Krankenmord und Kulturförderung – Die oldenburgische Fürsorge im »Dritten Reich«

Carl Ballin (li) und Werner Ross (re) bei der Einweihung einer Grundschule im Jahr 1953
Faksimile Alhambra - Zeitung&Programm 01-02/2015

»Unwertes Leben«

»Es muss nach außen hin unter allen Umstän­den der Ein­druck ver­mie­den wer­den, daß der Staat trotz der heu­ti­gen Auf­fas­sun­gen sei­ne Leis­tun­gen für das unwer­te Leben erhöht.« 1 Mit die­sem 1938 erteil­ten Geheim­hal­tungs­be­fehl erscheint der Lei­ter der olden­bur­gi­schen Für­sor­ge­stel­le, Ober­re­gie­rungs­rat Dr. jur. Carl Bal­lin, als Ver­tei­di­ger der Behin­der­ten und psy­chisch Kran­ken, die vom Staat zum »unwer­ten Leben« erklärt wur­den. Der Satz lässt die Deu­tung zu, dass sich Bal­lin gegen die herr­schen­de Staats­mei­nung heim­lich für eine bes­se­re Ver­sor­gung die­ser Men­schen ein­ge­setzt hat.

Um kei­ne vor­schnel­len Urtei­le zu fäl­len, muss das Zitat – wie grund­sätz­lich jedes Zitat – in sei­nen his­to­ri­schen Zusam­men­hang gestellt wer­den. Erst der Hin­ter­grund macht sicht­bar, wel­che Hal­tung Carl Bal­lin den ihm anver­trau­ten Behin­der­ten und psy­chisch kran­ken Men­schen gegen­über ein­nahm. Woll­te er äußer­lich Anpas­sung vor­täu­schen, um in Wahr­heit zu oppo­nie­ren und Patient_innen vor dem ras­sen­hy­gie­ni­schen Zugriff der Macht­ha­ber zu schüt­zen? Kraft sei­ner Posi­ti­on im Innen­mi­nis­te­ri­um zähl­te er selbst zu den Macht­ha­bern und hin­sicht­lich der Gesund­heits­po­li­tik und Pfle­ge bestimm­te er über das Wohl und Wehe Hun­der­ter von Patient_innen und Bewohnern_innen der staat­lich-olden­bur­gi­schen Hei­me und Anstal­ten. Wel­che Ein­stel­lung zu die­sen Men­schen ihn kenn­zeich­ne­te und wie er mit ihnen umging, soll in die­sem kur­zen Trak­tat, das auf einer dem­nächst erschei­nen­den For­schungs­ar­beit über die Rol­le des Lan­des­für­sor­ge­ver­ban­des Olden­burg2 (LFV) im Nazi-Regime beruht, skiz­ziert und in sei­nen Ergeb­nis­sen dar­ge­stellt wer­den.

»Frontkämpfer« und Sozialdarwinist

Der 1896 in Olden­burg gebo­re­ne und evan­ge­lisch getauf­te Carl Bal­lin ent­stammt der weit­ver­zweig­ten jüdi­schen, in Olden­burg und Ham­burg seit dem 19. Jahr­hun­dert ansäs­si­gen, Dynas­tie der Bal­lins, aus der unter ande­rem eine bekann­te Schiffs­ree­de­rei her­vor­ging. Carl Bal­lin besuch­te das Gym­na­si­um in Olden­burg und leg­te 1914 das Abitur ab, war bis 1918 „Front­kämp­fer“ mit Aus­zeich­nung (Eiser­nes Kreuz I. und II. Klas­se, das Front­kämp­fer­kreuz sowie Friedr.-Aug.-Kreuz I. und II. Klas­se), stu­dier­te Jura in Mar­burg, Ber­lin und Göt­tin­gen und bestand 1921 das Refe­ren­dar-Examen. In der Wei­ma­rer Repu­blik wur­de er Mit­glied im „Front­kämp­fer­bund Stahl­helm“, dem er bis zu sei­ner Auf­lö­sung 1934 treu blieb. Der „Stahl­helm“ ver­ei­nig­te Welt­kriegs­teil­neh­mer, die die Nie­der­la­ge von 1918 nicht ertru­gen und die „Schmach von Ver­sailles“ an den „Novem­ber­ver­bre­chern“ rächen woll­ten. Ohne ein abschlie­ßen­des Urteil zu fäl­len, muss damit fest­ge­stellt wer­den, dass Bal­lin jener rechts­ra­di­ka­len und anti­re­pu­bli­ka­ni­schen Ideo­lo­gie folg­te, die für Juris­ten in der Wei­ma­rer Repu­blik typisch war. Gera­de Aka­de­mi­ker waren anfäl­lig für die völ­ki­schen, anti­de­mo­kra­ti­schen Paro­len des rechts­ra­di­ka­len Spek­trums und füll­ten die Rei­hen der Frei­korps und der kon­ser­va­tiv-rechts­na­tio­na­len Par­tei­en.

