rend!

Nach der Pau­se dann die ganz gro­ße Num­mer: Das nun voll besetz­te Olden­bur­gi­sche Staats­or­ches­ter spielt die 5. Sin­fo­nie des bei uns eher unbe­kann­ten, eng­li­schen Kom­po­nis­ten Sir Mal­com Arnold. Vor­der­grün­dig üppi­ge Spät­ro­man­tik bzw. Fil­mu­sik à la Hol­ly­wood, eigent­lich aber ein ver­schlüs­sel­tes Requi­em aus dem Jahr 1960. Sie gilt als eines der sin­fo­ni­schen Meis­ter­wer­ke des 20. Jahr­hun­derts über­haupt – und Antoi­ne Jul­ly hat dazu ein mei­ner Mei­nung nach eben­bür­ti­ges tän­ze­ri­sches Meis­ter­stück ent­ste­hen las­sen! Die musi­ka­li­sche Lei­tung lag wie­der bei Eli­as Cor­rinth, das fas­zi­nie­ren­de Büh­nen­bild hat Diet­mar Jan­eck geschaf­fen: die Com­pa­gnie (s. o.) tanzt unter einem bedroh­lich wir­ken­den, metal­li­schem Netz, eben dem „Web“, in dem die Genera­ti­on Y – also die „Digi­tal Nati­ves“, die nach 1980 gebo­re­ne Genera­ti­on – eher zu Hau­se zu sein scheint als in der Rea­li­tät. Die Kos­tü­me stam­men von Kevin Gamez, der schon mehr­fach für die Com­pa­gnie gear­bei­tet hat; sie sind bei aller Küh­le (ganz in schwarz gehal­ten) den­noch auch „sexy“: So heißt es im Pro­gramm­heft, qua­si wie ein face­book-Kom­men­tar ver­fasst: „Die Genera­ti­on Y steht für eine unbe­fan­ge­ne Defi­ni­ti­on von Männ­lich­keit und Weib­lich­keit und hat kei­ne Pro­ble­me mit Über­schnei­dun­gen und Ver­wi­schun­gen zwi­schen tra­di­tio­nel­len männ­li­chen und weib­li­chen Ver­hal­tens­mus­tern.“

Ich glau­be zwar nicht, dass alle Vertreter_Innen der Genera­ti­on Y da schon ange­kom­men sind – die Tän­ze­rin­nen und Tän­zer unse­rer Com­pa­gnie aber bestimmt. Unbe­dingt anschau­en!

Gele­gen­heit dazu gibt es am 15. und 28. Mai oder am 16. und 23. Juni, jeweils um 19:30 Uhr im Gro­ßen Haus.

 

Nicht im Gro­ßen son­dern im Klei­nen Haus fei­er­ten die bei­den Kurz-Opern „La voix humai­ne“ (Die mensch­li­che Stim­me) und „Trou­ble in Tahi­ti“ am 19. März Pre­mie­re. Bei­de Wer­ke wer­den nur sel­ten gespielt; man könn­te sie unter dem The­ma „Sze­nen einer Ehe“ ver­bin­den.

Die ers­te Oper ist von dem fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten Fran­cis Pou­lenc, als „Tra­gé­die lyri­que“ in einem Akt unter­ti­telt; das Libret­to stammt von dem Künst­ler Jean Coc­teau. In Olden­burg hat man sich für die Fas­sung für Kla­vier ent­schie­den, was vom Diri­gen­ten Car­los Váz­quez hin­ter einem Gaze-Vor­hang auf der Büh­ne gespielt wird. Vor die­sem Vor­hang singt und spielt nur eine Per­son: die „jun­ge Frau“ wird von der Sopra­nis­tin Nina Bern­stei­ner gege­ben. Sie tele­fo­niert (singt) mit ihrem Ex-Mann und ver­sucht ver­zwei­felt, ihn wie­der zurück­zu­ge­win­nen. Er, in Per­so­na gar nicht anwe­send, wird nur durch ihren Text qua­si real. Man könn­te den­ken: Das taugt nicht für eine drei­vier­tel Stun­de! Aber wer jemals in der Situa­ti­on war, um eine eigent­lich ver­lo­re­ne Lie­be zu kämp­fen, weiß, dass das gar nix ist. Julia Wis­sert, die die Insze­nie­rung besorg­te, hat auf jeden Fall die pas­sen­de Umset­zung gefun­den; die spar­sa­me Aus­stat­tung (Büh­ne: Thu­rid Pei­ne, Kos­tüm: Vio­la Welt­gen) tut ihr Übri­ges: Man/frau ist ganz auf die mensch­li­che Stim­me kon­zen­triert, die hier ums Über­le­ben als Ehe­frau ringt. Das Ende? Dra­ma­tisch! Gro­ßes Kom­pli­ment an Frau Bern­stei­ner.