Angeb­lich wähl­te Carl Bal­lin bis 1932 die DVP, die natür­lich kei­ne rechts­ra­di­ka­le, son­dern libe­ra­le Par­tei war. Aber im Gegen­satz zum Spek­trum des bun­des­deut­schen Libe­ra­lis­mus, der sich auf ein demo­kra­ti­sches Prin­zip beruft, war die aus der Natio­nal­li­be­ra­len Tra­di­ti­on des Kai­ser­reichs stam­men­de DVP einem Libe­ra­lis­mus ver­haf­tet, der mehr auf den Erfolg des Indi­vi­du­ums als auf den demo­kra­ti­schen Gleich­heits­an­spruch einer Soli­dar­ge­mein­schaft abziel­te, und trug inso­fern sozi­al­dar­wi­nis­ti­sche Züge.

Der vul­gä­re Sozi­al­dar­wi­nis­mus beruft sich auf die Erkennt­nis­se der moder­nen Bio­lo­gie im spä­ten 19. Jahr­hun­dert. Ihm dien­te das dar­win­sche Modell der evo­lu­tio­nä­ren Kon­kur­renz, das roman­ti­sie­rend zum „Kampf ums Dasein“ ver­klärt wur­de, als Gesell­schafts­uto­pie. Sei­ne Apologet_innen ver­wei­ger­ten sich in tri­vi­al-nai­ver Wei­se – oder aber zyni­scher Über­zeu­gung – der erkennt­nis­theo­re­ti­schen Ein­sicht, dass sich Dar­wins Modell jedem Über­tra­gungs­ver­such auf die Gesell­schaft ent­zieht.

Sozialdarwinismus und Krankenmord

Vor die­sem Hin­ter­grund ent­fal­te­ten sich im Nazi-Regime die Über­zeu­gun­gen Carl Bal­lins. In einer Leis­tungs­ge­sell­schaft, so das sozi­al­dar­wi­nis­ti­sche Leit­mo­tiv, begrün­det nur die Mit­ar­beit am gemein­sa­men Wohl­stand ein Exis­tenz­recht. Die­ses Welt­bild hat­te schon im Ers­ten Welt­krieg ein Mas­sen­ster­ben unter den Psychiatriepatient_innen und Heimbewohner_innen begüns­tigt. Als Beweg­grund für jene Hunger-„Euthanasie“, der min­des­tens 70 000 Patient_innen zum Opfer fie­len, dien­te das Kli­schee, dass es den Anstaltspatient_innen gut gehe, wäh­rend an der Front der Mas­sen­tod und in der Hei­mat der Hun­ger herrsch­te. Da die Patient_innen ein­ge­schlos­sen und fixiert waren, konn­te ihre Zutei­lung beson­ders scharf kon­trol­liert wer­den. Sie wur­den einem Man­gel aus­ge­setzt, der die Schwächs­ten ver­nich­ten soll­te. Die­ser sozi­al­dar­wi­nis­ti­sche Ide­al­zu­stand, angeb­lich ein Natur­ge­setz, war jedoch künst­lich geschaf­fen – ein Wider­spruch in sich. Es wäre ein Feh­ler, die Wir­kung die­ser Kol­lek­ti­verfah­rung his­to­risch zu unter­schät­zen. Nur zwan­zig Jah­re spä­ter konn­ten Ärzt_innen, Pfleger_innen und Medi­zi­nal­be­am­te mit der Erkennt­nis, dass kli­ni­sche Mor­de an Behin­der­ten und psy­chisch Kran­ken nicht nur unge­sühnt, son­dern auch nie­mals ange­klagt, weil gesell­schaft­lich schlicht igno­riert wur­den, in einem ideo­lo­gisch auf­ge­la­de­nen poli­ti­schen Umfeld wie dem Nazi-Staat zu einer viel radi­ka­le­ren Form des Kran­ken­mords grei­fen. Dabei bedurf­ten sie kei­ner Legi­ti­ma­ti­on wie des all­ge­mei­nen Ver­sor­gungs­man­gels des Ers­ten Welt­kriegs, ihnen wur­den vom Staat kei­ne Schran­ken gesetzt und sie wur­den mit kei­ner­lei Sank­tio­nen bedroht.

Zu der Genera­ti­on, die die­se Erfah­run­gen ver­in­ner­licht hat­te, gehör­te Carl Bal­lin. Als er im Jahr 1933 zum Lei­ter der Abtei­lung Sozia­le Für­sor­ge im Olden­bur­gi­schen Innen­mi­nis­te­ri­um ernannt wur­de,3 geschah dies auf­grund sei­nes Rufes als Beam­ter mit öko­no­mi­schem Spür­sinn, der mit den Staats­fi­nan­zen spar­sam umzu­ge­hen wuss­te. Von der NS-Regie­rung in Olden­burg, der die Macht bereits im Juni 1932 zuge­fal­len war, wur­de im April 1933 eine grund­le­gen­de Ver­wal­tungs­re­form mit dem Ziel einer radi­ka­len Ein­spa­rung der Staats­aus­ga­ben erlas­sen. Dafür wur­den Män­ner wie Carl Bal­lin gebraucht. Im Ein­spa­ren von Staats­aus­ga­ben lag das zwei­te gro­ße Motiv für den Kran­ken­mord. Seit der moder­ne Staat Haus­halts­stel­len für Sozi­al­kos­ten geschaf­fen hat­te, mit­hin seit der Ent­de­ckung der Sozia­len Fra­ge und den büro­kra­ti­schen Ver­su­chen zu ihrer Lösung im 18. und 19. Jahr­hun­dert, tob­te ein Kampf um die Beschrän­kung die­ser Aus­ga­ben. Da bil­det die Gegen­wart mit ihren täg­li­chen Nach­rich­ten über Miss­stän­de in der Pfle­ge und dem stän­di­gen Bemü­hen, Pfle­ge­kos­ten zu redu­zie­ren, kei­ne Aus­nah­me. Der Nazi-Staat, dem Skru­pel fremd waren, beauf­trag­te öko­no­misch befä­hig­te Minis­te­ri­al­be­am­te, die Pfle­ge­kos­ten zu redu­zie­ren, dabei jede Form einer radi­ka­len Pro­blem­lö­sung gut­hei­ßend, auch wenn sie auf Beschnei­dung der Lebens­grund­la­gen abziel­te. Zumin­dest den „unheil­bar Kran­ken“, wie Hit­ler in sei­nem Eutha­na­sie-Befehl vom 1. Sep­tem­ber 1939 for­mu­lier­te, soll­te „der Gna­den­tod gewährt“ wer­den. Die olden­bur­gi­sche Lan­des­re­gie­rung eil­te die­ser Ent­wick­lung um Jah­re vor­aus und erließ einen eige­nen „Gna­den­tod­be­fehl“, mit dem der Lan­des­für­sor­ge­ver­band den Staats­haus­halt ent­las­ten soll­te.