Nach der Pau­se erle­ben wir dann bei­de Ehe­part­ner, deren Ehe aller­dings eben­so unrett­bar ist wie die ers­te. Der ame­ri­ka­ni­sche Diri­gent und auch Kom­po­nist Leo­nard Bern­stein hat sich das Gan­ze schon 1952 als per­fi­den Abge­sang auf den „Ame­ri­can Way of live“ aus­ge­dacht (Musik und Text stam­men von ihm). Dinah – gesun­gen eben­falls von der nun wie­der ganz prä­sen­ten Nina Ber­stei­ner – und Sam – ihn singt der jun­ge, fin­ni­sche Bari­ton Aar­ne Pel­ko­nen, den ich schon in mei­nem Arti­kel zur Eröff­nungs-Gala vor­ge­stellt hat­te – haben sich aus­ein­an­der­ge­lebt. (Im Thea­ter Maga­zin zur gesam­ten Spiel­zeit heißt es auf Sei­te 16: „Freund­lich­keit ist zur Rou­ti­ne gewor­den, Streit längst an der Tages­ord­nung, […] Man lebt neben­ein­an­der her und flüch­tet sich in hei­le Schein­wel­ten.“) So eine ist der Film „Trou­ble in Tahi­ti“. Man darf sich getrost eine die­ser typi­schen, sinn-ent­leer­ten Hol­ly­wood-Komö­di­en der 50er Jah­re vor­stel­len. Bei­de haben den Film gese­hen und wären ger­ne ganz in ihm auf­ge­gan­gen, aber … statt Trou­ble nur noch öde Lee­re. Bern­stein hat die­se geschei­ter­te Bezie­hung mit einer Musik von Musi­cal-haf­ti­ger Leich­tig­keit kon­tras­tiert. Jazz blitzt auf, Rhyth­mus wech­selt sich mit zar­ten Melo­di­en – alles wun­der­bar gespielt von einem Quin­tett, zusam­men­ge­stellt aus dem Olden­bur­gi­schen Staats­or­ches­ter, und von Car­los Váz­quez diri­giert. Dinah und Sam wer­den bei ihren Bemü­hun­gen, doch viel­leicht noch etwas zu ret­ten, von einem Trio unter­stützt, was mich an die „Hu-bots“ – huma­noi­de Robo­ter einer Fern­seh­se­rie erin­ner­te: Caro­li­na Wal­ker, Maciej Micha­el Bitt­ner und Kim-David Ham­mann, alles Stu­die­ren­de der Hoch­schu­le Osna­brück, sin­gen, hüp­fen und sprin­gen durch die „ikea-show-room“ – Büh­ne von Thu­rid Pei­ne (s. o.; die ent­zü­cken­den Kos­tü­me wie­der von Vio­la Welt­gen). Julia Wis­sert gelang mit dem zwei­ten Teil des Opern-Dop­pel-Abends eine flot­te Meta­pher auf das LORIOT‘ sche The­ma: „Män­ner und Frau­en pas­sen eben ein­fach nicht zusam­men!“

Bit­te über­prüft selbst, nur eine Gele­gen­heit: 12. Mai, 20:00 Uhr, Klei­nes Haus.

Ich hof­fe, ich habe Euch nicht erschla­gen, viel Spaß bei allen Stü­cken wünscht

chris­ti­an (RoZ).

Zuerst erschie­nen in Rosi­ge Zei­ten Nr. 163 (Mai/Juni 2016).