Damit waren die Psychiatriepatient_innen und Heimbewohner_innen vom Welt­bild Carl Bal­lins dop­pelt bedroht. Als „lebens­un­wer­tes Leben“ hat­ten sie in sei­nen Augen ein min­de­res Exis­tenz­recht, und als „unnüt­ze Esser“ waren sie Opfer sei­nes Auf­trags, die staat­li­chen Für­sor­ge­kos­ten zu redu­zie­ren. Ohne Umschwei­fe mach­te er sich an die Arbeit, wobei ihm Umge­bung und Struk­tur sei­nes Arbeit­plat­zes ent­ge­gen kamen. Sein unmit­tel­ba­rer Vor­ge­setz­ter, Minis­te­ri­al­rat Wer­ner Ross, der die Kom­mu­nal- und Für­sor­ge­ab­tei­lung im Innen­mi­nis­te­ri­um lei­te­te,4 war nicht nur ein alter Kame­rad im „Front­kämp­fer­bund Stahl­helm“, son­dern berief ihn als Num­mer Zwei in den Vor­stand des Lan­des­für­sor­ge­ver­ban­des. Zur Errei­chung ihrer Zie­le struk­tu­rier­ten die bei­den Beam­ten den Sozi­al­ver­band wie ein Wirt­schafts­un­ter­neh­men5 und eman­zi­pier­ten ihn mehr und mehr von der Lan­des­po­li­tik. Mit ihrem Sys­tem der radi­ka­len Ent­las­tung der Staats­aus­ga­ben mach­ten sie sich bei der Lan­de­se­gie­rung unent­behr­lich, so dass der SS-Sicher­heits­dienst 1938 über Wer­ner Ross urteil­te: „Minis­te­ri­al­rat Ross […] hat im Minis­te­ri­um des Innern in Olden­burg eine ziem­lich ein­fluss­rei­che Stel­lung,“6 und Carl Bal­lin resü­mier­te nach dem Krieg, „daß er [Ross] Ein­fluß auf sei­nen Vor­ge­setz­ten, den Minis­ter­prä­si­den­ten und stell­ver­tre­ten­den Gau­lei­ter Joel, gewann, wel­cher eine wei­che und für einen Natio­nal­so­zia­lis­ten ver­hält­nis­mä­ßig tole­ran­te Natur war.“7

Wer­ner Ross war 1933 ins Innen­mi­nis­te­ri­um abbe­ru­fen wor­den, um den 1924 gegrün­de­ten Lan­des­für­sor­ge­ver­band zu refor­mie­ren. Zuvor hat­te er als Land­rat („Amts­haupt­mann“) des Krei­ses Jever gründ­li­chen Ein­blick in die Ver­wal­tung des Lan­de­für­sor­ge­ver­ban­des neh­men kön­nen. Die Amts­haupt­män­ner bil­de­ten den Aus­schuss, der die Abrech­nung der von den Gemein­den gezahl­ten Für­sor­ge­gel­der beauf­sich­tig­te. Mit dem Blick des erfah­re­nen Ver­wal­tungs­öko­no­men erkann­te Wer­ner Ross die Reform­wür­dig­keit des Lan­des­für­sor­ge­ver­ban­des und die Mög­lich­kei­ten, von den umfang­rei­chen Finanz­strö­men einen Teil für staat­li­che Auf­ga­ben jen­seits der Für­sor­ge abzu­zwei­gen. Am 15. Mai 1933 wur­de das olden­bur­gi­sche „Gesetz zur Ver­ein­fa­chung und Ver­bil­li­gung der öffent­li­chen Ver­wal­tung“ in Kraft gesetzt,8 das deut­lich sei­ne Hand­schrift trug, doch in der Nach­kriegs­zeit kei­nen guten Ruf hat­te. Carl Bal­lin ver­si­cher­te 1947, dass Wer­ner Ross – und damit er selbst als Bestand­teil des Sys­tems Ross – für die­ses „umwäl­zen­de“ Gesetz nicht ver­ant­wort­lich sei.9 Tat­säch­lich stell­te es einen Schritt in Rich­tung Mar­gi­na­li­sie­rung und Nie­der­füh­rung der Für­sor­ge­pa­ti­en­ten dar.

Ein wei­te­rer Schritt war das am 30. Juli 1937 in Kraft getre­te­ne „Gesetz betref­fend die Über­tra­gung von Auf­ga­ben auf den Lan­des­für­sor­ge­ver­band Olden­burg.“10 Ross und Bal­lin erhiel­ten beträcht­lich erwei­ter­te Kom­pe­ten­zen zuge­wie­sen, mit denen sie sich nicht mehr auf die Abrech­nung der Pfle­ge­gel­der beschrän­ken muss­ten, son­dern die Anstal­ten als gan­zes ein­schließ­lich der Gebäu­de und Grund­stü­cke, die ihnen über­schrie­ben wur­den, bewirt­schaf­ten konn­ten. Dar­über hin­aus soll­ten sie staat­li­che Auf­ga­ben ganz ande­rer Art wie die Kul­tur­för­de­rung und Infra­struk­tur­maß­nah­men finan­zie­ren. Gleich­zei­tig soll­ten sie jedoch die Gemein­de­kas­sen ent­las­ten, also trotz erwei­ter­ter Auf­ga­ben weni­ger Geld zur Ver­fü­gung haben – anschei­nend die Qua­dra­tur des Krei­ses. Zunächst senk­ten sie die Pfle­ge­sät­ze der 3. Klas­se11 von 3,25 RM auf 1,85 RM für Psychiatriepatient_innen und 1,40 RM für Heimbewohner_innen12. Damit lagen „die hie­si­gen Anstal­ten mit ihren Pfle­ge­sät­zen weit unter dem Reichs­durch­schnitt,“13 wie sich der Vor­stand 1942 sel­ber lob­te. Aus die­sen gerin­gen Pfle­ge­sät­zen eine ange­mes­se­ne Ver­sor­gung zu gewähr­leis­ten, war nicht das Pro­blem von Ross und Bal­lin, son­dern aus ihnen Über­schüs­se zu erwirt­schaf­ten. Am Bei­spiel des Ger­tru­den­heims zeig­te Bal­lin, wie das ging. Von einem Tages­satz von 1,40 RM spar­te er 60 Pfen­nig ein.14 Damit hat­te sich die Ver­sor­gung der Patienten_innen der­art ver­rin­gert, dass ein Hun­gerster­ben um sich griff, von dem Hun­der­te betrof­fen waren. Die Sterb­lich­keit in den olden­bur­gi­schen Hei­men und Anstal­ten wuchs rapi­de an, nach­dem im Jahr 1936 das Ernäh­rungs­mi­ni­mum unter­schrit­ten wor­den war.15

Fünf Jah­re spä­ter bilan­zier­te Bal­lin: „Durch die Sen­kung der Pfle­ge­sät­ze sind der öffent­li­chen Für­sor­ge im Lan­de Olden­burg bis­her schon fast zwei Mil­lio­nen Reichs­mark gespart wor­den; die­se Erspar­nis­se ver­tei­len sich je zur Hälf­te auf die olden­bur­gi­schen Bezirks­für­sor­ge­ver­bän­de und auf den Lan­des­für­sor­ge­ver­band Olden­burg. Dadurch wur­de nach­hal­tig der Erkennt­nis Rech­nung getra­gen, daß die Aus­ga­ben für das erb­bio­lo­gisch unwer­te Leben im Rah­men einer ord­nungs­ge­mä­ßen Behand­lung mög­lichst nied­rig zu hal­ten ist.“16

Außer den Finan­zen wuss­te Bal­lin auch das Anla­ge­ver­mö­gen zu ver­meh­ren. Weh­nen, Klos­ter Blan­ken­burg, das Wai­sen­haus Varel und ande­re staat­li­che Ein­rich­tun­gen wur­den dem Lan­des­für­sor­ge­ver­band über­eig­net. Die pri­vat betrie­be­ne Arbei­ter­ko­lo­nie Dau­els­berg, die er nicht frei­wil­lig bekam, ließ er kur­zer­hand ent­eig­nen. Das aus einem Ödland­ge­biet in fünf­zig­jäh­ri­ger Arbeit in frucht­ba­res Acker­land ver­wan­del­te Gelän­de ver­kauf­te Bal­lin sodann für 300 000 RM, um anschlie­ßend den land­wirt­schaft­li­chen Betrieb auf eine für 90 000 RM erwor­be­ne Bra­che in der glei­chen Grö­ße zu ver­le­gen. Neben dem dabei erziel­ten Gewinn von 210 000 RM konn­te er die Arbeits­kraft der Heimbewohner_innen nut­zen, um mit den land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ten die Ver­sor­gung der Anstalt zu ver­bil­li­gen. Die Über­schüs­se ver­kauf­te er am Markt.17

Auch in der Unter­richts- und Pfle­ge­an­stalt Ger­tru­den­heim muss­ten die Patienten_innen arbei­ten, aller­dings beschränk­te sich der Arbeits­ein­satz tra­di­tio­nell auf „eine Rei­he von Pfleg­lin­gen“, die bei der Haus­halts- und Küchen­ar­beit hal­fen, um damit „meh­re­re Haus­mäd­chen und der­glei­chen ent­behr­lich“ zu machen, wie Bal­lin schrieb.18 Als das Heim jedoch im März 1937 nach Klos­ter Blan­ken­burg ver­legt wur­de, stan­den die Patienten_innen vor der Auf­ga­be, einen land­wirt­schaft­li­chen Betrieb von gut 90 ha zu bewirt­schaf­ten,19 auf der sie Schwer­ar­beit leis­ten muss­ten. In der Heil- und Pfle­ge­an­stalt Weh­nen war eine Land­wirt­schaft in ähn­li­cher Grö­ße zu ver­sor­gen. Hier konn­ten die Inter­es­sen der Staats­öko­no­mie mit der Arbeits­the­ra­pie ver­bun­den wer­den, wie Bal­lin bemerk­te: „Durch die Beschäf­ti­gung von Kran­ken in der Land­wirt­schaft konn­te neben Bes­se­rungs- und Heil­erfol­gen bei den arbei­ten­den Kran­ken eine gewal­ti­ge Ertrags­stei­ge­rung erzielt wer­den, wodurch wie­der­um die Mög­lich­keit geschaf­fen wur­de, die Ver­pfle­gungs­sät­ze ganz erheb­lich zu sen­ken, was nicht zuletzt im Inter­es­se der Steu­er­zah­ler lie­gen dürf­te.“20 Mit der Arbeits­fä­hig­keit erwar­ben sich die Patienten_innen das Recht auf ein Mini­mum an Ver­sor­gung – auch dies ent­sprach sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Vor­stel­lun­gen. Es ist sta­tis­tisch erwie­sen, dass haupt­säch­lich die weni­ger leis­tungs­fä­hi­gen und die gänz­lich behin­der­ten Patienten_innen zur Opfer­grup­pe gehör­ten. Ihre Aus­beu­tung hat­te für den Lan­des­für­sor­ge­ver­band und sei­ne Ver­mö­gens­bil­dung Bedeu­tung bis weit in die Nach­kriegs­zeit.

Ein wei­te­res Enga­ge­ment von Bal­lin galt der Erb­ge­sund­heits­po­li­tik, mit der die NS-Staats­füh­rung sämt­li­che soge­nann­ten Erb­krank­hei­ten per Unfrucht­bar­ma­chung aus der „Volks­ge­mein­schaft“ ver­ban­nen woll­te. „Die Heil- und Pfle­ge­an­stal­ten bie­ten schlecht­hin den gro­ßen Ansatz­punkt für eine erb­bio­lo­gi­sche Bestands­auf­nah­me des deut­schen Vol­kes. Die­se Auf­ga­be wür­de im Lan­de Olden­burg völ­lig danie­der­lie­gen [!], wenn es über kei­ne eige­ne HPA ver­füg­te [um] die hie­si­gen Sip­pen zu unter­su­chen […],“ schreibt Bal­lin 1941,21 und sorg­te dafür, dass der LFV die Ver­wal­tung der Erb­bio­lo­gi­schen Bestands­auf­nah­me an sich zog. Er ließ eine „Sip­pen­stel­le“ ein­rich­ten, um jede Fami­lie in ihrer Erb­fol­ge mit Krank­heits­an­ga­ben bis zu den Urgroß­el­tern zu erfas­sen. Bevor­zug­te Opfer waren die Psychiatriepatient_innen und ihre Ange­hö­ri­gen. Es wur­de eine „erb­bio­lo­gi­sche Kar­tei“ mit „Sip­pen­bo­gen“ über jede Fami­lie ange­legt. Von der im Staats­ar­chiv ein­ge­rich­te­ten und vom LFV finan­zier­ten Datei sind heu­te kei­ne Spu­ren mehr zu fin­den.

Bal­lins Ent­schei­dun­gen hat­ten den Tod Hun­der­ter von Patienten_innen in Weh­nen und Klos­ter Blan­ken­burg zur Fol­ge. Sei­ne Jah­res­be­rich­te geben Ein­blick in ein Hun­ger­dra­ma, wenn es heißt, „daß der Durch­schnitts­ver­pfle­gungs­satz für Kran­ke im Rech­nungs­jahr 1939 = 0,43 RM und im Rech­nungs­jahr 1940 = 0,37 RM betrug“ und dass auf die­se Wei­se „im vor­an­ge­gan­ge­nen Geschäfts­jahr wie­der­um ein erheb­li­cher Über­schuß erwirt­schaf­tet“ wor­den sei.22 Mit 40 Pfen­nig am Tag war ein_e Patient_in nicht zu ernäh­ren, und da die Pro­duk­te aus dem land­wirt­schaft­li­chen Betrieb der Anstalt in vol­lem Umfang auf die Pfle­ge­kos­ten ange­rech­net wur­den, hat­te die Anstalt für den Ankauf von Lebens­mit­teln tat­säch­lich nur die genann­ten Beträ­ge zur Ver­fü­gung. Solan­ge die Patient_innen den Man­gel ertru­gen, kas­sier­te der LFV die Tages­sät­ze – ein Sys­tem, das offen­bar von Bal­lin zur Per­fek­ti­on aus­ge­stal­tet wur­de. Es ist zu unter­su­chen, ob er auch Vor­da­tie­run­gen vor­nahm, d.h. ob er das Ster­be­da­tum in die Zukunft ver­leg­te, um die Pfle­ge­kos­ten auch nach dem Tod der Patient_innen zu kas­sie­ren. Die­se Metho­de gehör­te zum Abrech­nungs­wei­se der Eutha­na­sie-Zen­tral­dienst­stel­le „Akti­on T4“ in Ber­lin.

Ideologie

Carl Bal­lin han­del­te offen­bar aus der Über­zeu­gung her­aus, dass den Men­schen unter­schied­li­che Lebens­rech­te zustän­den. Damit ver­trat er die weit ver­brei­te­ten sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Ansich­ten sei­ner Epo­che und mach­te einen gro­ßen Kreis von Men­schen, die sei­ner Für­sor­ge anver­traut waren, zu Opfern. Da er ein alter Kame­rad im „Front­kämp­fer­bund Stahl­helm“ war, folg­te sein Den­ken auch einem anti­de­mo­kra­ti­schen, völ­kisch-rechts­ra­di­ka­len Welt­bild. Dass er den­noch um eine Mit­glied­schaft in der NSDAP her­um­kam, ist bemer­kens­wert, umso mehr, da er, wie sein Vor­ge­setz­ter Minis­ter­prä­si­dent Georg Joel schrieb, „von väter­li­cher­seits [!] einen jüdi­schen Groß­el­tern­an­teil“ hat­te, wes­halb er „aus dem Ver­kehr mit dem Publi­kum her­aus­ge­zo­gen“ wor­den sei.23 Hier wird ein von anti­se­mi­ti­scher Ver­fol­gung bedroh­ter Beam­ter von einem über­zeug­ten Par­tei­ge­nos­sen geschützt, damit er den sys­te­ma­ti­schen Kran­ken­mord pla­nen und durch­füh­ren kann. Dies zeigt ein­mal mehr, dass die Ver­nich­tungs­idee gegen psy­chisch Kran­ke und Behin­der­te nicht auf den deut­schen Faschis­mus zurück­ging, ja ihn nicht ein­mal brauch­te, sieht man auf die Hun­ger­to­ten in der deut­schen Psych­ia­trie der Jah­re 1914–1919, son­dern einer viel älte­ren Ideo­lo­gie folg­te. Auch von einem Druck zum Ein­tritt in die Par­tei, den sei­ne Kol­le­gen nach dem Krieg vor den Ent­na­zi­fi­zie­rungs­aus­schüs­sen als Grund für ihre Mit­glied­schaft anga­ben, war bei Bal­lin kei­ne Rede.

Carl Bal­lin wur­de nie­mals für sei­ne Taten belangt, viel­mehr bekam er von der Bri­ti­schen Mili­tär­be­hör­de sofort einen Son­der­bo­nus und wur­de zum Ober­kreis­di­rek­tor ernannt. Die­ses Amt hat­te er bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung 1961 inne. Der Lan­des­für­sor­ge­ver­band ver­dank­te ihm ein Ver­mö­gen, und vie­le Ein­rich­tun­gen pro­fi­tier­ten davon, dar­un­ter die Nazi-Thing­stät­te „Ste­dings­eh­re“ in Book­holz­berg, die NSDAP, die Gau-For­schungs­stel­le Weser-Ems und die Sip­pen­stel­le am Staats­ar­chiv. Über das Nazi-Regime hin­aus waren es in ers­ter Linie das Muse­ums­dorf Clop­pen­burg, die Ener­gie­ver­sor­gung Weser-Ems und die Tier­kör­per­be­sei­ti­gungs­an­stal­ten. Grund­la­ge die­ser Ver­mö­gens­bil­dung war eine sys­te­ma­ti­sche Zweck­ent­frem­dung der Pfle­ge­gel­der in gro­ßem Stil, an der min­des­tens 1500 Patienten_innen der olden­bur­gi­schen Hei­me und Anstal­ten zugrun­de gin­gen.

Zuerst erschie­nen in Alham­bra – Zei­tung & Pro­gramm, 01–02/2015


  1. Bal­lin am 8.2.1938 an das Olden­bg. Innen­mi­nis­te­ri­um (OMdI), Archiv der Karl-Jas­pers-Kli­nik, 20–01-01 Bl. 372/18.
  2. Der Lan­des­für­sor­ge­ver­band benann­te sich spä­ter in Bezirks­ver­band Olden­burg um.
  3. Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­te Carl Bal­lin, Staats­ar­chiv Olden­burg (StAO) Best 351 Nr. 1965.
  4. Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­te a.a.O.
  5. Die Geschäfts­füh­rung (Vor­stand) bestand aus zwei Beam­ten (Ross und Bal­lin), der Kon­troll-aus­schuss aus den Land­rä­ten („Amts­haupt­män­ner“) sowie den Bür­ger­meis­tern von Olden­burg, Del­men­horst und Rüstringen/Wilhelmshaven.
  6. Bericht Sicher­heits­dienst Reichs­füh­rer SS, Unter­ab­schnitt Weser-Ems, Vech­ta, vom 27.8.1938, StAO Best. 320–2 Nr. 1 Bl. 4.
  7. Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­te a.a.O.
  8. Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­te a.a.O..
  9. Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­te a.a.O.
  10. Ver­öf­fent­licht im Olden­bur­gi­schen Gesetz­blatt Band 50 S. 181, KJKA 20–01-01, Bl. 372/13.
  11. Die auf Kos­ten der öffent­li­chen Für­sor­ge Unter­ge­brach­ten stell­ten durch­schnitt­lich 95 % der Pati­en­ten dar.
  12. Bal­lin am 6.2.1941 an OMdI, KJKA Nr. 20–01-08 Bl. 1/3 S. 1 f.
  13. Vor­stand des LFV am 17.8.1942 an Orga­ni­sa­ti­on Todt, Bezirks­ver­bands­ar­chiv (BVA) F-5XI, Bl. 2/65.
  14. Bal­lin am 7.8.1936, BVA HH 1 A, Bl. 4, S.5.
  15. Vgl. Ingo Harms: „Wat mööt wi hier smach­ten…“ Hun­ger­tod und „Eutha­na­sie“ in der Heil- und Pfle­ge­an­stalt Weh­nen 1936–1945, Olden­burg 1996/2008.
  16. Bal­lin am 6.2.1941 a.a.O., S. 2.
  17. Vgl. Pro­to­koll der LFV-Vor­stands­sit­zung vom 31.8.1937, TOP 6 S. 3, KJKA 20–01-01 Bl. 372/16.
  18. Bal­lin am 7.8.1936, BVA HH 1 A Bl. 4 S. 2.
  19. „Für das Ger­tru­den­heim wird es von Nut­zen sein, wenn etwas mehr Land­wirt­schaft betrie-ben wer­den kann, als es auf dem jet­zi­gen, nur 5,25 ha gro­ßen Grund­stück mög­lich ist,“ Bal­lin am 28.11.1936 an OMdI, BVA HH-1Q-3.
  20. OMdI, Akten­no­tiz vom 9.9.1936, KJKA 20–05-04 Bl. 184.
  21. LFV, Akten­no­tiz vom 6.2.1941, StAO Akz. 162 Nr. 561.
  22. Abrech­nun­gen Klos­ter Blan­ken­burg 1.11.41–28.2.42, vor­ge­legt am 7.4.1942, Bezirks­ver­bands­ar­chiv F-5XI, Bl. 2/65.
  23. Minis­ter­prä­si­dent Joel, Dienst­be­ur­tei­lung Carl Bal­lins, 5.7.1937, Bun­des­ar­chiv Ber­lin D/PA 4669.